18. Juni 2009

Zeitgeist Addendum II Widerspruch gegen Kritik am Film

... ist lebhaft, aber unwirksam

Am 6. Oktober 2008 veröffentlichte der Autor dieser Zeilen einen Artikel auf dieser Website über den damals neu erschienen Film „Zeitgeist Addendum“. Der Grund, weshalb dieses Thema hier nochmals aufgegriffen wird ist der, dass sich dieser Artikel einer ungewöhnlich hohen Aufmerksamkeit erfreut. Das erkennt man vor allem daran, dass auch jetzt, gut acht Monate später, noch immer Kommentare hinzugefügt werden. Zuletzt am 17. Juni 2009.

Im ursprünglichen Artikel wurde der Film zunächst dafür gelobt, dass er das Hauptproblem unserer Zeit benennt und einigermaßen klar darstellt, nämlich „das Monopolgeldsystem der 'Weltreservewährung' der US Federal Reserve und das unter ihrer Ägide mögliche, inflationäre Teilreservebankwesen ohne Realwertbindung ihrer Banknoten“. Der Artikel verschwieg aber auch nicht das Negative, nämlich dass der Filmemacher Peter Joseph eine absolut blauäugige Vorstellung davon hat, wie die Probleme der Welt zu lösen seien. Kurz gesagt schlägt er vor, Geld gänzlich abzuschaffen. Dann würde ein „intelligentes Management der Ressourcen“ möglich, und jeder Mangel dieser Welt würde wie von Zauberhand verschwinden. Dazu wurde im Artikel ausführlich Stellung genommen, hier ein Zitat:

„Der grundlegende Denkfehler, der zu dieser Schlaraffenlandvision führt, ist, dass das gegenwärtige Geldsystem das einzig mögliche ist. Joseph und Fresco verhalten sich wie ein Arzt, der Blutkrebs korrekt diagnostiziert – unser krankhaftes Geldsystem –, dann aber sagt, dass es dem Patienten sehr viel besser ginge, wenn seine Gefäße kein Blut mehr enthielten. Es ist bedauerlich, dass Joseph es offenbar nicht für nötig gehalten hat, die Geschichte des Geldes und der Geldentstehung zu studieren. Mehr noch, dieses Versehen ist unerklärlich und eigentlich unentschuldbar. Denn im Film erwähnt Joseph den gescheiterten US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul, von dem er hätte lernen können, was die Österreichische Schule der Ökonomie dazu zu sagen hat. Nämlich, dass Geld ganz natürlich aus dem Tauschhandel entstanden ist. Es ist dasjenige Gut, das am 'marktgängigsten' ist, für das es also immer Nachfrage gibt, das haltbar ist, das leicht zu lagern und aufzuteilen ist. Mit anderen Worten: Es wird solange Geld geben, wie die Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, weil sie dann Güter und Dienstleistungen untereinander tauschen werden. Von einem anderen Gelehrten „österreichischer“ Prägung, Hans-Hermann Hoppe, hätte Joseph lernen können, dass es selbst im Paradies knappe Güter gibt. Zumindest der Boden, auf dem jemand steht oder sitzt, steht in dem Augenblick keinem anderen zur Verfügung. Ein weiterer Einwand sollte jedem sofort einleuchten: So lange wir den Tod nicht besiegen, wird es für uns immer zumindest eine begrenzte, nicht erneuerbare Ressource geben: unsere Zeit. Nicht einmal der 'Social Engineer' vom 'Projekt Venus' geht so weit, unsere Unsterblichkeit vorauszusagen. Ergo werden die Menschen immer unterschiedliche Bedürfnisse haben, ergo wird es Tauschhandel geben, ergo Geld.“

Diese Widerlegung einer tragenden Säule des Films hat bei Zeitgeist-Fans viel Widerspruch erregt. Es folgt hier eine Auseinandersetzung mit einer Auswahl dieser Kommentare.

Kommentator „holadihi“ schrieb am 11. Dezember 2009: „Die Idee einer anderen Gesellschaft, so wie in diesem Film propagiert wird, beruht auf Freiheit und Respekt gegenüber allem. Wird in dem Film auch mehrmals erwähnt.“

Antwort: Das ist nicht die „Idee“ des Films, sondern das Ziel. Die „Idee“ des Films ist, dass eine Voraussetzung für die Erreichung dieses Ziel die Abschaffung des Geldes ist. Dieser Idee habe ich widersprochen und sie widerlegt.

„holadihi“: „In diesem Film wurde auch nichts von gleichmachen aller Menschen gesprochen, sondern von einer hierachielosen Gesellschaft in der jeder seine Bedürfnisse decken kann.“

Antwort: Natürlich wird im Film das „Geichmachen aller Menschen“ nicht erwähnt. Das wäre zu abschreckend. Wer jedoch zwei und zwei zusammenzählen kann, weiß, dass das propagierte Gesellschaftsmodell genau darauf hinauslaufen wird.

„holadihi“: „Und in der es andere Bedürfnisse geben wird, als Habgier und Materialismus.“

Antwort: „Habgier“ ist kein Bedürfnis, sondern ein Trieb. Ein Bedürfnis ist ein gespürter Mangel. „Materialismus“ ist auch kein Bedürfnis, sondern eine Ideologie. Wie schon oben angedeutet, gibt es jetzt schon eine unendliche Zahl an unterschiedlichen Bedürfnissen. Nur über den Markt gelingt es, diese einigermaßen zu befriedigen. Ungezügelte Habgier und Materialismus sind in der Tat Probleme unserer Zeit. Sie werden aber durch Abschaffung des Geldes nicht behoben, noch nicht einmal verkleinert. Sondern vergrößert. Ohne Geld gibt es keine Maßeinheit für die Feststellung der Bedürfnisse anderer. „Intelligentes Ressourcenmanagement“ ohne Geld ist eine totale Illusion.

„holadihi“: „Liegt es über ihrer [sic] Vorstellungskraft, dass Menschen Handel betreiben können ohne den anderen dabei übers Ohr zu hauen.“

Antwort: Nein, ganz und gar nicht, denn es ist dem Autor bewusst, das das tagtäglich milliardenfach stattfindet. Selbst mit dem schlechten, zentralplanerisch hergestellten Geld, das wir heute haben, treiben die meisten Leute Handel, ohne andere dabei übers Ohr hauen zu wollen. Gäbe es nicht die allgegenwärtigen staatlichen Gängelungen, gäbe es freie Marktwirtschaft und freie Geldproduktion, wären es noch viel mehr.

„holadihi“: „Schade, sie [sic] haben die Utopie des Filmes leider nicht verstanden.“

Antwort: Der Autor behauptet das Gegenteil. Er hat sehr wohl die „Utopie“ des Filmes verstanden. Und er hat verstanden wo der Versuch, diese Utopie zu verwirklichen, hinführen wird.

Kommentator „Brakiri“ ist sich seiner Sache so sicher, dass er gleich zu persönlichen Angriffen übergeht. Am 15. Februar 2009 schreibt er, er sei „erschrocken“ über den Autor, der „angibt, Diplom-Ökonom zu sein, aber anscheinend noch nichts von Wohlfahrtsökonomie, Internalisierung externer Effekte etc. gehört hat.“ Er, „Brakiri“, „bearbeite als Student grade [sic] diese Theorien, und sehe bei jeder Behandlung immer wieder, dass das eigendliche [sic] Problem wirklich der Mangel an Anreiz ist. Viele bzw. fast alle Probleme liegen in dem Profitstreben begründet. Das Verursacherprinzip wird in der Wirtschaft nicht wirklich angewand [sic], obwohl es eine folgerichtige Weiterentwicklung ökonomischer Theorie ist.“

Antwort: In der heutigen Wohlfahrts- und Umweltökonomie gibt es keinen „Mangel an Anreiz“, dafür aber jede Menge falsche Anreize, die sämtlich vom Staat gesetzt werden. In einer reinen Marktwirtschaft würde das Verursacherprinzip voll zur Geltung kommen, da dann das Prinzip der Unverletzbarkeit des Eigentums gelten würde. In einer reinen Marktwirtschaft gäbe es nur Privateigentum. Wo immer heutzutage dauerhafte – und nicht eingebildete – Umweltprobleme auftauchen, kann man sicher sein, dass unzureichend definiertes Privateigentum die Wurzel des Problems ist.

„Brakiri“ weiter mit persönlichen Angriffen: „Zum anderen zeigt der Author [sic] leider einen grossen Mangel an 'Google'-Fähigkeiten.“ Der Autor habe „Brakiris“ Meinung nach übersehen, dass „die gezeigten Technologien wie Geothermie, Gezeitenkraftwerke und sogar die Maglev-Technologie [...] erprobte und sogar bereits eingesetzte Technologien [sind], deren Einsatz aufgrund von Kostengedanken oder Aufgrund protektionistischer Aktion/Lobbyarbeit der Energiebetreiber und Ölgesellschaften nicht umgesetzt werden.“

Antwort: Nicht nur hat der Autor in seinem ursprünglichen Artikel die Technikfreundlichkeit des Films ausdrücklich gelobt. Zudem unterstützt der von „Brakiri“ hervorgehobene Aspekt von Protektionismus und Lobbyismus das Grundargument des Autors: Wir brauchen sehr viel mehr Marktwirtschaft und weniger Staat.

„Brakiri“ fragt weiter: „Auf der anderen Seite muss man sich fragen: Reicht es nicht, eine Alternative zu haben? Muss die Alternative sofort alle Probleme lösen?“

Antwort: Nein, muss sie nicht, auch wenn sie, wie in diesem Fall, den Anschein zu erwecken versucht. Aber wenn sie viel größere Probleme aufwirft als das, was wir bereits haben, dann ist es zulässig, dies auch zu sagen.

„Zum Ende“ möchte „Brakiri“ „den Author [sic] fragen, was sein Vorschlag zur Bewältigung der Probleme ist? Es ist leicht eine Idee zu kritisieren, aber wie wäre es mit etwas eigener Kreativität? Haben Sie was besseres auf Lager?“

Antwort: Ja – Marktwirtschaft.

Mehrere Kommentatoren scheinen den Autor insofern missverstanden zu haben, dass er meine, das gegenwärtige Geldsystem sei das einzig mögliche. Deshalb hier eine hoffentlich unmissverständliche Klarstellung: Genau das Gegenteil ist der Fall! Der Autor wirft im Ursprungsartikel den Filmemachern vor, dass sie sich nur vorstellen können, nur das gegenwärtige Geldsystem oder eben gar keines sei möglich. Unterschlagen wird aber von den Filmemachern, dass es noch ein anderes Geldsystem gibt, nämlich das auf freier, ungeregelter Geldproduktion beruhende. Das Kuriose, um nicht zu sagen höchst Verdächtige, am Film ist, dass er einen prominenten Vertreter dieses Gedankens erwähnt, nämlich den früheren US-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul, aber auf seine geldpolitischen Ideen, nämlich die der österreichischen Schule der Ökonomie, mit keinem einzigen Wort eingeht.

Kommentator „MB“ stimmt am 4. Juni 2009 dem Autor freimütig zu, dass die vom Film geforderte „radikale Revolution des Bewusstseins“ im Grunde eine Gehinwäsche wäre, meint jedoch, „Gehirnreinigung“ wäre das bessere Wort. Dazu passt vielleicht – aber vermutlich nicht, wie „MB“ es meint – seine abschließende Aussage, dass in Zukunft die Menschen die „Überflüssigkeit von ... Knappheit ... erkennen und abschaffen“ würden.

Am 17. Juni schließlich meldet sich „Brakiri“ nochmal. Er meint, eine Antwort vom Autor auf seine Einlassungen sei bisher ausgeblieben, weil „weder die Intention noch die Argumente gegeben sind, um dass was ich lange und gründlich gelesen, studiert und recherchiert habe, auch nur im Ansatz auszuhebeln.“

Antwort: Erübrigt sich. Dieser Satz bedarf vermutlich keines weiteren Kommentars, um von den meisten Lesern korrekt bewertet werden zu können.

„Brakiri“ weiter: „Alle Argumente des Autoren lösen das Hauptproblem, welches hinter der Basis steckt nicht: Gewinnmaximierung. Solange dies die Hauptmaxime ist, wird keine Veränderung INNERHALB des Systems zu einer Lösung führen.“

Antwort: Hier stoßen wir auf den Kern der Auseinandersetzung. Der Autor gibt gerne zu, dass er die Realität anerkennt, dass alle Handlungen aller Menschen von der „Hauptmaxime Gewinnmaximierung“ geleitet werden. Auch „Brakiri“ hat diese Realität anerkannt, wenn auch bisher nur implizit. Erklärung: Ihm gefällt meine Analyse nicht. Das ist sein gutes Recht. Weil sie ihm nicht gefällt, schreibt er gegen sie an. Auch das ist sein gutes Recht. Aber durch diese seine Handlung bestätigt er, dass auch er, wie jeder Mensch auch, vom Wunsch geleitet wird, einen für ihn wenig zufriedenstellenden Zustand in einen ihn zufriedenstellenderen Zustand zu verwandeln. Nichts anderes ist „Gewinnmaximierung“. Für „Brakiri“ war ein ihn wenig zufriedenstellenden Zustand entstanden, da es einen Artikel gibt, der sich sehr kritisch mit einem Film auseinandersetzt, der seiner Meinung nach den Weg zur Rettung der Menschheit aufzeigt. Das erzeugte in ihm dem Wunsch, einen ihn zufriedenstellenderen Zustand herzustellen, indem er Gegenargumente vorbringt. Er hat so gehandelt, weil er sich von dieser Handlung einen Gewinn versprach: Ein – seiner Meinung nach – überzeugender Widerspruch gegen die Kritik am Film „Zeitgeist-Addendum“. Es gibt kein Entkommen von der „Handlungsmaxime Gewinnmaximierung“, und das hat „Brakiri“ überzeugend, wenn auch ungewollt, demonstriert.

„Brakiri“: „Die Kritk [sic] zeigt, dass der Autor ein Anhänger des etablierten Systems ist, nicht willens ist, die Probleme im Kern zu erkennen, keine Lösungen ausserhalb des Systems anbieten möchte, eigene oder Kollegen-Bücher promoten will, und weder fachlich noch argumentativ in der Lage zu sein scheint, sich mit den Kernaussagen des Films intensiv auseinanderzusetzen.“

Antwort: „Brakiri“ hat nicht erkannt, dass der Autor ein Anhänger der freien Marktwirtschaft ist und somit ganz und gar kein Anhänger des „etablierten Systems“. Das etablierte System ist eine vom Staat auf alle erdenkliche Weise gegängelte Wirtschaft, die glücklicherweise noch einige marktwirtschaftliche Restelemente enthält, denen die meisten Leute ihr Leben verdanken.

Das „Zeitgeist“-System ist dem etablierten System viel näher als die freie Marktwirtschaft. Wie der Sozialismus und der Ökologismus ist das „Zeitgeist“-System nichts weiter als die neueste Geschmacksrichtung uralten totalitären Gedankenguts, wie es ihn mindestens seit der Zeit der Pharaonen gibt. Freie Marktwirtschaft ist dagegen das neuere, jüngere System. Es begann mit dem Exodus der Hebräer aus Ägypten, der dem Alten Testament zufolge die erste erfolgreiche Auflehnung gegen den Totalitarismus war. Seit dem hat der Totalitarismus immer wieder und mit wechselndem Erfolg versucht, jedes Element der freien Marktwirtschaft wieder aus der Welt zu schaffen. Seit dem haben Freiheitsbewusste immer wieder ideologische Gegenangriffe gestartet. Die österreichische Schule der Ökonomie ist die bislang stärkste intellektuelle Waffe gegen den Sozialismus, insbesondere gegen den der marxistischen Prägung, zu dessen Familie die „Zeitgeist“-Filme gezählt werden dürfen. Wie erfolgreich diese Filme sein werden, hängt davon ab, wie wachsam diejenigen sind, die sich von vernunftbasierter Realitätserkenntnis leiten lassen und nicht von Illusionen.

Internet:

Robert Grözinger: "Zeitgeist Addendum : Teilweise richtige Diagnose - völlig falsche Therapie" (Artikel vom 6. Oktober 2008)


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