22. Juli 2009

Finanzmarktethik Die norwegische Krankheit

Zur Trittin-Bätzing-Unschärfe an den internationalen Kapitalmärkten

Das kleine Norwegen hat ein großes Problem. Ein finanzielles Problem. Ein Problem allerdings, das andere auch gerne hätten. Da das skandinavische Land in selbstgenügsamer Bescheidenheit auf sich phallusartig über die malerischen Fjorde erhebende Gigaarchitektur verzichtet hat, konnten die Wikingernachfahren frühzeitig damit beginnen, die Erträge aus der nichtnachhaltigen Ausbeutung ihrer zwar reichlich aber keineswegs ewig sprudelnden Rohstoffquellen zu thesaurieren. Trotz mittlerer Blessuren im Zuge der globalen Finanzkrise, allein das Jahr 2008 musste mit einem Buchverlust von über 25 Prozent abgeschlossen werden, schwoll das Volumen des 1990 als Ölfonds aufgelegten norwegischen Staatsfonds, des Government Pension Fund, zum Stichtag 31.03.2009 auf schwindelerregende 2.076 Milliarden Norwegische Kronen beziehungsweise 220 Milliarden Euro an. Das sind knapp 46.000 Euro pro norwegischen Kopf des 4,8 Millionen Einwohner zählenden Landes. Obwohl formal gesehen das norwegische Finanzministerium der Eigner und die norwegische Zentralbank der Verwalter der Gelder ist, konnte bisher jede Regierung dem berüchtigten Hunde-Wurstvorrat-Syndrom widerstehen, verzichtete also trotz aller Anreize auf die Entnahme von Mitteln zu politischen Bestechungszwecken. Ferner, und auch das ist äußerst bemerkenswert, existieren für den Fonds strenge Anlagerestriktionen, die in erster Linie heimische Kapitalbedarfsträger ausdrücklich ausnehmen. So müssen 60 Prozent der Gelder in Aktien und 40 Prozent in Anleihen investiert werden, wobei für beide Kategorien nur liquide, an internationalen Börsen gehandelte Wertpapiere nichtnorwegischer Emittenten in Frage kommen. Aus dem Grund blieb das Land bisher von der „Holländischen Krankheit“, einer Schwächung der heimischen Wirtschaft außerhalb des Rohstoffsektors, ausgelöst durch steigende reale Wechselkurse und sinkende Wettbewerbsfähigkeit, verschont. Diese Konstanz ist freilich weniger einer natürlichen Bescheidenheit als vielmehr der Tatsache geschuldet, dass die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft ausreichen, neben dem skandinavische Wohlfahrtsmodell und der traditionell hohen Quote staatlich Bediensteter eben auch den Pensionsfonds finanzieren zu können.

Doch internationale Streuung über mehrere Anlageklassen allein reicht heutzutage nicht mehr. Die norwegische Regierung, internationale Speerspitze der Politischen Korrektheit, strebt bereits seit mehreren Jahren nach einer umfänglichen Umschichtung in Richtung „ethisch einwandfreier Anlagen“. Am 19.11.2004 traten dazu für die Investitionen des Ölfonds „Ethical Guidelines“ in Kraft. Sie ergänzen die strategische Vermögensaufteilung um operative Vorgaben bezüglich der einzelnen Investments. Die Richtlinien verbieten nunmehr den Erwerb jeglicher Wertpapiere von Unternehmen respektive Organisationen, die in Verdacht stehen, Menschenrechte zu verletzten, die Korruption zu fördern, der Umwelt zu schaden, Waffen und militärisches Material herstellen oder vertreiben, von Kinderarbeit profitieren oder aber sonstige ethische Standards nicht einzuhalten gewillt sind. Der „schwarz“ gespeiste Fonds soll später einmal mit „grünen“ Erträgen die demnächst sinkenden Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft kompensieren. Soviel Sophismus darf in einem Land, in dem für die Aufsichtsräte börsennotierter Kapitalgesellschaften eine Frauenquote von 40 Prozent gesetzlich und unter Androhung der Zwangsliquidation zwingend vorgeschrieben ist, nicht verwundern. Das gilt übrigens selbst für aktienrechtlich organisierte Erstligavereine im Herrenfußball. Um beim Portfolioumbau auch wirklich keine Fehler zu machen haben die Norweger jüngst externe Expertise verpflichtet. Die nächsten vier Jahre wird das Fondsmanagement vom Schweizer Consultingunternehmen Ecofact beraten, einer Gesellschaft, die ihr Geld hauptsächlich mit der „Unterstützung von Organisationen hinsichtlich ökologischer und sozialer Aspekte ihrer Geschäftstätigkeit“ unterstützt. Hauptkunden des Unternehmens sind übrigens hauptsächlich die für ihre moralische Integrität bekannten europäischen und amerikanischen Großbanken.

Damit schließt sich Norwegen als erster milliardenschwerer Staatsfonds überhaupt einem seit mehr als zehn Jahren boomenden Trend an. Ethik und Moral ist allen Krisen und Einbrüchen zum Trotz ein Dauerbrenner der westlichen Finanzgemeinde. Ökokapital, Ethikinvestments und Nachhaltigkeitsaktien, das ist Finanzkapitalismus mit Heiligenschein, die einzige Form des Marktes, den saturierte Bildungsbürger mit eingeredeten Schuldkomplexen ertragen können. Der verständliche Wunsch, Geld anlegen und sich gleichzeitig wohl fühlen zu können, verspricht anscheinend nur dann Erlösung vom Trauma persönlichen materiellen Wohlstand bei gleichzeitig allgemeinem Elend in der Welt, wenn die Sühne gleich mit ins Depot wandert. Das eröffnet via Finanzcoaching einem Milliardengeschäft die Tür. In erster Linie natürlich den Emittenten entsprechender Produkte, ihren Beratern, den Dezernaten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie den Marketingabteilungen, spezialisierten Ratingagenturen und Logos gegen Gebühr vergebenden Nichtregierungsorganisationen. Sie alle wissen, dass weiches Wohlgefühl weniger noch als harte Problemlösung im Preis hinterfragt wird, schon gar nicht, wenn der Sündenerlass durch die Ablassbriefe der Moderne versprochen wird. Güte entzieht sich per se der Kritik. Kein Wunder also, dass jede namhafte Investmentgesellschaft entsprechend beworbene ethisch unbedenkliche Anlagen im Produktportfolio führt.

Der Markt für ethisch respektive politisch korrekte Anlageformen teilt sich dabei traditionell in zwei grundlegende Typen auf. Auf der einen Seite finden sich die der Nachhaltigkeit verpflichteten, ökologisch geprägten Investments. Sie können zu Ehren des letzten großen Vorkämpfers des deutschen Kreislaufwirtschaftskonzepts um das Dosenpfand auch als Trittin-Anlagen klassifiziert werden. Neben jeder Form erneuerbaren Energien umfasst diese Kategorie vor allem alle Formen umweltschonender oder umweltgerechter Technologien, Produkte und Dienstleistungen, vom Bahnbetreiber über Fahrradhersteller bis hin zu Recyclinganlagenbetreibern und Wasseraufbereitungsunternehmen. Ausgeschlossen sind dagegen industrielle Verursacher von Kohlenstoffdioxid und jegliche Anwender und Verwerter von Kerntechnologien. Im Gegensatz dazu steht legt der zweite Typ den Schwerpunkt weniger auf Einschluss- sondern einzig auf Ausschlusskriterien. Verpönt ist alles, was Spaß macht und irgendwann bei irgendwem irgendwelche Schäden verursachen könnte: Tabak, Glücksspiel, Alkohol, Waffen, Erotik. Aufgrund der unmittelbar nahe liegenden Assoziation mit dem Tätigkeitsbereich der Bundesdrogenbeauftragten der Bundesregierung gehören diese Investments eindeutig in die Kategorie der Bätzing-Anlagen. Für ethisch streng ausgerichtete Anleger, gewissermaßen die Veganer der Kapitalmärkte, existieren natürlich auch kombinierte Trittin-Bätzing-Investments. Für andere Zielgruppen wiederum lassen sich die Kriterien passgenau modifizieren. Die „Ethical Guidelines“ des norwegischen Pensionsfonds sind so ein Fall. Sie genügen zwar vollauf dem Bätzing- jedoch nur eingeschränkt dem Trittin-Kriterium. Das liegt vor allem daran, dass der Natur der Sache nach die wenig nachhaltige und eher unökologische Öl- beziehungsweise Gasindustrie ausgenommen werden musste. Soviel zu situativ angepassten Moralvorstellungen. Die Sicherstellung der Trittin-Bätzing-Konformität, die edelste aller denkbaren Dienstleistungen, kostet natürlich Geld. Folglich wird der Service über einmalige und laufende Kosten in das Produkt eingepreist. So lässt sich beispielsweise der norwegische Pensionsfond die Hilfe bei der Suche und Auswahl ethisch unbedenklicher Aktien und Anleihen jährlich 65.000 Euro kosten. Sowohl von öffentlicher als auch von privater Seite handelt es sich um zu verschmerzende, aber dennoch völlig überflüssige Ausgaben. Sowohl private Kleinanleger und öffentliche Staatsfonds zahlen nichts anderes als eine Strafgebühr für finanzwirtschaftliches Unverständnis, gewissermaßen ein nicht wieder einlösbares Dosenpfand.

Dieses Unverständnis betrifft die wohl fundamentalste kategoriale Unterscheidung ökonomischer Variablen überhaupt. Und auch hier existieren zwei Typen. Aber keine Sorge, es kommen keine weiteren Politiker als Namensgeber zum Zuge. Ganz in Übereinstimmung mit der klassischen ökonomischen Lehre werden diese hier und im Folgenden als Stromgrößen auf der einen und Bestandsgrößen auf der anderen Seite bezeichnet. Stromgrößen, das sind zum Beispiel Einkommen, Gewinne und Umsätze, also alle Größen, die, bildlich-ökologisch gesprochen, einem ökonomischen Gewässer zu- oder abfließen. Vermögen, Schulden oder Lagerbestände sind im Gegensatz dazu Bestandsgrößen, sie geben gewissermaßen den Pegelstand des Gewässers wider. Damit aber wird eines unmittelbar ersichtlich. An Börsen werden einmal ausgegebene Wertpapiere gehandelt, also Bestandsgrößen, im Englischen sogar präzise als solche definiert, nämlich als „stocks“. Bestände aber sind eine kurzfristig unveränderliche Größe, die in fixierter Menge zu jeder Zeit einem bestimmten Anteilseigner zugeordnet sind. Nachdem zum Beispiel Unternehmen einmal ihre Wertpapiere an die Erstbesitzer emittiert haben, übernimmt die Börse als Zweitmarktinstanz deren jederzeitige Liquidierbarkeit. Diese aber ist völlig losgelöst vom eigentlichen Unternehmensgegenstand und der operativen Geschäftsbasis, von der so genannten „Realwirtschaft“. Einmal emittiert sind Wertpapiere auch ohne jeglichen Einfluss auf die Kapitalausstattung des Unternehmens. Jenseits jeglicher Geschäftsmoral des einst ausgebenden Unternehmens werden an Wertpapiermärkten also anonymisierte und unveränderliche Bestandsgrößen zwischen Anteilseigner einerseits und Geldhaltern andererseits automatisiert gehandelt. Damit können aber weder Kauf noch Halten eines Wertpapiers als ethischer oder unethischer Akt klassifiziert werden, ebenso wenig, wie das beim Pegelstand des obigen Gewässers als solchen gelingen kann. Die einzige moralisch bewertbare Handlung wäre es, vorab die Absichten der bestehenden Anteilseigner zu überprüften und nur mit jenen ins Geschäft zu kommen, deren beabsichtigte Handlungen hinsichtlich der Verkaufserlöse mit dem eigenen Weltbild konform gehen würden. Da die Funktionalität einer Wertpapierbörse aber nun einmal untrennbar an Automatisierung der Prozesse und Anonymität der Marktteilnehmer gekoppelt ist, kann für diesen Erwerbsweg logisch zwingend geschlossen werden: Ethische Investments sind eine reine, auf unkompatiblen Entitäten basierende Fiktion, die Verquickung normativen Sollens mit faktischem Sein, von Moral und Physik. Diese Erkenntnis gilt natürlich für das gesamte wertorientierte Anlageuniversum, also auch zum Beispiel für den im bewussten Gegensatz zum Gutmenschentum lancierten „Sündenfonds“. Ja, den gibt es tatsächlich. Am 30. August 2002 erfolgte die Erstnotiz des exakt so getauften Vice Fund in den USA. Das Portfolio wird bis heute aktiv gemanaged und muss zu mindestens 80 Prozent aus Beteiligungen an Unternehmen der Branchen Alkohol, Tabak, Glücksspiel und Verteidigung bestehen. Ein erfrischender Marketinggag in der eher nüchtern bis staubtrockenen Welt des Investmentbanking. Mehr allerdings auch nicht. Denn wie sein Pendant mit Heiligenschein leidet auch der Anti-Bätzing-Fond an derselben, diabolischen norwegischen Krankheit. A propos Heiligenschein: Dessen Leuchtkraft wird selbstverständlich auch bei jeder sonstigen Form religiös oder weltanschaulich geprägter Investments kräftig eingedampft. Das islamkonforme Anlageuniversum macht beispielsweise keine Ausnahme, und das, obwohl die zugrunde gelegte Anschauung ausgerechnet auf der Kunde eines erfolgreichen Kaufmanns gründet.

Wertorientierte Anlagen verhalten sich somit perfekt analog zu einem in Geld gehaltenen Kassenbestand. Auch Zahlungsmittel sind, einmal auf der Welt, ein moralfreies Neutrum. Nur funktioniert in diesem Fall das Abstraktionsvermögen des korrektheitsgeplagten Anlegers hervorragend, nutzt er doch eben diesen Kassenbestand, um seine Investments zu tätigen. Und damit fällt auch ein weiteres Argument für ethisch korrekte Geldanlagen substanzlos in sich zusammen, nämlich die Sorge um die moralische Qualität der durch das Anlageobjekt erzielten und ausschütteten Geldmitteln. Zwar handelt es sich bei Dividenden- und Zinszahlungen zweifelsohne um Stromgrößen, die in der Tat das Resultat der heweiligen organisatorischen Handlungen darstellen, dennoch entstehen sie völlig unabhängig von der Existenz des Wertpapiers, nämlich gerade in der so genannten Realwirtschaft. Das Wertpapier selber dient dann in der Tat lediglich als Clearingstelle für die Auszahlung längst erwirtschafteter Mittel. Die einzige Möglichkeit, die Absicht oder den Zweck einer Organisation aktiv zu fördern besteht in der Tat darin, entweder junge Aktien im Rahmen einer Neuemissionen oder Kapitalerhöhung zu zeichnen oder sich im Rahmen von Direktbeteiligungen unmittelbar zu engagieren. In beiden Fällen werden jedoch keineswegs Bestandsgrößen, Wertpapier gegen Kasse, gehandelt, sondern Stromgrößen, Emission gegen Einzahlung, die damit erst zu Bestandsgrößen werden. Der Volksmund hat Unrecht: Geld verdirbt nicht den Charakter, er bringt ihn lediglich zum Vorschein.

Das gilt aufgrund des kommunizierten hohen Anspruchs insbesondere für die Jünger ethischer Investitionen, und hier wiederum schwerpunktmäßig für die Anhänger der Bätzing-Anlagen. Übrigens völlig unabhängig von der Tatsache, dass der äußere, machtgestützte Eingriff in den unmanipulierten Handel mit Tabak, Alkohol, Glücksspiel und Erotik als Ergebnis übereinstimmender Willenserklärungen eher einer moralischen Legitimität bedarf als der Handel selbst, Zwang also immer gegenüber Freiwilligkeit in Erklärungsnotstand gerät. Die eigentliche, zirkuläre Pharisäerhaftigkeit innerhalb der gutmenschlichen Vorstellungswelt besteht ja darin, jede Form unethischen Investierens abzulehnen, die Existenz derartiger Geschäftsmodelle aber dennoch hinzunehmen. Während die lasterhaften Krombacherkonsumenten mit jedem Kasten Bier wenigstens gleich einen Quadratmeter Regenwald retten, lassen die sie verachtenden Anhänger der Trittin- und Bätzing-Doktrin die effizienteste Möglichkeit der Weltverbesserung überhaupt, den Eigentumserwerb, ungenutzt verstreichen. Schwerter zu Flugscharen, das muss ja keine materiell leere Forderung nach Frieden bleiben. Der Ankauf stimmberechtigter Aktien und die Bündelung gleichgerichteter Aktionärsinteressen bergen ja jene schöpferische Kraft zur Transferleistung, die Rheinmetall Traktoren zu produzieren zwingen könnte, E.ON und RWE Solaranlagen und Windräder, Beathe Uhse Heimatfilme, Bitburger und Jägermeister Malzbier und Kräuterlimonade sowie Smith & Wessen Wasserpistolen. Ach ja, einen Haken hat das Ganze natürlich: Das Engagement müsste auf eigene Kosten erfolgen, Umstrukturierungen kosten Zeit und vor allem Geld. Erst hier, an Wünschen und Zielen, am eigenen Geld und dem der anderen, scheidet sich Moral von Unmoral. Und zu guter Letzt sowie jenseits monetärer Größen müssen sich selbst die Gegner von Rüstungsunternehmen mit der Fragwürdigkeit eines obersten Prinzips konfrontieren, welches durch selbst auferlegte Gewaltfreiheit alle anderen Werte korrumpiert. Der herrschaftsfreie Diskurs endet, so lehrt es die Erfahrung, spätestens an der Mündung eines geladenen und entsicherten Schnellfeuergewehrs. Das sieht offenbar sogar die Norwegische Regierung so. Denn die „Ethical Guidelines“ bleiben auf das Finanzministerium beschränkt. Schon die demzufolge notwendigerweise „unethisch“ handelnden Kollegen vom Verteidigungsressort dürfen diesbezüglich jede Hemmungen fallen lassen. Das müssen sie auch, umfasst ihre Mission schließlich die Führung, Bewaffnung und Ausstattung einer kleinen, feinen und vor allem hochprofessionellen Armee, die konventionell-technologisch als eine der modernsten der Welt gilt.

Wenn sich schon die meisten Investmentansätze einer moralischen Betrachtung ebenso entziehen, wie es die Farben rot und schwarz beim Roulettspiel tun, wird dann wenigsten die gute Absicht mit überdurchschnittlichem Anlageerfolg belohnt? Schlägt Nachhaltigkeit den Konsum, Ökologie die Umweltzerstörung, die Bahn den Luftverkehr, die „genfreie“ Saat des Guten die genveränderte Saat des Bösen, die Bionade das Bier, die Trittins die Vattenfalls und die Bätzings Phillip Morris? Wie nicht anders zu erwarten, sind mit ethischen Investments keine systematischen Überrenditen zu erzielen. Das kann nicht weiter verwundern, da statistisch gesehen gute 90 Prozent der Ergebnisse eines Portfolios von der beziehungsweise den Anlageklassen, also beispielsweise Aktien, Anleihen, Immobilien oder Rohstoffen, abhängen. Ethisch korrekte Aktien bleiben eben Aktien, die sich im Schnitt mit dem Markt nach oben oder eben nach unten bewegen. So hat dann auch der eher bätzinglastige Dow Jones Sustainability Word Index, ein ökosozial geprägter Weltindex mit diversen Unterindices, der seit 1999 ermittelt wird, auf Jahressicht, also inklusive des zweiten Katastrophenhalbjahres 2008, über 40 Prozent verloren. Die Verluste des seit dem 01. April 1997 erhobenen Natur Aktien Index NAI, ein tendenziell trittinaffiner Weltindex auf Basis von 30 ökologisch vorbildlicher Unternehmen, liegen für diesen Zeitraum ebenfalls in dieser Größenordnung. Der Vice Fund schneidet mit gut 35 Prozent Minus nur geringfügig besser ab. Im Fünfjahresvergleich liegt er mit knappen zwei Prozent gerade so im positiven Bereich, während der Jones Sustainability Word Index immer noch eine negative Performance von guten acht Prozent aufweist. Lediglich der NAI schneidet hier mit satten 70 Prozent Plus außerordentlich gut ab. Letzteres liegt vermutlich weniger an der ethisch korrekten Ausrichtung der Indextitel als viel mehr daran, dass gerade der NAI zahlreiche marktenge Spezial- und Nebenwerte enthält, was zwar die Chancen, aber auch die Risiken erhöht. Auch wenn die Datenbasis eher dürftig ist kann getrost davon ausgegangen werden, dass sowohl Sünde als auch Tugend mit dem Markt steigen und fallen, eben weil es sich in allen Fällen um äußerst unemotionale Bestandsgrößen handelt. Wer eine eher sicherere Wette eingehen möchte, kann auf politische Aktivität als Kontraindikator setzen und in den US-amerikanischen Cogressional Effekt Fund setzen. Der Anti-Obama-Biden-Greithner-Fonds investiert nicht auf Einzeltitel, sondern auf einen breiten Marktindex, aus dem temporär und systematisch ausgestiegen und in den Geldmarkt umgeschichtet wird. Dabei werden während der gefährlichsten Zeiträume für Unternehmen die Aktienanlagen konsequent vermieden. Dann nämlich, wenn die Politiker im Kongress tagen und neue Gesetzesentwürfe diskutieren. Demnächst tun letzteres in Deutschland ab September vielleicht wieder die Grünen. Unter dem viel sagenden Motto „Aus der Krise hilft nur grün“ haben sie eine ökologische Finanzreform als brandaktuelles Thema für den Wahlkampf entdeckt: „Nachhaltige Investments […] setzen systematisch darauf, dass Anleger wissen, wo sie wirklich investieren und wie – nämlich nach ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien.“ Ein wesentlicher Promoter der Kampagne, die unter anderem verpflichtende Hinweise auf die ethische Dimension der Kapitalanlage bei Bankberatungen und Mindestkriterien für die Nutzung des Nachhaltigkeitsbegriffs vorsieht, war der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei. Sein Name: Jürgen Trittin. Frau Bätzing, ihr Einsatz, nutzen Sie die Steilvorlage!

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Die obigen Ausführungen dienen ausschließlich der Information und stellen ausdrücklich weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung dar, die hier dargestellten Wertpapiere und Anlagen zu kaufen, zu verkaufen oder in sonstiger Art und Weise zu handeln. Zu rechtlichen und/oder finanziellen Fragen und Anlagen fragen Sie den Rechtsanwalt, Steuerberater, Banker oder professionellen Berater Ihres Vertrauens.

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