Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Die Zukunft des Österreichischen Gesundheitswesens, II. Teil: Herzinsuffizienz? Moorpackungen!

von Andreas Tögel

Endstation Leistungsrationierung

Wie textete der 75er-Jubilar Udo Jürgens – und beschrieb damit als gelernter Österreicher die paradiesischen Zustände in der Alpenrepublik? „Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld.“ Er hatte recht damit. Österreich ist ein wunderbares Land. Alle guten Dinge sind „gratis“: Kindergarten, Bildung, Sicherheitsproduktion, Gesundheitsversorgung – alles völlig kostenlos. Milton Friedmans Diktum, wonach es kein freies Mittagessen gäbe, es gilt überall sonst auf der Welt, nicht aber im Land am Strome…

Nun, wirklich „gratis“ sind all die genannten schönen Dinge, bei Licht besehen, auch in Kakanien nicht. Die unsichtbare Hand des Steuer- und Zwangsbeitragszahlers sorgt für deren Finanzierung. Und weil also Nutznießer und Financier nicht identisch sind – Marktgesetzmäßigkeiten, die dafür sorgen, dass jeder feiwillig an einem Handel Beteiligte davon auch profitiert, nicht gelten – kommt es halt zu kleineren Unzukömmlichkeiten (wie sie im vorangegangenen Beitrag zum Thema Gesundheitswesen bereits beschrieben wurden). Eines der weniger harmlosen der dräuenden Probleme besteht in der Dynamik der Ausgabensteigerungen. Die Kosten des öffentlichen Gesundheitswesens erhöhen sich pro Jahr nämlich um rund sechs bis sieben Prozent und liegen damit weit über dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (von dem aber heuer und vermutlich auch 2010 gar keine Rede sein kann). Mittelmäßig begabte Mathematiker (der Autor dieses Beitrags zählt leider nicht dazu) könnten nun unschwer jenen Tag errechnen, an dem einst volle 100 Prozent des BIP für Gesundheitsausgaben verbraten werden. So weit darf es natürlich nicht kommen, denn was sollte dann aus all den beamteten Lehrern, Polizisten, Richtern, Soldaten und Sozialbürokraten werden, die ihrerseits so unverzichtbare Beiträge zum Wohl der gemeinen Steuerzahler leisten? Zeit also, sich – abseits politisch motivierter Gepflogenheiten – ein paar Gedanken zu machen, die über das Brett vor dem Kopf und den nächsten Wahltag hinausreichen.

Der Grund für die überproportionalen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen mag vielen paradox erscheinen. Dieser ist nämlich nicht (zumindest nicht ausschließlich!) in der naturgemäß ineffizienten Planung des obersten Gesundheitssowjets zu suchen, sondern in der Tatsache, dass die hochentwickelten Möglichkeiten der modernen Medizin die Menschen nicht etwa gesünder, sondern – ganz im Gegenteil – immer kränker werden lassen. Menschen, die noch vor 30, 40 Jahren bestimmten Krankheiten rettungslos erlegen wären, können heute überleben – und bekommen damit die Gelegenheit, zusätzliche Krankheiten zu entwickeln, die ihrerseits kostspielige Therapien nach sich ziehen. Die nach wie vor ungebremst zunehmende Lebenserwartung der Menschen in den entwickelten Industriestaaten spiegelt auch die Segnungen der modernen Medizin (-technik) wider.

Wer also, wie das Politiker, gleich welcher Couleur, das bislang zu tun pflegen, vor das gläubige Volk tritt und diesem weismacht, dass jedermann ohne Ansehen der Person ein angeborenes Recht darauf hätte, aller noch so teuren Segnungen der Medizin in alle Ewigkeit teilhaftig zu werden, wird künftig erklären müssen, wie er die Mittel dafür aufzubringen gedenkt. Und er wird sich, wenn er schon einmal auf Denkmodus geschaltet hat – darüber hinaus auch der Frage stellen müssen, ob es in jedem Fall Sinn hat, alles was technisch möglich ist, tatsächlich auch – oft genug gegen den Willen des betroffenen Patienten – ins Werk zu setzen.

Nach bald 40 Jahren fast ununterbrochen tobenden Realsozialismus’ im Lande haben Herr und Frau Österreicher (und natürlich auch sämtliche ungebetenen Zuwanderer ins Wohlfahrtsystem) zutiefst das Bewusstsein verinnerlicht, dass es – vermeintlich rechtmäßige – Ansprüche gibt, die jedermann, unabhängig von erbrachten Eigenleistungen, gebühren. Dass also beispielsweise auch frisch immigrierte ostanatolische Schafhirten, im biblischen Alter von 46 frühpensionierte Postbeamte oder Nichtsnutze, die ihr Lebtag lang von der Sozialhilfe gelebt haben, selbstverständlich über ein Anrecht auf eine Lebertransplantation, eine Diabetesbehandlung oder einen Dreifachbypass am Herzen haben – und zwar auf fremder Leute Kosten! „Der Besitz von Geld darf nicht über die Gesundheit entscheiden – basta!“, so das einschlägige und nicht weiter begründete „Argument“.

Die Realität der explodierenden Staatsverschuldung und die daraus resultierenden Sparzwänge werden für ein Umdenken sorgen, das ist absehbar. Diktat der leeren Kassen! Die zwangsläufig spärlicher werdenden öffentlichen Mittel werden nicht nur im staatlichen Zwangssystem des Bildungvollzugs oder bei der Alimentation von Beamten, sondern auch in der öffentlichen Krankheitsverwaltung ein radikales Umdenken erzwingen. Und da der Staat keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass er sich als unumschränkter Herr, oder besser: Eigentümer seiner Steuersklaven versteht, wird er wohl die notwendigen Register ziehen, um die Logik des Systems zu verteidigen und dessen Kollaps zu vermeiden. Selbstverständlich wird der erste Angehörige der Nomenklatura, der es unternimmt, nicht länger zu verheimlichende unbequeme Wahrheiten zu verkünden, augenblicklich eine politische Leiche sein – was übrigens auch der einzige Grund dafür ist, weshalb kein mit der Materie vertrauter Politiker dieses heiße Eisen bislang angegriffen hat. Allein: Der Versuch zur Aufrechterhaltung der Illusion von der „kostenlosen“ Medizin taugt nicht zur Lösung des Finanzierungsproblems.

Nützlichkeitsüberlegungen werden an der Spitze der zu ergreifenden Maßnahmen stehen. Wer für das System keinen Wert hat (im Klartext: Wer nicht mehr als Steuerproduzent und Lastesel des Umverteilungssystems taugt) wird sich von bestimmten (wenn nicht allen) Leistungen des aus öffentlichen Mitteln finanzierten Gesundheitswesens früher oder später ausgeschlossen sehen. Das voll verstaatlichte britische Gesundheitswesen, das bestimmte Behandlungen wie die maschinelle Hämodialyse nur mehr produktiven Systemerhaltern zugesteht und allen Übrigen hervorragende Chancen bietet, als 21.745ster auf einer OP-Warteliste zu verscheiden, kann als leuchtendes Vorbild hierfür herangezogen werden.

Ob derartige Rationierungen besser sind als ein System, in welchem der Einzelne für sich selbst – frei – entscheidet, ob überhaupt und wenn ja gegen welche Risken er sich privat zu versichern gedenkt, mag jeder selbst beurteilen. Eines indessen scheint sicher: Jemandem jahrzehntelang Beiträge abzupressen und ihn im Fall der Fälle, wenn er in Folge eines Unfalls oder einer Erkrankung als Beitragszahler dauerhaft ausfällt, seinem Schicksal zu überlassen (und genau dahin wird der Hase angesichts der absehbaren Unfinanzierbarkeit der öffentlichen Gesundheitskolchose laufen) – scheint wohl die übelste aller möglichen Lösungen sein.

Szene anno 2015: Arzt: „Wir werden Ihre Herzinsuffizienz mit preiswerten Moorpackungen behandeln!“ Patient: „Aber hilft denn das auch?“ Arzt: „Das nicht, aber Sie gewöhnen sich dadurch schon einmal an den Erdgeruch…“

29. Oktober 2009

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