André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Schwarz-Gelb und wie weiter?: Ein Blick in die parteiensoziologische Glaskugel

von André F. Lichtschlag

Mancher Fahrstuhl wird weiterfahren, andere werden umkehren

Das gestrige Wahlergebnis ist eines der Extreme. Ein Rekordergebnis jagte das nächste. Die Werte für FDP, Linke und Grüne stiegen so hoch wie nie zuvor, SPD, CSU und CDU fielen so tief wie seit 1949 nicht gesehen. Extremwerte können einmalige Spitzen markieren oder als Wegmarken einer weiteren Entwicklung interpretiert werden. Die einen so, die anderen so. Wagen wir einen Blick in die Zukunft und schauen genauer hin.

Volkspartei, das war gestern. Alle etablierten Parteien sind seit gestern Klientelparteien. Die Union ist die Partei der Arbeiter, der unteren und mittleren Angestellten sowie der Rentner. Die FDP ist die Vertretung der kleinen und mittleren Selbständigen, der überzeugten Marktwirtschaftler, des Mittelstandes und der leitenden Angestellten in der Privatwirtschaft. Die Grünen sind die Versorger der Studenten, der Beamten, der linksliberalen Hedonisten und „Alternativen“ sowie der mittleren und leitenden Angestellten im öffentlichen Dienst. Die Linken sind die Klientelvertreter der Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger, der Gewerkschafter und der unteren Angestelltenschicht im öffentlichen Dienst.

Traditionalistische Katholiken und evangelikale Christen sowie Kultur- und Nationalkonservative werden von keiner etablierten Partei mehr vertreten und sind im Lager der Nichtwähler gelandet. Bis auf weiteres. Die SPD ist allenfalls noch die parteiliche Vertretung der evangelischen Landeskirchen. Sie bot denn auch am Wahlabend das Erscheinungsbild einer Mischung aus Dritte-Welt-Laden und Kirchentags-Frauencafé.

Erinnern wir uns, dass die SPD vor 30 Jahren noch die unangefochtene Vertretung der Arbeiter und der unteren Angestellten (heute alle CDU), der Studenten, der Beamten, der linksliberalen Hedonisten und „Alternativen“, der mittleren und leitenden Angestellten im öffentlichen Dienst (heute alle Grüne), der Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger, der Gewerkschafter und der unteren Angestelltenschicht im öffentlichen Dienst (heute alle Linke) war, dann ahnen wir das Ausmaß des Niedergangs dieser ehemaligen Volkspartei.

Die SPD hat kaum eine Chance, die verlorenen Schichten zurückzugewinnen. Für jede Klientel gibt es längst parteipolitische Spezialangebote, die sich auf ihre kleinere Zielgruppe und deren Interessen konzentrieren. Sozialhilfeempfänger etwa werden von den Linken einfach besser versorgt, die leitenden Beamten leben besser in und von der Grünen-Partei. Die SPD wird deshalb wie ihre geschrumpfte Restklientel weiter an Bedeutung verlieren und am Ende mindestens hinter die Linke, womöglich auch hinter die Grünen zurückfallen.

Die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger wird im nächsten Jahr stark zunehmen. Schon deshalb wird die Linke weiter wachsen.

Bei den Grünen ist der Trend weniger eindeutig. In Zeiten der Wirtschaftskrise wird die Zahl der linksliberalen Hedonisten und „Alternativen“ abnehmen, die mit Studiengebühren belegte Studentenschaft wandelt sich und die FDP wird dabei immer attraktiver, auch im öffentlichen Dienst muss gespart werden, gerade an den Stellen, die vom Fahrrad- bis zum Frauenbeauftragten fest in Grüner Hand sind. Das Wählerreservoir der Grünen schrumpft. Vieles spricht deshalb dafür, dass die Partei der Altachtundsechziger gestern ihre Spitze erreicht hat und zukünftig im Trend wieder verlieren wird, wenn auch weniger stark als ihre Mutterpartei SPD.

CDU und CSU sind an einem Minuspunkt angelangt. Die verlorenen konservativen Wählerschichten werden unter Angela Merkels Kanzlerschaft kaum zurückzugewinnen sein. Auch die Selbständigen mit den kleinen und mittleren Unternehmen, die überzeugten Marktwirtschaftler, der Mittelstand und die leitenden Angestellten in der Privatwirtschaft werden je nach künftiger Politik der schwarz-gelben Bundesregierung tendenziell bei der FDP verbleiben oder auch ihr verloren gehen, jedenfalls nicht von der CDU zurückgeholt werden. Auch die CDU macht also im Fahrstuhl nach unten vermutlich nur eine Zwischenstation und dürfte weiter fallen. Wobei ihre Konzentration auf die Interessen der immer mehr und mächtiger werdenden Rentner den Fall abbremsen kann.

Die Prognose für die FDP ist am schwierigsten. Wird und kann sie noch weiter steigen? Oder hat auch sie gestern einen Extremwert eingefahren, eine historische Spitze, von der sie wie die Grünen eher wieder zurückfallen wird? Der kommende Koalitionsvertrag und die ersten 100 Tage an der Regierung werden entscheidend für den weiteren Weg sein. Ohnehin wird die Bundesregierung dank der vielleicht nur kurz gewährten Bundesratsmehrheit bis zur nächsten Landtagswahl Mitte nächsten Jahres jetzt schnell „durchregieren“ und danach drei Jahre nur verwaltend tätig sein.

Was also wird Schwarz-Gelb im Koalitionsvertrag beschließen und dann schnell durchziehen? Wird die neue Regierung die Internetzensurgesetze zurücknehmen wie von der FDP versprochen (und damit nebenbei die kurze Geschichte der Piratenpartei auch wieder beenden, bevor sie richtig begann)? Wird sie die Steuern senken, wie von der FDP versprochen? Gar den Solidaritätszuschlag und die Ökosteuer abschaffen? Die Opel-Rettung beenden und weitere Subventionen für am Markt gescheiterte Unternehmen ablehnen? Die unsäglichen Antidiskriminierungsgesetze, den Dosenpfand und das Glühbirnenverbot zurücknehmen? Schädlichen Mieter- und Kündigungsschutz und die Mitbestimmung der Gewerkschaftsfunktionäre in den Betrieben abschaffen? Den millionenschweren Windmühlenkampf „gegen rechts“ und damit die Subventionen an Linksextreme beenden? Die Schuldenorgie bremsen und die Staatsaus- sowie aufgaben beschneiden?

Sollte die neue Regierung nichts davon angehen und am Ende gar noch Steuern und Schulden erhöhen statt senken, die „political correctness“ im übrigen weiter auf die Spitze treiben, Meinungsfreiheit beschneiden und den ökofemisozialistischen Weg in den totalen Mami-Staat, wenn auch langsameren Schrittes, so doch weiter vorangehen, dann wird die FDP zukünftig zusammen mit der CDU verlieren. Dann wird das Parteiensystem sich weiter verändern. Was in welchem Extrem gestern wirklich passiert ist macht nichts so deutlich wie das Nebenergebnis der Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Dort sank die CDU von 40,2 auf 31,5 Prozent. Die SPD fiel von 38,7 auf 25,4 Prozent. Die beiden ehemaligen Volksparteien fielen in nur vier Jahren von zusammen 78,9 Prozent auf nun noch 56,9 Prozent: ein Minus von 22 Prozent.

Spannende politische Zeiten liegen vor uns – in einem Land, das kurz vor dem Bankrott steht.

Schließen wir mit einem besonders gelungenen Beitrag aus dem Kommentarbereich. Wir wollen Politik schließlich auch nicht überbewerten. Unser Leser Urs Bleiker aus der Schweiz bemerkt: „Deutschland ohne Peer Steinbrück ist wie Star Wars ohne Darth Vader!“

28. September 2009

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Kommentare

familienwehr.de , am 28. September 2009 um 13:04 ( Link )

Die nächsten hundert Tage markieren die letzte Chance für die alte Ordnung der parlamentarischen Demokratie. Entweder Schwarz-Gelb wagt RADIKALE Reformen und bringt den rotten Dampfer Deutschland heil ins Trockendock, oder er erreicht den Hafen nicht und säuft ab, Mord und Totschlag um die Rettungsinseln inbegriffen.

Individuum, am 28. September 2009 um 13:09 ( Link )

Spannende politische Zeiten liegen vor uns – in einem Land, das kurz vor dem Bankrott steht.

Jetzt darf wahrscheinlich Westerwelles Truppe den Staatsbankrott in der nächsten Legislatur vermelden.

Das könnte zum tragischen Treppenwitz der Geschichte werden. Die einzige Partei, die noch halbwegs für Marktwirtschaft eintritt und die Gesetze Adam Rieses respektiert, stellt vermutlich den Finanzminister der Hyperinflation.

Ich höre schon das Geheule der linken Meute:"Die eiskalten Neoliberalen haben den Staat dem Kapital geopfert."

Dann wird man uns das Heil in Form des erlösenden Sozialismus verkünden. DDR 3.0

Stefan Miller, am 28. September 2009 um 13:15 ( Link )

Darth Vader hat immerhin den Luke Skywalker gezeugt, den späteren Retter der Republik.
Was haben wir nochmal Peer Steinbrück zu verdanken?
Ich meine, etwas was uns in Zukunft retten wird?

soulshappiness, am 28. September 2009 um 13:42 ( Link )

Das werden in der Tat sehr spannende Zeiten. Reiche kommen und gehen. Nach 300 Jahren Nationalstaatsidee könnte es sein, dass u.a. die europäischen Staaten den gleichen Weg gehen, welchen vor ihnen schon das assyrische, babylonische, griechische und römische Reich gegangen sind. Die Frage sollte also vorsichtig lauten: Was tun?

Ein Grund weshalb Christen im Römischen Reich verfolgt und ermordet wurden, war die Tatsache, dass sie sich nicht am römischen Staats-Götzendienst beteiligen wollten - weder in der Politik, noch im Militär. Stattdessen haben sie es vorgezogen ihre Kinder vor dem heidnischen Einfluss zu schützen und besser selbst zu unterrichten, sie haben ihre eigenen Gerichte gehabt (1. Korinther 6), sich der Waisenkinder und Armen angenommen, und durch die Diakonatsarbeit ein privates Sozial- und Bildungssystem geschaffen.

Nun, nachdem Rom unterging waren es Klöster, die Wissen bewahrten und Bildung ermöglichten, und es waren die örtlichen Bischöfe, die Recht sprachen. (Meines Wissens nach, stammt das Gewand der römisch-katholischen Bischöfe von der Amtskleidung der Richter im Römischen Reich, und sollte es, auf Befehl Konstantins, ermöglichen einen Rechtssprecher der Christen auf der Strasse zu erkennen.)

Wir würden gut daran tun, langsam selbst eigene Strukturen aufzubauen.

Haderach, am 28. September 2009 um 14:02 ( Link )

Die Linken Sozialträumer wachen nur auf wenn sie durch die Realität der Macht dazu gezwungen werden. Jetzt haben sie 4 jahre Zeit jede Entscheidung von Schwarz/Gelb als unsozial zu brandmarken und den Menschen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Am Ende wird nach der nächsten Whal eine rot/rot/grüne Mehrheit die dann (hoffentlich) erkämpften budgetären Spielräume in Rekordzeit vernichten, und die nächste Etappe Richtung Staatsbankrott in Angriff nehmen.
So gesehen wäre eine sofortige linke Regierung viel besser - die Zwänge der Wirtschaftskrise würden alle Steigerungen des ohnehin schon vorhandenen Sozialismus hart bestrafen.
Nie wären die Zeiten besser gewesen die Sozialisten einem Realitätstest zu unterziehen wie heute. Leider müssen nun wieder die Bürgerlichen die Drecksarbeit machen, und werden dafür bestraft werden.

familienwehr.de , am 28. September 2009 um 14:12 ( Link )

@Haderach.
Ja, was da auf uns zukommt, wenn die Chinesen den USA den grünen Papierteppich unter den Füßen wegziehen und die Exportnation Deutschland mit in die Knie geht, hätte man eigentlich nur seinen Feinden gegönnt.

Sphairon, am 28. September 2009 um 14:27 ( Link )

@Familienwehr:

Wenn China (eine Netto-Export-Nation mit großem, bisher unterdrücktem Konsumpotential) den USA (einer Netto-Import-Nation, die dank gewisser geopolitischer Umstände von ihrer Währung getragen wird) das Konsumvorrecht wegnimmt, wieso sollte das Deutschland (einer Netto-Export-Nation mit recht angesehenem Ruf, auch in Asien) schaden?

familienwehr.de , am 28. September 2009 um 14:51 ( Link )

@Sphairon.
Weil die USA für Deutschland ein ganz wesentlicher Markt sind.

Sphairon, am 28. September 2009 um 15:05 ( Link )

@Familienwehr:

Deshalb wies ich auf das Konsumpotential von China hin. China betreibt bisher eine inflationäre Währungspolitik, um den Yuan trotz der enormen Exportrate nicht zu stark werden zu lassen. Dadurch entsteht die prekäre Situation, dass eins der betriebsamsten Völker auf der Erde die Früchte seiner Arbeit verschenkt.

Wenn aber die USA weiter ins Schuldenmeer segeln und dadurch auch ihre Konsumfähigkeit schmälern, wird sich die chinesische Führung irgendwann von ihrer exportorientierten Politik abwenden müssen. Dann wird es zwar keinen Freipass mehr für den Dollar geben, aber durchaus einen großen Markt, um deutsche Produkte absetzen zu können.

johnnydepp, am 28. September 2009 um 15:12 ( Link )

Wer denkt unter der "Schlaftablette" wird sich was ändern, insb. was radikalerer Natur ist, der irrt sich.

Aber das werden die beiden Frauen schon unter sich ausmachen.

Merkel wird Fr. Westerwelle schon zeigen, wer Frau im Häuschen CDU ist.

Cheers

familienwehr.de , am 28. September 2009 um 15:19 ( Link )

Verehrter Sphairon.
Wir haben keinen Dissens.
Das Problem ist das "Irgendwann" wie Sie richtig bemerken. Die Zeit bis zum Irgendwann könnte die konservativ-liberale Bundesregierung (über die wir hier gerade reden) im ungeeignetsten Moment erwischen. Ein neues Weltwährungssystem schüttelt sich nicht in wenigen Wochen hin. Davor liegt noch das Armdrücken der neuen Weltmächte.

Jochen Trebmann, am 28. September 2009 um 15:21 ( Link )

Das wichtigste Ergebnis dieser Wahl lautet: Union und FDP stellen die Mehrheit. So banal sich das anhört, so erstaunlich ist dieses Ergebnis eben doch. Dieses Wahlergebnis widerspricht nämlich der These, daß der Wohlfahrtsstaat zwangsläufig eine Mehrheit von Systemprofiteuren gebiehrt, die, einer sich beschleunigten Bewegung gleich, immer neue Profiteure zeugt, wie es Hayek vermutete. Die Forderung Hayeks, die Profiteure müßten deshalb auf das Wahlrecht verzichten, ist also widerlegt. Hätte Hayek recht gehabt, wäre das Ergebnis gestern anders ausgefallen.

Das Spielen mit der Angst, das Einschlagen des Nagels von der Gerechtigkeit in die Köpfe der Mittel- und Ungebildeten, bis bei diesen jeder Verstand endgültig aussetzt (Nietzsche), bringt keine dauerhafte Mehrheit. Der Sozialismus ist auf Dauer nicht mehrheitsfähig. Auch dieses Ergebnis der Bundestagswahl 2009 ist bemerkenswert.

Es geht nicht in erster Linie darum, jetzt schnell alles zu verändern, solange das Durchregieren (Stichwort: Wahl 2010 in NRW) möglich ist. Es geht darum, die bürgerlich-liberale Mehrheit dauerhaft zu sichern. Da dürfen keine Fehler mehr passieren.

Die Quintessenz dieser Überlegung muß daher lauten: die Herz-Jesu-Sozialisten in der Union müssen an den Rand gedrängt werden, so daß deren Weltanschaulichkeiten keinen Raum mehr besetzen. Nichts spricht aus meiner Sicht gegen ordoliberale Politik, solange diese nicht ins wohlfahrtsstaatliche Fiasko führt.

In erster Linie ist daher jetzt Überzeugungsarbeit an allen Fronten zu leisten. Das funktioniert nur, wenn alle liberal-konservativen Kräfte geeint bleiben und den Wahlerfolg nutzen. Das schlimmste, was jetzt passieren könnte, ist die Zersplitterung der neu gefestigten liberal-konservativen Strömung im Land. Daher werden Liberale jetzt manche Kröte schlucken müssen, um nicht am Ende vor einem Scherbenhaufen zu stehen.

Nicht alles ist jetzt machbar, was notwendig ist. Soviel Realismus, bitteschön, muß schon sein. Es gilt in erster Linie, das in den eigenen Reihen zu vermitteln. Man kann nicht über Nacht ändern, was seit 1969 falsch gemacht wurde. Sonst ist die Mehrheit schnell wieder futsch.

johnnydepp, am 28. September 2009 um 16:25 ( Link )

@ratloser

Sind die homosexuell? Egal, schalten sie mal ihren Gutmenschen - oder PC-Modus (Political Correctness) wieder auf "normal korrekt" und sie können diesen Beitrag wieder übersehen.

Cheers

Uhahahahhaa, am 28. September 2009 um 16:51 ( Link )

> in einem Land, das kurz vor dem Bankrott steht.

Schon alleine wegen diesem Kommentar kann man den Artikel nicht ernst nehmen.

Deutschland steht noch lange nicht vor dem Bankrott, und steht im internationalen Vergleich noch verdammt gut da.

Wir können uns noch deutlich mehr Staatsverschuldung erlauben (siehe Japan).

Kurt_G Fördermitglied, am 28. September 2009 um 17:00 ( Link )

http://www.youtube.com/watch?v=vGuXVzgZ1uA&feature=player_embedded

Marco Kanne, am 28. September 2009 um 19:36 ( Link )

Jochen Trebmann,

Das wichtigste Ergebnis dieser Wahl lautet: Union und FDP stellen die Mehrheit. So banal sich das anhört, so erstaunlich ist dieses Ergebnis eben doch. Dieses Wahlergebnis widerspricht nämlich der These, daß der Wohlfahrtsstaat zwangsläufig eine Mehrheit von Systemprofiteuren gebiehrt, die, einer sich beschleunigten Bewegung gleich, immer neue Profiteure zeugt, wie es Hayek vermutete.

Ist das wirklich so? Vertreten denn FDP und mehr noch CDU/CSU etwa nicht ein staatsorientiertes, von Umverteilung und Interventionismus profitierendes Klientel und Programm? Selbst wenn man unterstellte, die FDP-Mitglieder und ihre Wähler währen zumindest klassische Liberale oder gar Libertäre, bedeutete dies doch im Umkehrschluss, dass mehr als 85% der Wähler den (im besten Falle!) etatistisch-korporatistischen Ausbeuter- und Bevormundungsapologeten ihre Stimme gegeben haben. Wo bitte ist Hayek da widerlegt?

Mit CDU/CSU und FDP mag's etwas langsamer in Richtung Untergang gehen. Das ist aber auch schon alles. Ja, man könnte sogar sagen, dass dies schlimmer ist als eine sozialistische Einheitsfront-Regierung, gegen die sich mglw. eine radikalliberale, libertäre Widerstandsbewegung mobilisieren ließe. - Wenn nicht ohnehin schon alles zu spät sein sollte. Für einige Teile dieses Staates ist es das mit Sicherheit.

Urs Bleiker, am 28. September 2009 um 20:22 ( Link )

@Uhahahahhaa

Sie kommen aus Japan? Ihr Nickname erinnert mich eher an den Dschungel oder an Gichtklauen auf einer heissen Herdplatte.....

Scrutograph, am 28. September 2009 um 21:40 ( Link )

Viele der in einem der letzten Absätze genannten politischen Vorhaben könnte Schwarz-Gelb auch nicht durchziehen, wenn es gewollt wäre: Es handelt sich um EU-Materie, Vorgaben aus Brüssel, die der deutsche Bundestag, um dessen ach so wichtige Besetzung hier in den letzten Wochen so ein Tam-Tam gemacht wurde, nur noch abzunicken hatte und abzunicken haben wird.

bernd_lessing, am 29. September 2009 um 9:03 ( Link )

@Jochen Trebmann:

"Dieses Wahlergebnis widerspricht nämlich der These, daß der Wohlfahrtsstaat zwangsläufig eine Mehrheit von Systemprofiteuren gebiehrt, die, einer sich beschleunigten Bewegung gleich, immer neue Profiteure zeugt, wie es Hayek vermutete."

Werter Herr Trebmann, zum einen vergessen Sie die Nichtwähler, die zu einem großen Teil NICHT schwarz-gelb gewählt hätten und mit Sicherheit Gewehr bei Fuß stehen, wenn es eine wie auch immer geartete linke Regierungsperspektive gibt (also in 2013). Zum anderen ist die CDU mittlerweile so "sozialdemokratisiert", dass sie problemlos als kollektivistische Wohlfahrtsstaatspartei durchgeht. Selbst die FDP ist aus libertärer Sicht nur sehr bedingt der Freiheit verpflichtet.

"Das Spielen mit der Angst, das Einschlagen des Nagels von der Gerechtigkeit in die Köpfe der Mittel- und Ungebildeten, bis bei diesen jeder Verstand endgültig aussetzt (Nietzsche), bringt keine dauerhafte Mehrheit. Der Sozialismus ist auf Dauer nicht mehrheitsfähig."

Oh doch! Die Mehrheit - gerade in Deutschland - sucht eher nach Sicherheit als nach Freiheit.

"Es geht darum, die bürgerlich-liberale Mehrheit dauerhaft zu sichern. Da dürfen keine Fehler mehr passieren."

Diese Mehrheit ist äußerst fragil. Solange die Mehrheit der Menschen nicht mal im Ansatz versteht, wie die Sachlage wirklich ist (und die Politik dies auch nicht deutlich macht), hat die schwarz-gelbe Regierung die Wahl zwischen harmlosem Nichtstun und Wiedergewähltwerden oder Handeln und in 2013 abgestraft zu werden. So einfach ist das in einer Demokratie.

"In erster Linie ist daher jetzt Überzeugungsarbeit an allen Fronten zu leisten."

Das ist richtig, wird aber wahrscheinlich nicht funktionieren. Erinnern Sie sich an den Wahlkampf 2005?

Solange die Medien da nicht mitziehen und Leute wie Oskar Lafontaine unwidersprochen ihre dreisten Lügen verbreiten dürfen, steht die Regierung auf verlorenem Posten.

"Nicht alles ist jetzt machbar, was notwendig ist. Soviel Realismus, bitteschön, muß schon sein. Es gilt in erster Linie, das in den eigenen Reihen zu vermitteln. Man kann nicht über Nacht ändern, was seit 1969 falsch gemacht wurde. Sonst ist die Mehrheit schnell wieder futsch."

Die Gefahr sehe ich weniger. Viel wahrscheinlicher erscheint mir, dass Merkel ihren "Kuschelkurs" fortsetzt und notwendige Maßnahmen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.

karen meiser, am 29. September 2009 um 12:01 ( Link )

Soulshappiness
Das werden in der Tat sehr spannende Zeiten. Reiche kommen und gehen. Nach 300 Jahren Nationalstaatsidee könnte es sein, dass u.a. die europäischen Staaten den gleichen Weg gehen, welchen vor ihnen schon das assyrische, babylonische, griechische und römische Reich gegangen sind. Die Frage sollte also vorsichtig lauten: Was tun? ... Wir würden gut daran tun, langsam selbst eigene Strukturen aufzubauen.

Wenn Sie sehen, was von diesen Altreichen übrig geblieben ist, so ist es nur doch der Mythos einstiger Größe, während deren Ausartungen des Untergangs bestenfalls zum Naserümpfen einladen. In diesem Sinne wäre es Zeitverschwendung, den zahnlosen Rentner namens „Abendland“ wieder- und weiterbeleben zu wollen. Seine historische Mission ist erfüllt. Sich wie die letzten Legionäre auf nostalgische Inseln zurückzuziehen, wird auf Dauer keine Rettung bringen. Erstens gibt es im globalen Dorf kein Rückzugsgebiet mehr und zweitens bekommen Sie aus dem Sammelsurium von 500 Millionen Individualisten keine Gruppe von 100.000 und aufwärts zusammen, die um Jahrhunderte und Jahrtausende denkt und zu einer neuen Hochkultur fähig wäre.

Die Frage ist ja auch, was sie retten wollen. Das Blut? Den Besitz? Die Cultur? Die Religion? Die Macht?

A. Lehmann, am 30. September 2009 um 15:23 ( Link )

@ Marco Kanne

"Ja, man könnte sogar sagen, dass dies schlimmer ist als eine sozialistische Einheitsfront-Regierung, gegen die sich mglw. eine radikalliberale, libertäre Widerstandsbewegung mobilisieren ließe."

Ich glaube das ist auf jeden Fall schlimmer. Stünden wir erst am Anfang einer negativen Entwicklung könnte eine schwarz-gelbe Regierung Schlimmeres verhüten und uns noch eine gewisse Zeit des "Wohlbefindens" sicherstellen. Wir leben aber seit langem schon in einer Gesellschaft die nicht lebenswert ist, die uns geistig und materiell aufs Schamloseste ausbeutet. Diesen Zustand durch 4 Jahre "Stillstand" zu verlängern, das kann doch nicht gut sein.

@ Bernd Lessing
"Oh doch! Die Mehrheit - gerade in Deutschland - sucht eher nach Sicherheit als nach Freiheit."

Dieser Staat ruht doch auf einer Bevölkerungsschicht die in jeder horizontalen Ordnung (wenigstens mittelfristig) in zunehmendem Maße Sicherheit gegenüber Freiheit präferieren wird.

Niemand sollte an dieser Stelle auch die Verweiblichung der Gesellschaft vergessen. Das begünstigt jeden Versuch Angst und Unsicherheit zu schüren. Ich spare mir den Hinweis darauf das die Ausweitung des Wahlrechts auf alle! Frauen eine der ganz großen Verschlimmbesserung Ihrer liberalen Freunde war...

"Die Gefahr sehe ich weniger. Viel wahrscheinlicher erscheint mir, dass Merkel ihren "Kuschelkurs" fortsetzt und notwendige Maßnahmen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden."

Ein Freund von mir ist Stadrat in der badischen FDP. Er sass vergangene Woche auf einer Veranstaltung neben Hermann Otto Solms. Der meinte wohl so nebenbei das Guttenberg mit dem Gedanken spiele sein Engagment bei den Schwarzen sausen zu lassen wenn er seine Ideen nicht umsetzen kann. Anscheinend geriet er gehörig mit Merkel aneinander weil er Opel in Konkurs gehen lassen wollte und sie das auf Teufel komm raus verhindern wollte. Für dieses Gerücht möchte ich aber nicht bürgen.

Möglicherweise liegen Guttenberg und Westerwelle deutlich stärker auf einer Wellenlänge. Könnte Gefahrenpotential für die Kanzlerin darstellen...


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