08. Oktober 2009

Thilo Sarrazin Orwell lässt grüßen

Frank Plasbergs politisch nicht ganz korrekte Talkshow

Jeder dritte Berliner hat einen Job. Jeder dritte Berliner mit einem deutschen Pass wohlgemerkt. Von den Ausländern in der Stadt hat nur jeder Siebte Arbeit. Das kann sich jeder ausrechnen, der Grundsätze der Mathematik beherrscht und auf der Internetseite des Statistischen Landesamtes von Berlin-Brandenburg nachschaut. Wer diese Tatsachen öffentlich ausspricht, hat ein Problem.

Wenn Hans-Christian Ströbele provokante Bemerkungen macht, dann ist das in Ordnung. Zum Beispiel hat der Grüne aus Kreuzberg schon mal einen islamischen Feiertag gefordert oder eine türkische Version der deutschen Nationalhymne. Wenn sich Thilo Sarrazin über die Probleme Berlins äußert, wozu er als langjähriger Finanzsenator berufen ist wie kaum ein anderer, dann löst er einen Tsunami aus. Eine weitere Welle schwappte davon gestern bei „hart aber fair“ über das Land.

Es diskutierten Kristina Köhler und Oswald Metzger (beide CDU) mit eben jenem Gebt-das-Hanf-frei-Ströbele, dem „Spiegel“-Journalisten Matthias Mattusek („Wir Deutschen“) und der türkischen Lobbyistin Ayten Kilicarslan.

Das Sarrazin-Interview drehte sich im Kern um die Frage, wie eine Stadt auf die Beine kommen soll, die jahrzehntelang von üppigen staatlichen Subventionen gelebt hat und heute als Konsequenz zu einem Großteil aus Schmarotzern und Zurückgebliebenen besteht. Wie so oft ging diese Debatte nach hinten los, weil Sarrazin bewusst missverstanden wird. Das zeigte auch diese Sendung.

Tatsache ist, dass Türken und Araber einen erheblichen Anteil am urbanen Sub-Proletariat stellen. Deswegen haben viele Leute Sarrazins Äußerungen in den falschen Hals bekommen und als „ausländerfeindlich“ interpretiert. So blieb netto nur sehr wenig Zeit, um die wirklich wichtigen Fragen zu diskutieren: nämlich die, was alles falsch läuft in unserem Wohlfahrtsstaat.

Ströbele („Sarrazin hat schlimme Sachen gesagt“) und Kilicarslan hatten zu dieser ökonomischen Kernaussage nichts Wesentliches beizutragen – oder wollten es nicht. Mattusek, der sich in der Vergangenheit schon mit linken Gutmenschen angelegt hat, lief leider nicht zu Hochform auf. Immerhin bemängelte er, dass es keine offenen Debatten im Land gäbe: „Ich bin froh, dass ich beim ‚Spiegel’ bin, wo es mehrere Meinungen gibt, wo nicht nur eine Kreml-Linie vorgegeben wird.“ Den meisten Politikern und Journalisten attestierte er, sie seien „applausgeil“, also: politisch korrekt. Außerdem lobte er die angloamerikanische Meinungsfreiheit, die den Deutschen leider fremd sei: „In Amerika gäbe es das nicht, dass ein Staatsanwalt auf den Plan gerufen wird wegen eines Artikels in einer Zeitung.“

Am stärksten war jedoch Oswald Metzger, der sich als einziger mit dem Inhalt von Sarrazins Rede auseinandergesetzt zu haben schien: „Die Mittelschicht, die arbeiten geht und Steuern zahlt, hat das Gefühl, dass in der Unterschicht eine Bereitschaft erzogen wird, dass die Menschen nicht mehr wissen, dass man mit eigener Leistung etwas zustande bringen muss.“

Metzger sprach sogar vom bevorstehenden Zusammenbruch unseres Wohlfahrtsstaats angesichts der enormen Staatsverschuldung und der uneinlösbaren Versprechen: „Wenn man behauptet, man könne sowohl Sozialtransfers erhöhen und wenn man gleichzeitig den Pensionsetat erhöht, wie soll dann bitteschön Geld an der Bildungsfront ankommen? Wenn man dann noch die Zinsen bezahlt für die gigantische Staatsverschuldung, die wir quer durch alle Parteien die letzten anderthalb Jahre lang aufgebläht haben, dann frage ich mal, ob wir an die eierlegende Wollmilchsau Staat glauben? In dem Land reden die Leute nicht mehr darüber, dass das, was ausgegeben wird, auch erwirtschaftet werden muss – und das gilt nicht nur für Türken, nicht nur für Araber, sondern auch für ganz viele Deutsche. Wir haben ein Unterschichtsproblem, das auch die Inländer betrifft.“ Wer wollte ihm da widersprechen?

Leider war schon bald Schluss mit den erhellenden Aussagen zum Thema Staatsverschuldung und Wohlfahrtsstaat. Denn nach 49 Minuten war auch diese Runde endlich bei Adolf angelangt, danach plätscherte das Gespräch nur noch so vor sich hin.

Letzter Lichtblick war die CDU-Frau Kristina Köhler, die kritisch anmerkte, dass Satire immer nur gegen heterosexuelle Männer oder Christen zulässig sei, aber nicht gegen Randgruppen.

Erstaunlich, dass Moderator Frank Plasberg sich an das Thema herangewagt hat. Wer redet sonst schon in der ARD über die Schmuddelkinder, die kurz vor der Exkommunikation stehen? Das ist eben der kleine Unterschied zwischen Plasberg und seinem Team gegenüber den politisch überkorrekten Anne Wills oder Sabine Christiansens.

Die Macher der Sendung redeten uns am Schluss dann allerdings ein, dass Sarrazin-Verteidiger und -Gegner sich in der Zuschauergunst die Waage halten würden. Das taten sie sicher nicht. Auf der Webseite zumindest fanden fast neunzig Prozent die Äußerungen des Bundesbankvorstands zulässig. Natürlich wurde das Ergebnis dieser Umfrage nicht genannt. Auch der Titel der Sendung war verräterisch. Er lautete „Nach Sarrazins Türken-Schelte: Was ist noch Klartext, was ist schon Vorurteil?“ Wenn wir davon ausgehen, dass Vorurteile gerade im Zusammenhang mit Ausländern immer negativ angesehen werden, dann ist das deutliche Aussprechen der Wahrheit („Klartext“) ab einer bestimmten Stelle nicht mehr wünschenswert, weil es in ein Vorurteil (schlecht) umkippt. So die Logik des Titels. Und das ist natürlich Quatsch. Denn wenn Klartext Vorurteil bedeutet, dann ist Wahrheit Lüge, dann ist Liebe Hass, dann ist Krieg Frieden. Kein Wunder, dass Emanuel Goldstein – pardon: Thilo Sarrazin – natürlich selbst nicht an der Runde teilnehmen durfte.

Und dennoch war diese Sendung wohl das Beste und Offenherzigste, was derzeit in der ARD überhaupt möglich ist.


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