Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker.

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Universelle Logik: Sind die Marktgesetze dem historischen Wandel unterworfen?

von Gérard Bökenkamp

Über das Verhältnis von Ökonomie und Geschichte

Es gibt den Begriff des Marktes, der synonym verwendet wird mit den Marktgesetzen, und es gibt empirische oder besser gesagt historische Märkte. Für beides wird in der Regel derselbe Begriff verwendet, und das schafft Verwirrung. Die einen sagen, der Markt war schon immer da, die anderen sagen, das sei alles Unsinn, man wisse ja, welche wichtige Rolle Handelsbeschränkungen jeder Art in der Vergangenheit gespielt hätten. Der Markt sei eine spezifische soziale Ordnung.

Beide Aussagen sind jedoch kein Widerspruch, denn beide sprechen von zwei unterschiedlichen Dingen. Historische Märkte sind Märkte im Plural, zum Beispiel Basare, Handelswege, Kaufhausketten, Hafenanlagen. Sie entstehen im historischen Verlauf und sie vergehen im historischen Verlauf, denn sie sind gegenständlich. Sie bestehen aus Straßen, Gebäuden, Läden, Transportmitteln und nicht zuletzt den Produzenten, den Händlern und den Käufern.

Alles Gegenständliche ist vergänglich. Wenn plötzlich eine Horde Wikinger oder Nomaden den Marktplatz angreift und den Käufern, Produzenten und Händlern die Köpfe abschlägt, dann gibt es diesen Basar oder Marktplatz nicht mehr. Die Gesetze der Ökonomie, also der logische Markt bzw. der Markt im Singular, sind davon aber nicht berührt. Der Markt im Singular wird konstituiert durch die Gesamtheit der logischen Gesetze, die dem empirisch beobachtbaren ökonomischen Handeln zu Grunde liegen. Die Marktgesetze gehen den historischen Märkten voraus – nicht im zeitlichen, sondern im logischen Sinne. Die Logik ist der Empirie insoweit vorgelagert, als dass empirische Erkenntnisse nicht den Gesetzen der Logik widersprechen können und historische Umstände selbst keinen Einfluss auf die Gültigkeit der Logik haben.

Welche Abläufe sich durch das Quellenstudium auch immer rekonstruieren lassen, die rekonstruierten Handlungen können sich nicht außerhalb von Logik, Zeit, Raum und Kausalität bewegen. Etwas kann sein oder nicht sein, aber es kann nicht sein und gleichzeitig nicht sein. Historiker können sich darüber streiten, ob Cäsar zu einem bestimmten Zeitpunkt in Gallien oder in Ägypten war. Eines aber ist unbestreitbar: Wenn er zu diesem Zeitpunkt in Gallien war, dann war er nicht in Ägypten. Wenn er zu diesem Zeitpunkt in Ägypten war, dann war er nicht in Gallien. Denn die Aussage, Casär war zu diesem Zeitpunkt in Gallien und in Ägypten, ist offensichtlich absurd. Empirie kann der Logik nicht widersprechen.

Ökonomie ist im Kern die Anwendung der logischen Gesetze auf den Bereich des wirtschaftlichen Handelns. Das Verhältnis der Marktgesetze zu den historischen Märkten entspricht dem Verhältnis von Logik zur Empirie allgemein. Die Widerlegung eines ökonomischen Gesetzes kann nur logisch, die Widerlegung eines historischen Faktums kann nur empirisch erfolgen. Die Quantitätstheorie des Geldes, wonach eine Ausweitung der Geldmenge eine Wirkung auf den Wert der einzelnen monetären Einheiten besitzt, hat logische Qualität. Die Frage, wer aus welchem Grund Zentralbanken gegründet hat und warum die Geldmenge zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeweitet wurde, lässt sich logisch hingegen nicht beantworten, sondern nur empirisch anhand der vorhandenen Quellen.

Die Erforschung und das Studium der historischen Märkte durch Quellen, ihr Entstehen und Vergehen und auch mögliche Regelmäßigkeiten ihres Verlaufs ist die Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte. Sie fällt in den Bereich der empirischen Forschung. Die Erforschung der logischen Gesetzmäßigkeiten, die dieser Vielzahl von Phänomenen zu Grunde liegt, fällt in den Bereich der Ökonomie. Historische Gesetze sind streng genommen keine „Gesetze“, sondern Wahrscheinlichkeiten. Man kann aus empirisch gewonnen Fakten niemals ein für alle Zeit gültiges Gesetz ableiten.

Daraus, dass in langen Zeiträumen die Sozialisten mehr Unterstützung bei den Arbeitslosen hatten als die Liberalen, kann ich nicht schließen, dass niemals eine Situation eintreten kann, in der Liberale bei den Arbeitslosen mehr Unterstützung haben als die Sozialisten. Man kann nur sagen, dass man es für unwahrscheinlich hält. Nun ist es so, dass wir ab einem bestimmten Erfahrungsschatz etwas für so unwahrscheinlich halten, dass wir es für unmöglich halten, zum Beispiel, dass der Papst die Polygamie erlaubt. Dennoch handelt es sich streng genommen nicht um ein absolutes Gesetz, sondern eben um eine aus der Erfahrung abgeleitete Annahme über die Wahrscheinlichkeit. Eine Wahrscheinlichkeit, die eins zu einer Milliarde steht, ist aber immer noch eine Wahrscheinlichkeit.

Alle Handlungsweisen, die kulturell und psychologisch variabel sind, können also nicht als unumstößliches Gesetz formuliert werden. Die These, dass die unteren Schichten einen höheren Teil ihres Einkommens verkonsumieren als die oberen Schichten, die Keynes seiner Theorie zu Grunde legte, ist kein ökonomisches Gesetz, sondern eine Annahme aufgrund historischer Erfahrungen, die einfach durch andere historische Erfahrungen ausgehebelt werden kann. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die aus zwei Klassen besteht, einer reichen Oberklasse und einer armen Unterklasse. Die reiche Oberklasse frönt dem Hedonismus und macht es sich zum Sport, ihr Einkommen möglichst unmittelbar in Luxus umzusetzen. Die arme Unterschicht besteht aus strenggläubigen Asketen und spart alles, was sie nicht zum Überleben benötigt. In diesem Fall wäre Keynes' „Gesetz“ ungültig. Schon allein der Umstand, dass eine andere Lage ohne weiteres vorstellbar ist, zeigt, dass es sich nicht um ein Gesetz handelt, sondern um eine Regel, die aus empirischer Erfahrung abgeleitet ist.

Ökonomische Gesetze sind nur Gesetze, soweit sie Gesetze der Logik sind. Regeln die aus der Erfahrung abgeleitet sind, sind keine Gesetze, sondern wie erwähnt Annahmen über die Wahrscheinlichkeit. Das ökonomische „Gesetz“, dass im Winter mehr Pelzmützen verkauft werden als im Sommer, ist kein Gesetz in diesem Sinne, sondern ein Erfahrungswert, der niemals absolute Gültigkeit beanspruchen kann – auch wenn die Pelzhändler mit dieser Regel gut gefahren sind, weil sie für Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte zutraf. Es mag den Pelzhändlern daher wie ein allgemeines Gesetz erschienen sein, dennoch war es kein Gesetz, da es auch anders denkbar ist.  Zum Beispiel kann eine neue klimatische Warmzeit kommen und auch im Winter will niemand mehr Pelzmützen haben.

Die Aussage, bei gleichbleibender Nachfrage nach Pelzmützen sinkt der Preis von Pelzmützen, wenn mehr Pelzmützen auf den Markt geworfen werden, hat hingegen logische Qualität. Sie ist die Ableitung von einem ökonomischen Gesetz und gilt daher absolut.  Der historische Pelzhandel zwischen Neuengland und Europa spielte im 17. und 18. Jahrhundert eine große Rolle. Diesen Pelzhandel kann man historisch untersuchen und feststellen, dass der Wettbewerb auf unterschiedliche Weise eingeschränkt war. Man wird allerdings nicht feststellen, dass die Marktgesetze aufgehoben waren.

Es stand den Herrschern aller Zeiten frei, Zölle und Steuern zu erheben, Märkte aufzulösen, das Geld zu verschlechtern, Preise willkürlich festzulegen und ihre Untertanen zu unterdrücken, soweit sie die Macht dazu besaßen. Allein die ökonomischen Folgen ihrer Handlungen konnten sie nicht kontrollieren. Diese ergaben sich aus den Gesetzen universeller Logik, die solange ihre Gültigkeit behalten werden, solange eins und eins gleich zwei ist.

10. Dezember 2009

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Kommentare

MarkMallokent, am 10. Dezember 2009 um 14:14 ( Link )

"Es gibt den Begriff des Marktes, der synonym verwendet wird mit den Marktgesetzen, und es gibt empirische oder besser gesagt historische Märkte".
Insgesamt stimme ich dem obigen Artikel und vor allem der zitierten Unterscheidung zu. Ich habe allerdings den Eindruck, daß man in EF dazu neigt, zuweilen beide Ebenen unzulässig zu vermischen. Aber gut, wer ist schon vollkommen?

protagoras, am 10. Dezember 2009 um 15:04 ( Link )

Danke für den hervorragenden Artikel!

Die Unterscheidung von Logik und Empirik im Zusammenhang mit Marktgegebenheiten ist eine interessante Erkenntnis, mit der sich einiges anfangen lässt.

hoeppe, am 11. Dezember 2009 um 1:17 ( Link )

@MarkMallokent

daß man in EF dazu neigt, zuweilen beide Ebenen unzulässig zu vermischen. Aber gut, wer ist schon vollkommen?
Ja bin ich Mensch oder Maschine?

@Meister Bökenkamp…

Gegen die Logik kämpfen bekanntlich selbst die Götter vergebens. Deshalb respektiere ich natürlich den Rettungsversuch der Marktgesetze und greife nur anekdotisch ein.

Logisches Gesetz ist auch, das die Geschwindigkeit, mit der die Einzelteileteile eines Körpers aus einander fliegen, mit der Entfernung abnimmt (siehe explodierender Dampfkochtopf), oder konstant bleibt (siehe Urknall). Das ist so lange logisches Gesetzt, bis…., ja bis man plötzlich feststellte, dass die Geschwindigkeit, mit der sich das Universum ausbreitet, mit der Entfernung zu nimmt (siehe aktuelle Erkenntnis der überfragten Astrophysiker).

So ist die Gleichung “eins und eins gleich zwei“ zwar Konsens aber dennoch blanke Willkür. Streng logisch mathematisch beweisen konnte es bisher noch niemand. Die hardcore Mathematiker mögen mich vom Gegenteil überzeugen.

Die Quantitätstheorie des Geldes, wonach eine Ausweitung der Geldmenge eine Wirkung auf den Wert der einzelnen monetären Einheiten besitzt, hat logische Qualität.

Ich muss im Sinne der Logik darum bitten, dass wir es hier nicht mit Werten zu tun haben, sondern ausschließlich mit Preisen. Die logische Ökonomie der Marktgesetze kennt nur Preis, der Begriff des Wertes ist ökonomisch wertlos.

Die Aussage, bei gleichbleibender Nachfrage nach Pelzmützen sinkt der Preis von Pelzmützen, wenn mehr Pelzmützen auf den Markt geworfen werden, hat hingegen logische Qualität. Sie ist die Ableitung von einem ökonomischen Gesetz und gilt daher absolut.

Ja…., von inflationären Tendenzen und anderen Störfaktoren abgesehen, kann ich diesem Gesetz unter Laborbedingungen allumfassend zustimmen, nur möchte ich hoffen, dass ich diesen Laborbedingungen nicht ausgesetzt werden.

Es Grüßen zu später Stunde die querulante Hoffmann la Roche Laborratte die irgendwie nie das gewünschte Ergebnis zu Tage führen will.

Gérard Bökenkamp, am 11. Dezember 2009 um 13:15 ( Link )

"Ich muss im Sinne der Logik darum bitten, dass wir es hier nicht mit Werten zu tun haben, sondern ausschließlich mit Preisen. Die logische Ökonomie der Marktgesetze kennt nur Preis, der Begriff des Wertes ist ökonomisch wertlos."

Da haben Sie natürlich recht. Danke für die Korrektur.

freiheitistunteilbar, am 11. Dezember 2009 um 14:01 ( Link )

@querulante Hoffmann la Roche Laborratte

Gegen die Logik kämpfen bekanntlich selbst die Götter vergebens. Deshalb respektiere ich natürlich den Rettungsversuch der Marktgesetze und greife nur anekdotisch ein.

Dessen Existenz damit bewiesen wäre oder etwa nicht? Ihre Aussagen zusammenfassend, aller Süffisanz bereinigt: Logik kann es nicht geben, da sie A-Priori-Bestimmungen voraussetzt - wie das logische Handeln von Menschen- , die konsensbedingt sind - zu Blau sagt man blau und nicht rot, demzufolge keine Marktgesetze existieren können.

Es folgt daraus, dass nichts wahrhaftig sein könnte, so wäre ein Erkenntnisgewinn nicht möglich, würde Wissenschaft zur Scharlatanarie.

Ja richtig erkannt, Marktgesetze sind nicht vom lieben Gott in Stein gemeißelt worden, jedoch braucht es A-Priori-Bedingungen, denn ohne sie ist kein Erkenntnisgewinn möglich, wie auch, wenn ohne sie nichts wahrhaftig ist.

@James Blond

Bleibt nur noch die Frage, wann eine Theorie empirisch unterfüttert sein soll. Bei einem Volk irrationaler Dumpfbacken würde es nach Ihren Ausführungen schwierig, den Marktgesetzen irgendeine Relevanz beizumessen und dennoch verdeutlichen sie Zusammenhänge des Marktes auf rationale Art, bspw. wie sich eine Nachfragekurve unter A-Priori-Bedingungen verhält. Es wird eine Tendenz unter Idealbedingungen aufgezeigt, die sich empirisch nährungsweise vollzieht. Es ist leicht mangelnden Realitätsbezug vorzuwerfen, jedoch weitaus schwieriger den Zeitpunkt zu bestimmten, wann eine Theorie empirisch unterfüttert ist.


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