Frank Schäffler

Jahrgang 1968, FDP-Bundestagsabgeordneter.

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

Wirtschaftswissenschaften: Haben die Ökonomen die Finanzkrise wirklich nicht vorausgesagt?

von Frank Schäffler

Zwischenruf zu „Finanzminister Steinbrück rügt die Zunft der Ökonomen“ in der „FAZ“ vom 17. September

In den 1920er Jahren hat angeblich niemand die Weltwirtschaftskrise von 1929 vorausgesehen und heute angeblich niemand unsere Weltfinanzkrise. Selbst unser Finanzminister Steinbrück fragt in seiner Rede anlässlich der Preis­verleihung im Projekt „Jugend und Wirtschaft“ der „Frankfurter Allgemeinen Zei­tung“: „Wo waren die Wirtschaftswissenschafter mit ihrer Warnung: Vorsicht an der Bahnsteigkante?“

In den 20er Jahren war die Ökonomik an den Universitäten in Deutschland durch die Dominanz der Historischen Schule gelähmt. Heute befindet sich die universitäre Ökonomik in den Fesseln der neoklassischen Gleichgewichtstheo­rie.

In den 20er Jahren versagte die Historische Schule, weil man sich im Sammeln von Einzeleinheiten, kleinsten Details und einzelnen historischen Tatbeständen verloren hat, weil man sich aus diesen „Kleinigkeiten“ auf induktivem Wege Aussagen über das Große und Allgemeine versprach und weil man dadurch die Zeichen und Gefahren der Zeit  - „den Wald vor lauter Bäumen“ wie man so schön sagt – nicht gesehen hatte. Heute hat die dominierende und die wissenschaftliche Konkurrenz unterdrückende neoklassische Gleichgewichtstheorie versagt, weil man den alleinigen wissenschaftlichen Heilsweg darin sieht, durch ausgefeilte mathemati­sche Modelle ökonomische Erklärungen generieren zu können, die bei näherem Hinsehen eine reine Anmaßung von Wissen darstellen und zudem meistens nur das als Ergebnis liefern, was in den Annahmen bereits vorausgesetzt worden ist. Gefahren, Risiken und Systemrisiken werden so systematisch weggerechnet.

Das Denken in Ordnungen, wie Walter Eucken es gefordert hat, und die Be­schränkung auf Mustererkennung, die uns trotz aller Begrenztheit des menschli­chen Wissens und der menschlichen Erkenntnisfähigkeit möglich ist und die der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek immer angemahnt hat, wird an den deutschen Hochschulen kaum noch gelehrt. Im Gegenteil: Wir beobachten zur Zeit einen Ausverkauf der Ordnungstheorie und Ordnungspolitik an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland. Der wissenschaftliche Wettbewerb um Problemlösungen wird so systematisch an den deutschen Uni­versitäten ausgeschaltet. Eine einzige ökonomische Schule soll es richten. An­dere Denkweisen werden an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten un­terdrückt.

Von einer Praxeologie, die Ludwig von Mises als deduktive Erkenntnisme­thode und damit anders, als das Wort Praxeologie vermuten lässt, vertreten hat, habe ich in meinem Studium auch nie etwas gehört. Merkwürdig ist nur, dass sowohl Ludwig von Mises als auch sein Schüler Friedrich August von Hayek die Weltwirtschaftskrise von 1929 vorausgesehen hatten. Und merkwürdig ist auch, dass die Schüler von Mises und Hayek und viele Vertreter der österreichi­schen Schule der Nationalökonomie seit Jahren vor einem Kollaps unseres un­gedeckten Papiergeldsystems im größeren Ausmaß gewarnt haben, obwohl sie natürlich kein konkretes Datum des Zusammenbruchs benennen konnten.

Aber auch heute können wir überall an den deutschen Hochschulen und selbst von unserem Bundesfinanzminister Steinbrück hören: Das hat niemand voraus­gesehen! Klar, wer gibt schon zu, dass man andere Denkansätze unterdrückt und deren Warnungen seit Jahren in den Wind schlägt?

18. September 2009

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Roland Baader, Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann oder Michael Klonovsky schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Social Bookmarks

Anzeigen

Kommentare

Tobias , am 18. September 2009 um 15:58 ( Link )

So ist es, Herr Schäffler!

Sagen Sie das auch im Bundestag irgendwann mal laut und deutlich?
Steht die Fraktion sachlich hinter Ihnen?

Da diese Freagestellungen mein Votum am 27.09. beeinflussen, wäre ich Ihnen um eine Antwort/Erläuterung sehr dankbar.

Schwenken Sie bitte weiter die Fahne der Vernunft und der Freiheit!

Nils Fischer, am 18. September 2009 um 16:36 ( Link )

Hallo Herr Schäffler,

ich ziehe gerade das Buch von Murray Rothbard aus dem Schrank (Das Schein-Geld-System) und lese im Klappentext, das die 4. Ausgabe des Buches schon 1990 erschien. Auch den hätte Herr Steinbrück lesen können. Man muss sich fragen, weshalb niemand der Verantwortlichen die Literatur der Ökonomen liest, welche die Entwicklungen der vergangenen Monate und Jahre so überzeugend im Voraus dargelegt haben und die Ursachen gleich mitbenennen.

Ist es Unkenntnis oder bewusste Ignoranz? Ersteres wage ich auszuschließen, bleibt zu klären warum sie ignoriert werden. Vielleicht weil besagte Ökonomen mit ihren Handlungsempfehlungen gleichsam die geldpolitische Machtbasis des Staates einreißen. Insofern bleibt auf eine strukturelle Änderung des Systems nicht zu hoffen.

Von der Östereichischen Schule habe ich auch erst nach dem Studium erfahren. Es könnte tatsächlich Methode dahinter stecken.

Noack, am 18. September 2009 um 17:18 ( Link )

@ Tobias:

Nein, solche Feststellungen werden nur hier, wo man in der FDP glaubt, Wählerpotenzial mobilisieren zu können, ausgesprochen. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit "muss" man "ausgleichender, abwägender" auftreten :-)
Und falls Sie nach der Wahl verwundert oder zornig fragen, wo denn all die Einsichten und Vorsätze aus solchen Reden geblieben sind, wird man auf Zwänge hinweisen, die man als ordentlicher Demokrat nun mal auszuhalten hat. Meiner Meinung nach wird Parlamentswahlen hierzulande eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Dabei handelt es sich nur um Augenwischerei. Notwendige Änderungen am System sind auf diesem Wege nicht zu erreichen, sondern werden sich fast ganz von allein aus dem schleichenden, ökonomisch zwangsläufigen Zusammenbruch und einem anschließenden Neubeginn ergeben.

Tobias , am 18. September 2009 um 18:24 ( Link )

@ Noack: Ich teile Ihre Einschätzung, dennoch hege ich die Hoffnung, dass Herr Schäffler, wenigstens für meine Stimme, den Mut aufbringt und auch einer weniger vorgebildeten und selektiven Öffentlichkeit seine Wahrheiten erzählt. Sollte er und seine vernünftigen Kollegen dies aus Angst vor Machtverlust nicht tun, brauche ich meine Wahlentscheidung nicht überdenken. Ich täte dies allerdings gerne.

Im Übrigen fehlt mir (meist) die Naivität um mich von Politikern negativ "verwundern" lassen oder "zornig" zu werden. Ich suche nur den letzten Anständigen - und hoffe auf Herrn Schäffler.

Ich merke nämlich in meinem Umfeld (sehr selektiv), dass viele auf Antworten warten, nach Buchempfehlungen lechzen und alternative Medien suchen.
Gut erklärt leuchten die Zusammenhänge selbst den dümmsten Sozialdemokraten ein, auch wenn häufig das Zugeben der Einsicht schwerfällt und die Begründung, warum dieses Wissen so wenig verbreitet ist, stets nach Verschwörung klingt.

(Vielleicht sollte man über eine "Kinderstube" von ef nachdenken, in dem den Neulingen die Einsichten häppchenweise verabreicht werden, für liberales Waffenrecht, Non-Interventionismus und anarcho-kapitalistische Denkweisen ist es am Anfang schwer mitzukommen.)

Ich habe in den vergangen Jahre mein gesamtes persönliches Umfeld umgepolt und viele zu Zweifeln konvertiert – und was ich kann, das schafft Herr Schäffler doch auch im/vor dem Bundestag!

Wenn "die Liberalen" diese vielen Enttäuschten und Suchenden nicht ansprechen, dann landen diese bei TAZ und Kohorten oder verblöden weiterhin auf Spiegel Online. Das wäre schade und vermutlich das Ende vieler der wenigen verbliebenen Freiheiten.

Noack, am 18. September 2009 um 18:54 ( Link )

@ Tobias:

Das Gefühl, sich zwischen heuchlerischem Konformismus und einer selbstverschuldeten Ausgrenzung durch Beharren auf freiheitlichen Grundsätzen entscheiden zu müssen, kenne ich zur Genüge. Und auch mir ist es gelungen, viele meiner Bekannten dazu zu bringen, bisher fraglos übernommene Denkweisen zu hinterfragen oder gar Freiheitseinschränkungen nun selbst erkennen zu können. So etwas kann in der Tat nur gelingen, wenn man zu seinen eigenen Grundsätzen und Prinzipien auch bei hartem Gegenwind steht. Die FDP hat über viele Jahre bewiesen, dass sie das nicht tut. Ihr Auftreten führt eher dazu, dass sie (zu recht) als typisch verlogene, durch Machtgier korrumpierte Partei wahrgenommen wird. Wenn einerseits freiheitliche Reden geschwungen werden und im selben Moment an der Sozialdemokratisierung kräftig mitgewirkt wird, dann kann das keinen "suchenden Liberalen" überzeugen. Trotzdem traue ich natürlich einigen der FDPler eine überzeugte freiheitlich orientierte Grundhaltung zu. Das würde mich jedoch nicht dazu bringen, diese Partei zu wählen.

Alles nur meine subjektive Sicht der Dinge...

Konservativer, am 18. September 2009 um 22:15 ( Link )

Man muss sich fragen, weshalb niemand der Verantwortlichen die Literatur der Ökonomen liest, welche die Entwicklungen der vergangenen Monate und Jahre so überzeugend im Voraus dargelegt haben und die Ursachen gleich mitbenennen. Ist es Unkenntnis oder bewusste Ignoranz?

Man müsste einsehen, dass der Interventionismus, das eigene politische Handeln Problemursache und nicht Lösung ist. Die Illusion würde zerstieben, dass man - als Vertreter des Guten in einer bösen kapitalistischen Umwelt - in Wirklichkeit gar nicht die Weltrettung vollbringt.

TrebMelsa Fördermitglied, am 18. September 2009 um 22:50 ( Link )

@ Frank Schäffler

Sehr geehrter Herr Schäffler,
nicht nur Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek haben 1927/28 über das „österreichische Institut für Konjunkturforschung und Statistik“ vor der Weltwirtschaftskrise gewarnt, schon der Bankier Felix Somary, auch ein Austrian, hat 1925 vor der Weltwirtschaftskrise gewarnt.
Ebenso wie damals wurde auch heute „Kassandra“ selbstredend nicht gehört und verleugnet. Gehört wurde damals auf die Versager Irvin Fisher und John M. Keynes. Fisher, der an eine immerwährende Börsen-Party glaubte wurde durch den Crash bankrott und der Hitlerbewunderer Keynes, der durch den Crash viel verloren hatte, dass waren weiterhin die Stars von denen die politische Kleptokratie sich beraten ließ.
Heute hören Vertreter der politischen Kleptrokraten – vor und nach eintreten der Finanzkrise – eben lieber auf anmaßende Typen wie Rürup und Sinn, die sich zwar einbilden die Wirtschaftsentwicklung in Prozent auf eine Stelle hinter dem Komma vorhersagen zu können, aber vom Platzen jedes Bläschen und jeder Blase überrascht werden.
Leute wie Hans F. Sennholz, Gary North, William Bonner, Guido Hülsmann und viele mehr haben seit Jahren gewarnt und sind ignoriert oder ausgelacht worden.
Aber selbstverständlich wird ein schneidiger „Kavallerieobrist“ wie Herr Steinbrück niemals versuchen die Realität wahrzunehmen, sondern lieber schneidige verbale und tatkräftige Attacken reiten. Und ich hoffe, dass diese Attacken mithelfen das System endlich an die Wand zu fahren.

Zum Schluss eine Frage, mit dieser schließe ich mich anderen Kommentatoren an: „Kommunizieren Sie die im Artikel vertretene Ansicht auch lautstark und sprachgewaltig im Parlament?“

frolueb , am 20. September 2009 um 1:18 ( Link )

Man kann davon ausgehen, dass Frank Schäffler das auch lautstark im Parlament äußert. Wobei die Ausschüsse und die Fraktion da eh wichtiger sind. Und dort wird er sehr wohl so wahrgenommen, wie auch hier.
Man mag nur hoffen, dass nach der Wahl noch mehr von seiner Sorte dann im Bundestag vertreten sind, denn ein einzelner einsamer Rufer genügt leider nicht.


Anmelden oder Registrieren, um Kommentare schreiben zu können