27. Januar 2010

Der Zeitgeist und der Wind of Change Meine Tageszeitung und das Weltklima

Vorsichtig, tastend, in kleinen Schritten, versuchend, den Rückzug jederzeit offen haltend…

Wer sich zu Informationszwecken nicht alleine auf seine allmorgendliche Frühstückszeitung verlässt, sondern seinen Wissensdurst aus mehreren Quellen stillt, der entdeckt schon bald, wie Meinungsmache funktioniert. Jedes Blatt hat seine Ansichten, die möglichst nicht erst kompliziert gegen andere Auffassungen und Ansichten abgewogen, sondern dem Publikum der Einfachheit halber zur alleine relevanten Information unterbreitet werden.

Eine solch schmale Unterrichtung der Öffentlichkeit konnte gelingen, solange es kaum andere Möglichkeiten der Informationsbeschaffung gab. Redaktionen und Redakteure hüteten den Agenturmeldungs-Schatz wie weiland die Priester ihre lateinischen Texte. Was der Übersetzung in Territorien jenseits des eigenen Wissensvorsprunges nicht würdig erachtet wurde, blieb ungesagt, unvermittelt, wurde nicht Gegenstand der breiten Diskussion.

Mit der zunehmenden Nutzung des Internets werden Nachrichten also gleichsam demokratischer. Gesagtes und Getanes kann nicht länger einfach hinter dem Berg gehalten werden. Nicht mehr nur einige redaktionelle Leuchttürme erhellen die Szene, sondern Neuigkeiten verbreiten sich nun wie Lauffeuer durch die Welt. Die Manipulation der Massen wird zum immer schwierigeren Geschäft, denn die prozedurale Intelligenz der Vielen schleift die Burgen des Unsinns. Redaktionen und Redakteure von Medieninstitutionen, die derzeit gerade noch als Massenmedien bezeichnet werden können – wie lange noch, wird sich weisen –, sie geraten unter den Rechtfertigungszwang, ihren Adressaten erklären zu müssen, warum sie dieses und jenes so und so berichten, anderes aber nicht oder nur bruchstückhaft.

Das weithin aktuellste Thema derartiger medialer Großinszenierungen dürfte – nach allem, was derzeit zu erfahren ist – wohl die Rettung des Weltklimas sein. Es mehren sich die Berichte an vielen Stellen, dass von interessierten Seiten über Jahrzehnte klug und beharrlich an der Legende gestrickt wurde, die Gefahren einer Selbstzerstörung der Menschheit durch die anthropogene („menschengemachte“) Klimakatastrophe  an die medialen Wände zu malen. Viele, Staaten wie auch Industrien, verdienten bereits prächtig mit diesem Angstmanagement. Das Beste soll aber erst noch kommen, wenn möglichst jeder Mensch auf dieser Welt von grenzenlos zuständigen Institutionen in seinem privaten Kohlendioxidproduktionsverhalten überprüft werden kann – natürlich im ökologischen Interesse der Gesamtweltmenschheit.

Der im Zuge dieser Großinszenierung einberufene „Weltklimarat“ wurde mit seinen Ergebnissen und Erkenntnissen von der beschriebenen Medienszene lange Zeit als weltseriös, weltkompetent und weltunzweifelhaft beschrieben. Wissenschaftler, die seine Berechnungen hinterfragten, galten vielen Redakteurs-Priestern als querulatorische Spinner, über die sich – nach altgehabter Manier – zu berichten überhaupt nicht lohne. Warum auch sollte man den äquatorbreiten Konsens der wissenschaftlichen Weltgemeinde mit Stimmen einzelner Störer vergiften?

Die Empörung – und die Aktivitätsbereitschaft – aller Wissenschaftler im Dissens wuchs unterdessen. Und nicht zuletzt das Internet gab ihnen Raum und Gelegenheit, mit ihren akademischen Rückfragen zueinander zu finden. Getreu der Erkenntnis, dass man vielen Leuten lange Zeit Halbwahrheiten unterbreiten kann, nicht aber allen Leuten auf Dauer, brach zunächst die wissenschaftliche Fragwürdigkeit der IPCC-Thesen und sodann – seit 2009 – auch die mangelnde Seriosität manchen dortigen Verhaltens in die Welt hinaus. Das, was Insider lange schon wussten (und schrieben) wurde immer offenkundiger: Die These, ein anthropogener Klimakollaps stehe bevor und dieser lasse sich monokausal durch Reduktion von Kohlendioxid-Immissionen gezielt weltweit auf einen bestimmbaren Temperatur-Kanal justieren, hat mit seriös betriebener Wissenschaft nichts zu tun.

Indem sich diese Erkenntnis zunehmend Bahn bricht, geraten nun auch jene Redakteure in Rechtfertigungsnöte, die stets – bis in der Gegenwart – das Gegenteil verbreiteten. Ihre rhetorische Aufgabe nun ist das elegante Rückrudern, ohne das Gesicht zu verlieren und – vor allem – ohne den geliebt-begehrten Kontakt zum Konsens all jener Berufskollegen zu verlieren, an dem Opportunisten aller Zeiten so lebensnotwendig gelegen ist.

Meine Tageszeitung führt diesen Tanz am 26. Januar 2010 ganz sehenswert vor: „Nein, der Klimawandel ist nicht als Schwindel entlarvt“, hebt der Kommentator machtvoll an, Licht müsse in die Elfenbeintürme der Wissenschaft getragen werden, „ehe das Klimathema die Akzeptanz bei den Menschen verliert“. Augenscheinlich gehört also auch der Kommentator zu denen, die bisweilen in anderen Quellen lesen und forschen, was denn der Stand der Dinge sei. Dass die „Akzeptanz“ – also der Glaube – zu schwinden drohe, wird von ihm als möglich erfasst. Denn: „Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut, das die Klimaforschung hat“. Dann aber folgt eine bemerkenswerte Dissonanz im Text, der später, an seinem Ende, noch einmal zum alten Medienkonsens zurückfinden wird. „Wissenschaft ist nie fertig, sie muss sich selbst hinterfragen, immerzu“, hört der Leser den Kommentator sagen und: „Wer eigentlich glaubt noch an die Klimakatastrophe, wenn die Gletscherschmelze am Himalaya wegen eines Zahlendrehers nun doch erst tausend Jahre später erwartet wird?“

Hier dreht der Wind ganz augenscheinlich, auch wenn – zuletzt – behauptet wird, die Klimafolgen seien „bereits spürbar“. Während Schnee und Eis auf dem Redaktionsgebäude liegen, soll die globale Klimaerwärmung also bereits spürbar sein? Niemand darf Kurskorrekturen von angepassten Menschentypen bei Erkenntnisgewinnen abrupt und augenfällig merklich erwarten. Sie geschehen vorsichtig, tastend, in kleinen Schritten, versuchend, den Rückzug jederzeit offenhaltend. Doch sie ereignen sich. Wenn man nur den nötigen Legitimationsdruck aufbaut und erhält. „Rechtfertige Dich!“ lautet der gebotene Imperativ. Denn wenn das Klima sich erst in 1000 Jahren ändert, warum sollten wir uns dann ausgerechnet jetzt politisch zu sinnlosem Verzicht zwingen und „Lebensstile zu überdenken“ nötigen lassen?


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