12. November 2009

Fragen zum Tod von Robert Enke Die Depression als bequeme Antwort

Warum das Naheliegende ausgeblendet wird und uns das Ferne so nahe geht

Muss ich jetzt auch noch etwas zum tragischen Tod von Robert Enke sagen? Besser nicht. Aber drei Fragen beschäftigen mich seit gestern, sie wollen gestellt sein.

Enkes trauriger Selbstmord wird von den Medien und vom Deutschen Fußballbund einzig auf eine krankhafte Depression geschoben, wegen der er seit 2003 in psychologischer Behandlung war. Doch geht es nur mir so, wenn ich mir Fotos von Robert Enke genauer anschaue? Der Mensch Enke wirkt auf Bildern und Fernsehaufnahmen nicht seit 2003 gebrochen, sondern seit dem September 2006, als seine zweijährige Tochter Lara nach langer Krankheit starb. Robert Enke trug auf seinem Handgelenk – und damit so offen und jederzeit auch für ihn sichtbar wie nur möglich – eine Tätowierung in Übergröße: Lara. Muss man Depressionen haben, um am Tod der eigenen Tochter zu scheitern? Oder ist eine psychische Krankheit für die Medien in unserer Zeit die bequemere Erklärung im Vergleich zu einem furchtbaren Schicksalsschlag, der so eng mit dem Tabuthema „Familie“ verbunden ist? Und der plötzlich überdeutlich macht, wie schwer diese auch heute noch wiegt?

Eng damit zusammen hängt eine zweite Bequemlichkeit: Als Kranker musste, so erfahren wir, Enke betreut werden. Betreuung – da gehen seltsame Lampen an und es kam wie es kommen musste: Erst sein Verein Hannover 96 und dann sogar der gesamte Deutsche Fußballbund erwägen nun eine flächendeckende psychologische Betreuung für Profifußballer. Schließlich seien die „jungen Männer“ (gewöhnlich im Alter zwischen 18 und 38 Jahren) „besonderen Belastungen“ ausgesetzt. Da ist die berufliche Weiterbetreuung in Zeiten, in denen jeder Schule ein eigener Psychologe zugewiesen werden soll, nur konsequent. Nanny-Staat und Nanny-Gesellschaft ist ein schwerkranker und recht eigentlich stets hilfebedürftig gewesener Robert Enke lieber als ein vom persönlichen Schicksal so überaus schwer Getroffener.

Nachdem ich selbst gestern Morgen seltsamerweise Tränen in den Augen hatte und dann Oliver Bierhoff in ähnlicher Lage im Fernsehen sah, und nachdem ich dann hörte, dass das Fußball-Länderspiel am Wochenende abgesagt wurde, kam mir noch ein dritter, sehr unangenehmer Gedanke. Menschen, die Robert Enke gar nicht kannten, leiden. Die, die ihn kannten, können Tage später ihrer Arbeit noch nicht nachgehen. Denken wir an unsere Groß- und Urgroßväter in den Schützengräben, die täglich ihre besten Freunde neben sich sterben sahen, so ahnen wir den verrückten Luxus dieser Tage. Und mir schwant angesichts des vor uns stehenden gesellschaftlichen, moralischen, ökonomischen, demographischen und demokratischen Zusammenbruchs, dass auch wir in Zukunft wieder den Umgang mit Trauer über Freunde, Kollegen und ferne Fernsehfußballgrößen anders gewichten werden. Schicksalsschläge finden dann wieder ausschließlich dort statt, wo sie wirklich weh tun, in der engsten Familie.


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