06. Februar 2010

Global Impact – Der Neue Weg zur globalen Verantwortung Fairbrecher am globalen Werk

Bescheidene Intelligenz mit unbescheidenem Machtanspruch

Der Carl Hanser Verlag hat unter dem Titel „Global Impact – Der Neue Weg zur globalen Verantwortung“ zu Ende des Jahres 2009 das Buch eines dreiköpfigen Autorenkollektivs aus Franz Josef Radermacher, Marianne Obermüller und Peter Spiegel vorgelegt, das in der Debatte um die Globalisierung nicht übersehen werden darf. Denn die Verfasser versprechen nicht weniger als „die absolut realistische Gestaltbarkeit atemberaubender Entwicklungsoptionen für jeden einzelnen Menschen dieses Planeten“.

Wer nach dieser ambitionierten Ankündigung zunächst noch unerschrocken die Lektüre des knapp 300seitigen Werkes aufnimmt, der findet allem voran ein wenig filigranes Jonglieren der Autoren mit den wahrlich beeindruckendsten Begrifflichkeiten der herannahenden, besseren Welt. Sofern der Leser das Werk nicht gleich kopfschüttelnd als sozialwissenschaftlichen Worthülsenfruchtsalat beiseitelegt, werden ihm dort die buntesten Vorstellungen von einer schöneren Weltzukunft präsentiert.

Unter dem Regime einer global-ökosozialen Klimagerechtigkeit sollen demnach bald allüberall ganzheitlich humane Prozesse möglich werden. Die epochemachende Idee eines „Social Business“ werde mit Hilfe von UN-Initiativen (und unter der Herrschaft eines natürlich fairen Weltvertrages mit zertifizierten, gemeinwohlorientierten Sozialstandards) endlich umgesetzt werden können. Auf Basis einer „Unified Earth Theory“ könne auch auf dem ganzen Planeten die Weltenergiefrage gelöst und ein soziales Wirtschaftswunder geschaffen werden, namentlich mit dem Einsatz von nicht-profitorientierten Investivspendern. Die Implementierung eines interkulturellen Humanismus mit weltdemokratischem Weltethos und die strukturbildende Entwicklung eines „Global Marshall Plan“ auf Institutionsseite werde nicht weniger bewirken als „die Welt zu retten“.

Doch mit alledem noch lange nicht genug: Ein globales Thema verleitet augenscheinlich zum Einsatz von Vokabeln, die ihrerseits tunlichst äquatorfüllend zu sein haben. Das Buch verspricht nämlich zugleich Aufklärung über nah-chaotische Prozesse und Phänomene der Autopoiesis, alles eingebettet in Balancen, Konsistenzen, Kompetenzen und globales Agenda-Setting, weiter angereichert noch um diverse Entgrenzungen und überfällige Revolutionen, Konzepte, Impulse und Innovationen. Kurz: Auch wenn die Autoren die Kultur eines ganzheitlichen globalen Reichtums erst als künftige Perspektive umreißen, so werfen alleine diese bloßen Chancen doch ihr gleißendes Licht schon ganz konkret auf das integrativ global-ökosoziale Vokabular dieses nach Hoffnung heischenden Buches. Denn den Verfassern geht es ganz radikal um die globale Förderung von „Teamkompetenz, Visionskompetenz, Lernkompetenz, Konfliktlösungskompetenz, unternehmerischer Kompetenz und vieles mehr“. Die Zeit für alles dies sei nun auch reif, da eine unteilbare Menschheit inzwischen verstanden habe, dass globalverantwortliches Handeln ein Bewusstsein „bis in die letzten Winkel der Erde und bis in noch so scheinbar kleine Fragen wie das Überleben von Tierarten“ erfordere.

Die Größe des Projektes, seine menschheitsgeschichtliche Einmaligkeit und die – in Anbetracht des sonst übrigens drohenden Weltunterganges – existentielle Bedeutung des Gelingenmüssens nötigen den aufmerksamen Leser dann indes, noch vor dem weiteren Aufstieg in die Gebirge der einzelnen Kapitel zu einem Blick auf das Personal, mit dem die somit abgesteckten alpinen Wortfelder erklommen werden sollen. Als Meilensteine des Literaturverzeichnisses imponieren neben Franz Alt, Kofi Annan und Ulrich Beck unter anderem die Herren Al Gore, John Maynard Keynes, Hans Küng, Barack Obama, John Rawls, Jeremy Rifkin, Paul A. Samuelson, Amartya Sen, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeyer, George Soros und Muhammad Yunus.

Dass die Lektüre von ökonomischen Kalibern wie beispielsweise Paul A. Samuelsons regelmäßig nicht ohne Gefahren von statten geht, wissen Kenner der Szene. Samuelson war es bekanntlich, der in der 13. Auflage seines Lehrbuches „Economics“ noch im Jahre 1989 klargestellt hatte, die Sowjetökonomie sei „der Beweis, dass im Gegensatz zu dem, was viele Skeptiker früher geglaubt haben, eine sozialistische Kommandowirtschaft funktionieren und sogar blühen kann“. Kann mit dieser Mannschaft aus welterfahrenen Berühmtheiten gelingen, globalverantwortliches Handeln bis in den hintersten Winkel eines U-Bahnhofes und in scheinbar noch so kleine Räume wie öffentliche Kellertreppen zu tragen?

Wo ein Informatiker wie Franz Josef Radermacher, ein Soziologe wie Peter Spiegel und Marianne Obermüller, die einen web-Eintrag bei 123people hat, die Klimatheorien Al Gores mit den Konjunkturtheorien von Keynes und den Theologien von Alt und Küng vermischen, um die Gerechtigkeitsbegriffe von Rawls, Obama und Steinbrück mit den weltvergessenen Empirien von Samuelson zu harmonisieren, dort verspricht schon das Literaturverzeichnis ein Lektüreabenteuer der Extraklasse.

Und in der Tat: Die Reise über den „Neuen Weg zur globalen Verantwortung“ führt mitnichten in einen intellektuellen Himalaya, sondern sie erweist sich erst als steiler akademischer Niveauabstieg über allerlei begriffliches Gerümpel und gerät dann bald zu einem veritablen Höllenritt über erschreckende geistesgeschichtliche, juristische und staatsphilosophische Abgründe, wenn auch bisweilen mit manch‘ unfreiwilliger humoristischer Einlage durchsetzt. Das Titelbild, eine Müllhalde unter giftigem Qualm bis an den Horizont, erhält auf diese Weise ebenso wie der undeutlich schillernde Titel vom „Impact“ eine ganz eigene Semantik. Doch – eins nach dem anderen.

Die bei Lektüre schnell zutage tretende, extreme intellektuelle Orientierungslosigkeit des gesamten vorgelegten Weltentwurfes verbreitet sich gleichsam interdisziplinär über alle Themen- und Fachgebiete. Kaum ein Begriff wird auch nur ansatzweise akademisch-handwerklich sauber definiert, bevor die Autoren ihn schon durch die waghalsigsten Deklinationen jagen. Ungezählte Male appellieren sie, dass „Wir“ dieses und jenes zu tun hätten – sie verraten indes nicht ein einziges Mal konkret, wer genau denn eigentlich dieser „Wir“ sei; auch „man“ wird von ihnen in die Verantwortung genommen – ohne zu sagen, wer „man“ ist; wiederholt wird „die“ Wirtschaft kritisiert – der Leser erfährt aber nicht, welche; „der“ Staat jedenfalls sei immer gefordert – ohne zu klären, welcher.

All diese definitorischen Unbestimmtheiten erscheinen insbesondere deswegen misslich, weil es den schreibenden Weltstrukturierern andernorts beharrlich darum zu tun ist, für jedes globale Problem einen konkret zuständigen Politiker zu etablieren. Wie aussichtsreich mag dieser weltenbewegende Plan aber sein, wenn nicht einmal gelingt, auch nur dem einen Leser eines einzigen Buches stets konkret denjenigen zu nennen, von dem immer wieder mit Verve die Rede ist?

Nach alledem kann schon nicht mehr erstaunen, wie der für die Gesamtdarstellung so zentrale Begriff der „Verantwortung“ definiert wird, nämlich als „die Verpflichtung, immer weiter und immer neu nach anderen, besseren Antworten zur Lösung eines Problems und zur besseren Gestaltung der persönlichen und gesellschaftlichen Wirkweisen zu suchen“. Verantwortung findet also in dieser Weltsicht ausschließlich in der Zukunft statt. Dass Verantwortung jedoch zentral auf vorangegangenes Tun abstellt, weil für dieses und – insbesondere! – seine Folgen eingestanden werden muss, wird gänzlich übersehen. Immer der Sonne entgegen, doch nach mir die Sintflut?

Wie will die Verfassertrias die ökonomischen Aufgaben des Gesamtglobus in der Zukunft bewältigen? Mit einer Mischung aus ökosozialer und ordoliberal regulierter Wirtschaft. Denn nur ein Kompromiss aus Markt und Plan sei – „seit dem Ende des Sozialismus“ – für dieses Problem als Lösungsansatz erfolgversprechend. Dass mit diesem Rahmen zum schlicht ungezählt weiteren Mal das politökonomische Lied von einem „dritten Weg“ gesungen wird, scheint den Konstrukteuren unbekannt. Jedenfalls thematisieren sie es mit keinem Wort. Wesentlich ist ihnen allerdings, dass jedenfalls „der Staat“ die Geldmenge kontrollieren müsse: „Das Ziel der Politik ist es, die Inflation gering zu halten“. Deswegen sei eine Notenbank „ein wichtiges Thema“. Dennoch wird dieses Thema mit keinem spezifizierenden Wort mehr ausgeführt.

Wesentlicher scheint den Verfassern die terminologische und emotionale Abgrenzung von der „Ideologie“ des freien Marktes, die durchaus umfänglich ausfällt. Jedenfalls findet sich zu dieser weltanschaulichen Klarstellung ein durchaus beeindruckendes Wortfeld, das dem einschlägigen Publikum potentieller Buchkäufer die geßlerhutartig geschuldeten Reizworte liefert: Giergetriebenheit, Partikularinteressen, Brasilianisierung, Markt als Ersatzreligion, Turbokapitalismus, Neofeudalismus, Marktfundamentalismus, Freihandelseuphoriker, Marktdesaster, Steuerflucht, Steuerparadies, brutal-grausamer  Innovationsprozess und Tarnstaaten – alles vollständig da und vorhanden.

Unter dem Gesichtspunkt argumentativer Kohärenz allerdings versagt die Darstellung erstaunlicherweise gerade auch in diesem zentralen Punkt. Während im Kontext der Marktkritik der „Megatrend Freiheit“ als absurdes Theaterversprechen interessierter Kreise entlarvt wird, scheint jedenfalls der Mitautor Peter Spiegel insoweit einen entweder differenzierten oder ambivalenten Blick auf individuelle Freiheitspotentiale zu haben. Er nämlich meint, Wirtschaftspolitik und Unternehmensstrategie könnten niemals intelligenter sein, als jedem Menschen „die besten Entfaltungsmöglichkeiten seiner Potentiale zu bieten“ und ihm zu erlauben, durch eine „hohe Freiheit“ die besten Wirkungen aus der Wirklichkeit abzurufen. Auch eine autonome, kreative, visionäre und erfolgreiche „Selbstführung in Lebensunternehmerschaft“ erscheint in diesem Kontext als von gewissem Wert, wiewohl sie sich in der „Orientierung auf das Wohl der menschlichen und natürlichen Gemeinschaft“ zu erschöpfen habe.

Es kann für den hiesigen Zusammenhang dahinstehen, ob es in dem Autorenkreis unterschiedliche Freiheitsverständnisse gegeben hat oder nicht. Jedenfalls bleibt das kolportierte Verständnis von Eigentumsrechten als individuellen Freiheitspositionen bei allen Autoren juristisch erschreckend unbedarft. Der Kerngedanke des Eigentumsrechtes, absolut gegenüber jedermann zu sein, wird insgesamt verkannt. Stattdessen handelt das Werk mehrfach von „Eigentumsrechten“ im Plural, was stets schon für sich gesehen ein terminologischer Warnhinweis auf rechtlich verweichlichte und verschwommene Eigentumsvorstellungen ist. Tatsächlich sollen „Staaten“ (welche und wie, erfährt der Leser nicht) „mit je einer bestimmten Rechtemenge ausgestattet“ werden (von wem, erfährt der Leser ebenfalls nicht), die sie sodann auf ihrem Staatsgebiet irgendwie ökosozialfairgerecht auf wirkliche Menschen zu distribuieren haben. Klimagerechte Atmosphärenverschmutzungsbefugnisse verleihen diesem Verfahren naturgemäß Modellcharakter.

Undefiniert bleibt in diesem Rahmen auch, wer überhaupt legitim als Ausstatter mit jenen Verschmutzungsrechten auftreten können sollte. Denn die Atmosphäre der Erde wird als „Weltgemeingut“ definiert. Wenn aber alle die „gleichen Rechte an einem Weltgemeingut“ haben, das – einer anderen Definition zufolge – niemandem gehört, dann bleibt unklar, woher dieser Rechteausstatter seine Ausstattungsbefugnis nehmen könnte.

Es kann folglich auch nicht wundern, dass aus derlei Begriffshalden und Gedankenzwischenlagern keine irgend substantiell wertvolle kritische Auseinandersetzung mit den juristischen und staatstheoretischen Fragestellungen zum Thema erwächst. Alle Weltpolitik soll sich am „Gemeinwohl“ orientieren. Was aber ist überhaupt „das“ Gemeinwohl aller Menschen auf diesem Planeten? Wer kennt es? Wer definiert es? Wer bemerkt, wenn es sich ändert? Auch hier bewegen sich die Verfasser in handfester Unkenntnis ihres Sujets. Wo bleibt beispielsweise die Diskussion des altbekannten Dilemmas, dass alles, was „gemein“ ist, schon kein „Gut“ mehr sein kann, wie es Nietzsche auf den Punkt gebracht hatte? Wer Gemeinwohl sagt, ohne wenigstens andeutungsweise die zweitausendjährige Antworttradition des europäischen Rechtes zu erwägen, der tanzt nur blind um ein funkelndes Kalb.

Und was soll man von Diskussionsteilnehmern denken, die eine „Wende zur globalen Klimavernunft“ fordern, zugleich aber erklären, im Weltklimarat IPCC akkumuliere sich einerseits die „geballte wissenschaftliche Arbeit von mehr als 1000 Klimaexperten“, wohingegen andererseits nur eine abseitige kleine Schar von Kritikern Zweifel an einer anthropogen verursachten Klimakatastrophe hege? Mehr noch: „Kein einziger dieser kleinen Schar von Kritikern schaffte es, die sehr niedrigen und rein formal-wissenschaftlichen Voraussetzungen zu erfüllen, um Aufnahme in den offenen und seriösen Weltdiskurs des Weltklimarats zu finden“, heißt es vollmundig in der Einleitung des Werkes, die ihre Formulierung augenscheinlich noch vor den inzwischen wiederholt seriositätssprengenden Manipulationsenthüllungen seit „Climategate“ Ende 2009 erfahren hat.

Würde die Weltjuristenzunft demjenigen (rein  formal-wissenschaftlich) den Zutritt zu staatsrechtlichen Diskussionen (auf sehr einfachem Niveau) gewähren, wenn sie von ihm läse, das Bundesverfassungsgericht habe in einer – so wörtlich – „bahnbrechenden“ Entscheidung festgestellt, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden müsse? Bei dieser Formel handelt es sich um Erstsemesterstoff für Jurastudenten, nicht aber um bahnbrechende Verfassungsjudikatur. Auch hier scheitern die Autoren an ihrem eigenen Wortbombast.

Der Weg des „Global Impact“ zur Gesamtweltverantwortung bleibt bei diesen noch eher harmlos-breiigen Soziologenjargons mit ihren diffus angedeuteten Weltverbesserungsvorschlägen nicht stehen. Die Forderungen der Autoren werden im Laufe ihrer Darstellungen zunehmend massiver – und erschreckender.

Obwohl sie erkennen, dass das Fragen „der Grundschlüssel zum Lernen“ ist, stellen die Autoren bei ihrer Verantwortung erheischenden Suche nach ökosozialer Weltfairness und bei ihrem Kampf gegen das „unfaire globale Design“ beispielsweise die staatliche Geldmaschinerie und Geldkontrolle nicht ansatzweise in Frage. Ihre Kritik fokussiert sich dort ohne alle weiter konkrete Substanz praktisch allein auf private Banken als Staatsfinanzierer (wobei pikanterweise ausgerechnet die inzwischen von dem Staat für den Staat enteignete Hypo Real Estate als „private“ Bank beschrieben wird). Die gegenwärtige Lage der Weltfinanzkrise sei zwar „hochriskant“ aber dann doch wieder nur ein „eher technisches Thema“. Trotz der Schaffung von immer neuem Geld „quasi aus dem Nichts“ drohe nämlich keine Hyperinflation.

Wichtig sei nur, sich auf eine weltweit einheitliche und gerechte Besteuerung zu konzentrieren, die alle globalen Finanztransaktionen mit Hilfe von Tobin-Abgabe und „Mehrgeldsteuern“ endlich effektiv abschöpfe. Dazu gehöre die „adäquate Besteuerung aller grenzüberschreitenden Wertschöpfungsprozesse und die Einhegung der sogenannten Steuerparadiese“. Die Einrichtung einer „Weltsteuerbehörde“  und die internationale Harmonisierung der Besteuerung auf globaler Ebene seien daher unausweichlich notwendig.

Rechtsfreie Räume müssten „ein Ende haben“. Steuerparadies-Staaten sollten folglich  als „Tarnstaaten“ erkannt und ihre Staatsqualität prinzipiell infrage gestellt werden. „Das Ausweichen irgendwohin“ müsse künftig unmöglich gemacht werden. Anstelle einer Hyperinflation solle politisch ein machtvoller Währungsschnitt gesetzt werden, der – Globalgerechtigkeit hin, Weltvertrag her – auch akzeptiert werden müsse: „Alle werden daher miteinander verstehen, dass die Stabilität des Systems noch wichtiger ist als die volle Bedienung alter Schulden.“ Als vorbildlich gelten den Weltverantwortern daher auch „die jüngsten Aktionen er USA“ gegen Liechtenstein und gegen das Schweizer Bankgeheimnis. „Die Schweiz, Österreich und Luxemburg, in denen Hunderte Milliarden Euro an unversteuertem Geld aus dem Ausland vermutet werden“ liefen mit Recht Gefahr „auf die schwarze Liste zu geraten“.

Und dann werden die Autoren noch deutlicher, was den Währungsschnitt mit anschließender Globalbesteuerung anstelle der Gefahr einer Hyperinflation angeht: „Die Staaten einigen sich zum Beispiel auf die Abwertung ihrer Schuldverschreibungen, beispielsweise auf die Hälfte oder ein Drittel. Im Besonderen die USA werden das Nötige tun, wenn es ernst wird. Und wer in der Welt würde sich ernsthaft dagegen wehren? Gegen die US-Armee wird keiner versuchen, Eigentumsrechte irgendwo auf diesem Globus durchzusetzen“.

Damit wird unverhohlen der militärischen Drohung gegen Eigentumsrechte das Wort geredet. Kritik an solcher Rambo-Mentalität aber bleibt vollends aus. Denn wer auf die schwarze Liste gerät, ist gleichsam vogelfrei, besonders wohl „Tarnstaaten“, die nicht als Staaten gelten dürfen. Steuerhinterziehung sei nämlich nicht nur eine Straftat gegen die Allgemeinheit, sie steht für die Verfasser sogar auf einer Stufe mit Kinderarbeit. Überwachung, Kontrolle und Verfolgung sind ihnen daher auch stets legitime Mittel zur Durchsetzung des globalen Gemeinwohls. Dazu fordern sie für Bankgeschäfte – mit Helmut Schmidt – ein gesetzlich festgelegtes Eigenkapital-Minimum und – mit Dirk Solte – eine gesetzlich bestimmte Maximalreserve. So einfach also zwingt man das Wirtschaften an klimatisch ökohumane Globalketten? Das ist die ganzheitlich ordo-bio-kulturelle Marktwirtschaft, die planetenweit real werden soll?

Neben solcherlei „unkonventionellen Methoden“ zur Vermeidung einer Hyperinflation propagieren die Verfasser jedoch noch andere, durchaus gewaltsame Durchsetzungen für ihren Weltenplan. Nachdem sie Muhammed Yunus mit seiner Erkenntnis zitieren „Die Frage ist nicht, ob die armen Menschen kreditwürdig sind, sondern ob die Banken menschenwürdig sind“, skizzieren sie als systemische Voraussetzung für globalen Wohlstand das Vorhandensein von exzellent ausgebildeten und – so wörtlich – „geeignet orientierten“ Menschen. Anders gesagt: Wer nicht „geeignet orientiert“ ist (was wohl durchaus als Euphemismus für ein indoktriniertes Marionettendasein an den Kommandofäden eines allmächtigen Weltzentralregimes verstanden werden darf), der läuft Gefahr, auf schwarzen Listen zu landen und auf Basis ökosozialer Globalgerechtigkeit massiven militärischen Zwängen zur Systemstabilisierung unterworfen zu werden. Alle werden daher miteinander verstehen, dass gewisse Maßnahmen des weltweiten Ordnungsregimes zur Weltrettung unabdingbar nötig sind?

Bei der Darstellung seiner „Steuerungsmechanismen für eine balancierte Welt“ bleibt Franz Josef Radermacher nicht bei militärischen Aktionen, bei Bankenregulierungen und Strafexpeditionen gegen Steuersparer stehen. In seiner Prognose für die Welt sieht er – augenscheinlich unter übergeordneten Weltenrettungsgesichtspunkten – die massiven Gefahren der Überbevölkerung, namentlich in den rasant wachsenden Entwicklungsländern. Im Jahre 2050 nimmt er eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen an. Dieses Plateau müsse dann aber – so wörtlich – „abschmelzen“, um die Welt in 70 Jahren zehnmal so reich machen zu können, wie sie heute ist: „Die soziale Balance ist der Schlüssel für ein adäquates reproduktives Verhalten. Die Ressourcenknappheit wird in den diskutierten Zukunftsszenarien durch entsprechende Rechtezuordnungen, Preisentwicklungen, neue Technologien und resultierende veränderte Lebensstile bewältigt.“ Und Peter Spiegel sekundiert: „Wir sind zu viele, die zu viel wollen, für das, was wir können, und das, was der Globus aushält. Das ist nun mittlerweile so ziemlich jedem klar.“ Und weiter: „Die Letztfunktion der Kultur ist das Setzen von Grenzen in kritischen Bereichen, an denen das Biotop diese Grenzen nicht setzt.“ Wehe dem, der sich mit seiner Familie diesem Reproduktionsquotienten zur allgemeinen Weltbereicherung und der globaldemokratisch adäquat balancierten Sozialabschmelze widersetzt?

Aus alledem spricht durchaus unverbrämt die Bereitschaft zum wohl exzessivsten, globalen und generationsübergreifenden Menschenexperiment, das diese Welt je gesehen hat. Der Wille, aus „Denkgefängnissen“ auszubrechen, die Grenzen der Realität zu sprengen und Biotopgrenzen kulturell zu ersetzen, findet hier seinen schriftstellerischen Niederschlag. Er fordert die „überfällige Systemdiskussion“ zur Kreation neuer Menschen mit neuen Begriffen in neuem Denken für eine neue Welt. Wörtlich: Wir brauchen „nichts Geringeres als eine neue Kultur“. Wir unterliegen zudem „Gedankenbeschränkungen, die wir uns durch unser Verständnis von ‚sozial‘ auferlegt haben“. Das neue Denken „verändert das Verständnis von dem, was ‚sozial‘ ist, tiefgreifend“ und „unser Verständnis von dem, was wir mit dem Begriff ‚Wirtschaft‘ assoziieren“. Auch der Begriff vom Unternehmer „muss neu gefasst werden“. Die „vorglobalen Zeiten“ seien vorbei, nun gelte es, mit neuen gedanklichen Rahmen auf Basis weltweiter Wähler-Cluster überall demokratische Prinzipien durchzusetzen. Ein UN-Parlament mit 300 Sitzen böte den Chinesen 65 Stimmen und Deutschland vier, „für Belgien, Österreich und die Schweiz könnte es noch für einen Platz reichen“.

Über hunderte von Seiten bleibt die Frage, ob die Verfasser dieses Buches jene Verwirrungspropaganda zur Destruktion praktisch aller bekannten und vertrauten Begriffe gezielt instrumentalisieren, um ihre höchst individuellen Interessen zu propagieren oder ob sie schlicht das Ungeheuerliche ihrer kulturbrechenden Überlegungen selbst nicht erfassen. Sind die Autoren in einem solchen Übermaß blauäugig autoritätsgläubig, dass sie den von ihnen herbeigesungenen weltstaatlichen Totalitarismus nicht erkennen? Haben sie gar nicht verstanden, dass Gewaltenteilung in Staatswesen das erste, wesentlichste und zentrale Element gegen jeden Machtmissbrauch überhaupt ist?

Wer – wie die Autoren – sieht und sogar ausspricht, dass die Märkte auf dieser Welt nie frei waren (!), der müsste sich bei Interesse an intellektueller Redlichkeit doch naheliegenderweise mit der Frage auseinandersetzen, warum es dann zu sogenannten „Marktdesastern“ kam. Er gibt sich bei allem auch selbst bereits weitläufig Antwort auf die Frage, warum „Wirtschaft“ kein Schulfach ist: Weil Schüler nämlich diesenfalls wohl bald damit anfingen, die richtigen Fragen gegen politische Handlungsschranken und über staatlich verordnete Geldpolitik zu stellen!

Eine Reihe von Indizien spricht dafür, dass sich die Autoren überhaupt nicht der Tatsache bewusst sind, mit ihren radikalen Darlegungen gegen alle überkommenen Denktraditionen (und ohne detailliert durchdachte, konkret-individuelle Alternativmodelle) einer totalitäten und diktatorischen Weltregierung („Der immer so gescholtene Staat wird wieder zum entscheidenden Akteur. Die Krise ist die Stunde der Exekutive“) in die Hände zu spielen. Der unzulängliche wissenschaftliche Ansatz, mit Begriffen zu operieren, die nicht definiert werden, deutet in diese Richtung.

Die diversen inneren Widersprüche der Darstellung in sich und die Unkenntnis von bereits existierenden, klassischen Konfliktlösungsstrategien in der Literatur lassen ebenfalls an einem intelligenten, aber bösen Impetus zweifeln. Offenbar ernst gemeint, führt Peter Spiegel aus, es nehme sich „die Obama-Administration zurück und betont die Notwendigkeit gleicher Augenhöhe sowie hohen Respekts vor den Meinungen und Interessen der Partner“ – solange sie nur nicht als Tarnstaaten ein Interesse an einem Bankgeheimnis haben und über schwarze Listen auf die militärische Interventionsagenda des US-Militärs gesetzt werden müssen?

Derartige Paradoxa finden sich, bis in den Bereich der Groteske gesteigert, an mehreren Stellen: Seitenweise wird das destruktive Wirken von Lobbygruppen gegeißelt (die sogar Gesetzesvorlagen durch eigene Anwaltskanzleien hätten schreiben lassen), um dann in der Idee zu münden, dass ein „Gleichziehen mit der Lobbymacht“ und die eigene Ausarbeitung von Gesetzesvorlagen der Königsweg für ein „Gemeinwohllobbying“ sei! In einem Plädoyer für den Bau von Aufwindkraftwerken versteigt sich der One-World-Sympathisant Radermacher dann sogar zu der geradezu nationalistischen Warnung, „dass man nicht zu sehr in Abhängigkeit vom Ausland kommen darf, unter anderem, um nicht zu viele Devisen zu verlieren“.

Umgekehrt begegnen dem Leser allerdings diverse Anhaltspunkte dafür, dass hier durchaus auch ein raffiniert konstruiertes Machtergreifungskonzept vorliegen könnte. In diesem Falle müssten die mannigfaltigen intellektuellen Unzulänglichkeiten als Teil einer gezielten Irreführungsstrategie gewertet werden. Für diese Deutung könnten die Persönlichkeiten der Autoren und ihre Lebensläufe bzw. sonstigen Aktivitäten sprechen.

Wenn der „Global Impact“ beispielsweise immer wieder auf eine Kommission zur Demokratisierung der UNO zu sprechen kommt, dann redet er von einem Verein, dessen stellvertretender Vorsitzender niemand anderes als der Mitautor Peter Spiegel ist. Auch das wieder und wieder als vorbildlich vordenkend angeführte „Genisis Institute for Social Business and Impact Studies“ hat einen Gründer: Peter Spiegel – sowie eine Academy-Leiterin: Marianne Obermüller. Peter Spiegel ist auch Ehrenvorsitzender des Vereins „Terra One World Network“, so dass sich beinahe der Eindruck einstellt, er gründe jährlich neue Initiativen mit Namen, die wirken, als seien sie von der gesamten Menschheit mit überwältigendem Mehrheitsbeschluss initiiert.

Michael Gorbatschow, Rita Süssmuth, Butros Butros-Ghali, Franz Alt, Peter Ustinov, Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher, Lothar Späth und Muhammad Yunus sind die Kontakte, derer sich Peter Spiegel berühmt. Und sie überschneiden sich augenfällig mit dem Kreis von Menschen, der auf globaler UN-Ebene unter der Bezeichnung „Global Elders“ deutliche Einflüsse nimmt. Auch Maurice Strong, den der „Global Impact“ als unbeirrbaren Streiter für die Klimagerechtigkeit vorführt, hat bekanntlich über seine Kontakte zu Al Gore und Kofi Annan Beträchtliches geleistet, um globale Klimapanik und Weltuntergangsstimmung zu – nebenbei lukrativen – Quellen der Etablierung einer Weltregierung zu machen. Dessen Bestreben, den Norden der Erde konjunkturpolitisch über Umweltauflagen einzubremsen und den Süden zum Erwerb nördlicher Ökotechnik zu führen, damit dort attraktiv weitere, abschöpfbare Kaufkraft entstehe, ist legendär. Dass dies die Aktivitäten des Coautors Franz Josef Radermacher als Mitstreiter der Global Marshall Plan Initiative, als Kuratoriumsvorsitzendem der Stiftung Weltvertrag und Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat Baden-Württemberg attraktiv arrondiert, liegt auf der Hand. Was immer im Glanze des Lichtes einer Weltregierung blühen werde, Lehrstühle sind es allemal.

Nach allem wird jedoch jedenfalls zwangslos davon ausgegangen werden müssen, dass die gesamten Gedankengänge des „Global Impact“ schlicht eine erschreckende Zustandsbeschreibung des aktuellen Diskussionsstandes um eine zu etablierende Weltregierung und seiner intellektuellen Kapazitäten sind. Unausgegorene, ahistorische und unsystematische Versatzstücke ökologischer, soziologischer, klimatologischer, juristischer und finanzwissenschaftlicher Einzelüberlegungen werden dort offenbar von einer Gilde diskursiver Hasardeure für ein leichtgläubiges Weltpublikum zu einer wirren Melange verkocht, die vor lauter blindem Aktivismus und handlungsnervösem Gutmenschentum die zerstörerischen Konsequenzen solcher Rede nicht absieht.

Aus diesen Unübersichtlichkeiten erwächst mindestens die Gefahr, dass ruchlose Akteure sich das intellektuelle Chaos zunutze machen und – „die Krise ist die Stunde der Exekutive“ – mit starker Hand den dann scheinbar einzig noch weltrettenden Weg der notverordnenden Zwänge beschreiten. Die Autoren des Global Impact meinen offenbar, die „G 20“ wären bereits der Beginn einer solchen weltrettenden Instanz. Die Alternative, die sie aufstellen, ist klar: „Vielleicht können sie die Probleme lösen. Wenn nicht, droht in weniger als zehn Jahren der finale GAU.“

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht ist gerade eine monistische Weltregierung der „finale GAU“. Und vielleicht müssen zur Rettung menschlicher Freiheiten nun Menschen überall auf der Welt die Initiative ergreifen, um an die Stelle einer politisch hypertroph angemaßten Weltverantwortung die humane Eigenverantwortung ganz konkreter Menschen für sich und ihre Nächsten zu setzen. Damit das unverstehbare Reden der Großmannssüchtigen ein Ende habe. Zum Wohle aller.


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