28. Januar 2010

Zeitgeist-Wende, Teil 10 Gestern Abend, 20.15 Uhr, Zivilcourage in der ARD

Deutschland debattiert über einen außergewöhnlichen Fernsehfilm

„Opa greift zur Wumme“, titelte der „Spiegel“ abwertend in seiner Vorschau. „Das ist der Sarrazin-Film“, kündigte letzte Woche bereits beigeistert die „Preußische Allgemeine“ an. Gestern Abend nun lief „Zivilcourage“ mit Götz George in der Hauptrolle zur allerbesten Sendezeit um 20.15 Uhr in der ARD. Wie so oft trifft es die Gegenöffentlichkeit auf den Punkt und das Mainstream-Flaggschiff liegt seltsam daneben. Denn um einen Aufruf zur Selbstjustiz ging es nicht oder allenfalls am Rande. Alle anderen Tabus aber wurden in dem Film von Dror Zahavi (Drehbuch: Jürgen Werner), über den heute halb Deutschland spricht, tatsächlich in Sarrazin-Manier angegriffen: die Gewalt ausländischer Jugendgangs in längst gekippten Stadtteilen, in denen das Recht des Stärkeren gilt und die deutsche Polizei kapituliert hat („wir haben einen Top-Hundert-Katalog mit den schlimmsten Straftätern des Viertels, alle auf freiem Fuß“), die Verlogenheit und der Selbstbetrug der Altachtundsechziger und deren aufgesetzter Antifaschismus („die Schweiz und Kanada machen es richtig, die suchen sich die besten Einwanderer aus und lassen die anderen nicht rein – hast Du gar nichts gelernt, willst Du etwa wieder selektieren in Deutschland?“), die alleinerziehende, verfettete Mutter aus dem Hartz-IV-Milieu, die den ganzen Tag fernsieht, raucht und säuft und dies auch in der eigenen Schwangerschaft nicht unterbrach („aber ich liebe Dich doch, ich tue doch alles für Dich“), die Lage in einem Europa kurz vor dem Bürgerkrieg („wir sind noch nicht in Frankreich – aber auch nicht weit entfernt davon“), das völlige Versagen des deutschen Bildungssystems mit eingeschüchterten Lehrern an Gewaltschwerpunktschulen, deren zu Analphabeten „ausgebildete“ Schüler und dem Verweis darauf, dass Bildung als „Pflicht“ und „Recht“ verkommt und recht eigentlich vom Auszubildenden mit echtem Eigeninteresse nachgefragt werden muss („Bringst Du mir das Lesen bei“), die Dreistigkeit fremdländischer pubertierender Jünglinge gegenüber ihren willigen deutschen „Bräuten“, die sie später, wenn sie sich abreagiert haben, fallenlassen („Ich bin Dein Mann, ich sorge für Dich, für immer – Du Hure“), die Selbstbewaffnung, die am Ende alleine Schutz und Sicherheit garantiert („Glaubst Du, wir lassen uns alles gefallen?“).

Vordergründig hat der Film ein „Happy End“: Aufgrund der Zivilcourage des Hauptdarstellers werden die brutalen Gewalttäter verhaftet. Und doch bleibt ein ungutes Gefühl, weiß man denn, dass die beiden Brüder, allen voran wie im Film angedeutet der Minderjährige, nicht für immer im (Jugend-) Gefängnis landen werden, sollten sie überhaupt dort verbleiben. Die kleine Enkelin stand bereits vor der Verhaftung im Visier der nun endgültig in ihrer Ehre verletzten Täter. Sie hat keine „Wumme“…

Was ist in den letzten Monaten in diesem Land passiert? Noch vor vier Jahren wurde ein ähnlicher Film, das Drama „Wut“, nach betroffenen Vorab-Diskussionen politisch und volkspädagogisch korrekt wie kleinlaut ins Nachtprogramm verschoben. Liegt es alleine am Bonus des nun israelischen Regisseurs? Oder ist seit Sarrazin tatsächlich die Diskussion vieler offensichtlicher Übelstände nicht mehr im behutsam versiegelten Bereich zu halten? Dafür spräche, dass Thilo Sarrazin nach wie vor in Amt und Würden und etwa Udo Ulfkottes Buch „Vorsicht Bürgerkrieg“ längst nicht mehr ein nur heimlicher Bestseller ist.

Plötzlich wird debattiert über Probleme, deren Lösungen bereits fast unmöglich und über Bezirke, deren Befriedung fast undenkbar erscheinen. Wir wollen diese Chance nutzen und eigentümlich frei drei eher ungewöhnliche, ja vielleicht nach heutiger Auffassung auch unmenschliche Vorschläge zur Diskussion stellen: Erstens Abschaffung jeglicher Form von Sozialhilfe, zweitens Abschaffung des Schulzwangs und der Scheinkostenlosigkeit im Bildungswesen, drittens Ausweisung aller Wiederholungsstraftäter außer Landes gemäß der alten Rechtsauffassung freier Städte und Länder. Wäre nach einer solchen Radikalkur die im Film gezeigte Hausmannstraße wieder lebens- und liebenswert?

Information

Für die, die den Film verpasst haben: Er wird am Samstag um 20.15 Uhr auf „Eins Festival“ wiederholt.

Serie

1. ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

2. Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

3. Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

4. Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch: Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

5. Belege für den Zeitgeist-Wechsel jetzt auch in der linken Presse: Die Dämme brechen, das Pendel beginnt den Rückschlag

6. Zeitgeist-Wende, Teil 6: Die schwarz-gelben Küken kommen

7. Zeitgeist-Wende, Teil 7: Martin Mosebach und der Anarchismus der Barmherzigkeit

8. Zeitgeist-Wende, Teil 8: Auch Springer-Verlagschef Mathias Döpfner spricht jetzt Klartext

9. Zeitgeist-Wende, Teil 9: Der Sozialstaat als totalitäres Regime und die von ihm missbrauchten Kinder


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