27. November 2009

2012 Klimakiller versus Killerkometen

Was Potsdam und Kyoto von Hollywood lernen können

Roland Emmerich ist schuldig. Schuldig der Apostasie, des Abfalls vom wahren Glauben. Dabei war doch der Hollywoodschwabe mit dem inhärenten Hang zu gigantisch-destruktiven Leinwandszenarien einst ein so vielversprechender medialer Multiplikator im Kampf um die Unfehlbarkeit des anthropogenen CO2-Dogmas. Nach eher profanen Werken um Amok laufende Zombie-GIs, interstellare Konflikte mit Sonnengottheiten, Materie pulverisierende Aliens und mutierte Riesenechsen mit ungezügeltem Appetit in New York City erreichte der apokalyptische Tricktechnikexperte und knallharte Actionspezialist im Jahr 2004 mit „The Day After Tomorrow“ laufbahntechnisch gesehen seinen cineastischen (Klima-) Gipfel. Schon der Filmtitel knüpft an den Klassiker der politisch motivierten Selbstzerstörung „The Day After“ aus dem noch kalten Kriegsjahr 1983 an, appelliert damit vermutlich nicht ganz zufällig an die noch latent nachwirkenden Untergangsängste von Menschenhand programmierter, atomarer Weltvernichtungsmaschinen. In der Nachfolgevariante gut 20 Jahre später sieht es perspektivisch nicht wesentlich anders aus: Die Menschheit steht vor dem selbstinduzierten Hitzetod, diesmal allerdings nicht atomar, sondern klimatisch bedingt. Es werden statt zu vieler Atomwaffen nunmehr zu intensiv CO2-Moleküle produziert. Folglich kommt der Streifen zumindest in der Anfangsphase als verfilmtes Live-Earth-Konzert mit moralischem Fingerzeig aber zum Glück ohne Gesang daher, dafür gewürzt mit einer gehörigen Prise atemberaubender Computeranimationen und einem interpersonellen dramaturgischen Spannungsbogen. Die Einbettung der Handlungen erfolgt rein wettertechnisch in der Gegenwart einer ebenso abrupten wie dramatischen Veränderung des Weltklimas, einer vorausgegangenen Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur, die zum Abschmelzen der Polkappen, einem Versiegen des Golfstroms und, zerstörerische Tornados, tosende Flut- sowie arktischen Kältewellen im Schlepptau, zu einer Vereisung der zum Glück überwiegend von Klimasündern bevölkerten nördlichen Erdhalbkugel führt. Oder in forensisch präzisierter Kürze: Die Bullenhitze verursacht eine Saukälte. Diese Theorie der globalen Erwärmungserkaltung ist übrigens keineswegs neu. Sie findet sich bereits in den mindestens ebenso spannenden nordischen Legenden der Frühantike wider, wobei die infernalen Endkampfspektakel der germanischen und skandinavischen Sagenwelt thematisch wie optisch locker mit dem Film mithalten können, wenngleich sie auch die klimatische Kausalität genau umkehren: Nach einem dreijährigen Kampf der Götter untereinander sowie drei Jahren durchgehender Eiszeit ohne Sommer werden Sonne und Mond vernichtet während die Sterne auf die Erde fallen. In Folge dessen zerreißen Erdbeben und Sturmfluten das Land, welches schließlich durch ein vom Feuerriesen Surt in Gang gesetztes Feuer vollständig vernichtet wird. Früher wie heute möchte man halt auf Nummer sicher gehen.

Auch wenn die Frage nach der endgültigen Temperaturfolge noch nicht abschließend geklärt werden konnte, war „The Day After Tomorrow“ so gut und so erfolgreich, dass der ehemaligen US-Präsidentenanwärter Al Gore einzelne Szenen 2006 sogar in seine populärwissenschaftliche Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ übernahm. Massenkompatible Hollywood-Action als flankierende Bildungsmaßnahme zur Förderung des allgemeinen Umweltbewusstseins – eigentlich an sich schon eine oscarreifes Bravourstück. Für diese Form der Aussöhnung mit dem grünen Bildungsbürgertum gab es für den verhinderten Präsidenten im Jahr 2007 dann konsequenterweise gleich den Friedensnobelpreis, der in partnerschaftlicher Verlängerung natürlich auch die klimaschützende Speerspitze Hollywoods adelte. Es könnte nun in der Tat alles so schön sein, wenn, ja wenn dieser Tage nicht das jüngst Werk Roland Emmerichs die Kinosäle erobern würde: „2012“.

Diese Regiearbeit kommt schon fast im wortwörtlichen Sinn einer kopernikanischen Wende gleich daher. Zwar werden auch diesmal Einzelschicksale spannungsgeladen in eine apokalyptische Rahmenhandlung gepresst, indes vermag es der Mensch in diesem Streifen nicht, sich ökologisch unkorrekt selbst die geozentrierte Existenzgrundlage zu entziehen. Vielmehr kündigt sich das Unheil aus der Tiefe des heliozentrischen Umfelds des blauen Planeten an. Ungewöhnliche Sonneneruptionen und kosmische Strahlungen bringen drehbuchinspiriert den Erdkern in Wallung und die Erdkruste in Aufruhr. Damit einher gehen schließlich weltweite Erdbeben und vulkanische Eruptionen, gigantische Springfluten und tektonische Verschiebungen. Der alles verschlingende Weltenbrand hat die Menschheit schließlich fest in seinem eisernen Griff. Nur wenigen ist es vergönnt, im chinesischen Bergland Zugang zu einer der interessanterweise Archen genannten Rettungskapseln zu erhalten und damit zu überleben – jedenfalls sofern die Wanderarbeiter in der sprichwörtlichen Fabrik der Welt nicht geschlampt haben. Der geneigte Leser mag es ahnen, die volkspädagogische Todsünde erwächst hier aus der totalen Abtrennung explizit menschlicher Schuld von jeglichem Schicksal und der Einführung des Elements völliger Willkürlichkeit und kollektiver Ohnmacht. Damit ist auf Klimakonferenz freilich nicht nur kein Blumentopf mehr zu gewinnen, sondern es wird auch, guter Wille und Institutionen vorausgesetzt, an der prinzipiellen Lösungsallmacht öffentlicher Institutionen gerüttelt. Und die gilt es uneingeschränkt zu verteidigen, wie der frischgebackene Umweltminister Norbert Röttgen auch unumwunden zugibt: Denn Klimaschutz ist existenziell und rettet die Schöpfung.Was dazu wohl sein oberster Dienstherr sagt? Nein, natürlich nicht die Kanzlerin, sondern der Namensstifter der C-Partei höchst selbst, der – nunmehr überflüssige? – Herrgott und Schöpfer, dessen irdischer Gesandter Norbert Röttgen die einmal begonnene Arbeit anscheinend selbständig fortzuführen gedenkt.

Allen göttlichen Ambitionen zum Trotz ist der am CO2-Paradigma kratzende Film Emmerichs noch nicht der Zensur anheimgefallen und auch der Regisseur und frisch gebackene Häretiker muss nicht befürchten, im klimaneutralen Feuer eines FSC-zertifizierten Scheiterhaufens geläutert zu werden. Dennoch kommt die deutsche Filmbesprechung nicht ohne eine klimakritische Würdigung eben dieses Aspektes aus: „Die seltsame Emphase aber, mit der dort der Weltuntergang herbeigeredet wird, erinnert an das, was die Psychotherapeutin Catherine Gildiner nach dem 11. September schrieb: ‚Das verschwörungstheoretische Denken, das so rapide um sich greift, ist eine kollektive Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Unser Gehirn bereitet uns damit auf den nächsten Angriff vor. In psychiatrischer Terminologie wird das Hyperwachsamkeit genannt.‘ Ob es auch so etwas wie eine prätraumatische Belastungsstörung gibt? Eigentlich wissen ja jetzt schon alle, dass wir - auch ohne dazuerfundene Planetenkollisionen - allein dank CO2-Zunahme auf dramatische Zeiten zusteuern.“ Ja, alle Kyoto-Gläubigen wissen das. Kollisionen von Himmelskörpern und kosmische Einflüsse müssen Erfindungen sein, nur durch Menschen verursachtes CO2 kann die Welt untergehen, großes IPCC-Ehrenwort.

Das sahen die bereits oben erwähnten, alten Germanen und Skandinavier sowie ihre Zeitgenossen offenbar anders. Über 1.000, größtenteils unabhängig voneinander entstandene vor- und frühantike apokalyptische Mythen aus allen Welt kennt die Völkerforschung. Fast jede Hochkultur verfügte über höchst plastische Weltuntergangsszenarien und flehte an eigens dafür geschaffenen Kultstätten gegenüber den strafenden Planeten-, Sonnen- und Naturgottheiten um Gnade, kein einziger Stamm aber machte sich Sorgen ob der zahlreichen fossil gespeisten Lagerfeuer. Der gelernte Chemiker, Philosoph und Theologe Franz Xaver Kugler hat zu diesem Umstand bereits im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts eindeutig Stellung bezogen. Der Jesuit avancierte seinerzeit nicht nur zu einer anerkannten Autorität in der Entzifferung, Übersetzung und Interpretation der mesopotamischen Keilschrift, sondern erforschte ebenso die in diesen literarischen Quellen ja absolut dominierenden Elemente der astronomischen Mythologie Kleinasiens sowie ihre Verbindung zum Alten Testament und der griechischen Sagenwelt. Die Einkleidung der entschlüsselten Mythen in astronomische Daten ließen in ihm folgende Erkenntnis reifen: „‚Heer des Himmels’ ist also nicht nur eine denominatio analoga, sondern besagt ein wirkliches Heer von Streitern.“ Die Quelle der als kriegerisch zu interpretierenden Streiter mit erheblichem Auswirkungspotenzial für das irdische Dasein konnte er ebenfalls identifizieren: „Mehr noch überraschen […] die Sternschnuppen, die glühenden Brandpfeilen gleich den Weltraum durchqueren und zu bestimmten Jahreszeiten gewisse Sternbilder zum Ausgangspunkt eines sprühenden Feuerregens machen. Und wenn erst am wolkenlosen Himmel große Leuchtkugeln bald mit zischendem Geräusch, bald unter Blitz und Donner niedergehen und selbst irdische Brände erzeugen, so werden Auge und Ohr zugleich von der Gegenwart furchtbarer Himmelsmächte belehrt. Ebenso ist es begreiflich, daß eine naive Naturbetrachtung die Verfinsterung von Mond und Sonne als eine Bedrängnis durch eine lichtfeindliche Macht und das Weichen der Finsternis als endgültigen Sieg der großen göttlichen Himmelslichter über die Dämonen deutet. Je seltener, großartiger und andauernder das Phänomen, desto nachhaltiger die Wirkung auf das Gemüt. Deshalb waren große Kometen durch ihr unerwartetes Erscheinen und rasches Wachstum, ihre riesenhafte Ausdehnung und lange Dauer von jeher ein himmlisches Wahrzeichen bevorstehender schreckhafter Ereignisse.“ Roland Emmerich hätte daher ebenso gut die isländische Edda, das mesopotamischen Gilgamesch-Epos – bei dem schon die Verfasser des Alten Testamentes inklusive Sintflut und Arche kräftig abgekupfert haben – sowie die griechische Phaeton-Saga verfilmen oder einfach seinen ohnehin auf Elementen der ägyptischen Mythologie basierenden Film „Stargate“ weiterentwickeln können. Die spezielle Faszination um und die dramaturgisch bedingte Entscheidung für den Maya-Mythos ist wohl eher Folge der illusionären Scheingenauigkeit einer überaus spekulativen Terminsetzung auf exakt den 21. Dezember 2012 geschuldet. Ob an diesem oder einem anderen Tag sei mal dahingestellt, die in Stein geritzte mutmaßliche Maya-Prophezeiung in Tortuguero im heutigen Mexiko kündigt jedenfalls die Niederkunft eines (Planeten-) Gottes an, vielleicht sogar jenes Ek Chua, ein Ebenbild des römischen und unverkennbar planetaren Mars respektive griechischen Ares, der so wörtlich „vom Himmel steigen“ soll. Entkleidet um die metaphorischen Elemente wäre es jedenfalls nicht das erste (Impact-) Ereignis dieser Art. Der Tatsache, dass der Kosmos eben nicht mit der friktionsfreien Präzision eines Schweizer Uhrwerks rotiert wird ja seit jüngerer Zeit bereits durch den wahrscheinlich katastrophenbedingten Untergang der Dinosaurier und anderer massiver Massensterben im Zuge der Erdgeschichte Respekt gezollt.

Heute sind über 160 Großkrater auf der Erdoberfläche bekannt, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf Kollisionen mit Himmelskörpern zurückzuführen sind. Ergänzend gesellen sich hierzu  mehr als 100 bekannte erdnahe Asteoriden, wobei ihre vermutete Anzahl um den Faktor 10 bis 50 höher geschätzt wird. Dazu kommen noch einmal mindestens sechs Supervulkane, deren derzeit mäßig bis prall gefüllte Magmakammern im Falle einer Eruption ausreichen, eine 2012-taugliche Katastrophe globalen Ausmaßes auszulösen. Zumindest im Falle des Niedergangs eines Asteoriden wäre sogar die Kausalität der nordischen Mythologie korrekt, der mit der Explosion oder dem Einschlag einhergehende Temperaturschub würde zweifellos einen veritablen, lokalen bis globalen, Weltenbrand bewirken. Immer noch zu abstrakt? Hinsichtlich der „dazuerfundene[n] Planetenkollisionen“ hätte der oben zitierte Filmkritiker lediglich seinen Kollegen aus der Wissenschaftsredaktion konsultieren müssen. Der berichtete vor gerade einmal knapp zwei Jahren über das sogenannte Tunguska-Ereignis, eine gewaltige Explosion inmitten der sibirischen Weiten die sich am 30. Juni 1908 ereignet hat und deren gigantischer Lichtblitz bis England zu sehen war. Im Umkreis von 50 Kilometern um das Explosionszentrum wurde der Boden regelrecht umgepflügt, die Erde verbrannt und Millionen Bäume entwurzelt. Die vermutete Ursache: Ein Meteorit von gerade einmal 60 Meter Umfang aber mit der tausendfachen Wirkung der Hiroshimabombe. Jüngeren astrophysischen Schätzungen zufolge könnte sich ein ähnliches Ereignis alle 300 bis 1.000 Jahre wiederholen. Doch was, wenn der Umfang eines kosmischen Geschosses nicht nur 60, sondern mehrere hundert oder gar tausend Meter betragen sollte? Hier erweist sich einmal mehr Hollywood zumindest szenisch als wahrer Quell der Inspiration. Bereits 1998 rangen zwei Katastrophenfilme um die Gunst der Zuschauer, indem sie die Menschheit einen reaktualisierten antiken Himmelskampf ausfechten lassen. Der kommerziell erfolgreichere war „Armageddon – Das jüngste Gericht“, ein mit zahlreichen Stars aus der ersten US-amerikanischen Schauspielliga gespickter Blockbuster. Der wesentlich komplexere war allerdings „Deep Impact“, von dessen beiden visionären Aspekten einer tatsächlich von der Realität eingeholt wurde. Erstmals spielt in einer bekannten Produktion mit Morgan Freeman ein schwarzer Mann im Weißen Haus den US-Präsidenten; das schien exakt 10 Jahre vor Barrack Obamas Amtseinführung noch als die unwahrscheinlichste Komponente des Films.

Nun werden sich die CO2-Adepten in ihrem Erlösungsglauben weder durch Hollywood noch durch die Astrophysik wesentlich beeinflussen lassen. Sie werden weiter gegen ein klimatisches Dauerphänomen ansingen, die Klimagebote von Kyoto predigen, um den Toyota Prius tanzen, konventionelle Glühbirnen sanktionieren sowie Zensurforderungen gegen Skeptiker aus Hollywood und anderswo einfordern. Vielleicht sind sie selbst Opfer eben jener oben zitierten „kollektive[n] Form der posttraumatischen Belastungsstörung“, die der Filmkritiker so gerne projiziert wissen will? Entspringt gar der Glaube und die Zuversicht an den sukzessiven Ausbau einer global agierende Planungsbürokratie zur Klimarettung durch vorausschauendes Geoengineering gar einer Verdrängung der ja prinzipiellen Unmöglichkeit, existenzielle Grundängste überwinden zu können und faktisch nun mal immer ebenso schöpferischen wie zerstörerischen Kräften eines nicht beherrschbaren Universums hilflos ausgesetzt zu sein? Es ist ja das paradoxe an der menschlichen Existenz im Speziellen und der der Säugetiere im Allgemeinen, dass sie ihre Befreiung aus der evolutionären Nische der mehrfachen und gründlichen Vernichtung ihrer Vorgänger durch kosmische wie irdische Großkatastrophen verdankt, von der sie aber selbst immer bedroht bleiben wird. Und hier nun schließt sich endlich der mythisch gezogene Kreis, denn fast sämtliche Sagen katastrophischen Inhalts, so auch die Maya-Erzählungen, enden nicht nur mit einer Vernichtung des Bestehenden, sondern auch mit der Schaffung von Neuem, dem Start eines neuen Erdenzeitalters.

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