08. Juni 2009

Amoklauf Trittbrettfahrer halten Polizei weiterhin in Atem

Hochgerechnet 1600 Fälle seit Winnenden

In den Wochen nach dem Amoklauf des Schülers Tim K. in Winnenden am 11. März 2009, bei dem 15 Menschen umgebracht und 11 weitere verletzt wurden, gab es hunderte von Trittbrettfahrer-Fälle. Am 21. März meldete „Spiegel-Online“, dass es seitdem bundesweit 400 Amokdrohungen gegeben hatte, wobei es zu „zahlreichen Großeinsätzen der Polizei“ gekommen war. „Die Behörden hoffen“, heißt es weiter, „dass diese Präzedenzfälle abschreckend auf weitere Trittbrettfahrer wirken.“ Zumindest in Niedersachsen hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Am 30. Mai meldete die „Braunschweiger Zeitung“, dass das norddeutsche Flächenland seit dem 11. März „157 vergleichbare Fälle vermeintlicher Nachahmungstäter zählte ... drei davon in Braunschweig.“ Bis zum 21. März waren es im selben Bundesland laut „Spiegel“-Bericht noch „mehr als 60“ gewesen.

In Niedersachsen leben 7.973.800 Menschen, also 9,7 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung. Man kann also davon ausgehen, dass es bis zum 30. Mai bundesweit über 1.600 Fälle von Winnenden-Trittbrettfahrern gegeben hat. Die meisten werden jedoch nicht ernst gemeint, sondern „nur“ ein sprichwörtlicher Dummer-Jungen-Streich gewesen sein, so wie der aktuelle Fall in Braunschweig, der die Meldung der Lokalzeitung auslöste. Ein 15-jähriger Schüler, der nach Polizeiangaben „in seinem Leben noch nicht einmal eine Packung Kaugummis geklaut hat“, hatte auf dem Pausenhof mit den Worten „Am 29. Mai geht’s los, ich hab’ schon eine Liste“ einen Amoklauf angekündigt – und damit eine polizeiliche Hausdurchsuchung, Vernehmungen und eine Schüler-Vollversammlung ausgelöst.

Trotz der erhöhten Sensibilität der Polizei und der Schulbehörden wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis es wieder zu einer Katastrophe kommt. Gewaltfoscher Frank Robertz, der weitere Amokläufe erwartet, erklärte dazu laut einem ddp-Bericht kurz nach dem Vorfall von Winnenden, der Grund dafür liege „bei den Jugendlichen in der Schule, wo ein Klima geschaffen wird, das solche Taten begünstigt und wo auch keine vernünftige Prävention geschieht“. Da sei bislang viel „heiße Luft“ produziert worden.

Auch jetzt geschieht statt Prävention allenfalls hektische Schadensbegrenzung, die noch mehr langfristigen Schaden verursacht. Der Braunschweiger Schüler musste sich in Begleitung des Rektors vor seiner Klasse entschuldigen. Er wird noch weitere Vernehmungen über sich ergehen lassen müssen. Ob er psychologische Hilfe erhält, ist nicht bekannt. Ob das helfen wird, auch nicht.

Der Mensch ist ein lernendes System. Irgendwann wird ein hochintelligenter, äußerst frustrierter, eher stiller, missverstandener Junge (Mädchen sind da weiterhin die Ausnahme) seine furchtbaren Absichten ohne Ankündigung durchführen. Denn bei aller Anti-Amoklauf-Geschäftigkeit und Hyperaktivität des Staates werden die offensichtlichen Grundursachen nicht berührt: der staatliche Schulzwang und eine jungenfeindliche Pädagogik.

Internet

Braunschweiger Zeitung (30.05.2009): "Die Ankündigung eines Amoklaufs und ihre Folgen"

Spiegel-Online (21.03.2009): "Hunderte Trittbrettfahrer drohen mit Amoklauf"

ddp-Hintergrund (14.03.2009): "Amokläufe nehmen weltweit drastisch zu"

Arne Hoffmann (13.03.2009): "Amoklauf von Winnenden II – Das lauernde Böse“


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