André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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„taz“-Panne: Julia allein zu Haus

von André F. Lichtschlag

Fräulein Seeligers Gespür fürs existente Problem

Julia Seeliger, Bloggerin und Grünen-Politikerin, die sich eine politische Auszeit bei der „taz“ als Schreibkraft gönnt, war so stolz auf ihre beiden ersten Artikel in der gedruckten Zeitung. Schließlich hatte sie laut alarmgeschlagen und „aufgedeckt“, dass der stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei, Andreas Popp, der konservativen Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ ein Interview gegeben hatte. Das war Autobahn, das geht doch nicht!

Doch dann kam alles furchtbar anders. Statt der erwarteten politisch korrekten Empörungswelle auf allen Kanälen stellte sich plötzlich heraus, dass nicht nur der stellvertretende Chef mit der „JF“ gesprochen hatte, sondern gleich auch noch der erste Vorsitzende Jens Seipenbusch. Klein-Julia kommentierte da noch trotzig: „Unglaublich, wie dumm von denen!“

Doch dieser Vorsitzende stand auch noch zu seinem Interview und findet selbst im Nachhinein nichts dabei. Schlimmer noch, das Fußvolk der Piraten meuterte weit stärker gegen Julias Artikel als gegen die beiden vermeintlich so bösen Gespräche mit der Presse, an deren Inhalt nicht einmal Julia etwas auszusetzen hatte, außer, „dass man das nicht tut“.

Und dann kam es ganz schlimm für die junge Sittenwächterin, denn nicht nur bei Mitbloggern im Internet wurde Julia zum Gespött. Selbst linke Profi-Kollegen begannen zu lästern. Peter Mühlbauer etwa schrieb ausgerechnet im linksliberalen Online-Magazin „Telepolis“, der „Text der Grünen-Politikerin Julia Seeliger in der ‚taz’“ mache „ungewollt darauf aufmerksam, dass es Zensurextremisten nicht nur in der Union gibt“. Auch in der SPD, so Mühlbauer, „schützten in der jüngsten Vergangenheit Politiker wie Sebastian Edathy und Brigitte Zypries immer öfter den Bequembegriff ‚rechts’ vor, wenn es um die Rechtfertigung von Grundrechtseinschränkungen ging. Das praktische an diesem Begriff ist, dass er in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass sich mittlerweile politisch Unliebsames fast jeder Richtung mit ihm bedenken lässt.“ Der Piratenpartei rät Mühlbauer im einflussreichen Magazin des Heise-Verlages: „Gerade angesichts von derart dreist zur Schau gestellter Dumm- und Grobheit wäre es keineswegs verabscheuungswürdig, wenn Grundrechtsschützer so viel Abstraktionsvermögen aufbringen, dass sie auch den eigenen Feinden das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit nicht absprechen, sondern es stattdessen verteidigen – in jedem Medium, das ihnen die Möglichkeit dazu bietet.“

Und Mühlbauer steht nicht alleine. Auch der Linksaußen-Autor und Journalist Jürgen Elsässer schreibt mit wuchtigen Worten gegen Seeligers Anmaßungen in der „unvermeidlichen ‚taz’“ an: „Ich habe fast zwei Jahrzehnte in linken Redaktionen gearbeitet und weiß, wie verheerend diese Gehirnfäule gewütet hat und immer weiter wütet.“ Auch Elsässers Rat an die Piraten ist eindeutig: „Ihr müsst Euch nicht ducken und verteidigen! Seid Ihr Piraten oder seid Ihr Memmen? Heraus mit dem Säbel – und dann die Angreifer an die Planken genagelt! Oder schmeißt sie über die Reling – zurück in den politisch-korrekten Schlick, aus dem sie gekrochen kamen! Denn eines dürft Ihr nie vergessen: Die Antifaschisten, das seid Ihr! Ihr kämpft doch gegen die neue Form des Faschismus, gegen den totalen Überwachungsstaat, gegen die Orwell-Diktatur, gegen Schäubles Stasi 2.0 – oder etwa nicht?“

Der Kulturjournalist Torsten Uhrhammer darf ausgerechnet in der „Jungen Freiheit“ mit einiger Berechtigung feststellen: „Die von linken Gesinnungswächtern aufgestellten Ver- und Gebote“ werden plötzlich zunehmend „in Frage gestellt und als das erkannt, was sie sind: Autoritäre Maßnahmen zur Sicherung der Machtfunktion.“ Während nämlich nur wenige Mainstreammedien über Popp und Seipenbusch herfielen, so Uhrhammer, „ist der Rest des Netzes schon weiter und führt die eigentlich interessante Debatte. Wer darf eigentlich mit wem worüber sprechen? Und wichtiger: Wer bestimmt das eigentlich und warum?“ Die Piratenpartei beschreibt Uhrhammer sehr realistisch: „Noch sind die Piraten nicht mehr als eine Ein-Thema-Partei mit lustigem Namen, der auch Spaß-Wähler in der Wahlkabine anzieht, deren parlamentarische Relevanz aber auch zukünfig mehr als ungewiss erscheint. Was die Nerds aber draufhaben ist, dass sie schon auf dem Schulhof gelernt haben, sich nicht um die Bestimmer und deren Denk- und Kleidungsgebote zu kümmern. So geschult, könnten sie sich auch den Bestimmern von links und deren Gedanken- und Sprechverboten entziehen.“

Arme Julia. Da hat sie einiges angerichtet: Die Piratenpartei ist in aller Munde und wird bestärkt, für Meinungsfreiheit einzutreten. Und, schlimmer noch, die linke kulturelle Hegemonie und ihre Ausgrenzungspolitik stehen plötzlich zur Diskussion.

Das hatte sie nicht gewollt! Seither fand man kein Wort mehr von ihr in der „taz“. Denkt sie nach? Geht sie in sich? Oder haben die „taz“-Verantwortlichen ihr ganz antiautoritär eine journalistische Auszeit von der politischen Auszeit verordnet? Ihr letzter Kommentar auf ihrer eigenen Homepage lässt eher zweites vermuten: Ob des Gespräches von Politikern konkurrierender Parteien mit Zeitungen konkurrierender Verlage nämlich „finde ich, dass man aufhören sollte, das offenbar existente Problem weiter zu relativieren.“

Internet

Jürgen Elsässer: „Zieht die Säbel, Piraten!“

Peter Mühlbauer: Freiheit des Andersdenkenden

Vorgeschichte: Die Piratenpartei, die „taz“ und die „Junge Freiheit“: Jehova, Jehova!

Torsten Uhrhammer: Linker Trend: Nerds schubsen

Julia Seeliger: Die Freiheit nehm ich mir

23. September 2009

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Kommentare

Noack, am 23. September 2009 um 17:12 ( Link )

Ich wäre sehr vorsichtig mit der Feststellung, dass nun plötzlich auch die linken Wortführer das Recht auf freie Meinungsäußerung auch für Andersdenkende verteidigen. Es mag in den Äußerungen Elsässers und Mühlbauers so scheinen, aber man darf dabei nicht vergessen, dass gerade entschieden wird, in welche politische Richtung die Piraten gehen werden. Und vielleicht haben die genannten Herren erkannt, dass sie mit solchen Verteidigungsreden darauf Einfluss nehmen können. Letztlich geht es ihnen ja auch gar nicht so sehr um den Bruderfeind der "Rechten" als vielmehr um den gemeinsamen Kampf gegen den Kapitalismus (siehe auch die Aktivitäten Elsässers in letzter Zeit). Und wenn es gegen diesen geht, werden sie alle zusammen ganz schnell doch ihre Grenzen der Meinungsfreiheit ziehen.

Marco Kanne, am 23. September 2009 um 20:13 ( Link )

Noack,

zumindest bei Mühlbauer ist anhand seiner Texte eindeutig, dass er eher zum Liberalismus denn zur Linken gehört. Der Mann steht für die Freiheit ein. Und das nicht erst seit heute.

Noack, am 23. September 2009 um 20:56 ( Link )

Ich kenne Mühlbauer ehrlich gesagt nicht. Und seine Äußerungen sind an sich ja sehr begrüßenswert. Da will ich mich zurückhalten. Aber Elsässers Beweggründe liegen für mich klar auf der Hand. Er will sagen: "Lasst uns Gräben zuschütten und uns gegen unseren gemeinsamen wahren Feind, den Kapitalismus, verbünden".

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich der Fokus politischer Diskriminierung (mithilfe der "Krise"?) in nächster Zeit tatsächlich vom Feindbild "rechts" noch mehr in Richtung des Feindbilds "kapitalistisch" bewegen wird. So kann vielleicht besser ein Konsens in der etwas farbenblinden oder auf Farben nicht so viel Wert legenden Blogosphäre hergestellt werden. Kapitalismus ist für deren Protagonisten (zumindest die am meisten wahrgenommenen) auch ein Reizwort. Schließlich ist das die Klientel, die künftig aufgrund ihres wachsenden Einflusses mit ins Machtboot geholt werden muss. Und ich bezweifle, dass am Ende dieses neuen Marsches durch die Institutionen eine liberale Gesellschaft stehen wird. Auch wenn sie heute einige, fast ausschließlich mit technischen Neuerungen der letzten 20 Jahre zusammenhängende Freiheitsrechte einfordert.

Die Seeräuber alten Schlages haben oftmals ihre Opfer durch das Hissen von Flaggen friedlicher Länder zunächst in trügerischer Sicherheit gewiegt und ihnen dann das Fell über die Ohren gezogen. Was ich nur sagen möchte: Vorsicht und Zurückhaltung sind angesagt.

Viscount, am 23. September 2009 um 21:09 ( Link )

@Noack

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich der Fokus politischer Diskriminierung (mithilfe der "Krise"?) in nächster Zeit tatsächlich vom Feindbild "rechts" noch mehr in Richtung des Feindbilds "kapitalistisch" bewegen wird.

Und ich muß Ihnen vollumfänglich beipflichten.

Der avisierte Gegner und die Strategie zu seiner 'Bekämpfung' haben ja ihre Sedimente schon bis in die allgemein gängigen Sprachmuster abgesetzt: Die Rechten graben ihre Ostküste wieder aus, die Linken die uralte Arbeitswertlehre - und gemeinsame Nenner, die man zunehmend mühsam und artifiziell auseinanderdividieren muß, ergeben sich auch folgerichtig unter dem Banner »Gegen Ausbeutung!«

Sogar die obligatorischen Schauergeschichten kursieren schon: In einem lokalen Revolverblatt erschien, wie man mir zutrug, dieser Tage ein 'Kommentar' eines an sich bislang für bürgerlich gehaltenen Lohnschreibers, der zum Tenor hatte: Keinesfalls die gelben Ausbeuterprofiteure an die Macht bringen, denn die erhöhen dem geschundenen deutschen Arbeiter die Mehrwertsteuer auf Nahrung, um damit Steuerflucht zu begünstigen.

(Man muß sich diesen himmelschreienden Unsinn mal auf der Zunge zergehen lassen!)

EEkat, am 24. September 2009 um 0:42 ( Link )

hahaha, "Julia allein zu Haus".

Köstlich.

Also, Piratenpartei, gut und schön, aber setzt da mal nicht zu viel Hoffnung rein.

Wie ich es einschätze, bedarf es eines rechten, charismatischen Menschen, der Deutschland aus dem Morast holen muß. Schwierig, mit unserer Geschichte.

Aber so sind die Leute (nicht nur) in diesem Lande nun mal. Sie haben es gerne, wenn jemand vorangeht. Alpha-Tiere, dann die 2, die 3. Reihe. Machen wir uns nichts vor, nicht nur die Genderisierung ist ein Schmarrn.

Wer immer dieser Charismatiker sein wird - ich hoffe, er muß nicht erst noch geboren werden - der wird sich diese Suada der Rechts-Diffamierung noch anhören müssen in einem bisher noch nicht erlebten Ausmaß.

In der Piratenpartei mag sich ein Hauch von Ahnung zeigen, wonach bei uns einiges aus dem Ruder gelaufen ist zwischen der Dressurelite, und uns, seinem Volk.

Aber diese Ahnung hat wohl ohnehin die Mehrheit der Bürger dieses Landes. Das ist auf die PP- Anhänger nicht beschränkt.

Die Piraten treten damit lediglich in einem vollständig brachliegenden Spektrum an, allerdings ohne jede Expertise, dies politisch wirksam werden zu lassen. Die folgen Witterungen, aber keinen Analysen. Die haben Partikular-Visionen, aber keine Strategie. Sie haben niemanden, der sagt, wo es langgehen muß.

Sie werden das in Arbeitszirkeln entscheiden. Das läßt sich ja jetzt bereits erkennen. Dies muß und wird sie dorthin führen, wo bereits alle anderen stehen: im Gerechtigkeitslager. Links. Es ist halt irgendwie ungerecht, daß nicht jeder dort stehen sollte, wo er eigentlich hingehört.

Die müssen also nirgendwohin gelockt werden.

Sowas bekommt man mit dem Mittermilchersatz eingeträufelt.

E.Ekat

karen meiser, am 24. September 2009 um 9:20 ( Link )

Mühlbauer:
„schützten in der jüngsten Vergangenheit Politiker wie Sebastian Edathy und Brigitte Zypries immer öfter den Bequembegriff ‚rechts’ vor, wenn es um die Rechtfertigung von Grundrechtseinschränkungen ging. Das praktische an diesem Begriff ist, dass er in den letzten Jahren so inflationär verwendet wurde, dass sich mittlerweile politisch Unliebsames fast jeder Richtung mit ihm bedenken lässt.“

Nicht nur das. Aktive Antidemokraten können auch, wenn sie nur lauthals das Antirechtsgeschrei anstimmen, den Fokus von sich selbst und ihrem Tun weglenken. In diesem Tätigkeitsfeld ist es sogar möglich, für intolerantes und totalitaristisches Handeln Demokratiepreise zu erhalten.

Waldmeister, am 24. September 2009 um 9:32 ( Link )

"Aktive Antidemokraten... lauthals das Antirechtsgeschrei anstimmen..."

???

A. Lehmann, am 24. September 2009 um 17:25 ( Link )

@ EEKat

"Aber diese Ahnung hat wohl ohnehin die Mehrheit der Bürger dieses Landes. Das ist auf die PP- Anhänger nicht beschränkt."

Auf die AHNUNG der Mehrheit der Bürger dieses Landes scheisse ich, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben. Diese "Ahnung", "das gesunde Volksempfinden", reitet uns seit 60 Jahren von einem Verderben in das nächste. So ist es hier, so ist es in Frankreich, in England und überall sonst wo die Dummheit blüht. Wissen Sie wen das gesunden Volksempfinden nicht in Amt und Würde holte? Es war kein Weimarer Demokrat, kein Reichskanzler Hitler, kein bundesrepublikanischer Erzverbrecher. Es waren die durch höhere Instanzen berechtigten Herrscher. Und darum geht es letzlich.

Das da "irgendetwas" aus dem Ruder gelaufen ist kann nun wirklich jeder Trottel bemerken. Die Antworten darauf, die sind entscheidend! Die Lösungsvorschläge die uns Tankstellenwächter Rudi oder Lehrerin Monika dazu liefern, die sind von so einer unbelehrbaren Dummheit, werter EEkat, das man bitte nie wieder auch nur ein Fünkchen Hoffnung in diese Masse setzen möge!

Egal von welcher Krise wir sprechen, ob von der der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Religion oder der Gesetze: Wir sprechen immer von der Herrschaft der Mittelmäßigkeit über die Exzellenz, welche die derzeitigen Verhältnisse verursacht hat. Es ist das kalte, einzigartige, arrogante, selbsüchtige Element, das man in allem "Echten" findet, in allem "Rechten" findet, in allem was Dauer hat und von Dauer ist. Deswegen ist die Marktwirtschaft kalt, das Reich ist kalt, die Kirche ist kalt und deswegen sind die großen Deutschen kalt. In allem was Tiefe hat stösst man eben unweigerlich auf Kälte, und damit kommt diese Zeit nicht zurecht. Dem Niederen ist es heute erlaubt das Hohe, ja das Höchste zu verspotten. Der Spott aber ist nur Ausdruck von Furcht und Neid, den vielleicht schlimmsten menschlichen Eigenschaften, und der Hure Demos als ihrer Hohepriesterin.

"Mode sagt: ich auch. Eleganz sagt: Ich allein."

Mit vielen anderen allein zu sein bedeutet echte Gemeinschaft. Aber vermeintliche Paradoxität als Schlüssel zur Welt ist unter der Vorbedingung massenhafter Übereinstimmung halt auch zum Scheitern verurteilt.


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