02. September 2009

Armutsforschung Familie Kim und die Gebrüder Albrecht

Das relative und absolute Elend der existenzdruckfreien Zone

Mann muss „die Armut daran messen, wie viel besser die Lage der sozial Benachteiligten sein könnte, wenn die Gesellschaft ihre hehren moralischen Aspekte einlösen und den Reichtum gleichmäßiger verteilen würde.“ Folgt man dem Strom eines derartigen Redeflusses aufwärts hin zur Quelle, findet sich ihr Ursprung fast immer im unberührten Paradies einer existenzdruckfreien Zone. In diesem Fall befindet sich das kreiswirtschaftlich alimentierte Biotop an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, konkret am Lehrstuhl für Politikwissenschaften. Dessen Inhaber, Professor Christian Butterwegge, kämpft seit Jahren beharrlich um den Erhalt der in westeuropäischen Breiten vom Aussterben bedrohten, unfreiwilligen Armut. In seinem jüngsten Appell beschwört der Politikwissenschaftler daher den Grundkonsens der Armutsforschung, dass nämlich „Armut nicht in sämtlichen Ländern über den gleichen Leisten geschlagen werden kann, sondern dem jeweiligen sozioökonomischen Entwicklungsstand“ angepasst werden muss.

Es bleibt aus staatshaushalterischer Sicht zu hoffen, dass er dabei nicht die Besoldung seiner C4-Professur als Maßstab heranzieht. Diese dürfte je nach genauem Dienstalter des seit 1994 hauptberuflich in akademischer Forschung und Lehre tätigen Wissenschaftlers konservativ geschätzte 5.000 Euro brutto monatlich betragen, zuzüglich etwaiger Stellenzulagen und Familienzuschläge. Wobei brutto auch nicht so richtig brutto bedeutet, denn außer Steuern und gegebenenfalls Pflegeversicherungsbeiträgen werden keine weiteren Abschläge vorgenommen. Im Gegenteil. Neben der einen Großteil der Krankenversorgung begleichenden Beihilfe kann der Professor Pensionsansprüche in Höhe von maximal gut 70 Prozent seiner letzten Bezüge geltend machen, bis zum Eintritt der schärfsten Form der Dienstunfähigkeit, dem Tod. Ausgehend von den aktuellen Bezügen sowie einer durchschnittlichen Lebenserwartung und diskontiert auf in die Gegenwart entspricht dies nach gängigen finanzmathematischen Parametern einem hohen sechsstelligen Barvermögen.

Der auf Lebenszeit verbeamtete Staatsangestellte ist also von der ökonomischen Realität mindestens ebenso weit entfernt wie seine, sozioökonomisch gesehen ebenfalls der existenzdruckfreien Zone behaftete, Hartz-IV-Klientel. Ob der Anspruchsmillionär den hehren moralischen Aspekten der gleichmäßigen Reichtumsverteilung selbstkongruent nachkommt und seine Besoldung gleichmäßig über ausgewählte Haushalte streut, ist hingegen unbekannt. Aber konkrete Ausgestaltungen dieser Transferleistung weg von einem selektiven Bedarfsminimum hin zu einem allgemeinen Gleichheitsmaximum bleiben ja gottlob außerhalb seines Verantwortungsbereichs, delegiert an „die Gesellschaft“. Ist Christian Butterwegge am Ende so etwas wie die Ulla Schmidt der Armutsforschung? Das ehemalige Mitglied im Kommunistischen Bundes Westdeutschlands tingelt ja ebenso resolut wie privatversichert als Verfechterin einer gesetzlichen Einheitsversicherung durch den gesundheitspolitischen Dschungel der Bundesrepublik Deutschland, Dependencen an der Costa Blanca eingeschlossen. Als ernstgemeinte Legitimation ihres Versichertenstatus' fehlt eigentlich nur noch der Hinweis auf die selbstauferlegte Pflicht zur optimalen Gesunderhaltung, ohne die ihr finaler Dienst an der Allgemeinheit schließlich nicht sicher gestellt werden kann. Neu wäre die Begründung jedenfalls nicht. Schon die DDR-Granden ließen sich bei ernsthaften Erkrankungen lieber in Schweizer Sanatorien denn im Arbeiter- und Bauernpoliklinikum behandeln. Und auch mit der gleichmäßigen Verteilung ihres Reichtums, vornehmlich hochwertige Westprodukte und -freiheiten, hatten sie es nicht so. Der verschleißintensive Kampf um die Gleichheit erfordert eben kompensative Opfer, insbesondere und in erster Linie die Egalität selbst. War sie nicht eh ein verspätetes Anhängsel der Französischen Revolution? Angesichts der Bemühungen um das angedrohte Paradies auf Erden eine verschmerzbare Lappalie und vor allem ja auch nur temporär, übergangsweise, bis es allen gleich und noch viel besser geht. Das ist übrigens kein blanker Zynismus, sondern empirische Realität der 70er Jahre, wie sie der Soziologe Helmuth Schoeck in seinem zeitlosen Klassiker „Der Neid und die Gesellschaft“ erschreckend ausführlich darlegt. Kapitalistische Ungleichheit bleibt eben eine unerträgliche Höllenqual, sozialistische eine unausweichliche Vorstufe des Schlaraffenlandes.

Zumindest aber kann Ulla Schmidt zugute gehalten werden, im Zuge ihrer politischen Sozialisation wenigstens nach außen hin gereift zu sein. Nach ihrem Studium weigerte sie sich noch, eine Verpflichtungserklärung auf das Grundgesetz zu unterschreiben und wurde deshalb nicht in den Staatsdienst übernommen. 2001, bei der Berufung zur Bundesministerin für Gesundheit, waren ihre einst maoistischen geformten Skrupel schließlich erfolgreich überwunden. Indes hat Professor Butterwegge den gänzlich entgegengesetzten Pfad einer politisch-infantilen Regression beschritten. Im Jahr 2005 trat er aus Protest gegen den großkoalitionären Regierungsvertrag aus der SPD aus und setzt seitdem seine und Deutschlands ganze Hoffnung auf die Kraft der Linkspartei. Das ist nicht nur hinsichtlich der bereits oben thematisierten Aspekte der Reichtumsverteilung konsequent, nein, hier ist schließlich auch wesentlich mehr Zug im Kamin, handelt es sich doch um eine Organisation, die noch in diesem Jahr vor dem Berliner Landgericht auf ihre historische Identität pochte, deren auffälligste innenpolitische Leistung in perfiden Erschießungen bei Fluchtversuchen aus dem größten menschlichen Freiluftgehege Europas bestand. Ob Professor Butterwegge diese Form von Beschleunigungsfaktoren im Sinn hatte, wenn er resümierte „Empathie und Solidarität erfahren die von Armut betroffenen Menschen hierzulande in einem eher geringeren Maße, als dies dort der Fall ist, wo kaum jemand großes (Geld-) Vermögen besitzt“? Fördert außerbeamtliche Vermögenslosigkeit nicht auch irgendwie den sozialen Zusammenhalt, erzwungene Nestwärme als Maßnahme zur Steigerung einer ohnehin mangelnden Sozialkompetenz, ganz jenseits jeglichen schnöden Materialismus?

Dem kann der gemeine Nordkoreaner der Gegenwart bestimmt uneingeschränkt zustimmen. Wohlstandsarmut, dieses Elend bleibt ihm jedenfalls erspart. Materialistisch völlig unbeschwert findet er, Systemtreue vorausgesetzt, sein größtes Glück in einer von drei Sonderwirtschaftszonen, wo er sich zum Wohle der Partei für circa 75 Euro je Tag, zahlbar an die göttliche Familie Kim, neofeudal ausbeuten lassen darf. Wenigstens bleiben ihm und seinen Kollegen die als Benefits in den Niederlassungen der vorwiegend südkoreanischen Konzerne verteilten Schokoriegel. Das katapultiert in einem Umfeld, in dem Wohlstand noch in Kalorien gemessen wird, die bevorratete Nahrungsenergie drastisch nach oben. In der Butterweggeschen Logik ist das natürlich immer noch besser, als sich in Deutschland im Frontend-Forderungsmanagement bei Feinkost Albrecht vom allseits bekannten, raffgierigen Brüderpaar aus dem Ruhrgebiet hemmungslos den erwirtschafteten Mehrwert abpressen zu lassen, denn relative Armut könne „in einem reichen Land sehr viel deprimierender und demoralisierender sein als jene in einem armen.“ Seine Relativitätslehre untermauert der Politikwissenschaftler übrigens ausdrücklich mit dem „Privatvermögen der beiden reichsten Deutschen: Karl und Theo Albrecht“, den legendären Eigentümern des leider gänzlich gewalt- und zwanglosen Aldi-Imperiums, das „2007 mit 50 Milliarden Dollar ungefähr 100 Millionen Mal so groß wie das monatliche Transfereinkommen von Arbeitslosengeld-II-Beziehern“ war. Nun, wahrscheinlich stört die schnöde Finanzmathematik bei der Ausformulierung politischer Armutsthesen, so dass Professor Butterwegge hemmungslos Vermögen, eine Bestandsgröße, zu Einkommen, einer Stromgröße, in Relation setzt. Der Faktor „100 Millionen“ vermittelt dem unbedarften Leser auch irgendwie eine Dimension unendlicher Ungerechtigkeit, eine perfekte Projektion nordkoreanische Verhältnisse auf die mitteleuropäische Wohlstandsinsel, in der nicht nur die Gebrüder Albrecht residieren, sondern die eben auch „von absolutem Elend keineswegs frei" sei, „denkt man beispielsweise an in kalten Wintern erfrierende Obdachlose.“ 

Die schlichte Tatsache, dass von der angenommenen Verteilung des Kuchens die Quantität und Qualität der Backzutaten sowie Wissen, Können und Wollen des Bäckers abhängen, gar nicht erst thematisiert wird, kann bei soviel geballtem ökonomischen Sachverstand ebenfalls kaum verwundern. Die ewige sozialalchemistische Mystik, der Kuchen könne gleichzeitig gegessen und doch behalten werden, umweht bis in die Gegenwart den Geist der gutmenschlichen Weltverbesserung. Die systemische Logik aus ebenso komplexer wie rückgekoppelter Verteilung und Produktion kann aber selbst die Politikwissenschaft nicht außer Kraft setzen. Allerdings hätte ihren mit Masse existenzdruckbefreiten Protagonisten auffallen müssen, dass es ausschließlich im politischen Rahmen kreditär gehebelter Privateigentümerwirtschaften gelang, jenes Ausmaß an materieller Saturierung überhaupt erst hervorzubringen und dabei jenes historisch einmalige Wohlstandsniveau zu erklimmen, das mangels absoluter Armut überhaupt erst die Diskussion um ihre relative Schwester anstoßen konnte. Ausschließlich in diesem ökonomischen Kontext konnte eine irdische Vorstellung vom Garten Eden, die existenzdruckfreie Zone, realisiert werden, in der nicht nur ein materielles Überleben gesichert ist, sondern, und das ist in der Tat das einmalige, von Seiten der Betroffenen hierfür gar nichts verlangt und mittlerweile faktisch auch gar nicht erst erwartet wird. Die Ruhe selbst wurde zum soziokulturellen Anspruch, die Jahrtausende alte Kampfkomponente mühevollen Überlebens ist für einen Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte außer Kraft gesetzt. Die existenzdruckfreie Zone ist also weniger ein Sein- denn ein Zeitphänomen, dass es selbst dem „sozial“ Schwächsten, ja sogar dem produktionsunwilligen Leistungsfähigen erlaubt, in Muße zu leben. Deren Voraussetzung wiederum, eine permanent nachschießende, effizienzgetriebene Wohlstandsproduktion, ist ebenfalls weniger der materiellen denn der zeitlichen Sphäre zuzuschlagen. Nur über den fremdfinanzierten Hebel, an dem in aller Regel auch das individuelle unternehmerische Risiko hängt, gelingt es, die vorweggenommene Zukunft in der Gegenwart zu verdichten und über einen zeitraffenden Takt auf ein höheres Niveau zu hieven. Es ist der mutige, also Verlustangst überwindende Unternehmer, der durch Verpfändung der Zukunft, also seiner (Lebens-) Zeit, eine bessere Gegenwart mit ungewissem Ausgang zu gestalten sucht. Notwendigerweise muss er dabei ein hohes Risiko eingehen, das ihm niemand abnehmen kann, ohne den gesamten Mechanismus zu zerstören, wie es die jüngste Vergangenheit unbarmherzig beweist. Umverteiler sind also im tatsächlichen Sinn des Wortes nichts anderes als Zeitdiebe, deren Tat sich in Höhe und Zeit ja mittlerweile über den traditionell im Juli liegenden Steuerzahlergedenktag exakt bestimmen lässt. Zeitdiebe transferieren die einzige existenzielle Universalressource, die immer und überall absolute wie objektive Größe Zeit, von Mühe zu Muße. Kein Wunder also, dass sämtliche totalen Umverteiler nicht nur die Zeit, sondern auch das Leben an sich missachteten, ihre Träger vorsorglich internieren oder eben nachsorglich eliminieren. Demut vor dem Leben bedingt eben immer auch Demut vor der Zeit.

Einen latenten Mangel an demütigem Zeitverständnis kennzeichnet schließlich auch die universitäre Sprechstundenpolitik butterweggescher Prägung. Einmal wöchentlich, dienstags zwischen 13 und 14 Uhr, berücksichtigt er studentische Bittsteller in seiner Terminplanung. In der vorlesungsfreien Zeit sogar nur einmal im Monat, dafür aber ganze zwei Stunden am Stück. Das macht insgesamt 38 Stunden im Jahr, Urlaubszeit nicht eingerechnet, die der Professor den an relativer, teils absoluter, Bildungsarmut leidenden akademischen Nachwuchs aus seinem wissenschaftlichen Fundus im persönlichen Gespräch Nektar saugen lässt. Damit ist seiner beschworenen, treuen Pflichterfüllung dem Dienstherren gegenüber Genüge getan, der Rest ist dann „Freiheit der Lehre“. Auf die Pflichtstunde gerechnet können da noch nicht einmal die Gebrüder Albrecht mithalten. Ein typisches, keineswegs auf die Professur Butterwegges beschränktes Merkmal der existenzdruckfreien Zone im Bildungssektor, in der die Nachfrager vom Kundenstatus ebenso weit entfernt sind wie das Ende der Warteschlange von den Südfrüchten im Konsummarkt. Wenigstens das bleibt einem bei Aldi – Nord wie Süd – erspart.

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