21. Juli 2009

„Die Welt“ und der Sozialstaat, Teil II. Die Anzeichen mehren sich

Sozialhilfeempfänger sind plötzlich nicht mehr sakrosankt

Bereits in der letzten Woche haben wir über die unverhohlene Sozialstaatskritik der Tageszeitung „Die Welt“ berichtet. Inzwischen hat dort Dorothea Siems nachgelegt und erklärt: „Der deutsche Sozialstaat gerät aus den Fugen“. Im Artikel selbst erfahren wir diesmal nicht allzu viel Neues. Zu den gigantischen Schuldenbergen müsse noch die in den Sozialversicherungen versteckten „impliziten Schulden“ hinzugerechnet werden. Wer hätte das gedacht.

Interessant ist eher das offene Aufgreifen des Themas in Serie und erneut die Reaktion der Leser. Wieder nämlich wird der Artikel von einer Online-Umfrage begleitet. „Übernimmt sich der Staat bei den sozialen Kosten?“, fragt die „Welt“. Und 77 Prozent der Leser antworten entgegen aller in der Schule artig gelernten politisch korrekten Floskeln: „Ja!“ Bereits in der letzten Umfrage hatten sich 70 Prozent der „Welt“-Leser explizit dafür ausgesprochen, Sozialleistungen zu kürzen.

Noch deutlicher wird die Stimmung bei Welt-Online im Kommentarbereich. Mit einer derart deutlich unkorrekten Volksmeinung hatte man offenbar selbst im Verlagshause Axel Springer nicht gerechnet. Inzwischen wurden die Kommentarfunktion unter dem Artikel denn auch abgeschaltet und besonders meinungsstarke „Posts“ gelöscht. Doch auch was an unzensierten Diskussionsbeiträgen jetzt noch einzusehen ist, wurde früher nicht einmal in Leserbriefen gedruckt.

Da schreibt etwa „Alex“: „Tja, schön langsam rächt sich die Demokratie. Die Deutschen haben immer brav die Parteien (Union/Sozis) gewählt, die die größten Wahlversprechen gemacht haben. Resultat: 1,5 Billionen Euro Schulden. Konsequenz: Staatsbankrott. Dann gibt es weder Renten noch Hartz-IV. Man kann halt immer nur so viel ausgeben wie man hat.“

„Schwarzbuch Kommunismus“ fügt hinzu: „Je schneller das ganze jetzt geht, desto besser. Dann platzen dieser Semisozialismus und die Idiotie von der multikulturellen Gesellschaft. Nach der Währungsreform wird alles anders!“

„Consultant“ nennt Daten und meint: „Wie pervers dieser Sozialstaat ist zeigen ein paar offizielle Zahlen: Summe aller Nettolöhne in 2007: 623,4 Mrd. Euro. Summe aller Sozialausgaben über 720 Mrd. Euro. Summe der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte: 1514,5 Mrd. Euro. Die Sozialausgaben sind deutlich höher als die Summe der Nettolöhne aller Arbeitnehmer! Die Nettolohnquote beträgt gerade noch 65,1 Prozent und lag 1965, bevor die SPD Deutschland in ein Sozialparadies verwandelte, noch bei 82,9 Prozent. Jeder kann hier eindrucksvoll die Bedeutung und Wertschätzung der Lohneinkommen und der Mühe der Arbeitnehmer ablesen. Um ihr Werk konsequent fortzusetzen fordern echte Sozis und die christlichen Sozis ständig höhere Sozialleistungen. Frau von der Leyen überschlägt sich geradezu darin. Verwundert reibe ich mir jedesmal die Augen, wenn Arbeitnehmer hinter den Fahnen der Gewerkschaftler marschieren und sich durch diese vertreten lassen. Der Rest der Arbeitnehmer fühlt sich bei Angie und Horst so richtig gut aufgehoben und sauwohl. Offenbar sind die Arbeitnehmer wirklich exakt so blöd wie die etablierten Parteien sie seit Jahren einschätzen.“

„Freier Markt, Demokratie für Alle“ sagt trocken: „Der Sozialstaat muss abgebaut werden, was nach der Bundestagswahl wohl automatisch kommen wird. Eine Handvoll Eliten ziehen die alleinige Last, rackern ohne zeitliche Begrenzung und auf der anderen Seite leben Millionen in der Luxus-Sozial-Hängematte, können morgens ausschlafen und stehen abends am Bierbüdchen.“

„Sozialstaat in der Tat“ ergänzt: „Ein französischer Politiker hat vor langer Zeit einmal den Ausdruck, ‚es ist unwahrscheinlich, wieviel Unsinn in der Politik alleine durch einen Mangel an Mitteln verhindert werden konnte’, geprägt. Genauso wird es wieder kommen. Die Leute werden es nicht mehr für normal erachten, dass sich fortwährend fortpflanzende Sozialhilfeempfänger über höheres Einkommen freuen können als normale Erwerbstätige, welche sich mit ihre Nachwuchsplanung aus Verantwortungsbewusstsein zurückhalten. Der Staat wird überdenken, ob es wirklich gerechtfertigt ist, solche Leute rententechnisch mit den Aufbauern der BRD in einen Versorgungstopf zu werfen, welche für eine in der Pleite geendeten Utopie ihre Lebensleistung sehen durften. Es wird zu einer Bereinigung kommen. Es wird kein Geld mehr da sein, für jene ohne Gegenleistung, und es wird gut so sein. Ein Korrektiv und überfällig und eben schmerzhaft, aber unausweichlich. Wenn der Wundbrand zu massiv ist, dann kommt die gleiche Säge aus dem Koffer wie vor hundert Jahren, da mildern auch die neuen Anästhetika nicht die Fakten. Und Verteilungskämpfe und Revolutionen wird es auch nicht geben, weil Leute, für die es in der Vergangenheit ‚unzumutbar’ war, den eigenen Hintern zu bewegen, weil sie sich ja eingerichtet hatten in ihrer Platte, auch hierfür zu unbeweglich und bequem sind.“

„Das ist der Lauf der Dinge“ sieht es ähnlich: „Genau wie Menschen, Tiere und Pflanzen haben auch Staaten einen Lebenszyklus, und der von Deutschland neigt sich nunmal dem Ende entgegen. Der Lauf der Dinge halt. Wer kann – und vor allem wer etwas kann, wird dieses Land in den nächsten Jahren so oder so verlassen, und die Zurückgebliebenen gehen dann wie die Ratten mit dem sinkenden Schiff unter – und vielen von denen geschieht das auch ganz recht.“

„R“ sieht es nüchtern: „Nach der nächsten Bundestagswahl wird in Deutschland nichts mehr so sein wie es war – und das ist gut so!“

„In Kalifornien“ winkt aus Übersee: „Grüße aus dem Niedrigsteuerland – USA – an Euren verkappten Sozialismus – effektiv über 50 Prozent Strafbesteuerung von uns hart arbeitenden Leistungsträgern. Dass Ihr Euch das bieten lasst, ist mir völlig schleierhaft. Habe ich das deutsche Hochschulsystem, und damit die Steuerzahler ausgenutzt? Ein klares Ja. Trauere ich dem erwürgenden Sozialstaat nach? Nicht eine Sekunde. Das kommt noch viel schlimmer, bereitet Euch gut vor. Oder kommt auch rüber.“

Schließlich befindet „Alf“: „Man könnte auch sagen: Die Demokratie ist fertig in Deutschland.“ Kurz danach wurde die Diskussion beendet…

Was sagt uns das alles? Natürlich darf man auch und gerade Online-Kommentarspalten nicht überbewerten. Und sicherlich sind die Kostgänger des Sozialstaats nicht die alleinigen Nettostaatsprofiteure. Und ja, einzelne mit der Politik kungelnde Manager von Großunternehmen zocken für sich und ihr parasitäres Leben größere Summen ab als der kleine systematisch arbeitsentwöhnte Nichtsnutz am Bier- und Pommesbüdchen.

Nur: Die hoch subventionierte Großindustrie und andere wohlversorgte Staatsprofiteure waren immer schon kritisierbar. Und allzu offensichtliche Missstände in diesen Bereichen wurden auch von den Medien hin und wieder aufgegriffen. Der Sozialhilfeempfänger aber war lange Zeit sakrosankt. Er war stets nur Opfer, und die Benennung seines eigentlichen ökonomischen Status’ als Profiteur des Systems war so unmöglich wie das Wort Autobahn.

Die „Welt“-Artikelserie sowie die dazugehörigen Umfrageergebnisse und Leserkommentare zeigen, dass hier offenbar einiges ins Rutschen gerät.

In der aktuellen Ausgabe „eigentümlich frei“ (ef 94) schreibt der Autor dieser Zeilen über „Political Correctness in Deutschland“. Am Ende heißt es in diesem Artikel: „Deutschland könnte als Frontstaat der PC das erste Land sein, in dem die politische Korrektheit am Ende auch überwunden wird. Anzeichen dafür gibt es in den bislang relativ freien Diskussionsforen im Internet. Die wirkliche, heimliche Meinung des Volkes, die früher von den Massenmedien verschleiert wurde und jetzt im Internet für viele sichtbar wird, scheint mit den Methoden der PC gerade nicht geändert worden zu sein. Vielleicht wird sogar durch die PC (Druck erzeugt Gegendruck) erst eine radikale Gegenbewegung hervorgerufen.“

Die Anzeichen mehren sich.

Internet

Die Welt und der Sozialstaat, Teil I.

„Der deutsche Sozialstaat gerät aus den Fugen“ von Dorothea Siems


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige