24. Februar 2010

Frauen und Kinder, die Karriere und der Alkohol Nicht nur Amy Winehouse ist betroffen

Ein kurzer Blick auf die Kulturgeschichte des Gegorenen

Dionysos war für die alten Griechen der Gott des Weines und der Freude. Ein Glas Wein gehörte in jener Welt zum guten Leben schlicht dazu. Doch die Traditionen des antiken Genusses blieben nicht auf Hellas begrenzt. Mit dem zunehmenden Einfluss der griechischen Kultur und Lebensweise auf das Römische Reich übernahmen auch die Römer die Übung, Wein in großen Mengen zu ihren Festtagen zu trinken. Schon in vorchristlicher Zeit hatten sich daher in Rom die sogenannten Bacchanalien entwickelt, die mehr und mehr in Exzessen des Alkohol- und Drogenkonsums endeten. Vielen Römern galten diese Weinfeste des Frühlings am Hügel des Aventin bald als Indiz für allgemeinen Sittenverfall.

Die Ambivalenz im Umgang mit dem Alkohol hat sich Europa über die Jahrhunderte erhalten. Er begleitet regelhaft die heitere Ausgelassenheit, stellt jedoch zugleich eine Gefahr für schwache Persönlichkeiten dar. Die Gewalten, die er dabei entfaltet, sind offenbar erheblich. Versuche der Gesetzgeber, den Alkoholkonsum generell zu verbieten oder maßgeblich einzuschränken, endeten historisch immer wieder in Autoritätsverlusten. Wohl niemand trinkt so exzessiv Alkohol, wie ein Schwede außerhalb Schwedens. Mehr noch: Die US-amerikanische Prohibition schuf sogar langlebige Netzwerke und Strukturen des Verbrechens. Dass sie den Alkoholkonsum insgesamt erst anstachelte, war ihren Initiatoren vielleicht kaum bewusst.

Bis in die jüngste Zeit kämpfen Regierungen gegen Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit. In Polen schwang sich im vergangenen Herbst sogar die Katholische Kirche breit auf, dem Alkohol am Steuer den Kampf anzusagen: Priester verteilten nach den Heiligen Messen Alkoholmessgeräte an die Gläubigen, nachdem die Polizei hatte einräumen müssen, den Straßenverkehr selbst nicht mehr vor alkoholisierten Fahrern schützen zu können.

Stresserscheinungen – nicht zuletzt im Gefolge der weltweiten Wirtschaftskrise – mögen ihren Anteil am steigenden Alkoholkonsum haben. Lange schon sind nicht mehr nur Männer betroffen. Namen wie Harald Juhnke stehen ebenso für Alkoholtragödien wie Liz Taylor, Robbie Williams oder Amy Winehouse. Die Doppelbelastung insbesondere für Frauen, die den Spagat zwischen Beruf und Familie bewältigen müssen, ist immens. Auch sie werden offenbar immer häufiger Opfer von Alkoholproblemen. Auf der Homepage des A-Connect e.V., einer online-Selbsthilfegruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alkoholkranken Menschen und ihren Familien zu helfen, heißt es: „Alkoholismus ist nicht nur Männersache – immer mehr Frauen greifen zur Flasche. Laut Statistik kommt heute auf zwei alkoholkranke Männer eine alkoholkranke Frau. Während trinkende Männer noch gesellschaftlich akzeptiert werden (zur Männlichkeit gehört auch, dass der Mann einen ordentlichen Schluck verträgt), gilt die trinkende Frau in unserer Gesellschaft als das Allerletzte – deshalb spielt sich die Sucht der Frauen meist im Verborgenen ab. Die typische Trinkerin trinkt heimlich zu Hause und alleine.“ Und weiter: „Männer gleiten oft durch das Trinken in Geselligkeit in die Sucht ab – alkoholabhängige Frauen setzen den Alkohol gezielt ein, um mit psychischen Problemen fertig zu werden. Auffallend bei Frauen mit Alkoholproblemen ist häufig der Hang zum Perfektionismus. Den eigenen Ansprüchen nicht genügen zu können, lässt diese Frauen immer tiefer in die Sucht abgleiten. Trotz aller Emanzipation trägt die klassische untergeordnete Rolle der Frau zur Suchtentstehung bei.“

Schon dieser kurze Blick auf die Kulturgeschichte des Alkohols zeigt: Mit Gesetzen und Zwang ist dem Problem nicht beizukommen. Nur elementar gesunde gesellschaftliche Strukturen lassen Menschen in der Lage sein, das Genussmittel lediglich angemessen und maßvoll zu konsumieren. Wo sich Fälle zeigen, in denen einzelne, insbesondere herausgehobene Persönlichkeiten dem Druck der Verhältnisse ohne die Illusion der alkoholischen Entlastung nicht mehr standhalten, da sind im altrömischen Sinne die Sitten in Gefahr und dort herrscht sozialer Handlungsbedarf. Eine Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Frauen mit derartigen Problemen alleine zu lassen, wenn sie für sich und ihre Mitglieder eine Zukunft will.


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