09. September 2009

Pfandwirtschaft (2) Der Schuldenturm 2.0

Plädoyer für die Wiedereinführung eines bewährten Disziplinierungsmittels

Das Pfandhaus als Refugium schmieriger Hehler, die in stickiger Hinterhofatmosphäre Diebesgut verschieben, ist schon längst nichts weiter als die bröckelnde Projektionsfläche gutbürgerlichen Klischeedenkens. Kaum ein Gewerbe wird in Deutschland mit soviel Liebe zum Detail reguliert. Dennoch konnten 2008 die über 200 privaten deutschen Leihhäuser mit guten 500 Millionen Euro Umsatz ganz entgegen dem Trend zehn Prozent Wachstum verzeichnen. Tendenz steigend. Für 2009 rechnet der Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes mit noch besseren Zahlen. Finanzkrise sei Dank. Zudem scheint sie immer mehr Vermögende dem privaten „lender of last resort“, dem Geldgeber der letzten Instanz, in die Arme zu treiben. Auch jenseits des Atlantiks, wo das dingliche US-Kreditgewerbe einen wahrhaften Goldrausch losgetreten hat. Allein die größte Leihhauskette Ezcorp hat im letzten Jahr fast soviel Umsatz verbuchen können wie alle deutschen Pfandleiher zusammen. Um sagenhafte 3.000 Prozent stieg die Aktie des an der Nasdaq notierten Unternehmens seit Ende 2000. Doch während die Aufsicht der Branche in den USA dezentral durch die Bundesstaaten erfolgt, wird das Pfandleihergewerbe in Deutschland durch eine Vorgabe des Bundes in ein einheitlich starres Korsett gepresst. Die „Verordnung über den Geschäftsbetrieb der gewerblichen Pfandleiher“ gilt nahezu unverändert seit dem 1. Februar 1961. Sie reguliert die beruflichen Zugangsvoraussetzungen, Kreditlaufzeiten und Kundenidentifikation, die Verwertung der Pfänder bei Nichteinlösung und vor allem die Zinshöhe. Insbesondere letztere wurden mit Inkrafttreten der Verordnung fixiert und blieb seitdem unmodifiziert. Der Nominalzins beträgt einheitlich ein Prozent des kreditierten Betrages pro Monat beziehungsweise drei Prozent für einen Standardkontrakt über ein Quartal oder aber 12 Prozent per annum. Hinzuaddieren darf der Pfandleiher pro Monat höchstens weitere drei Prozent Bearbeitungs- und Lagergebühren, so dass der Pfandkredit monatlich mit maximal vier Prozent oder aber 48 Prozent pro Jahr effektiv verzinst werden darf. Statistisch gesehen werden die Pfänder übrigens im Durchschnitt mit circa 80 Prozent ihres Marktwertes beliehen und in über 90 Prozent der Fälle zum Ende der Laufzeit wieder ausgelöst. Und auch aus den nicht ausgelösten Pfändern kann der deutsche Leihhausbetreiber keinerlei Vorteil ziehen. Im Gegenteil. Er muss die Gegenstände nach Ablauf einer gewissen Frist amtlich versteigern beziehungsweise versteigern lassen. Aus dem Erlös darf er die regulär angefallenen Zinsen, Gebühren sowie die kreditierte Summe tilgen. Etwaige Überschüsse gehen zu Gunsten der öffentlichen Hand, etwaige Fehlbeträge zu Lasten des Pfandleihers. Dieser hat also erstens den Anreiz, eine möglichst hohe Summe auszuleihen, zweitens ein Interesse an möglichst wertstabilen und leicht liquidierbaren Pfändern und drittens das Bestreben nach Realisierung einer hohen, möglichst hundertprozentigen Auslösequote.

Titel und Pfänder

Aus der deutschen Pfandleihverordnung und ihrer praktischen Umsetzung ergeben sich unmittelbar eine interessante Feststellung sowie eine ebenso auf der Hand liegende Frage. Die Feststellung lautet, dass ab dem Zeitpunkt, wo das allgemeine Refinanzierungsniveau zuzüglich Selbstkosten die jährliche Grenze von 48 Prozent beispielsweise im Zuge einer satten Inflation überschreitet, die deutschen Pfandhäuser ihren Betrieb einstellen und somit eine wichtige Quelle der Kleinkreditbeschaffung austrocknet. Die Frage lautet, warum Menschen das Instrument des Pfandkredites nutzen, wo er doch mit 48 Prozent jährlichem Effektivzins mehr als doppelt so teuer ist wie die teuersten Dispositionskredite und fast zehnfach teuerer als die günstigsten Ratenkredite. Sind es ökonomisches Analphabetentum oder knickrige Kreditklemmer, die potenzielle Schuldner ins Leihhaus treiben? Mitnichten. Es sind die fehlenden oder bereits bis zum Limit belasteten, standardisierten Rechtstitel, die aus Sicht des Schuldners alternative Liquiditätsbeschaffungsquellen nötig machen. Banken bunkern keine Gegenstände, tauschen keine Güter, agieren nicht in der Realsphäre. Das können sie auch nicht, dient doch die realwirtschaftliche Nutzung der belasteten Sicherheit in der Regel als Einkommensquelle zur Erwirtschaftung von Zins und Tilgung. Kein Mensch käme auf die Idee, sein Unternehmen oder seine Immobilie zu belasten, deren Nutzung gleichzeitig an die Bank zu übertragen und gegebenenfalls zurückzumieten. Das ist auch gar nicht nötig, da für die Bank allein die Durchgriffsmöglichkeit zählt, weswegen eine wirksame Betitelung ja so essentiell wichtig ist. Banken belasten sich nur mit, zum Teil rein virtuellen, Urkunden und sind so in der Lage, massenhaft Mittel- und Großkredite zu vergeben, was wiederum in einem wettbewerblichen Umfeld die Kosten niedrig hält. Im Umkehrschluss ist es ja gerade die Überlassung realer Gegenstände in Kombination mit relativ niedrigen Darlehenssummen, die jene überproportional hohen Bereitstellungs- und Verwaltungskosten bei Mikrokrediten verursacht. So werden im Schnitt pro Kontrakt in deutschen Pfandhäusern 250 Euro kreditiert, was in aller Regel über den eigentlichen Zinsen liegenden Gebühren nach sich zieht. Von den Zinsen allein kann kein Leihhaus bestehen. Trotz der Stellung einer Sicherheit, eben weil sie real ist, muss der Schuldner die hohen Kosten der Liquiditätsbereitstellung berappen. Sein Vorteil: Mit Pfand und Personaldokument ausgestattet wird ihm ohne bürokratischen Aufwand innerhalb von Minuten das Darlehen ausbezahlt. Es erfolgt keine Bonitätsprüfung, keine Eintragung in irgendwelche Schuldnerverzeichnisse wie zum Beispiel die SCHUFA und es besteht für ihn über den Verlust des Pfandgegenstandes hinaus kein Risiko. Dafür muss er auf die Nutzung desselben, als einzigen Unterschied zum Bankdarlehen, verzichten. Egal also ob Bank oder Leihhaus, um Liquidität generieren zu können kommt der Schuldner um eines niemals herum: Die Stellung einer ökonomisch verwertbaren Sicherheit. Das verdeutlicht nochmals die absolute Unwichtigkeit des derzeit immer wieder bemühten Vertrauensbegriffs. Der Interbankenmarkt kam nicht mangels Vertrauen zum Erliegen, sondern aufgrund der beständig im Wert sinkenden Aktiva, sprich Aktien, Immobilien und Anleihen, also der potenziellen Sicherheiten seiner Teilnehmer. Es existieren immer nur Sicherheits-, keine Vertrauensdefizite. Und anhand dieses harten Faktums wird eines unmittelbar einsichtig: Gleich ob Zentralbanken oder Regierungen, niemand kann durch Refinanzierung des Banksektors „die Märkte fluten“, da, egal welche Geldsumme auch zur Verfügung gestellt würde, diese immer den Flaschenhals der Stellung von Sicherheiten passieren muss. Wenn den potenziellen Pfandhauskunden jegliche Pfänder abgehen, kann der Betreiber über jeden beliebigen Geldbetrag verfügen, allein, er kann und darf ihn in diesem Fall auch gar nicht ausleihen. Zumindest aber die zahlreichen öffentlichen Hände steht noch eine Option zur Verfügung. Zwar können auch sie keine zusätzlichen Titel schaffen, wohl aber durch Garantien, Bürgschaften und Beteiligungen, die selbst wiederum einen Zahlungsanspruch und damit äußerst ausfallsicheren Titel begründen, bereits bestehende und im Sinken begriffene Sicherheiten im Wert nach unten absichern. Genau das war der Hauptzweck der Großinterventionen in den letzten Monaten.  

No land, no marriage

Das institutionell verankerte Heiratsverbot bei fehlenden, ursprünglich immobilen, (Rechts-) Titeln war über Jahrhunderte die Versicherung europäischer Bräute. Sie sind bis heute die Versicherung jeglicher Bank. Daran können weder Leitzinsänderungen noch Liquiditätsbereitstellungsmaßnahmen der Zentralbanken etwas ändern. Die Wirtschaft steht und fällt mit ihrem Potenzial an Sicherheiten, sprich Eigentumstiteln. Ihre Basis zu maximieren maximiert auch das ökonomische Potenzial der zugrunde liegenden Volkswirtschaft. Die entscheidende Frage lautet also: Wie gelingt es, möglichst viele Menschen mit möglichst zahlreichen Titeln auszustatten? Die westlichen Hochkulturen Kleinasiens und Europas hatten dafür eine ebenso einfache wie elegante Lösung. Sie antizipierten schlichtweg das Konzept des Selfownership, des Selbsteigentums, mehrere Jahrtausende vor dessen Neuinterpretation durch den gebürtigen Engländer und geistigen Vater der US-amerikanischen Verfassung John Locke im 18. Jahrhundert. Das war in sofern konsequent, als dass alle besagten Hochkulturen Sklavenhaltergesellschaften waren. Sklaventum bedeutet aber nichts anderes als die Verdinglichung des Menschen als Ganzen, seine Verwertbarkeit und Übertragbarkeit als ökonomisches Gut. Somit verfügte aber jeder mittellose Freie immer über einen letzten, ultimativen Rechtstitel, den über sich selber. Die Schuldsklaverei war folglich nicht nur Folge von Zahlungsverzug oder Steuerverweigerung, die Selbstverpfändung beziehungsweise die Verpfändung naher Familienangehöriger durch die Patriarchen war tatsächlich auch ein Möglichkeit für ambitionierte aber mittellose junge Leute, Risikokapital aufzubringen, gewissermaßen Private Equity in eigener Sache zu betreiben. Wie heute im Leihhaus hing auch im alten Babylon, Griechenland, Judäa und Rom der Beleihungswert vom realisierbaren Versteigerungserlös der Sicherheit ab, der wiederum eng mit der Höhe des akkumulierten Humankapitals korrelierte. Schreib- und Sprachkundige waren knapper als Bauern und Handwerker, ihr Marktwert entsprechend höher. Erstere konnten daher selbst als Sklaven in einem adeligen Haushalt ein relativ gutes Leben führen, letztere konnten mit dem Todesurteil durch Galeerendienst oder Minenarbeit rechnen. Die „kalkulierte“ Versklavung von Steuerschuldnern und Vertragsbrechern konnte es dabei je nach Region und Kultur quantitativ durchaus mit der „importierten“ Versklavung von Kriegsgefangenen und feindlichen Stammesangehörigen aufnehmen. Sklaverei hatte allerdings einen ganz entscheidenden ökonomischen Nachteil. Einmal versklavt ist die bürgerliche Rechtsfähigkeit kaum wieder reaktivierbar, sie hängt allein vom guten Willen des Eigentümers beziehungsweise der Fähigkeit des Sklaven, sich selbst wieder freizukaufen, ab. Mit dem Sklavenstatus war daher in aller Regel der dauerhafte Ausfall eines aktiven Wirtschaftssubjekts verbunden, dessen Bewirtschaftung zudem dank Objektstatus ökonomisch die verbliebenen freien Wirtschaftssubjekte hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses konkurrenzlos unterbieten konnte. Sklavenhaltergesellschaften erodierten daher mittelfristig ihre Wachstumsgrundlage, die möglichst breite und tiefe ökonomische Verwertung von Eigentumstiteln, die nun einmal nur durch Freie erfolgen konnte. Mit dem Sklavenstatus fiel gleich ein ganzes Netz derartiger Aktivitäten in sich zusammen.

Türme statt Sklaven

Als logische Folge endete daher in der westlichen Welt mit dem ökonomisch-militärischen Untergang des Römischen Reichs auch die (Schuld-) Sklaverei. In dieser Phase vollzog sich insbesondere auf dem Land der Übergang der antiken Sklavenhalter- zur mittelalterlichen Feudalgesellschaft. Aus Sicht der früheren Sklaven war dies in der Tat ein Fortschritt. Die erkämpfte Leibeigenschaft begründete erstmals einen gesetzlich kodifizierten Status als Subjekt, nicht mehr bloß Objekt. Der feudal an die Scholle und seinen Herrn gebundene Bauer war juristisch nun keine „Sache“ mehr, sondern ein „Mensch“ und damit nicht mehr dingliches Eigentum. Damit aber verlor sowohl der ländliche Freie wie auch der städtische Bürger die ihnen zuvor anhaftenden und aktivierbaren Eigentumstitel. Sie konnten sich mangels Verdinglichung nun nicht mehr selbst verpfänden. Und ebenso wenig ihre Familienangehörigen. Das änderte allerdings nichts an dem zu allen Epochen äußerst homogenen Liquiditätsbedarf. Eine neue Form der Besicherung von Schuldverträgen musste gefunden werden, die den neuen ökonomischen Umständen Rechnung trug. Sie fand sich in der Institution des Schuldenturms. In Verzug geratene oder ausgefallene Schuldner verloren temporär ihre Freiheit. Die Nichtbedienbarkeit von öffentlichen wie privaten Schulden wurde zum bürgerlichen Delikt. Das Motiv der Schuldnerhaft war natürlich keineswegs Strafe, denn freilich tendierten mit der Festsetzung die Chancen auf Schuldenabtrag aus eigener Arbeit gegen Null. Nein, die Last der Auslösung wurde durch sozialen Druck auf Angehörige und Freunde des Schuldners verlagert. Die disziplinierende Sicherheit, die Garantie, das waren seine sozialen Netzwerke. In diesem einen Fall stellt Vertrauen tatsächlich eine Schlüsselgröße dar. Allerdings nicht das zwischen Gläubiger und Schuldner, als vielmehr jenes zwischen Schuldner und Netzwerk. Der Schuldenturm eliminierte auch einen zentralen Nachteil der Selbstverpfändung, nämlich die exorbitante Schwierigkeit, die eigene Person ökonomisch zu reaktivieren. Die Auslösung eines ausgefallenen Schuldners durch sein Netzwerk zog für diesen zwar Kosten in doppelter Höhe nach sich, nämlich einmal einen monetären Ersatzanspruch und einmal die soziale Ächtung, erlaubte ihm aber einen Neustart, erzwang diesen aufgrund der doppelten Kostenkomponente geradezu und befriedigte dennoch gleichzeitig den Gläubiger. Dieses Modell war so erfolgreich, dass es den Transformationsprozess von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zur modernen Bürgergesellschaft unbeschadet überstand. Denn in der Tat ließen sich die Rahmenbedingungen problemlos vom freien Bauern und Handwerker auch auf den ab Beginn des 19. Jahrhunderts nun zunehmend die Erwerbswelt dominierenden Arbeitnehmer übertragen. Allen gemeinsam war, dass ihre Arbeitskraft als primäre, ihr Netzwerk als sekundäre Sicherheit diente. Im Gegensatz zum Übergang von Antike zu Mittelalter bedurfte es in dieser Phase daher keiner institutionellen Reformen. Der Netzwerkgedanke und der Aspekt des Gläubigerschutzes brachten schließlich im Hochmittelalter ab dem 12. Jahrhundert beginnend eine besondere Form des Zahlungsmittels hervor, welche seit Anfang des 15. Jahrhunderts bis heute annähernd unverändert fortbesteht, den Wechsel. Die Besonderheit dieses scheckähnlichen Zahlungsmittels besteht in seinem Charakter als standardisierte Urkunde. Durch sie verpflichtet sich im einfachsten Fall der Schuldner als Wechselaussteller einem Gläubiger als Begünstigtem eine in Höhe und Zeit fixierte Summe zu zahlen. Doch nicht nur das. Denn der ursprüngliche Gläubiger kann seinerseits wiederum den Wechsel an Geldes statt zur Begleichung eigener Verpflichtungen abtreten. Daher auch der Name dieses Wertpapiers. Die Abtretung an den neuen Gläubiger, das so genannte Indossament, muss aber durch einen formgebundenen Übertragungsvermerk auf der Rückseite des Wechsels dokumentiert und per Unterschrift quittiert werden. Warum dieser Umstand? Ganz einfach, der letzte forderungsberechtigte Wechseleigentümer in einer Kette von Abtretungen, also derjenige, der schließlich bei Fälligkeit das Papier hält, muss sich zunächst eigeninitiativ am ursprünglichen Schuldner schadlos halten. Eine Wechselschuld ist immer eine Holschuld. Kann der Schuldner, der Wechselaussteller jedoch nicht zahlen, haften alle auf der Rückseite des Wechsels eingetragenen Berechtigten, also Akzeptanzstellen oder Indossatare, gesamtschuldnerisch. Der letzte Gläubiger kann sich dann in beliebiger Reihenfolge an den „Zwischengläubigern“ schadlos halten. So lange, bis sein Zahlungsanspruch befriedigt oder alle Indossatare zahlungsunfähig sind. 

Mit zunehmendem Wohlstand und der Verbreitung moderner zivilrechtlicher Kodizes ist der Schuldenturm als Instrument der Geschäftsdisziplinierung und Zahlungsbegleichung zugunsten von Schuldnerberatung und Insolvenzreglement fast verschwunden. Doch es gibt ihn noch. Die ohnehin bauwütigen Vereinigten Arabischen Emirate haben sogar jüngst sein Fundament gestärkt. Der Grund: Zahlreiche Ausländer verlassen fluchtartig das Land. In Zeiten der Krise werden ihre Arbeitsdienste nicht mehr gefragt, doch oft ist ihr Wohlstand vor Ort kreditfinanziert. Wer seine Arbeit verliert, kann auch in den Emiraten seine Schulden nicht begleichen. Insolvenz ist dort aber bis heute noch deliktfähig. Wer nicht bezahlen kann, kommt in den Knast. Wer kein Netzwerk hat, das ihn auffangen kann, kauft ein Onewayticket. Dem haben die Behörden nun einen Riegel vorgeschoben. Das Einchecken umfasst ein gleichzeitiges Kontochecken, die Ausreise ist seitdem an eine positive Bonitätsprüfung gekoppelt.

Humanität ist unsozial

Ganz anders in Europa. Hier klagte bereits im Europa der 20er Jahren ein Bankdirektor völlig zu Recht: „Der kleine Mann bietet eine solche Gewähr [der pünktlichen Rückzahlung von Darlehen] nicht, seitdem die Staatsgesetze, im Streben nach Humanität, den unzuverlässigen Schuldner in weitgehendem Maße vor der Verfolgung durch den Gläubiger schützen. Als es noch den Schuldenturm gab, war der Handwerker und Kleingewerbler ein verhältnismäßig sicherer Debitor, dem Kredit ohne weiteres zur Verfügung stand. Die drohende Gefängnisstrafe machte ihn vorsichtig und zu einem verlässlichen Verwalter fremden Geldes. Heute droht ihm der Schuldenturm nicht mehr, aber er selbst trägt den Schaden, denn er ist nun nicht mehr kreditwürdig. Es verhält sich mit diesem sozialen Akt der Gesetzgebung wie mit so vielen anderen: Er erschlägt diejenigen, die er schützen will, und ist daher im höchsten Grade [!] unsozial.“ Wären die amerikanischen NINJAS bei Zahlungsverzug ins Gefängnis gewandert, hätten sie wohl kaum ihre Wohnimmobilien als Geldautomaten missbraucht. Vereinzelte Ausfälle wären privat sozialisiert worden und dem Rest der Welt wäre der ganze Finanzschlamassel erspart geblieben. Genau das sollten sich die Verbraucherverbände vor Augen halten, wenn sie mit Vehemenz weitreichende Erleichterungen für private Schuldner fordern. Sie verleiten zur Verschwendung und erziehen zur Sorglosigkeit. Die Wohlfahrtsverbände sind nicht nur unverantwortlich, sie sind „im höchsten Grade unsozial“! Ihre altruistisch verpackte Selbstsucht, sich und ihre verschuldete Klientel vom Bankensektor querfinanzieren zu lassen führt letztendlich zu nichts anderem als zur Unattraktivität des Privatkundengeschäfts und zunehmender Engagements in Großinvestments. Auch das hat obiger Bankdirektor bereits vor über 80 Jahren feststellen können: „Als der geeignetste Verwalter der Gelder erscheint ihnen [den Banken] daher [angesichts der gesetzlichen Schutzmaßnahmen für Privatkunden] immer derjenige, der die größte Gewähr für pünktliche Rückerstattung bietet, und das ist naturgemäß der Großkapitalist. […] Das darf man nicht außer Acht lassen, wenn man den Banken der Vorwurf macht, sie trieben großkapitalistische Kreditpolitik.“ Parallelen zur Finanzkrise, sowohl zu der der 30er als auch der aktuellen, sind keineswegs zufälliger Natur.

Soziale Netzwerke als ökonomische Sicherheit

Die Gegenwart, das Zeitalter der beginnenden globalen Vernetzung von Privatpersonen, lädt geradewegs zur Wiederbelebung der sozialen Schuldnerrepression ein. Nichts anderes wird schließlich durch den Schuldenturm symbolisiert. Kontakte werden derzeit ohnehin in diversen Medien als künftig wertvollste Ressource überhaupt propagiert. Wenn dem tatsächlich so ist, muss sich ein Netzwerk folglich auch beleihen lassen, stellt es doch einen ökonomischen Aktivposten dar, der sich hervorragend zum Schutz der Gläubiger verpfänden lässt. Tatsächlich kommen aktuelle empirische Studien zu dem wenig verwunderlichen Ergebnis, dass Quantität und Qualität der individuellen Kontakte über Erfolg und Status bestimmen, mithin die Höhe des sozialen Humankapitals festlegen. Egal ob Facebook, MySpace, Twitter, XING, die VZ-Familie oder EBay, alle „Beispiele haben eines gemeinsam: Die Anwender können Imagekapital gewinnen und gegen Aufmerksamkeit eintauschen. Natürlich ist es dem Einzelnen überlassen, diese wiederum in Geld umzutauschen […] In diesem Markt spielen wir, bewusst oder unbewusst, alle mit. Image als ehemals immaterielles Gut wird zunehmend greifbar [!]“, so bringt es der Publizist Chris Anderson in seinem aktuellen Buch „Free – Kostenlos“ auf den Punkt. Netzwerke sind deswegen Geld wert, da sie im Maße ihrer Ausdehnung auch den Zugang zu Ressourcen vergrößern. „What’s A Friend Worth?“ titelte gar zuletzt die US-amerikanische „Business Week“ zum Thema soziale Netzwerke. Natürlich mit einem ursprünglich gänzlich anderen Fokus. Dabei gilt es doch lediglich, die Vorzeichen von Chancenmaximierung auf Risikominimierung umzustellen, von einer Gehalts- zu einer Lösegeldperspektive zu gelangen. Twitter for tributs lautete konsequenterweise der zeitgemäße (Liquiditäts-) Appell an die Followers, die Onlinevariante eines postindustriellen Auslöseverfahrens. Schon im Vorfeld ließe sich die virtuelle Kreditwürdigkeit beispielsweise über einschlägige Portale zur Netzwerkpflege wie Xing, Facebook und LinkedIn direkt und objektiv mittels Echtzeitapplikation ermitteln, via SchülerVZ respektive StudiVZ ließe sich bereits von Kindesbeinen an die Individuelle Virtuelle Bonität (IVB), das soziale Startkapital für den späteren Berufsstart aufbauen. Zuletzt könnte gar ganz auf die physische Schuldnerhaft verzichtet und auf eine virtuelle Prangerform ausgewichen werden. Neben das materielle und geistige Eigentum träte damit als dritte Quelle für Wohlstand und Wachstum folgerichtig und gleichberechtigt das soziale Eigentum. Der letzte Bremsklotz am Siegeswagen der ihren Namen erst jetzt legitim verdienenden sozialen Marktwirtschaft wäre endlich freigegeben!

Wer diesen Ansatz indes für blanken Zynismus hält, sollte sich vergegenwärtigen, dass die Verpfändung des sozialen Eigentums sogar offiziell als höchste Form ökonomischer Nächstenliebe empfohlen wird. Er ist gewissermaßen sakrosankt, integer, unantastbar. Denn die Aktivierung sozialen Eigentums dient erwiesenermaßen nicht nur dem Wohlstand, sondern dem Weltfrieden. Das musste sogar das schwedische Komitee zur Vergabe des Friedensnobelpreises bedingungslos konstatieren und verlieh daher folgerichtig die Auszeichnung des Jahres 2006 an Mohammed Yunus für das Engagement seiner 1983 in Bangladesh gegründeten Grameen Bank, die mittel- und titellose Menschen des Dritte-Welt-Landes mit Mikrokrediten versorgt. Einzige Voraussetzung: Die Antragsteller lassen sich in genau den hier skizzierten sozialen Schuldenturm einsperren. Streng genommen hat der politisch gut verdrahtete Nobelpreisträger dann natürlich recht, wenn er fordert, „Zugang zu Krediten sollte ein Menschenrecht sein, unabhängig von der wirtschaftlichen Lage“ und dabei stolz auf die rekordverdächtige Rückzahlungsquote von 98 Prozent der vergebenen Erstkredite verweist. Diese A-Bonität wird trotz – oder wegen? – eines dank Spenden und Subventionen künstlich gedrückten Zinssatzes von im Schnitt 20 Prozent erreicht. Neben der Inflationsrate speist sich der erschreckend hoch wirkende Zinssatz natürlich aus dem erheblichen Verwaltungsaufwand, den die Kleinkreditvergabe, oftmals nur wenige hundert Dollar je Fall, nach sich zieht. Die südasiatische Mikrokreditbank gleicht hinsichtlich ihrer Kostenstruktur dem europäischen Pfandhaus. Viel wesentlicher ist aber die Tatsache, dass die Mikrokredite gar nicht an einzelne Darlehensnehmer vergeben werden. Technisch den US-amerikanischen Instituten gleichend, welche letztlich auch nichts anderes taten, als Hypothekardarlehen nachträglich zu bündeln und zu verbriefen, knüpft  die Grameen Bank die Gewährung von Darlehen nur bereits vorvertraglich an die Bildung von Fünfer-Gruppen. Dabei haftet jedes Mitglied der Gruppe gesamtschuldnerisch für den gesamten Betrag, hat also den ökonomischen wie sozialen Anreiz, weder selbst auszufallen noch einen anderen der Gruppe ausfallen zu lassen, also Sorge dafür zu tragen, dass jeder seinen Zahlungspflichten auch nachkommen kann. Das wissen und wollen Yunus Banker auch, wenn sie selber feststellen, dass das Netzwerk „sich selbst kontrolliert“. Zur Sicherheit muss sich jeder Kreditnehmer und seine Familie dann aber noch einem massiv ins Privatleben einschneidenden 16-Punkte-Programm der Bank unterwerfen, das unter anderem zur Teilnahme an sozialen Aktivitäten, zu Leibesübungen, zum Verzicht auf Gewährung und Annahme einer Mitgift und zum Kauf einer unveräußerbaren, nicht dividendenberechtigten Aktie der Grameen Bank verpflichtet. Das erinnert dann doch irgendwie an die grüne Entwicklungshilfe im Nachbarland Indien. Dort können im Zuge von CO2-Ausgleichsprogrammen saturierte Wohlstandsbürger der Ersten Welt ihr weltklimatisches Gewissen gegen eine projektbezogene Entgeltzahlung reinigen. Ein Projekt beinhaltet die Ersetzung schmutziger Dieselpumpen durch menschliche, freilich von mageren Indern, nicht übergewichtigen Europäern bedienten, Tretmühlen. Tretmühlen übrigens, welche die britische Kolonialverwaltung bereits vor über 100 Jahren als unmenschlich Form des Strafvollzuges abgeschafft hatte. Indirekt trat dieser Ansatz die direkte friedenspolitische Nachfolge Muhammad Yunus an. 2007, im Jahr nach dessen Titelerwerb, erhielt bekanntlich unter anderem Al Gore den Friedensnobelpreis für seinen Kampf gegen das berüchtigte „Klimagas“.

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