17. Juli 2009

Meinungsfreiheit Irland als Theokratie

Oder doch eher Deutschland?

„Irland ist eine verdammte Scheiß-Theokratie“, hörte ich neulich einen ansonsten ganz vernünftigen Libertären schimpfen, nachdem der im „Spiegel“ gelesen hatte, dass für Gotteslästerei im katholischen Inselstaat zukünftig bis zu 25.000 Euro Geldstrafe erhoben werden kann. Das irische Parlament hat sich nämlich mit einem Gesetzespaket in die Sommerpause verabschiedet, welches eine solche Strafe etwa bei Veröffentlichung von blasphemischem Material vorsieht, das zutiefst die Gefühle von Gläubigen verletzen könnte.

Der Aufschrei beginnt. Atheisten-Vordenker Richard Dawkin wird vom „Spiegel“ mit der Warnung zitiert, dass „die grüne Insel ins Mittelalter zurückfällt“. Und Ian O'Doherty, Kolumnist des „Irish Independent“, kommentiert: „Jetzt sind wir das religiös verblendetste Land der zivilisierten Welt.“ Und dann fordert er mit inzwischen europaweit zitierten Worten in einer Kolumne die irischen Gesetzeswächter heraus, indem er stellvertretend vier Religionen beleidigt und die Irland prägende so: „Katholizismus ist ein Kannibalenkult, der seine Anführer frisst.“ Vorhersehbar, dass auch unser deutscher Libertärer diese „mutigen Worte“ wiederholt. Gebetsmühlenartig?

O'Doherty jedenfalls freut sich auf weltweite Popularität: „Also, Jungs, ich sehe euch vor Gericht.“ Sicher! Uns alle! In Gerichts-Liveschaltungen auf allen europäischen Nachrichtenkanälen. Da wird sich der Papst sicher entschuldigen müssen. Die Ü-Wagen können einpacken und von Los Angeles nach Dublin eingeflogen werden – gestern der Abgang des „Mega-Popstars“ der Epoche, die ihn verdient hat, morgen das Leben des Ian, der Quasi-Märtyrer, der uns heroisch vor dem Mittelalter bewahrt.  

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist immer gut und richtig, für die Freiheit der Meinungsäußerung – und sei diese noch so abseitig – zu streiten! Insofern liegt O'Doherty mit seinem Anliegen in und für Irland richtig! Nur der Kult mancher Deutscher um ihn ist grotesk, könnte und sollte man doch zunächst im eigenen Land und bei der hiesigen totalitären Pseudoreligion nach Missständen suchen.

Während nämlich O'Doherty am Ende so sicher wie das Amen in der Kirche ohne oder mit einer symbolischen, milden Strafe davonkommt (wetten, dass?), werden hiesige Meinungsdelikte mit Gefängnisstrafen wie für Schwerverbrecher belegt. Der deutsche Ian heißt Horst, und der erhielt als wiederholter Lästerer wider die hiesige staatstragende Religion sechs Jahre ohne Bewährung.

Die Widerwärtigkeit und Geschmacklosigkeit der strafrechtlich zu verfolgenden Aussagen von O'Doherty und Mahler sind durchaus vergleichbar, wenn dort Millionen Gläubige etwa als Kannibalen oder hier Millionen Ermordete als Lüge dargestellt werden. Beiden, O'Doherty und Mahler, kam es aber nicht zuletzt darauf an, gerade den Meinungs-Totalitarismus zu entlarven. Das europäische Schauspiel, das mit Eröffnung eines Prozesses um Ian O'Doherty beginnen wird, dürfte als Farce enden, während Herr Mahler in schlechter deutscher Tradition weiter im Gefängnis sitzt. Seine Widerwärtigkeiten werden weder vom „Spiegel“ noch von deutschen Libertären undistanziert wiedergekäut. Und die Ü-Wagen vor dem Gerichtssaal wurden auch vermisst. Denn Theokratie gibt es grundsätzlich nur in Ländern mit I…

Nachtrag Internet:

Der „Spiegel“

Der Libertäre (Das Antibürokratieteam soll ja auch mal nett Traffic bekommen ;-)


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