17. Juni 2009

Auswanderung (1) Die Statistik des personellen Aderlasses

Taler, Taler, du musst wandern, von dem einen Land zum andern

Die Welt ist groß und schön. Groß genug jedenfalls, um noch jenes Maß an politischem Pluralismus sicherstellen zu können, das einen hinreichend großen Raum individueller Lebensgestaltungsmodelle ermöglicht. Dies wird vermutlich und allen internationalen Harmonisierungsbestrebungen zum Trotz auch weiterhin so bleiben. Schön genug ist sie in jedem Fall immer dort für all jene, die über das zur Umsetzung des jeweils bevorzugten Modells notwendige Human-, Sach- oder Geldkapital verfügen. Das ist in der Tat eine historische Konstante.

Nun ist die Bundesrepublik Deutschland seit einigen Jahren aktiv dazu übergegangen, die politisch verbrieften Ansprüche progressiv steigernder Daseinsvorsorge bei sich gleichzeitig linear vollziehendem Bevölkerungsschwund durch die Behinderung der Leistungsträger und Zuführung von Leistungsverweigerern begleichen zu wollen. Kein Wunder also, dass dieses Anreizsystem nicht nur dem Unterschichtenimport, sondern auch gleichzeitig dem Oberschichtenexport in höchstem Maße dienlich ist. Dieser Befund gilt übrigens, wie fast immer bei politisch induzierten Anreizen, völlig losgelöst von der Frage der nationalen Zugehörigkeit. Denn jüngst umfasst der Import schließlich nicht nur den Zuzug von Migranten, sondern auch den gescheiterter ethnodeutscher Auslandsexistenzen, deren abzusehender Werdegang von den Kameras der zweiten Garde des Privatfernsehens eingefangen und den Daheimgebliebenen zur Warnung ausgestrahlt wird. Auch die Rückwanderer haben sich lediglich der Anreizstruktur ihrer Ex- und wiederentdeckten Neuheimat angepasst. Wem jederzeit via Pass die Rückkehroption in den Schoß des Sozialgesetzbuches offen steht, der kann auch mal ohne Fremdsprachenkenntnisse, kulturelle Kompetenzen, beruflich relevante Fertigkeiten und vor allem monetäre Reserven nach Mallorca „auswandern“. Hat nicht der Cousin vom Freund des Nachbarn berichtet, dass dort eh alles wie in Deutschland ist, nur eben ohne Bürokratie, dafür aber mit allzeit schönem Wetter, lockeren Leuten und ebenso lauen wie ertragreichen Jobs?

Im Gegenzug dazu, gewissermaßen als Kompensation, hat die Exportwelle mittlerweile selbst die gutbürgerlichen Beutegermanen erfasst. So erwägen nach einer aktuellen Umfrage fast 40 Prozent der deutschen Studenten mit türkischem Migrationshintergrund nach erfolgreichem Universitätsabschluss in die Heimat ihrer Vorväter zurückzukehren respektive auszuwandern. Auch dies ist angesichts der Perspektive in hiesigen Gefilden, nämlich ein bildungsfernes Prekariat alimentieren zu müssen, nicht weiter verwunderlich. So greift bei Ihnen genau derselbe Mechanismus mit umgekehrten Vorzeichen, der ihre Vorfahren einst nach Deutschland sog.

Doch auch der allgemeine empirische Befund zeichnet ein eindeutiges Bild. Seit dem Jahr 2003 sind 180.000 qualifizierte deutsche Fachkräfte in das Ausland ausgewandert; mindestens, denn gezählt werden in der öffentlichen Statistik nur diejenigen ab Status Facharbeiter, die sich auch amtlich abgemeldet haben. Damit gehören über 80 Prozent der Auswanderer zur Gruppe der „Qualifizierten“; über 60 Prozent von diesen sind Männer. Nur eine Minderheit erwägt überhaupt eine Rückkehr, noch weniger setzen diese überhaupt in die Tat um, weswegen seit mehr als 15 Jahren das bundesdeutsche Wanderungssaldo tief im Soll steht. Die Lücke dieser Mediziner und Informatiker, Ingenieure, Kaufleute und Handwerker füllten allein in den Jahren 1996 bis 2006 3,5 Millionen Einwanderer, von denen lediglich 20 Prozent über einen qualifizierten Bildungsabschluss verfügten. Und ausgerechnet für diesen kleinen, 20-prozentigen Anteil potenzieller Wertschöpfer wurden die arbeitsrechtlichen Markteintrittsbarrieren zum Teil unermesslich hoch gelegt. Das belegen auch sehr schön jene Hürden, über welche die schröderschen Greencardregelungen qualifizierte Zuwanderer zu gewinnen suchte. Ein nachgewiesenes jährliches Bruttogehalt des deutschen Arbeitgebers von mindestens 84.600 Euro oder alternativ eine Investition von 500.000 Euro zuzüglich der Schaffung von 10 Arbeitsplätzen mussten es schon sein. Angesichts der dank dieser attraktiven Rahmenbedingungen gewonnenen 450 High-End-Kandidaten zwischen 2005 und 2007 wurden die Anforderungen auf 64.800 Euro Bruttojahresgehalt und 250.000 Euro Investitionssumme respektive fünf Arbeitsplätze heruntergeschraubt.

Die massiven politischen Anstrengungen hinsichtlich der gezielten Entwertung des territorialen Humankapitals jedenfalls zeigen endlich „nachhaltige“ Wirkung. Erstmals seit Erhebung entsprechenden Datenmaterials ist die aktuell in das Berufsleben respektive in die öffentliche Alimentierung übergehende Generation im Schnitt geringer qualifiziert als die ihrer Eltern. Die volkswirtschaftlich allseits versprochene und verteilte Sahnetorte könnte sich angesichts der dann noch verfügbaren Backzutaten letzten Endes bestenfalls als ein trockener Napfkuchen entpuppen.

Solange also niemand die Absicht hat, eine neue, diesmal allerdings gesamtdeutsche Mauer zu bauen, werden aktive Leistungserbringer mit interkultureller Kompetenz und finanziellem Polster auch weiterhin anhand der sich bietenden komparativen Territorialvorteile ihre heimatliche Basis suchen. Dass sich hierbei ausgerechnet der Grad des fiskalischen Zugriffs auf die potenzielle und tatsächliche Leistung als ganz wesentliches Kriterium der Standortwahl herauskristallisiert, kann in einer Republik, in welcher der Steuerspartrieb ausgeprägter als der Geschlechtstrieb ist, nicht wirklich überraschen. Auch diesbezüglich ist die Statistik eindeutig. So begründen 68 Prozent der Auswanderer ihren Wechselmotiv mit besseren Berufs- und Einkommensmöglichkeiten, 38 Prozent mit der Verringerung der Steuer- und Abgabenbelastung, 31 Prozent mit der Minderung der Bürokratiedichte und 25 Prozent mit der höheren Gestaltungsfreiheit. Haupttreiber sind also vor allem monetäre Gründe, die der Aussicht auf Mehreinnahmen oder Minderausgaben geschuldet sind. Im Idealfall beidem. Dabei gilt der statistische Zusammenhang: Je höher das Einkommen und Vermögen, desto wichtiger der fiskalische Aspekt. Da der materielle Wohlstand in aller Regel nicht nur mit dem Bildungsniveau sondern auch dem Grad des beruflichen Erfolges und der Selbständigkeit korreliert, bedeutet der Abgang der Qualifizierten tendenziell auch ein Verlust an Humankapital erst produktiv aktivierenden und finanzierenden Machern; der vielleicht größte Passivposten des Wanderungssaldos. Für die selbständigen unter ihnen ist der berufliche Standortwechsel ohnehin eine unwesentliche Herausforderung. Dem ökonomischen Lockruf der Ferne diametral entgegen gesetzt ist das Rückkehrmotiv qualifizierter Auswanderer. Er ist überwiegend, genau genommen für 34 Prozent von ihnen, privater Natur. Treibsatz sind typischerweise Freude und Familie, die emotionalen Lockrufe der in der Heimat Verbliebenden. Alle hier genannten Prozentangaben entstammen übrigens einer kürzlich durchgeführten Befragung von 1.410 deutschen Auswanderern im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, sind also gewissermaßen amtlichen Ursprungs.

Das Schwesterministerium des Auftraggebers, das der Finanzen, hat überraschenderweise recht frühzeitig diesen Trend erkannt und bereits in den 60er Jahren erste fiskalische Fallgruben ausgehoben, die explizit der Erschwerung steuerschonender Auswanderung dienen sollen. Anlass gab der, beiden oben genannten Trieben im gleichen Maße frönende Großkaufmann Helmut Horten, umstrittener Begründer und Eigentümer der gleichnamigen Warenhauskette. Im Jahr 1966 heiratete er die 32 Jahre jüngere Sekretärin Heidi Jelinek, zwei Jahre später siedelte er ins schweizerische Tessin über. Denn verständlicherweise sah er wenig Veranlassungen, das bereits mehrfach versteuerte Familienvermögen im Falle seines Ablebens mangels ausreichend hohen Freibetrags noch einmal einem Schwundgang durch die Öffentliche Hand zu unterwerfen. Nicht nur beruflich, sondern auch privat fühlte er sich „commited to create value“, also „verpflichtet, Werte zu schaffen“, ein Slogan, den ein anderer deutscher Warenhauskonzern in der aktuellen Dekade just vor dem über 90-prozentigen Kursabsturz seiner Anteilsscheine und der anschließenden Insolvenz zur Selbstverpflichtung erhoben hatte. Helmut Horten wandelte von der neuen Schweizer Heimat aus sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, deren Anteile er in den folgenden Jahren mangels gesetzlicher Grundlage komplett steuerfrei verkaufen konnte. Nach mehreren Eigentümerwechseln gehört das ehemalige Horten-Imperium heute zur Kaufhof-Gruppe des Metro-Konzerns. Dank der fehlenden Nachlassbesteuerung auch großer Vermögen konnte nach Helmut Hortens Tod im Jahr 1987 der Veräußerungserlös ebenfalls steuerfrei auf seine Frau Heidi übergehen, die noch heute zum, mittlerweile allerdings österreichischen, Geldadel zählt. Einmal ausgewandert, zweimal Steuern gespart, diese fiskalische Gleichung eines einstigen Warenhausfürsten wäre nicht mehr als eine wirtschaftshistorische Episode steueroptimierenden Unternehmertums, hätte die Bundesrepublik Deutschland nicht bereits im Jahr 1968 genau diese als gesetzgeberischen Handlungsimperativ verstanden. Ihrem Verursacher zu Ehren ist sie als „Lex Horten“ bekannt. Es handelt sich um einen der für Auswanderer potenziell teuersten deutschen Paragraphen überhaupt, den Paragraphen 6 im Außensteuergesetz. Dieses Gesetz sowie die in diesem Zusammenhang ebenfalls hochrelevanten Fallstricke des Einkommensteuergesetzes werden im Rahmen eines praktisch orientierten Ansatzes nächste Woche an dieser Stelle thematisiert.

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