03. Juni 2009

TV-Duell Die Superschöne und das Fäkalbiest

Anmerkungen zum medialen Klum-Willemsen-Antagonismus

Hinsichtlich ihrer medialen Projektion existieren wohl kaum zwei gegensätzlichere Charaktere als Heidi Klum und Roger Willemsen. Sie ein millionenschweres Mannequin, Werbeikone, Autorin, Gelegenheitssängerin und Ehemannpromotorin, strategische Vermarkterin ihres eigenen Namens sowie Moderatorin und Produzentin eines dies- und jenseits des Atlantiks bisher äußerst erfolgreichen, um den Showgirlnachwuchs besorgten Fernsehformates. Er, nein, kein ebenfalls millionenschwerer, seit 30 Jahren in Deutschland populärer und mit über 250 edelmetallenen Schallplatten ausgezeichneter Schmuseschlagerbarde britischer Provenienz. Der heißt nämlich Roger Whitaker. Roger Willemsen ist vielmehr der einstige Hoffnungsträger feingeistiger TV-Kultur, die ultimative Waffe der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten im hoheitlichen Kampf um den Erhalt des humanistischen Bildungsbürgertums. Damals, in den ausgehenden 90er Jahren, als innerhalb dieses Personenkreises bekanntermaßen Witze noch in lateinischer Sprache gerissen und beim gemeinsamen Abendessen Goethes Faust rezitiert und Kants Kategorischer Imperativ thematisiert wurden. Alles vorbei, weswegen Roger Willemsen zwischenzeitig auch völlig zu Recht in der medialen Versenkung der drittklassigen, nein, der Dritten Programme verschwand. Und selbst hier, in den feudal dotierten Niederungen regionaler Medien für lokale Minderheiten darf er zum Teil nur ans Mikrofon und nicht vor die Kamera.

Es ist nicht bekannt, dass Heidi Klum sich jemals über Roger Willemsens programmatische Inhalte geschweige denn intellektuelle Kapazität oder gar persönlichen Charakter ausgelassen hat; warum auch, dazu ist Roger Willemsen weder wichtig noch schön genug. Umgekehrt jedoch sah sich der Vorkämpfer ausdifferenzierter wie konstruktiver, allen Elementen polemischer Brachialität entkleideter Kritik angesichts der öffentlichen Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen Schönheit und Schöngeist im Spannungsfeld des Seins und Sollen in einem Interview mit der Berliner „taz“jüngst zu folgender Aussage genötigt: „Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi Nazionale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge Entscheidung mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln - wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre.“

Mit dieser Stellungnahme konnte der einstige Hofintellektuelle gleich mehrerlei beweisen: Zum ersten die offensichtliche Unfähigkeit, zwischen Gegenstand und Funktion, zwischen Mensch und Leistung unterscheiden zu können. Zweitens die durchaus bemerkenswerte und vermutlich auf sinnlicher Prägung beruhende Fähigkeit, Fäkalien multikategorial klassifizieren zu können. Drittens die Verinnerlichung des dialektischen Prinzips, indem er einerseits den Wert des Lebens als übergeordnete Kategorie moralischen Handelns hervorhebt und andererseits dieselbe einer geschlechtsspezifische Differenzierung unterwirft. Viertens die Sensibilisierung für die philosophisch durchaus interessante Fragestellung, in wie weit „Leere“ tatsächlich „wabern“ kann. Und schließlich fünftens die mangelnde Souveränität im Umgang mit dem Ein-Aus-Schalter der Fernbedienung von Rundfunkempfangsgeräten.

Nun mag der geneigte Leser zu Heidi Klums scheinbar dauerhafter, ebenso wie zu Roger Willemsens kaum wahrnehmbarer, medialer Aktivität und Präsenz stehen wie er mag, in jedem Fall unterschätzt der eloquente Kritiker die Disziplin, den Fleiß, Ehrgeiz und die Intelligenz, die neben dem Glück des Tüchtigen nötig ist, um eine global erfolgreiche und vor allem hoch rentierliche Marke aufzubauen. Davon war Roger Willemsen freilich immer meilenweit entfernt. Während sich der intellektuelle Anspruch seiner Arbeiten bis heute reziprok zur Zuschauerquote der senilen Senderfamilien verhält beherrscht Heidi Klum derzeit wie niemand sonst die Klaviatur des Wertsteigerungsmanagements in eigener Sache. Wie keine andere vermag sie diesen, in ihr Umfeld ausstrahlenden Mehrwert über hocheffizient verflochtene Wertschöpfungsketten im Mode- und Medienbereich zu vermarkten, den ihre Kunden wiederum über die zusätzlich generierten Konsumausgaben privater Haushalte zu refinanzieren in der Lage sind. Ein „Knallchargen-Pathos“ also, der viele Gewinner kennt und niemandem richtig weh tut; à la longue selbst jenen nicht, deren Topmodelambitionen anstatt vor dem heimischen Kleiderschrankspiegel oder dubiosen Agenturbetreibern wenigstens im glamourösen Licht der Scheinwerferkameras zum Stillstand kommen.

Und genau hierin liegt die eigentliche Unwürdigkeit des willemsenschen Angriffs. Es ist diese zur Schau gestellte, unverfrorene Überheblichkeit, mit der ein existenzdruckbefreiter, da öffentlich alimentierter Hofintellektueller in dünkelhaftem Übermut über die im freien Kooperationswettbewerb siegreiche Schönheitskönigin herzieht. Dabei zeugt die pathetische Phrasendrescherei doch nicht von mehr als dem fozziebärenhaften Minderwertigkeitskomplex eines selbsterklärten Kulturbewahrers, dessen geistige Meriten vom tumben Publikum wider besseres Wissen einfach nicht hinreichend gewürdigt werden wollen. Gleichzeitig kann es wohl nur als Ironie des zeitgenössischen Mediengeschichte betrachtet werden, dass ausgerechnet der männliche Sympathieträger des Klumschen Modelwettbewerbs, der androgyne Ex-Fallschirmjäger und Mannequincoach Bruce Darnell nach der zweiten Staffeln der Erfolgssendung von der ARD teuer abgeworben wurde, um dann prompt mit einem eigenen öffentlich-rechtlichen Sendungsformat unter zu gehen. Dabei war die Abwerbung eigentlich doch nur konsequent, versuchen die dem informativen Grundversorgungsauftrag verpflichteten Sendeanstalten seit Jahren, die von Privatsendern initiierten Erfolgstrends schnellstmöglich, also mit Verzögerung von höchstens einigen Jahren, zu kopieren. Nur eben schlechter. Und peinlicher, sind sie doch stets bemüht, ihre im Vergleich zu den Privaten nicht minder profanen Genrevarianten, seien es Daily Soaps, Quizsendungen, Telenovelas, Gerichtsshows oder Gesangswettbewerbe mit geradezu ritualisierter Qualitätsbeweihräucherung zwanghaft zu rechtfertigen. Im Grunde sind die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten selbst nichts anderes als ein Roger Willemsen im Großformat; das, was sie nach außen kritisieren sehnen sie im tiefen Inneren selbst herbei, dürfen es aber einfach nicht zugeben. Das Ganze erinnert irgendwie frappierend an das seit den 90er Jahren schwelende Bic-Mac-Phänomen. Auch dieser weltweit erfolgreich vermarktete Hamburgerklassiker wurde schließlich in Deutschland und anderen Ländern Westeuropas zur Projektionsfläche vorwiegend globalisierungskritischer Puristen lokaler Ernährungskultur, die seine omnipräsente Erscheinung gepaart mit dem kommerziellen Erfolg schlichtweg nicht ertragen konnten. Gleichwohl dürfte sich ein nicht unbeträchtlicher Anteil derselben heimlich danach sehnen, wenigstens einmal mit gutem Gewissen in den brötchenummantelten Fleischdoppeldecker herzhaft hinein beißen zu dürfen. Und ebenso wie der Bic Mac wird auch Heidi Klum gleichsam institutionell gehasst. Trotz ihres politisch korrekten Privatlebens als berufstätige Mehrfachmutter eines multiethnischen Haushalts und bekundeter Sympathie gegenüber Barrack Obama kann ihr von den Egalitaristen nicht verziehen werden, dass sie ebenso schön wie knallhart selektierend und wettbewerbsorientiert ist, von den Kulturschaffenden nicht, dass sie mit der Darstellung anspruchloser Äußerlichkeiten Erfolg hat und von den Emanzen nicht, dass sie diesen auch noch mit wohl geformten weiblichen Körpern, ihren eigenen eingeschlossen, erzielt. Und von allen dreien gemeinsam wird natürlich am schlimmsten empfunden, dass sie damit auch noch so viel Geld verdient.

Was lag für Heidi Klum daher näher, als für ihren nutritiven Leidensgenossen Werbung zu machen? Ordentlich bezahlt natürlich! Und obendrein und ganz nebenbei hat sie mit der professionellen Präsentation reizvoll-lasziver Femininität vermutlich mehr zum größten Glück der größten Zahl beigetragen als Roger Willemsen mit allen seinen Sendungen zusammen. Doch was sagt sie als Betroffene selbst zu dieser hochnotpeinlichen Verbalentgleisung? Nein, nicht in der alternativ angehauchten „taz“ sondern standesgemäß in Deutschlands Boulevardblatt Nummer Eins, der „Bild“, vermag sie die Schmähungen via volkspädagogischer Kanalisierung noch nutzbringend zu verarbeiten. Niemand ist halt so schlecht, dass er nicht wenigstes als abschreckendes Beispiel dienen kann, noch nicht einmal Roger Willemsen. Vielleicht vermittelt sie ihm sogar noch ein Coaching für gutes Benehmen bei ihrem alten Freund Bruce Darnell, verbunden mit einer optischen Rundumerneuerung, schließlich sind Minipliansatz und Sehhilfen im Stil von Puck der Stubenfliege ein wahres Drama, Baby. Recht hat sie, die Heidi Klum, was stört es auch die deutsche Eiche, wenn die Sau sich daran reibt.

Informationen:

taz.de vom 14.05.2009

Internetauftritt von Roger Willemsen

bild.de vom 28.05.2009

Internetauftritt von Heidi Klum


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