13. November 2009

Belege für den Zeitgeist-Wechsel jetzt auch in der linken Presse Die Dämme brechen, das Pendel beginnt den Rückschlag

Weitere Vorboten der Wende (Teil 5)

Die Dämme brechen, das Pendel schlägt zurück. Waren es nach unserer bisherigen Analyse nur die bürgerlichen Leitmedien, die seit ein paar Wochen allzu lange Unerhörtes plötzlich aufgreifen, so räumen in dieser Woche erstmals auch traditionell linksliberale und linke Zeitungen und Zeitschriften Platz ein für das, was noch vor kurzem mindestens markt-, eher aber, weil diffamierender, rechtsradikal geheißen hätte.

Der Provokateur Norbert Bolz darf nun ausgerechnet in der sozialdemokratischen „Frankfurter Rundschau“ unter dem Titel „Herrschaft des Leistungsprinzips“ eine kaum versteckte Anklage gegen deren jahrzehnetlanges Gebaren publizieren: „Dass wir es heute, am Ende der Geschichte des Wohlfahrtsstaates, mit oft grotesken Wucherungen des Sozialen zu tun haben, hat nicht nur politische Gründe. Die linke Entmündigungspolitik, die ihre Wähler durch Sozialtransfers ködert, kann nämlich nur durch die sentimentale Begleitmusik der Massenmedien die nötige Gefühlsstütze bekommen.“

Und er beschreibt auch gleich an Ort und Stelle, wie die Kollegen Redakteure das so machen: „Um mit diesen Ungewissheiten und Unübersichtlichkeiten umzugehen, braucht man einen Schuldigen. Und heute ist der Liberale, dem man das Schild ‚marktradikal’ umgehängt hat, der ideale Sündenbock der modernen Gesellschaft. Erfolgreiche, leistungsbereite und wachstumsorientierte Menschen kann man deshalb mit einem einzigen Wort in die Defensive treiben: neoliberal.“

Und dann formuliert Bolz den altlinken Überzeugungstätern und deren Lesern das liberale Programm ins Stammbuch: „Der starke Staat ist gerade nicht der universale Problemlöser. Er darf gerade nicht die Gesamtverantwortung für die Gesellschaft übernehmen wollen, denn damit würde er sich übernehmen. Das bedeutet aber umgekehrt auch, dass die Erwartungen, die die Menschen an die Politik richten, nur erfüllt werden können, wenn sie nicht erwarten, dass die Politik die führende Rolle in der Gesellschaft übernimmt.“

Bolz ist am Ende weniger marktradikal als es ausschnittsweise scheinen mag. Oder er bekommt wie Kollege Sloterdijk im „Cicero“ Angst vor so viel eigener Courage. Doch Bolz ist eben auch nicht das einzige politisch höchst unkorrekte Einsprengsel in allzu lange überkorrekter Umgebung. Erinnern wir uns daran, dass Thilo Sarrazin gerade kein FDP-Mitglied ist, sondern jenen Teil der SPD verkörpert, der diesseits der am Wochenende zu wählenden Führungs- und Funktionärsriege die vermutlich einzige Zukunftschance der Partei ist.

In der sozialliberalen Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Chefredakteur Giovanni di Lorenzo derweil den hauseigenen Altherausgeber und unser aller Altbundeskanzler Helmut Schmidt interviewt – auch zum „Fall Sarrazin“. Di Lorenzo möchte offenbar von Schmidt eine Verurteilung Sarrazins aus berufenem Munde hören, doch dann kommt alles ganz anders. Und das hört sich so an: Frage di Lorenzo: „Wenn Sarrazin sagt, osteuropäische Juden hätten einen um 15 Prozent höheren Intelligenzquotienten als der Rest der Bevölkerung, wenn er sagt, dass Türken Kopftuchmädchen produzieren – das ist doch nicht tischunfein, das ist Unsinn!“ Antwort Schmidt: „Die Sache mit der Intelligenz wollen wir doch mal genau untersuchen (holt das Originalinterview hervor): Sarrazin wünscht sich Einwanderung nicht durch Türken und Araber, er sagt, es würde ihm gefallen, ‚wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung’. Was auch immer, ich halte die sachliche Aussage für richtig.“ So zu lesen nun in der „Zeit“ und nicht etwa in der „Nationalzeitung“, nicht von Hans-Hermann Hoppe, sondern von Helmut Schmidt. Di Lorenzo fragt irritiert und ungläubig, vor allem aber unsachlich nach etwas, was weder Schmidt noch Sarrazin behauptet haben: „Sie glauben, dass Menschen von Geburt an intelligenter oder dümmer sind, weil sie einem bestimmten Volk oder gar einer Religionsgemeinschaft angehören?“ Doch Schmidt lässt sich nicht provozieren und antwortet trocken: „Es spielen bei der Intelligenz natürlich zwei Dinge eine Rolle: die Begabung, das sind die Gene. Und es spielt das soziale Umfeld eine Rolle.“

Di Lorenzo ist erschrocken und beinahe wie gelähmt: „Warum verteidigen Sie Herrn Sarrazin? Weil Sie ihn lange kennen und einmal einen guten Eindruck von ihm gewonnen hatten?“ Und der in politaktiven Jahren als „Schmidt-Schnauze“ und im Alter als politisch unkorrekt auch in Verbotszonen und -zeiten rauchender Schnupf-und-Qualm-Anarcho Berüchtigte antwortet, wie als wenn er beide Rufe noch einmal bestätigen möchte: „Nein, weil ich sein Interview ganz gelesen habe – im Gegensatz zu vielen Journalisten. Aber es stimmt auch, dass ich ihn seit mehr als 30 Jahren kenne. Er hat als Berliner Finanzsenator hervorragende Arbeit geleistet.“

Und wer nun glaubt, es gehe hier nur um Sarrazins Provokation zur Erblichkeit von Intelligenz und nicht etwa um einen sich von linker Ideologie abzuwenden beginnenden Zeitgeist, dem sei eine weitere Passage dieses Interviews zitiert. Di Lorenzo: „Der Philosoph Peter Sloterdijk hat geschrieben: ‚Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen.’ Gibt es bei uns wirklich einen solchen Druck zur Konformität?“ Schmidt: „Ich hätte es anders formuliert, aber im Prinzip ist etwas Richtiges an dem, was Herr Sloterdijk schreibt. Ein wichtiger Punkt ist doch, dass die Volksmeinung überwiegend auf der Seite Sarrazins ist.“

Wenn die „Konformität“ plötzlich gar vom Elder Statesman des Landes kritisiert wird, dann steht sie vor dem Fall. Und wenn dieser alte Fuchs auf die Volksmeinung verweist, dann zeigt dies, dass es womöglich auch gar nicht mehr um eine erste Regung allein in intellektuellen Zirkeln geht.

In eben derselben „Zeit“ und nicht etwa in der „Deutschen Stimme“ nämlich berichtet unter der Überschrift „Es geht immer um Gewalt“ der Redakteur Jörg Lau, dass ihm seine Kollegin Miriam „folgendes von der Integrationsfront“ (seine Worte!) berichtet habe: „Ich habe gestern einen Workshop zum Thema Respekt durchgeführt mit einer ethnisch bunt gemischten Gruppe von Hauptschülern (14 J.), darunter Albaner, Iraker, Italiener, Russen, Polen und ein paar Deutsche. Die Wortführer waren Jungs albanischer, irakischer und italienischer Herkunft – keine Schlägertypen, aber gut informiert über die Szene. Für drei Stunden ging die Post ab. Ehre, Ficken, Jungfräulichkeit, Schlampen, Schlagen, Schwule, Opfer, Bozkurt, Black Jackets, Knast“. Und dann, so Lau, aber nicht lau, „beklagte sich ein junger, sehr sympathischer Italiener, dass er und sein Kumpel von zwei deutschen Jungs angemacht worden seien und sich gekloppt hätten, und dann sei die Polizei gekommen und hätte den Ausländern die Schuld gegeben. ‚Klar ist das unfair. Aber wundert dich das?’, habe ich ihn gefragt? Ich holte die Lokalzeitung vom Vortag aus meiner Tasche heraus und zitierte: Erstens junger Frau das Handy geraubt; Täter vermutlich Südländer; zweitens 49-Jähriger auf dem Fußgängerweg zwischen zwei am Rande der Stadt liegenden Dörfer von einer mit Messer und Pistole bewaffneten Gruppe junger Männer überfallen und ausgeraubt. Täter vermutlich Osteuropäer.’ Und dann fragte ich ihn: ‚Und wer hat letztens den deutschen Jungen auf dem Sommerfest halb tot geschlagen?’ – ‚Die XY-Gang’. Und wer gehört dazu? ‚Kurden, Russen, Kroaten, Bosnier.’ – ‚Und du wunderst dich, dass man annimmt, dass ihr angefangen habt?’ – ‚Naja, eigentlich nicht.’“

Und wir wundern uns auch nicht mehr über soviel Offenheit und Wahrheit, die plötzlich selbst in linksliberalen Leitmedien erscheint.

Einzig ein paar extreme Randgazetten bleiben von der Perestroika seltsam unberührt. Einige „Rechte“ suchen verzweifelt weiter den alten marxistischen Klassenkampf im Schulterschluss mit Volksfront und Volksinitiative und verpassen dabei die längst offensichtliche neue Ausbeutung der Nettosteuerzahler durch die Staatsprofiteure. Und die lange Zeit als noch vergleichsweise originelle und moderne Linke geltenden „Antideutschen“ der Wochenzeitung „Jungle World“ schicken ganz aktuell ausgerechnet den Altkommunisten Rainer Trampert ins Gefecht gegen die bösen Liberalen. Der schwingt – wie witzig! – gegen Sloterdijk und Co. fleißig die Nazikeule – Überschrift: „Der liberale Beobachter“. Damit den Wink auch der letzte linke Student versteht wird Trampert im Text noch deutlicher. Hier die Kurzversion: „Sozialneid von oben“, „Spießbürger außer Rand und Band“, „Knobelbecher“,  „Sudelpamphlete“, „den Betriebsfrieden gefährdende Sekte“, „pervers, schamlos und komisch“, „bedrohlich“, „Krieger in der Armee zorniger alter Neidhammel“, „bricht mit der Zivilisation“, „Machtergreifung“, „Hakenkreuz-Anstecknadel“, „die Freiheit der Unternehmer und Ärzte, sich auf Kosten anderer zu bereichern“, „Sozialdarwinismus“, „Herrenmenschen-Propaganda“, „Rückkehr zu vorchristlicher Barbarei mit Bettelei und Wegelagerei“, „Faschisten“, „Nazis“.

Tatsächlich, so Trampert mit einem ungewohnt offenen Blick in das Innenleben eines Kommunisten, richte sich das Einkommen „nach der Grobheit, mit der jemand andere für sich arbeiten lässt und Konkurrenten beseitigt, der Gerissenheit – vom Verkaufstrick bis zum Kleingedruckten“. Eigentum sei Diebstahl, „das Brot gehört in einem klug verfassten Staat von Rechts wegen dem Volk“. Und in Nordkorea applaudieren die glücklichen, reichen Massen rhythmisch der „Jungle World“.

Denn der „antizivilisatorische Kern der Debatte“, meint Trampert, liege „darin, dass für das System der Tod aller Rentner sowie der Arbeitslosen und Kranken, die nicht mehr funktionstüchtig zu machen sind, die profitabelste Lösung wäre, denn sie verbrauchen nur Werte, ohne selbst Mehrwert zu produzieren.“ Dass er damit sein eigenes sozialistisches Programm, das Menschen als Nummern und Kostenträger wahrnehmen muss, auf den Punkt bringt, scheint ihm nicht bewusst. Dass die kranken Funktionärsbonzen aus dem Ostblock zur medizinischen Behandlung in den Kapitalismus anreisten, hat er verdrängt. Trampert blendet konsequent mehr als ein Jahrhundert praktische Erfahrung mit sozialistischen Menschenversuchen aus und bleibt dabei: „Erst die von Marx ersonnene Gesellschaft, in der jeder nach seinen Fähigkeiten sich entfalten und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben werden soll, würde die freie Entfaltung des Individuums schaffen.“

Jedem nach seinen Bedürfnissen? Die Romanautorin und Philosophin Ayn Rand bescheibt in ihrem Magnus Opus „Atlas Shrugged“, wie die Starnes-Fabrik umstrukturiert wurde, entsprechend diesem verhängnisvollen Grundsatz „Jedem nach seinen Bedürfnissen“. Eine Konsequenz war ein Verlust des Wohlwollens unter den Arbeitern. Ein Tramp berichtet: „Dort lernten wir zum ersten Mal in unserem Leben, unsere Brüder zu hassen. Wir begannen, sie wegen jeder Mahlzeit zu hassen, die sie verzehrten, wegen jeden kleinen Vergnügens, das sie sich gönnten, wegen jeden neuen Hemdes, das sich ein Mann anschaffte, wegen des Hutes, den sich die Frau eines anderen kaufte, wegen eines Ausflugs, den sie mit ihrer Familie unternahmen, wegen des neuen Anstriches ihres Hauses.“ In „den alten Zeiten hatten wir es immer gefeiert, wenn jemand Nachwuchs bekam. Wir sprangen ein und halfen ihm, die Krankenhausrechnung zu bezahlen, wenn er im Augenblick gerade schlecht bei Kasse war. Aber wenn jetzt ein Kind geboren wurde, sprachen wir wochenlang nicht mit den Eltern. Babys waren für uns das geworden, was Heuschrecken für die Bauern sind.“ Schöne neue Dschungel-Welt?

Wohl eher ewig gestrig. Und doch sind sogar in einem solchen eingemauerten Milieu zuweilen Erkenntnisgewinne zu vermelden. Zwar nicht in der „Jungle World“, doch aber bei den ebenso „antideutsch-kommunistischen“ Genossen des Monatsmagazins „Konkret“. Dort nämlich klärt Autor Stefan Frank seit einigen Monaten regelmäßig die überraschten Leser über die Hintergründe der Finanz- und Wirtschaftskrise auf, mit Artikeln, die eins zu eins so auch in „eigentümlich frei“ erscheinen könnten. Nicht der Markt sei Schuld, so Frank explizit mit den Argumenten der liberalen Österreichischen Schule der Nationalökonomie, sondern alleine der Staat und insbesondere dessen inflationistische Geldpolitik. So werden in Zeiten der Wende ausgerechnet die „Konkret“-Leser aufgefordert, Gold zu kaufen.

Und wir wundern uns über gar nichts mehr.

Serie

1. ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

2. Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

3. Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

4. Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch: Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

Internet

Norbert Bolz in der „FR“: Herrschaft des Leistungsprinzips

Fragen von Giovanni di Lorenzo an den Altkanzler in der „Zeit“: Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

Jörg Lau in der „Zeit“: Es geht immer um Gewalt

Rainer Trampert in der „Jungle World“: Der liberale Beobachter

Die Zeitschrift „Konkret“

Das ganz besonders lesenswerte Buch des „Konkret“ Autors Stefan Frank zur Wirtschaftskrise


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