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![]() Jg. 1973, Amerikanist, freier Journalist, lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. ef-Sucheef-EinkaufspartnerWenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button: |
Für Aussperrung gegen Studentenstreik: Die Hörsäle räumen lassenvon Ronald Gläser Über Generationen und ihren Protest Kann mir mal jemand sagen, wofür die Studenten gerade „streiken“? Abgesehen davon, dass der Begriff Streik in diesem Zusammenhang albern ist: Wenn ich es richtig verstehe, dann sind sie unzufrieden mit der Neuorganisation des Studiums, mit den Bachelor- und Masterstudiengängen. Für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Dabei muss ich gestehen, dass ich 1995/96 auch an Aktionen gegen Sparmaßnahmen teilgenommen habe. Einmal haben wir das Luftbrückendenkmal am Flughafen Tempelhof eingewickelt – so wie den Reichstag damals. Wrapped Hungerharke. Eine tolle Aktion mit etwas Publicity. Damals ging es um massive Einsparungen durch den Senat, der die Zahl der Studienplätze in Berlin auf unter 100.000 drücken wollte. Betroffen waren die beiden Westberliner Universitäten, die zugunsten der neu aufzumöbelnden Humboldt-Uni vernachlässigt wurden. Unter anderem war „mein“ John-F.-Kennedy-Institut davon betroffen (Wegfall von Stellen, Mitteln etc.). Damals dachte ich, der jetzige Protest sei etwas ganz Neues und Gerechtes. Und solange ich selbst Student war, war ich auch nicht gerade ein glühender Anhänger von Studiengebühren. Heute als Absolvent und Steuerzahler sehe ich das natürlich anders. Zwar soll jeder die Bildung bekommen, die er haben will. Aber er soll gefälligst auch dafür zahlen. Heutige Universitäten sind Umverteilungsmaschinen von unten nach oben. Die Kinder aus der Mittelschicht studieren mitunter jahrelang, während die Altersgenossen, die eine Ausbildung gemacht haben, schon arbeiten gehen und Steuern zahlen. Das ist nicht in Ordnung. Gegen das Herumgammeln an der Uni – bei mir waren es 18 Semester – hilft unter anderem eine Straffung und Normierung des Curriculums. Genau diesem Ziel dient die jüngste Studienreform, nicht wahr? Die Studenten sollen sich freuen, dass es etwas verschulter zugeht heutzutage. Dann werden sie schneller fertig und vergeuden nicht ihre Zeit. Das andere Thema ist die internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Deswegen wurden bei uns diese angloamerikanischen Abschlüsse wie Bachelor eingeführt. Bestimmt gibt es daran zurecht einiges auszusetzen, aber ich kann auch aus eigener Erfahrung sagen: 1995 musste ich an der Uni von Pontius zu Pilatus rennen, um mir einen Schein, den ich an einem College bei Detroit gemacht habe, für mein Grundstudium anerkennen zu lassen. Ein Kommilitone, der Politik studierte, bekam ohne Probleme den gleichen Schein sofort als Leistungsnachweis fürs Hauptstudium anerkannt. Das habe ich damals als unfair empfunden. Einheitliche Maßstäbe, so schwer das im Einzelfall sein mag, wären demnach ein Schritt nach vorne. Wofür „streiken“ unsere Stundenten also? Ich glaube, jede Studentengeneration macht ihren eigenen, neuen Protest gegen irgendwas. Ob gegen Vietnam oder Studiengebühren – demonstriert wird immer. Das ist falsch. Ich kann nur jedem Jüngeren heute raten, sich von diesem Quatsch nicht ablenken zu lassen. Lernt lieber schnell, damit ihr bald viel Geld verdienen könnt. Das ist der Grund, warum ihr zur Uni geht. Stattdessen besetzen sie jetzt Hörsäle im ganzen Land. Und in Berlin demonstrieren sie gegen Studiengebühren. Aber die gibt es in der von SPD und Linken regierten Stadt überhaupt nicht. Wie können die gegen etwas streiken, was sie gar nicht betrifft? Nun gut, damals haben sie auch gegen den Krieg in Vietnam demonstriert. Der Vietcong von heute ist eben der Studienkollege aus einem CDU-geführten Bundesland mit Studiengebühren. Logisch, nicht wahr? Besonders merkwürdig ist das Verhalten von Politik und Universitätsleitung. Da scheinen nur noch 68er und ihre Erben zu sitzen. Deswegen kommt von ihnen gegen Hörsaalbesetzungen kein Widerstand, sondern Zustimmung! So sagte Margret Wintermantel, die Chefin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz, es gäbe Nachbesserungsbedarf bei der Studienreform. Klar: Sie will mehr Geld. Und Henry Tesch (CDU), der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern sagte: „Ich verstehe die studentische Kritik.“ Entgegenkommen auch vom bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), der die Studenten-Aktionen als Ausdruck von Meinungsfreiheit begrüßte! Mit anderen Worten: Die Streikenden laufen bei den Mächtigen offene Türen ein, weil diese offenbar nicht den Schneid haben, sich den Forderungen der Studenten zu widersetzen. Fehlt nur noch, dass Wolfgang Schäuble sich dazugesellt, um selbst an einer Besetzung teilzunehmen. Aber sind es überhaupt „die Studenten“? Schauen wir uns mal die Personen an, die den Hörsaal der Humboldt-Uni vor einer Woche besetzt haben: 800 Studenten waren auf der Versammlung, die das beschlossen hat, sagen die Rädelsführer vom „ReferentInnen-Rat“. 800 von 34.000. Das sind noch nicht einmal drei Prozent. Vor dieser winzigen Zahl von Krawallmachern kuschen die Politiker und die Chefs der Humboldt-Uni, statt den Hörsaal einfach räumen und die Aufrührer rausschmeißen zu lassen. 19. November 2009 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Roland Baader, Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Arne Hoffmann, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Klaus Rainer Röhl schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Social BookmarksAnzeigenKommentareAdolescent , am 19. November 2009 um 8:57 ( Link ) Ich kann nur jedem Jüngeren heute raten, sich von diesem Quatsch nicht ablenken zu lassen. Lernt lieber schnell, damit ihr bald viel Geld verdienen könnt. Das ist der Grund, warum ihr zur Uni geht. ... Es geht im Leben nicht NUR um Geld ;) (Aber prinzipiell haben Sie Recht mit Ihrem Artikel- in Österreich nennen wir den "Audimax" Hörsaal auch "AudimaRx", weil dort so viele linke Gruppen protestieren... Kai Grebner , am 19. November 2009 um 8:58 ( Link ) Hier an der FH Frankfurt gab es anscheinend keine Besetzungen,zumindest keine die mir aufgefallen sind. Ironischer weise störte das keinen Mitstudenten, allerdings waren ein paar unserer Profs verwundert warum wir nicht mit machen und äußerten Verständnis für die Besetzer. Carl , am 19. November 2009 um 9:07 ( Link ) Nein, diesen Leuten muß voll und ganz zugestimmt werden, damit sich ihre Aktionen schnell wieder verlieren. Nachgeben wird man diesem planlosen Forderungskatalog ohnehin nur bzw. wenn überhaupt in kleinen Symbölchen. Sich mit selbstgerechten Studenten anzulegen hat bis jetzt noch den wenigsten Staaten gutgetan. Man sollte es daher wie bei der Kindererziehung halten: Lieb gucken, lächelnd nicken und dann weitermachen wie bisher. nephamael , am 19. November 2009 um 9:08 ( Link ) Sehr geehrter Herr Gläser, wenn Sie schon eine Analogie zwischen Vietnam-Demos und Streiks an Berliner Unis ziehen, so seien Sie doch bitte so konsequent und halten dann ebenso bei einem Thema, das Sie überhaupt nicht betrifft, den Mund. Dass Sie ihren schmalen Blick nur auf die Studiengebühren werfen, zeugt von Ignoranz, im besten Falle von Unwissen. Die Streiks richten sich gegen das gesamte Hochschulsystem. Studiengebühren, Bachelor/Master-System, etc sind hier nur Schlagworte. Ich schildere Ihnen einfach mal ein reales Fallbeispiel: An der Technischen Universität Kaiserslautern fingen im Wintersemester 2006 knapp 100 Studenten an, Informatik zu studieren. Ein Student, welcher Lunte gerochen hatte, beschloss bereits nach dem zweiten Semester, die Hochschule zu wechseln. Durch das tolle neue Bachelor-System sollte das ja kein Problem sein. Ein anderes Fallbeispiel, diesmal TU München. Werter Herr Gläser, anstatt völlig unprofessionell aus dem Bauch heraus gegen "Herumgammeln an der Uni" zu wettern, sollten Sie mal seriöse Recherche betreiben. Ich habe das EF-Magazin nun schon eine ganze Weile sowohl in Twitter als auch im RSS-Reader, da ich das intellektuelle Niveau der Artikel sehr genossen habe. So, wie nicht alles, was glänzt, auch Gold ist, scheint auch nicht alles, was gut artikuliert und formuliert ist, auch von Kompetenz und Intelligenz zu zeugen. Schade. stereotyp Die Proteste sind da, weil mit den Studiengängen offensichtlich etwas nicht stimmt. Noack , am 19. November 2009 um 10:24 ( Link ) Sehr geehrter nephamael, also ich finde ja, dass sich grundsätzlich jeder über alles äußern darf. Ob man ihm zuhören oder davon lesen möchte, ist eine andere Geschichte. Bestenfalls kommt dabei sogar eine fruchtbare Diskussion heraus... dass Sie als Online-Leser verloren gehen, bedaure ich aufrichtig. "bei einem Thema, das Sie überhaupt nicht betrifft,..." - oh, dieses Thema betrifft leider eben doch alle Nettosteuerzahler, weil eben um deren Geld und nicht das eigene (das wären bei Studenten dann Studiengebühren) gestritten wird. Während meines Studiums (das waren die "Proteste" 95/96) konnte ich feststellen, dass dabei zumeist die linken Geisteswissenschaftler ihrem Hang zur Agitation und Polemik nachgingen. Da wurde eine bis dahin ungekannte Aktivität entwickelt. Die damaligen Argumente ähnelten den von Ihnen aufgezählten bis aufs Haar. Nur stellte diese Gruppe damals wie heute eigentlich nur einen Bruchteil der Studentenschaft dar. Deswegen ist es auch falsch, von "den" Studenten zu sprechen. Was in der Öffentlichkeit Gehör findet, ist die Meinung Weniger. karen m. , am 19. November 2009 um 10:49 ( Link ) Heute als Absolvent und Steuerzahler sehe ich das natürlich anders. Zwar soll jeder die Bildung bekommen, die er haben will. Aber er soll gefälligst auch dafür zahlen. Dieses Niveau ist nicht zu toppen: Beim Nehmen danach schreien, noch mehr haben zu wollen, beim Geben schreien, alles behalten zu wollen. Und immer die polemisch angeprangerte Unerechtigkeit. Gegen das Herumgammeln an der Uni – bei mir waren es 18 Semester – hilft unter anderem eine Straffung und Normierung des Curriculums. Wer 18 Semester herumgammelt, sollte auch zahlen, aber ordentlich! Ich plädiere für das Recht auf einen kostenlosen Studienplatz für jeden Abiturabgänger, wobei zunächst die Art des heutigen Abiturs zu ändern wäre, und für eine Aussiebung der Gammler durch harte Prüfungen in den ersten Semestern und hohe Strafzahlungen bei Überschreitung der Regelstudienzeit. Stefan Miller , am 19. November 2009 um 11:09 ( Link ) der Verfall ist sicherlich auf beiden Seiten vorhanden. Profs wälzen Arbeit auf Dozenten ab, diese sind schlecht motiviert, Studenten werden zur Protesten animiert und schaden sich selbst noch mehr damit. Nicht mehr Geld vom Staat, nicht Änderung irgendwelcher Details sonder schlicht und einfach Wettbewerb wäre die Lösung. Genau das aber wird strengstens bekämpft, denn da würde der Staat eine essentielle Domäne verlieren. ralph , am 19. November 2009 um 11:12 ( Link ) @karen Viscount , am 19. November 2009 um 11:14 ( Link ) @karen m. Wer 18 Semester herumgammelt, sollte auch zahlen, aber ordentlich! Falsch. Ein Studium soll grundsätzlich von dem bezahlt werden, der es in Anspruch nimmt. Egal, ob er eine Woche studiert oder 20 Jahre lang. Ich plädiere für das Recht auf einen kostenlosen Studienplatz (...) Und ich plädiere dafür, endlich von diesem dauernden Einfordern irgendwelcher (An-)Rechte Abstand zu nehmen. (...) hohe Strafzahlungen bei Überschreitung der Regelstudienzeit. Wieso? Würde jeder für sein Studium selbst bezahlen (oder dafür private Stipendien in Anspruch nehmen, die gerne auch an bestimmte (Zeit-) Bedingungen geknüpft sein können), wäre das schlichtweg unnötig. Wieso sollte jemand für eine Dienstleistung bezahlen und dann, wenn er sie länger in Anspruch nimmt, noch einmal zahlen? LePenseur , am 19. November 2009 um 11:54 ( Link ) Right Honourable and Dear Viscount, Natürlich haben Sie im Prinzip völlig recht. Nur: der libertäre Minimalstaat ist noch nirgends Realität, also sind in der Realität Universitäten & Co. halt Staatssache — und hier geht es eben darum, wie man diese "Staatssache" vorderhand mal zweckmäßigst organisiert*). Und hier ist "karen m."'s Ansatz durchaus zielführend: wenn man Studien schon (aus sozialen Gründen oder warum auch immer) als "öffentliches Gut" gratis anbietet, dann eben gegen mißbräuchliche Inanspruchnahme geschützt — und da sind straffe Regelstudienzeiten sicher ein geeignetes Mittel. Und "private Stipendien" wachsen ja auch nicht auf den Bäumen! Dazu muß es erst eine jahrzehntelange Tradition privater Spendenfreudigkeit auf diesem Gebiet geben, und die gibt es hierzulande eben einfach (noch) nicht (oder wenigstens: nicht ausreichend). Was umgekehrt bedeutet: die Studentengeneration, die in das Loch zwischen "freiem Studium" und "Privatstipendium" landet, hätte die A....karte gezogen und würde sich nicht ohne Berechtigung verschaukelt vorkommen. Daher wäre für eine Übergangszeit eins Lösung "freies Studium gegen Einhaltung von Regelstudienzeiten, sonst Pönalezahlungen" für durchaus praktikabel. Aus dem Elfenbeinturm minimalstaatlicher Feinbügelei kann man sich mit frustrierten Studenten vermutlich nicht zielführend unterhalten ... P.S.: ich habe zeinerzeit Jus unter der Mindeststudienzeit studiert, und das mit durchwegs sehr guten bzw. guten Prüfungsnoten — obwohl ich nebenher noch zwei bis drei andere Studien "aus Interesse" mitbetrieben (wenn auch dann nicht formal abgeschlossen) habe. Das geht durchaus, wenn man es will! --- *) Ein Appell an alle, die jetzt ein Posting schreiben wollen, in welchem sie meinen, dann wäre Judenvergasen im 3. Reich eben auch Staatssache gewesen, und man hätte sich nicht dagegen aussprechen dürfen, sondern nur über die möglichste Effizienz unterhalten ... bla ... bla ... bla ... Auch diese hätten prinzipiell völlig recht. Aber eben auch nichts weiter. U , am 19. November 2009 um 12:06 ( Link ) Die Studentenproteste sind wahrlich nix neues. Zu meiner Zeit wurde exakt mit den gleichen Argumenten auf die Strasse gegangen, und das war 1989! Das Thema ist sehr vielgestaltig, auf 2 Punkte möchte ich eingehen: 1. Der "Frust" der Masse der Studenten entzündet sich an der Massenuniversität. "German universities are the worst organised in the world", stellte der Economist Anfang der 90er fest. Die Studienbedingungen an den staatlichen Unis sind einfach schlecht, und das liegt an Dem einzelnen Student bleibt nur eine ganz individuelle Strategie, mit diesen Verhältnissen umzugehen. Letztlich ist es doch so: Intellektuelle kann man sich nicht backen (bestenfalls Pseudo- Intelektuelle). Da spielt Elternhaus und Familie eine entscheidende Rolle - ironischerweise gerade beim Studienerfolg an unpersönlichen Massenunis! 2.@ R. Gläser Viscount , am 19. November 2009 um 12:48 ( Link ) @LePenseur Sire, Sie haben die Sache natürlich wieder einmal völlig richtig auseinandergewickelt, jawohl. Ich stimme Ihnen ja, unterderhand, sogar zu, allerdings war mein Kommentar weiter oben eher als eine Reaktion zu lesen auf die Maximalforderungen, die man von den Protestanten (viz. Demonstranten) zu hören bekommt: Freies Studium für alle! Freier Hochschulzugang für alle! Kostenloses Studium für alle! Bildung ist keine Ware! Usw. usf. ... Das klingt mir alles ehrlich gesagt zu sehr nach Free R(a)iding, wobei mir zunehmend die schiefe in der Optik auffällt, mit der hier argumentiert wird: Da erzählen diverse Ministerialbürokraten den Studenten, daß sie — was an sich richtig ist! — für ihr Studium selbst aufzukommen hätten. Gleichzeitig gehören diese Technokraten aber exakt zu jenen Jahrgängen, die ihrerseits das Studium an Volluniversitäten noch ohne eigene Beiträge bestreiten konnten. Nota bene: Daraus nun zu folgern, daß auch die Heutigen nichts bezahlen sollen, wäre im Sinne der Sache falsch. Weit eher wäre es richtig gewesen, schon anno dazumal Studiengebühren zu erheben! Übrigens, Sire, welche teilweise grotesken Blüten der egalitaristische Grundton der Proteste zeitigt, wurde mir erst kürzlich wieder bewußt, als mich ein Kollege darauf hinwies, daß ich ohnehin den Mund zu halten hätte, da ich schließlich im Grunde genommen gar nicht hätte studieren sollen! Dazu muß man freilich über meinen Bildungshintergrund wissen, daß ich das erste Examen in Jurisprudenz hinter mir habe und im Moment promoviere, daneben auch noch ein Diplom in Ökonomie mein eigen nenne, das alles aber im Grunde nicht »brauche«, da ich seit meiner Großjährigkeit ein Unternehmen betreibe und nicht vorhabe, jemals in der juristischen Profession tätig zu werden. Was meinen Sie, Herr Kollege? Habe ich also tatsächlich jemandem, der unter Umständen diese Formalqualifikationen nötiger hätte als ich Selbständiger, den Studienplatz »weggenommen«? TrebMelsa @ LePenseur & Viscount Volle Zustimmung zu Ihren Ausführungen, Sie liegen beide richtig. LePenseur, natürlich haben Sie dies richtig beschrieben, wenn man will, dann ist ein Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen. In der Mindeststudienzeit habe ich mein erstes Studium auch geschafft, nebenher einen Job gehabt – umgerechnet auf eine Vollzeitkraft war dies eine Arbeitszeit für ca. 18 Monate – und ich hatte noch gut ein Drittel mehr im Studium absolviert als dies minimale Pflicht war. Viscount, ein Studium ist m. E. doch keine Berufsausbildung, sondern eine theoretische Vorbereitung auf irgendeine Erwerbstätigkeit. Von daher haben Sie mit dem Studium der Rechte und der Ökonomie nur Wissen erworben, welches auch und gerade ein Unternehmer benötigt, wenn ich alleine an die Regelungswut der Behörden (statistische Ämter, Gewerbsvorschriften etc.) denke. Der Vorwurf Ihres Bekannten ist Unsinn! Reaktionaer , am 19. November 2009 um 14:08 ( Link ) @ nephamael "Nun ist das Maß für mich voll, Sie haben hiermit einen Leser verloren." Wie entsetzlich. Herr Lichtschlag wird den ganzen Tag weinen. Übrigens soll in China wieder ein Sack Reis umgefallen sein. Reaktionaer , am 19. November 2009 um 14:10 ( Link ) @ karen m. "Ich plädiere für das Recht auf einen kostenlosen Studienplatz für jeden Abiturabgänger" Gute Idee. Aber wer soll das bezahlen? Stefan Gruber , am 19. November 2009 um 14:30 ( Link ) @nephamael Was sind denn nun genau ihre Forderungen? Ihre aufgezählten Fallbeispiele sind doch die typische Folgen eines staatlichen Bildungswesens. Welche privat geführte Uni würde solch unfähiges Personal leisten? Welche private Uni würde so einen Ruf genießen wollen? Insofern reihen sich die Studentenproteste wieder in dasselbe Schema: Eine staatliche Organisation will mehr Kohle. Denn dass der Staat konkret an ihrem Lehrpersonal in ihrer Uni was ändert, glauben sie ja selbst nicht. freigeistig , am 19. November 2009 um 15:03 ( Link ) @Ronald Gläser Und wie es schon erwähnt wurde, ist es zwar prinzipiell richtig, dass jeder für seine Bildung selbst bezahlen sollte - wir leben aber nunmal in keinem Minimal- sondern einem Sozialstaat. Und da gilt es nun, die vom Staat finanzierte Bildung so effizient wie möglich zu gestalten ... Und ich selbst hatte zwar noch das Glück den letzten Diplomstudiengang erwischt zu haben, aber meine Nachfolger hatten weniger Glück. Und läuft zwar mein Studiengang nicht gerade perfekt organisiert ab - so ist das jetzt immer noch um Welten besser als der Bachelor Mist! Das größte Problem ist, dass alles verschult wurde. Wahlmöglichkeiten wurden minimiert und Blödsinn wie Anwesenheitspflicht und Hausaufgaben eingeführt. An diesem System ist in der Tat Kritik angebracht und Streik wäre da auch eine Option, um gehört zu werden ... Horst Reingrabner , am 19. November 2009 um 15:16 ( Link ) >Das Steuersystem ist jedoch so organisiert, dass Absolventen, zumindest theoretisch, aufgrund ihres später höheren Steueraufkommens die durch ihr Studium verursachten Kosten tragen.< Dann wäre es das gerechteste, wenn Studenten ihr Studium selbst voll ( evtl. über einen Kredit, der natürlich bei Verlassen des Landes fällig wird ) finanzieren, und dann mit ihren Steuern z.T. gegenverrechnen . Daniel Z. , am 19. November 2009 um 15:35 ( Link ) 1. Studiengebühren Was hingegen nicht von Studiengebühren gekauft werden kann, sind Lehrbücher, da diese teilweise von angestellten Proessoren geschrieben wurden. Besonders interessant hierbei ist die Tatsache, das jede Ausgabe, die durch Studiengebühren finfaziert werden soll, vom "akademischen Senat" als "Verbesserung des Studiums" genehmigt werden muss....KFZ-Schild ja Bücher nein... An dieser Stelle muss ich sagen, dass unsere DH hervorragend ausgestatted ist: mit teurer Kunst, speziellen PC-Räumen die einzig für einzelne Studienrichtungen freigegeben sind, speziellen Landesgeldern sei Dank oder schönen Markenlichtschaltern, oder vollautomatischen Jalousien bis hin zu Tasten um die Türe zu schließen (nicht auf Rollstuhlhöhe!) Somit hätte in unserem Fall auch ein weiterer PC-Raum keine Vorteile gebracht und die KFZ-Schilder waren woll doch sinnvoll.... Soviel zu meiner Lage hier... 2. Geld 3. Stress 4. Streik Die kleine Anzahl der Streiker studiert zum Spass, weshalb man niemals einen Kredit aufnehmen würde, weil vielleicht will ich ja doch erst mal demnächst 1 Jahr ins Ausland Studiengebühren + Party? Wer soll sich das bitte leisten können? Wann soll ich Jobben wenn ich 5 Tage die Woche zur Uni muss! um in der Regelzeit zu bestehen? Also ist klar wer hier streikt... Und zum Niveau...man beachte die durchschnittlichen Abschlussnoten Dass jetzt nicht mehr jeder Clow ein Diplom bekommt ist mir auch klar, aber wollen wir wirklich Master so verstümmeln damit auch jeder Depp hier zuschlagen kann? my 5 cents Christian , am 19. November 2009 um 16:01 ( Link ) Ich frage mich, welches Bild manche Menschen beim Wort "Student" vor dem geistigen Auge haben. Es sitzt schließlich nicht jeder einfach nur seine Zeit ab, um nach acht Jahren "Fachmann für hypothetische Konsumgewohnheiten von Murmeltieren zur Zeit der Renaissance" genannt zu werden. Einige tun gerade so, als sei jeder Studiengang eine lässige Zivildienststelle beim "Essen auf Rädern". Richtig: das Studium ist freiwillig und in vielen Fällen motiviert die Aussicht auf gute Bezahlung zum Schritt auf jene steinige Pfade. Den Rest besorgt das persönliche Interesse an Studieninhalten. Ich schreibe jetzt mal einzig als Student der Meteorologie. Der durchschnittliche Erstsemester verbringt wöchentlich 16 bis 18 SWS in seinen Vorlesungen, das sind vier bis fünf Fächer. Jede einzelne Vorlesung will nachgearbeitet werden und das beansprucht je nach Hirnschmalz eine bis drei Stunden. Dazu kommen je eine Stunde Präsenzübung und eine Hausübung pro Fach, wobei ein Übungszettel je nach Hirnschmalz drei oder gar vier Stunden Arbeit einfordert. Außerdem gibt es jede Woche ein Laborpraktikum von vier Stunden dauer, Vorbereitung und Auswertung nicht mitgezählt. In den höheren Semestern wird der Aufwand nicht geringer und möglicherweise muss eine Lehrveranstaltung später wiederholt werden. Das Studium vereinnahmt oftmals 14 Stunden oder mehr vom Tag und das regelmäßig. Viele Studenten müssen dann auch noch einen kleinen Haushalt führen und neben dem Studium arbeiten. Dementsprechend hängen sie mitunter am nächsten Morgen durch. In der vorlesungsfreien Zeit bereitet man sich auf Prüfungen vor, absolviert Praktika oder besucht zusätzliche Lehrveranstaltungen. Man möchte den Horizont etwas erweitern, um nicht zu jenen akademischen Fachidioten zu zählen, für die Bachelorabsolventen gerade in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen gehalten werden. Für die zähneknirschend bezahlten Gebühren erhält man als Dankeschön die hinterletzten Pfeifen als Sachbearbeiter im Prüfungsamt und immer anders lautende Auskünfte, weil niemand den richtigen Durchblick hat. Wem die sechs Semester Regelstudienzeit für den Bachelor nicht straff genug erscheinen, der möge sein Hinterteil doch mal als Gasthörer in die gehaltvolleren Vorlesungen bequemen. Die Dozenten monieren das kurze Zeitfenster oft genug. "Sie lernen doch im Endeffekt nur noch für Klausuren und das echte Verständnis bleibt auf der Strecke." Bulimie-Lernen wird das gern genannt. Ich will nicht bloß über die Menge des Stoffes meckern, sondern über die Art und Weise, wie dieser Stoff binnen dreier Jahre in die Köpfe geprügelt werden soll. Neutrino , am 19. November 2009 um 19:37 ( Link ) Das sehen sie leider völlig falsch, Herr Gläser. Diejenigen die da demonstrieren sind fast alle Kommunisten. Kein Scherz, es gibt heute an vielen Unis linke bis betonkommunistische Gruppierungen in den studentischen Vertretungen, in denen sie dominieren. Immer sind es auch gerade diese Chaoten, die keinen Dialog mit der Politik wollen. Als in unserer Uni Stadt der Ministerpräsident kam, haben sie ihn quasi verjagt. Dabei hätten sie mehr erreicht, wenn sie mit ihm vernünftig diskutiert hätten. Außerdem haben diejenigen, die was Richtiges studieren keine Zeit für sowas. Hatte ich während meiner Studentenzeit jedenfalls nicht. Noch eine letzte Bemerkung zum Thema Bachelor: Angleichung ist schön und gut, aber letztlich ist es bescheuert für einen Studiengang eine Light Version einzuführen. Diejenigen mit solch einem Abschluss werden nämlich auf dem Arbeitsmarkt verdursten, weil Arbeitgeber lieber diejenigen einstellen, die das Fach "richtig" studiert haben! Stefan Miller , am 20. November 2009 um 8:08 ( Link ) Neutrino, karen m. , am 20. November 2009 um 9:54 ( Link ) Zu der einer funktionsfähigen, wachstumsorientierten Massengesellschaft entgegenstehenden Forderung, gewisse soziale Schichten von Bildung und damit Begabungsförderung auszuschließen, und damit das Reservoir leistungsfähiger Menschen einer Gemeinschaft zu beschneiden, möchte ich nur noch einige Fragmente zur Begabungsförderung zitieren, die ich demnächst umfangreicher vorlegen werde: ...Der Psychologe William Stern, der Erfinder des Intelligenzquotienten, plädierte bereits 1916 für die Betreibung einer Menschenökonomie. Diese bedeute eine „den Fähigkeiten entsprechende Verteilung der Menschen auf die Berufe, die Verwertung jeder Begabung an derjenigen Stelle des nationalen Schaffensprozesses, an der sie ihr Bestes leisten kann … Für die deutsche Wissenschaft aber ergibt sich daraus die Forderung, die Erkenntnis jenes geistigen Nationalschatzes an Begabungen in die Wege zu leiten und für die pädagogischen und Berufseignungsfragen nutzbar zu machen.“ Die moderne Psychologie müsse Begabungsforschung und Begabungsdiagnose betreiben. Diese Sicht ist auf den Aspekt einer nationalen Begabungsförderung fixiert. Die Globalisierung ermöglicht heute durch Flexibilisierung und Mobilisierung des Humankapitals jedoch auch Begabungsimporte, mit deren Forcierung die Ausgaben für das nationale Bildungswesen gesenkt werden können. Konkurrierende Wirtschaftsgebilde treten dann in einen Wettstreit um die Begabten aus aller Welt, deren Ausbildung sie zumeist nicht finanzieren müssen, und vernachlässigen dabei die Förderung des eigenen (nationalen) Begabungsreservoirs. ...Der Psychologe Otto Engelmayer stellte im Jahr 1953 fest: „Die relativ höchste Zahl der Hochbegabten ist bei den ,Oberschichten' zu finden; die absolut größte Zahl aber wird von den Mittel- und Unterschichten gestellt. Auch heute noch ist demnach das ,Volk' das Reservoir der Begabten.“ Eine Begabungsförderung muß demnach auch die unteren Schichten umfassen, um dieses Reservoir auszuschöpfen, allerdings bleibt hierbei zu berücksichtigen, daß Aufwand und Erfolg miteinander korrelieren. @Reaktionaer: Es gibt Bereiche eines funktionierenden Gemeinwesens, welche dieses aus ureigenstem Interesse seiner Funktionstüchtigkeit fördern sollte. Dazu zählen in einer ultramobilen Gesellschaft bspw. öffentliche Straßen statt Privatstraßen, um nicht etwa durch alle Kilometer auftretende Zollschranken behindert zu werden, oder in der hochtechnisierten Dienstleistungsgesellschaft eben auch die Förderung der Bildung, um Begabungsreservoirs auszuschöpfen und für die Gemeinschaft (wirtschaftlich) dienstbar zu machen. Wenn Sie natürlich Straßen nicht nutzen und steuerzahlender Handarbeiter sind, können Sie über die Verwendung der Gelder trefflich schimpfen. Im Endeffekt profitieren Sie aber doch monetär, eben weil das hochtechnisierte Gemeinwesen nicht auf dem Stand etwa des Staates Nigeria ist, in welchem Sie keine bis wenig Steuern zahlen müßten, die Wirtschaftsstrukturen aber auch dementsprechend aussehen und Ihr Geldbeutel doch recht leer wäre. Viscount , am 20. November 2009 um 11:21 ( Link ) @karen m. Dazu zählen in einer ultramobilen Gesellschaft bspw. öffentliche Straßen statt Privatstraßen, um nicht etwa durch alle Kilometer auftretende Zollschranken behindert zu werden (...) Das ist ein sehr beliebter Standardeinwand gegen privatisierte Straßen, meist auch noch verbunden mit dem Hinweis auf die »steinzeitlichen« Strukturen im Heiligen Römischen Reich. Haben Sie eigentlich mitbekommen, daß heute zB Mautgebühren nicht mehr vermittels Zollschlagbäumen erhoben werden, sondern durch technischen Fortschritt ganz bequem digital erfaßt werden können? So macht es ja der öffentlich-rechtliche Straßenbesitzer bei uns auch, nur daß wir die Straßen, für die wir künftig bezahlen sollen, ohnehin zuvor schon auf unsere Kosten vorgesetzt bekamen ... LePenseur , am 20. November 2009 um 12:21 ( Link ) @Kollege Viscount: ... daß ich das erste Examen in Jurisprudenz hinter mir habe und im Moment promoviere ... Als Jurist der gaaanz alten Studienordnung*) und damit nach drei Rigorosen automatisch "promoturus" näsle ich jetzt in aller Präpotenz und schönstem Schönbrunnerdeutsch: Sehr schön, Herr Kollege, Sie demnächst im Kreise der Vollakademiker begrüßen zu dürfen! ;-D --- *) für Insider: das war in Österreich die Thun-Hohenstein'sche (1855 ff.), die erst in den 1980er-Jahren durch die "neue" (mittlerweile auch schon wieder "alte") Studienordnung nach UOG ersetzt wurde — woraus sich in etwa mein beinahe antediluviales Promotionsdatum errechnen läßt ... Reaktionaer , am 20. November 2009 um 20:36 ( Link ) @ karen m. "Es gibt Bereiche eines funktionierenden Gemeinwesens, welche dieses aus ureigenstem Interesse seiner Funktionstüchtigkeit fördern sollte." Das Gemeinwesen kann gerne alles mögliche fördern. Nur ich will es nicht und verbitte es mir auch, zwangsweise zur Kasse gebeten zu werden, weil irgendwer mich einfach ungefragt dem "Gemeinwesen" zuschlägt. "Im Endeffekt profitieren Sie aber doch monetär" *lol* Ja, täglich profitiere ich von diesem System. Ich weiß vor lauter Geld, das das Finanzamt mir überweist, schon gar nicht mehr, wohin damit. "eben weil das hochtechnisierte Gemeinwesen nicht auf dem Stand etwa des Staates Nigeria ist" Der Stand der USA wäre mir schon lieber. Dort sind zumindest die Unis privat. Ergebnis? Fast alle Eliteunis der Welt liegen in den USA, ein großer Teil der Nobelpreisträger kommt von dort. Anmelden oder Registrieren, um Kommentare schreiben zu können |
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ralph , am 19. November 2009 um 8:38 ( Link )
Das Steuersystem ist jedoch so organisiert, dass Absolventen, zumindest theoretisch, aufgrund ihres später höheren Steueraufkommens die durch ihr Studium verursachten Kosten tragen. Außerdem schreiben ignorieren sie damit, dass sehr viele Studenten bereits während ihres Studiums arbeiten.