16. Mai 2009

Goldstandard und Mises Vorsichtiges Herantasten an verworfene Ideen

Die Finanzkrise hat das Vertrauen in die prominenten Ökonomen des Mainstreams erschüttert

Die gegenwärtige Weltfinanzsordnung ist gescheitert. Soviel ist klar. Verwirrend für viele ist jedoch, dass scheinbar keiner eine funktionstüchtige Alternative anbieten kann. Doch wer genauer sucht, wird fündig. Denn ein Gespenst geht um in Europa. Es ist das selbe Gespenst, das wir seit einigen Jahren in Amerika beobachten können: Das Gespenst der Freiheit. Seit Anfang 2007 versetzt dieses Gespenst die politische Landschaft der Supermacht zunehmend in Unruhe. Damals, als der republikanische Kongressabgeordnete Ron Paul seine Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten bekanntgab, löste er in den USA nichts weniger als eine neue Freiheitsbewegung aus, die auch weltweit ungeahnte Energie freisetzte. Seine Anhänger nutzten das Internet, um Pauls Botschaft zu verbreiten: Das Zentralbanksystem, so der 73-jährige gelernte Arzt, sei die Hauptursache endloser Kriege, unkontrolliert wachsender Schuldenberge, Konjunkturblasen und schleichenden bis galoppierenden Freiheitsverlustes. Seine Forderungen nach Schließung der Federal Reserve, Rückkehr zu einer Warengeldwährung, Abschaffung der Einkommenssteuer, Rückzug amerikanischer Militärbasen weltweit und dem radikalen Schrumpfen der Staatstätigkeit fanden Widerhall bei Hunderttausenden, die zuvor noch nie etwas von den geistigen Mentoren des Texaners gehört hatten: Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek, Murray Rothbard und anderen Vertretern der österreichischen Schule der Ökonomie. Mit dem Wissen dieser Denker ausgestattet, warnte Paul schon viele Jahre vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor einem unausweichlichen Absturz der Wirtschaft. Bis dahin nahm die Politiker- und Medienkaste von Paul höchstens so viel Notiz wie ein König von seinem Hofnarren.

Obwohl die Allermeisten aus diesen Schichten den unermüdlich Mahnenden immer noch mit aller Macht ignorieren, haben einige Medien und staatliche Stellen jetzt, wo seine Voraussagen eingetreten sind, vorsichtig angefangen, seiner Botschaft und der seiner geistigen Mentoren ernsthafte Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht nur in Amerika, sondern auch in Deutschland und sogar in der Brüsseler EU-Zentrale. Unter der Überschrift „Zurück zum Goldstandard?“ veröffentlichte die „FAZ“ am 13. Mai einen Artikel von ef-Autor Philip Plickert, in dem die Vorteile eines neuen Realwertgeldes diskutiert werden. Darin weist der Autor des Buches „Wandlungen des Neoliberalismus“ auf die Gefahr hin, in welche sich die Weltwirtschaft aufgrund ihres Festhaltens am Dollar als Leitwährung jetzt befindet. Die keynesianische Alternatividee einer aus mehreren Währungen zusammengestellten Korbwährung werde von Fachleuten als zu riskant verworfen. Der frühere Chef der US-Notenbank Alan Greenspan wird als ein vom Gold-Paulus gewandelter Fiatgeld-Saulus bezeichnet. Plickert, der Greenspans Aufsatz aus dem Jahr 1966 über die Vorteile einer Goldwährung mehrfach zitiert, berichtet auch über eine kürzlich stattgefundene Konferenz der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Zukunft des Geldes. Dort hätten Teilnehmer jedoch heftige Kritik an einer Rückkehr zum Gold geübt. Der „FAZ“-Artikel schließt dagegen mit einer indirekten Parteinahme für das Edelmetall: „Kritiker sagten, die Kosten einer Warenreservewährung seien zu hoch. Chinas Zentralbank ist offenbar zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kosten eines krisenanfälligen ungedeckten Geldes auf Dauer höher sein könnten.“

Am folgenden Tag schrieb Plickert in der selben Zeitung einen Artikel unter der Überschrift „Ökonomik in der Vertrauenskrise“, in dem er das Versagen der prominenten Ökonomen des Mainstreams ausführlich, ja fast gnadenlos beleuchtet. Kostprobe: „Vor einigen Jahren äußerte der heutige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, Ben Bernanke, das Wissen über makroökonomische Zusammenhänge sei so weit fortgeschritten, dass größere Wirtschaftskrisen ausgeschlossen werden könnten. Man habe alles im Griff, könne rechtzeitig gegensteuern.“ Plickert versäumt es nicht, die österreichische Schule der Ökonomie als eine jener an den Rand gedrängten Ausnahmen zu nennen, welche die jetzige Krise mit fundierter Argumentation voraussehen konnten. Ursache für die Vertrauenskrise in die Wirtschaftswissenschaft seien die zunehmende Abhängigkeit von abstrakten, oft wirklichkeitsfremden mathematischen Modellen. Gerade jetzt, wo die Vermittlung der Grundsätze von Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik in der Lehre nötiger als sonst sind, werden in Deutschland diese Fächer aber aus den Fakultäten in Deutschland verdrängt, wird abschließend im Bericht kritisiert.

Am bemerkenswertesten ist ein Artikel von Arne Stuhr im „manager magazin“ vom 15. Mai. Als Teil einer Serie über „große Ökonomen“ präsentiert uns Stuhr den Übervater der österreichischen Schule, Ludwig von Mises. Im gut recherchierten Beitrag wird eine klare und zutreffende Abgrenzung der „Österreicher“ von anderen Denkrichtungen vorgenommen, die gemeinhin ebenfalls als freiheitlich und marktwirtschaftlich gelten. Insbesondere die Kritik der „Austrians“ am Ordoliberalismus, der dem Interventionsstaat einen festen Platz im liberalen Gedankengebäude verschaffen will, kommt zu Wort. Im Artikel des einflussreichen Wirtschaftsblattes wird mit ef-Autor Guido Hülsmann außerdem ein aktueller Vertreter der Mises-Denkschule vorgestellt, unter anderem mit dieser deutlichen Empfehlung an die führenden deutschen Manager und Politiker, sich mit den Ideen von Mises vertraut zu machen: „Denn nicht nur "staatlicher Aktivismus", sondern auch die "währungspolitische Planwirtschaft durch die Zentralbanken" sei "zum Scheitern verurteilt"“, zitiert Stuhr den Senior Fellow des amerikanischen Mises-Institutes. „Dieser Bereich müsse "den kalten Klauen des Staates" entrissen, und "die Währung zu einem Teil der privaten Wirtschaft" gemacht werden.“

Am gleichen Tag berichtete Hülsmann auf dem Blog des Mises-Institutes, dass er gerade aus Brüssel zurückgekehrt sei, „wo ich auf Bitten der Europäischen Kommission einen Schnellkurs in Österreichischer Makroökonomie geleitet habe. Sie wollten für einige ihrer Ökonomen eine hausinterne Fortbildung über dieses wichtige Thema. Der Unterricht verlief sehr gut.“

Bei Google trends weist der Begriff „austrian economics“ seit September 2008 stabile Suchwerte auf. Das war der Zeitpunkt, als sich eine Mehrheit des US-Kongresses – insbesondere der Republikaner – gegen einen gigantischen Bankenrettungsplan aussprach und sich damit dem Willen der Politregisseure an der Regierung und in der Federal Reserve überraschend widersetzten. Der Druck aus dem Wahlvolk muss unvorstellbar gewesen sein. Diesen Druck hätte es ohne die zuvor stattgefundene „Ron Paul Revolution“ und die begleitende Propagierung der Lehren der österreichischen Schule der Ökonomie nicht gegeben. Das erklärt die jetzt gestiegene Aufmerksamkeit für diese Denkrichtung.

Und gewinnt der Geist der Freiheit auch in Europa an Zugkraft.

Internet:

Philip Plickert: Rückkehr zum Goldstandard? („FAZ“, 12.05.2009)

Philip Plickert: Ökonomik in der Vertrauenskrise („FAZ“, 13.05.2009)

Arne Stuhr: Der nicht mit den Wölfen heulte (Artikel im „manager magazin“ über Ludwig von Mises, 15.05.2009)

Guido Hülsmann: Mises in Europe (Blogeintrag bei mises.org vom 15.05.2009)

Campaign for Liberty, die aus dem Wahlkampf Ron Pauls hervorgegangene Organisation

Google trends für „austrian economics“

Robert Grözinger: Wer ist Ron Paul? Der Kandidat aus dem Internet


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