22. September 2009

„U18-Wahl“ Medien bejubeln politischen Missbrauch der Kleinsten

Piraten mangels Cowboys

Die Medien berichteten gestern wohlwollend: „Bei der U18-Bundestagswahl wurde ein buntes Parlament“ gewählt. Bei dem simulierten Urnengang „in Schulen, Bibliotheken und Jugendeinrichtungen“, so die Tageszeitung „Die Welt“, hatten „125.000 Jugendliche“ abgestimmt. „Nach der vorläufigen Endauswertung der 1.123 Wahllokale lag die SPD am Sonntag mit 20,4 Prozent vor den Grünen mit 20,0 und der Union mit 19,3 Prozent. Die Linke erreichte 10,3 Prozent“, berichtet die „Welt“ und fährt fort: „Die Piratenpartei wurde mit 8,7 Prozent fünftstärkste Kraft vor der FDP mit 7,6. Als siebte Kraft schaffte die Tierschutz-Partei mit 5,2 Prozent knapp den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde.“ Erwartungsgemäß große „Sorge“ wird bezüglich der „hohen Zustimmung für die NPD in Ostdeutschland“ vermeldet: „In Thüringen kam sie auf 9,4 Prozent.“ Das deutschlandweite Gesamtergebnis für die NPD verschweigt die „Welt“ wie nahezu alle anderen Zeitungen. Es lag nur knapp unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde bei 4,2 Prozent.

Bei der ersten Simulation der Bundestagswahl 2005 hatte die SPD noch mit 38,8 Prozent klar vor der Union mit 16,7 Prozent der Stimmen gewonnen. Damals hatten sich, so die „Welt“, „50.000 Jugendliche“ beteiligt.

Die „Welt“ und andere Berichterstatter heben das gute Ergebnis der Piratenpartei besonders hervor. Auch die Piraten selbst sind ganz außer sich vor Freude: „Neun Tage vor der Wahl zum deutschen Bundestag kann die Piratenpartei einen sensationellen Erfolg für sich verbuchen“, vermeldet die Partei bereits am Freitag: „Nach der ersten Auswertung der Jugendwahl würde sie mit neun Prozent in den deutschen Bundestag einziehen, wenn die stimmberechtigten Jugendlichen die Zusammensetzung des Bundestages festlegen könnten.“

Was Mainstreammedien und Parteipiraten verschweigen: Mehr als die Hälfte der „Jugendlichen“ waren 14 Jahre oder jünger. Ein Drittel war nur 13 Jahre und jünger. Und zu den Wählern, besser wohl neudeutsch „Votern“, gehörten sogar Vorschüler, die nicht einmal sechs Jahre alt waren.

Der traurige Befund: Bereits kleinste Kinder werden nun politisch missbraucht. Die beinahe lückenlose Politisierung aller Lebensbereiche im Erwachsenenleben reichen Medien und Politik nicht aus, die Kinderpolitisierung wird zynisch als demokratische Errungenschaft bejubelt. Selbst eine kleinste kritische Nebenbemerkung bleiben die journalistischen Berufskritiker ob dieses Skandals schuldig.

Und so fällt ihnen auch nicht auf, wer da so „überraschend viele Stimmen“ von den Kindern bekommen hat: die Tierschutzpartei und die Piratenpartei. Könnte es sein, dass die kleinen Mädchen vorwiegend die erste und die Jungs die zweite „Partei“ angekreuzt haben? Verständlich, denn weder die Prinzessinnenpartei oder die Pferde- und Pony-Partei dort, noch die Cowboypartei oder die Kettcar- und Mopedfahrerpartei hier standen zur Auswahl.

Internet

U18-Wahlseite

„Die Welt“ dazu


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