29. September 2009

Ideen und Veranstaltungen „Austrian Asset Management“

Die Österreichische Schule der Ökonomik bekommt Auftrieb

„Ideas matter“, behaupten Intellektuelle und Think-Tank-Betreiber gerne: Ideen können etwas ausrichten; der Geist bewegt die Materie. Ist das so? Oder gilt doch eher das Karl-Marx-Wort „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Seit Jahrzehnten reden sich die Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomik (Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek & Co.) den Mund fusselig, aber nur die, die sich ohnehin der Freiheit verschrieben haben, lassen sich wirklich ein auf diese umfassende Lehre von der Wirtschaft und vom menschlichen Handeln überhaupt. Mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise jedoch scheint das Eis zu brechen.

Unter dem Eindruck des offensichtlichen Versagens von an den Hochschulen gelehrten Wirtschaftstheorien öffnen sich viele Selbstdenker den Botschaften der „Österreichischen Schule“, haben doch deren Vertreter die Krise lange mit Begründungen vorausgesagt, für die sie noch vor Kurzem nur belächelt wurden. Die systematische Ausweitung der Kreditvergabe durch künstlich niedrige Zinsen – natürlich stets zum Zweck einer „Ankurbelung der Wirtschaft“ – sorgt tatsächlich nur für ein Strohfeuer, einen künstlichen Boom, und muss zwangsläufig in einer Rezession bereinigt werden. Die mit dem billigen, wohlfeilen Kreditgeld getätigten Investitionen sind nicht nachhaltig, weil sie nicht durch reale Ersparnisse gedeckt sind. Die künstlich niedrigen Zinsen können ihrerseits nur in einem Geldsystem der monetären Planwirtschaft verordnet werden, das daher letztlich für den nur scheinbar unentrinnbaren Konjunkturzyklus („boom-bust cycle“) verantwortlich ist. Von dieser Warte der Österreichischen Konjunkturtheorie aus („austrian business cycle theory“) haben „Austrians“ seit 2003 vor den Folgen der billigen und schlecht oder gar nicht gesicherten Immobilienkredite in Amerika gewarnt – vergeblich. Jetzt erst beginnt man, ihnen zuzuhören. Ideas matter? Wohl eher: „Nichts ist so stark, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ (Victor Hugo).

Der deutlich spürbare Auftrieb, den die Denkschule der „Austrian Economics“ seit 2007 zu verzeichnen hat, zeigt sich an vielen Stellen. Vertreter und Sympathisanten der Österreichischen Schule sind als Redner und Interviewpartner gefragt wie selten zuvor, und auch im deutschsprachigen Raum sind eine ganze Reihe von regelmäßigen Konferenzen, Kolloquien, Seminaren, Messen, Weblogs und Gesprächskreisen entstanden, die den „Österreichern“ ein Forum geben. Manche Initiative wird vielleicht wieder eingehen, viele werden noch entstehen. Es ist eine Graswurzelbewegung mit offenem Ausgang, und wer seinen Hayek studiert hat, kann auch hier getrost auf den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren vertrauen.

Ein Trend ist bereits auszumachen: Einige Vermögensverwalter und Anlageberater, die konträr zum Mainstream denken – im Angelsächsischen spricht man von „contrarians“ –, markieren ihren Ansatz mit einem offensiven Bekenntnis zur Österreichischen Schule der Ökonomik, gleichsam als Markenzeichen oder Qualitätsmerkmal ihrer Anlagestrategie. Das bekannteste amerikanische Beispiel ist vielleicht Peter Schiff, Chef der Broker-Firma „Euro Pacific Capital“, der auch als Berater des Kongressabgeordneten und ehemaligen Präsidentschaftsbewerbers Ron Paul aufgefallen ist und der nun übrigens selbst für den US-Senat 2010 kandidiert. Eine gewisse Berühmtheit und das hohe Ansehen, das Peter Schiff in den vergangenen zwei Jahren erlangt hat, beruhen auf seinen Vorhersagen der Krise in zahlreichen Fernsehinterviews seit 2002, die auf YouTube in einem Zusammenschnitt „Peter Schiff was Right“ die Runde machen. Die ins Internet gestellten Literaturempfehlungen „The Bailout Reader“ des Mises-Institus in Auburn, Alabama, und „The Depression Reader“ von Lew Rockwell zeigen, dass Peter Schiff kein Einzelfall ist. Und wie steht es in Deutschland?

Seit 2002 liefert zum Beispiel Claus Vogt von der Berliner Effektenbank dem ef-Magazin treffsichere Marktanalysen, die aus dem Geist der Österreichischen Schule geschrieben sind. Auch in etablierten Medien sehr präsent und als Redner und Interviewpartner viel gefragt ist Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Barclays Capital Deutschland und ebenfalls bereits ef-Autor. Ihn hat die aktuelle Krise von der Richtigkeit der Lehre der Österreichischen Schule und insbesondere des Ludwig von Mises überzeugt, was seine zahlreichen Veröffentlichungen, zum Beispiel im ordnungspolitischen Weblog „Wirtschaftliche Freiheit“, reflektieren. Der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, der in Mainstream-kritischen Kreisen viele Fans hat und also so etwas wie ein Contrarian im Establishment ist, zeigt tiefere Kenntnis der Österreichischen Schule, wenn er sich „österreichischer Verballogik“ befleißigt, wie er augenzwinkernd und als Seitenhieb auf die mathematischen Modelle der Mainstream-Ökonomen unlängst in einem Interview „Börsentalk im Hotel Atlantic“ bekannte. Die Anlegerzeitschrift „Smart Investor“ hat mit ihrem Juli-Heft 2009 eine eigene Rubrik „Österreichische Schule“ eingeführt, und am kommenden Wochenende, 2./3. Oktober 2009, findet in Wien ein ganzer Kongress über die Finanzkrise aus Sicht der Österreichischen Schule statt, „Lernen aus der Krise – Lernen für die Zukunft“. Wie es scheint, fehlt nur noch ein Begriff, der die Anwendung der Konjunkturtheorie und der Kapitaltheorie und anderer Ansätze aus dem Hause Mises, Hayek, Böhm-Bawerk & Co. auf die Wissenschaft von Anlagestrategie und Vermögensverwaltung auf den Punkt bringt.

Am 22. September fand in Hamburg die Auftaktveranstaltung einer Vortragsreihe über „Austrian Asset Management“ statt, zu der der Hamburger Finanzmakler Steffen Krug eingeladen hatte. Austrian Asset Management? Das klingt, als hätte es das schon immer gegeben, doch es ist eine Wortschöpfung des Veranstalters. Steffen Krug hat an der Viadrina in Frankfurt an der Oder bei Professor Jan Winiecki studiert, der als Vertreter der Österreichischen Schule und Mitglied der Mont Pèlerin Society in klassisch liberalen Kreisen kein Unbekannter ist. Dieser akademische Einfluss hat bei Herrn Krug und seinem beruflichen Werdegang in der Finanzdienstleistungsbranche ganz offensichtlich Spuren hinterlassen. „Ideas matter“, möchte man an dieser Stelle sagen.

Bei dem Vortragsabend des „Instituts für Austrian Asset Management“, wie Krug seine Initiative nennt und informativ im Internet präsentiert, sprach als erstes Martin Mack von der Hamburger Vermögensverwaltung „Mack & Weise“, die im wesentlichen zwei Fonds verwaltet und deren ausgezeichnete Studien, wie auch der Vortrag von Herrn Mack über die Finanzkrise, eine deutliche Nähe zum Gedankengut der Österreichischen Schule aufweisen. Als zweites stellte der „zertifizierte Edelmetallberater“ Michael Gusek aus Lüneburg die Industriemetalle Indium, Hafnium, Gallium, Wismut, Tantal und Tellur vor und würdigte sie als Investmentmöglichkeiten. Schließlich kamen die ca. 30 geladenen Gäste in den Genuss eines Vortrags über Immobilienerwerb in Kanada und speziell die Vorzüge von Cape Breton Island in der Provinz Neuschottland. Der vortragende Finanz- und Versicherungsmakler Frank Eckhardt hat sich dort eine Farm zugelegt und präsentiert sich mit einer eigenen Landerschließungsfirma als Partner für den Grundstückserwerb.

Was hat das alles mit der Österreichischen Schule der Ökonomik zu tun? Ist jede Bevorzugung von Anlagen in Sachwerten bereits ein „Austrian Asset Management“? Was kann der Begriff leisten? Ist er überhaupt sinnvoll? Die Referenten etwa der „Edelmetall- und Rohstoffmesse“ in München, die dieses Jahr bereits zum fünften Mal stattfindet, oder auch die Interviewpartner des Online-Magazins „Rohstoff-Spiegel“ haben ganz überwiegend einen gemeinsamen systemkritischen Nenner, der sie vom Mainstream abhebt, doch berechtigt das schon zu einer Vereinnahmung durch die Österreichische Schule? Konträre, bankenunabhängige Vermögensverwalter werden mit der Anheftung eines solchen Etiketts wahrscheinlich selbst eher zurückhaltend sein, denn die Österreichische Konjunkturtheorie zum Beispiel ist ja nur einer unter vielen Aspekten einer Kapitalmarktanalyse. Wenn man bedenkt, welche Milliardensummen allein aufgrund von Charttechnik bewegt werden, kann dieser Aspekt sicher nicht völlig außer Acht gelassen werden. Die „österreichische“ Kritik an der herrschenden Geldordnung kann auch zu einer ideologisch getriebenen Fehleinschätzung der Realitäten und Machtverhältnisse verleiten oder zu einem schlechten Timing führen, was sich besonders an der Einschätzung zeigt, ob und wann (Hyper-) Inflation einsetzt. Auch aus akademischer Sicht stellt sich die Frage, ob es wirklich hilfreich ist, das Markenzeichen der Österreichischen Schule in die Branche der Anlageberatung zu tragen. Lässt sich der harte wissenschaftliche Kern der Österreichischen Schule angesichts seiner volkswirtschaftlichen Prognosegüte in eine solide und zuverlässige Anlagestrategie übersetzen?

Tatsächlich hat die Österreichische Schule der Ökonomik den Anspruch, umfassende Wirtschaftswissenschaft (und auch Sozialphilosophie) zu sein. Sie ist nicht, wie es ob des Namens manchem Unkundigen erscheinen mag, irgendeine Spezialtheorie der Wirtschaftswissenschaften. Das einschränkende Adjektiv „österreichisch“ ist insoweit irreführend, so wie Bio-Milch eigentlich auch nicht „Bio-Milch“, sondern schlicht „Milch“ heißen sollte, während ultrahocherhitze, homogenisierte und sonstwie behandelte Milch von Rechts wegen mit einer Vorsilbe versehen werden müsste. Im Selbstverständnis der Österreichischen Schule ist der Unterschied zwischen „österreichischer“ und Mainstream-Wirtschaftswissenschaft der Unterschied von richtiger und falscher Wirtschaftswissenschaft. Die „Ökonomik“, als welche die Österreichische Schule der Ökonomie also vielleicht schlicht firmieren sollte, bietet genug eigene Ansätze, um eine umfassende Investitions- und Finanzierungstheorie zu entwickeln und den herrschenden neoklassischen Kapitalmarktmodellen („Theorie der effizienten Märkte“, „Portfoliotheorie“, „Capital Asset Pricing Model“ etc.) etwas entgegen zu setzen.

In Madrid macht man sich zur Zeit genau darüber Gedanken. Das intellektuelle Schwergewicht Professor Jesús Huerta de Soto – Jurist, Wirtschaftswissenschaftler und Versicherungsmathematiker – hat Madrid durch seine Lehrtätigkeit und sein offenes Mises-Seminar zu einem Zentrum der Österreichischen Schule in Europa gemacht. Von ihm stammt auch das derzeit brauchbarste Einführungsbuch über die Österreichische Schule in deutscher Sprache, herausgegeben vom Hayek-Institut in Wien. Huerta de Sotos Schüler Professor Gabriel Calzada Álvarez, der ebenfalls an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid lehrt und der 2005 das mittlerweile durchaus einflussreiche liberale „Instituto Juan de Mariana“ gründete und seither leitet, arbeitet derzeit an der Einführung eines neuen Postgraduierten-Studiengangs, Arbeitstitel: „Austro-Liquidity-Value Master“. Er meint, dass die Ansätze der Österreichischen Schule weiterentwickelt werden können und müssen und erinnert in diesem Zusammenhang auch an die in Vergessenheit geratene Liquiditätstheorie Carl Mengers.

Steffen Krug definiert seinen Ansatz des „Austrian Asset Management“ wie folgt: „Austrian Asset Management kombiniert die Erkenntnisse der Value Investment Strategie, der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie sowie der Österreichischen Unternehmertheorie.“ Auf der bevorstehenden gemeinsamen Unterstützerkonferenz des Mises-Instituts und des Juan de Mariana-Instituts vom 21. bis 24. Oktober in Salamanca, „The Birthplace of Economic Theory“, werden Steffen Krug, Gabriel Calzada und andere Kenner der Materie gewiss Gelegenheit haben, Sinn oder Unsinn einer „österreichischen“ Theorie oder Strategie der Vermögensverwaltung zu erörtern. Mit „Austrian Asset Management“ hat der Finanzmakler aus Hamburg gegebenenfalls einen eingängigen Begriff in den Ring geworfen. Das Entdeckungsverfahren ist eröffnet.

Internet

YouTube-Video „Peter Schiff was right“

„The Bailout Reader“ des Mises Instituts

„The Depression Reader“ von Lew Rockwell

Claus Vogts Marktanalysen in eigentümlich frei

Prof. Dr. Thorsten Polleit bei mises.org

Der ordnungspolitische Blog „Wirtschaftliche Freiheit“

Folker Hellmeyer im „Börsentalk im Hotel Atlantic“ Anfang September 2009

„Smart Investor“-Ausgabe Juli 2009: „Die Finanzkrise aus der Sicht von Hayek und Mises“

„Lernen aus der Krise – Lernen für die Zukunft. Kongress zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ am 2./3. Oktober 2009 in Wien

Steffen Krugs „Lacruche Brokerage“

Steffen Krugs „Institut für Austrian Asset Management“

Studien der Vermögensverwalter „Mack & Weise“

Finanz- und Versicherungsmakler Frank Eckhardt

Eckhardts Landerschließungsfirma in Neuschottland

Referenten der „Edelmetall- und Rohstoffmesse in München“

Interviewpartner des „Rohstoff-Spiegels“

„Die Österreichische Schule der Nationalökonomie – Markt und unternehmerische Kreativität“ von Jesús Huerta de Soto

Prof. Dr. Gabriel Calzadas „Instituto Juan de Mariana“

„Supporters Summit 2009“ des Ludwig von Mises-Intstituts vom 21.–24. Oktober in Salamanca: „The Birthplace of Economic Theory“


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Kristof Berking

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