10. Mai 2009

Zeitgeist Unter Linken

Auf dem Höhepunkt der Hegemonie bricht die Welle

ef-Redaktionsbeirat Stefan Blankertz wies zuletzt darauf hin, dass zahlreiche Gruppen die zunächst als Beschimpfungen gegen sie verwendeten Begriffe irgendwann für sich selbst übernahmen, und damit den Angriff ins Leere laufen ließen. Blankertz nennt die Schmähung und spätere Selbststilisierung der „Punks“. Ein anderes schönes Beispiel liefert die Fußballfanszene des Ruhrgebiets: „Ihr seid Ruhrpottkanacken!“ – schallte es ihnen entgegen. Ein noch lauteres „Ja, wir sind Ruhrpottkanacken!“ war die stolze Antwort.

Wenn sich nun ausgerechnet im linken Zentralorgan der Republik ein dortiger leitender Angestellter gekonnt und bereits ungewöhnlich viel beachtet über das Linkssein lustig macht und bekennt, er sei recht eigentlich ein Rechter, dann könnte die erfolgreiche Verschmähung alles wirklich oder vermeintlich Rechten kurz vor dem Zusammenbruch stehen.

Wobei Jan Fleischhauer, von dem hier die Rede ist, in seinem neuen Buch „Unter Linken“ lediglich bekennt, ein Konservativer zu sein. Denn, so Fleischhauer: „Die andere Seite weiß nicht, wie sie sich selber nennen soll. Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als rechts. Bürgerlich vielleicht, oder konservativ, aber selbst das nur mit angehaltenem Atem. Rechts ist nicht die andere Seite des Meinungsspektrums, es ist ein Verdammungsurteil.“ Noch.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Fleischhauer aus dem linken Medienmief heraustritt und noch eine Schippe mutiger spricht. Dann wird es interessant.

In spannenden Zeiten leben wir allemale. Die Protestsongs für Fleischhauers Scherz von den Rock-gegen-Links-Konzerten wollen allerdings erst noch geschrieben werden. Schaun wir mal. Und zitieren derweil ein  appetitanregendes Amuse gueule aus einem köstlichen Auszug aus „Unter Linken“ in des Autors linken Leib- und Magenblatt.

Unter Linken

Ich habe irgendwann den Anschluss verpasst. Ich kann nicht sagen, wann es passierte, es gibt keinen Tag und kein Ereignis, die mich von der Linken entfremdeten. Ich kann noch nicht mal behaupten, ich hätte bewusst Abstand genommen. Es passierte einfach. Plötzlich konnte ich nicht mehr lachen, wenn man sich zum x-ten Mal über die Physiognomie Kohls lustig machte. Ich stellte fest, dass ich erleichtert war, als meine Söhne das Puppenhaus, das mein Schwiegervater und ich für sie gebaut hatten, zu einer Parkgarage umfunktionierten. Wenn die Diskussion auf die Nutzlosigkeit von Ehe und Familie kam, war ich derjenige, der insgeheim jedem verheirateten Paar die Daumen drückte, es möge möglichst lange durchhalten. Einmal traute ich mich sogar, in einem Partygeplänkel zum Klimawandel ein gutes Wort für die Atomenergie einzulegen – der Abend war dann allerdings gelaufen.

Am Anfang versuchte ich, meine konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. Beim nächsten Kohl-Witz lachte ich dafür besonders laut, um nicht aufzufallen. Kurz, ich verhielt mich wie ein vierzigjähriger Familienvater, der plötzlich entdeckt, dass er schwul ist, und nicht weiß, was er tun soll.

Es hatte frühe Anzeichen für meine Veranlagung gegeben, im Nachhinein ließen sie sich deutlich erkennen. Meine Schulfreundin Fontessa meint sogar, sie habe es schon immer gewusst. Als wir vor drei Jahren bei einem Klassentreffen Jugenderinnerungen austauschten und ich dabei auch auf meinen Seitenwechsel zu sprechen kam, sah sie mich nur mitleidig an und sagte: „Jan, du warst doch nie richtig links, das war doch bei dir immer nur Pose.“ Ich fühlte mich ertappt, dabei meinte sie es gar nicht bös.

Das Schwierigste für jeden späten Konservativen ist immer das Coming-out. Es ist ein Moment, den man hinauszögert, solange es geht. Man fürchtet die Reaktion der Kollegen, man will auch seine Eltern nicht beschämen. Meine Mutter wird dieses Jahr 73, was es zunehmend unwahrscheinlich macht, dass sie ihre Vorurteile gegenüber Konservativen jemals ablegen wird. Sie versucht, im Umgang höflich zu sein und sich nichts anmerken zu lassen, aber manchmal treten ihre Vorbehalte in einer selbst für mich schockierenden Deutlichkeit zum Vorschein.

„Ein schrecklicher, schrecklicher Mensch“, seufzte sie indigniert, als ich nach dem Wahlsieg von CDU-Bürgermeister Ole von Beust über den „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann mit ihr telefonierte: „Dass wir von so jemandem regiert werden.“ Sie klang gerade so, als ob Hamburg von einem gerichtsnotorischen Betrüger geführt würde, und ich kann nicht ausschließen, dass sie es genau so sieht. Was den eigenen Sohn angeht, hat sie beschlossen, über alle Verirrungen hinwegzusehen. Sie verhält sich wie eine dieser englischen Damen, die nichts mehr im Leben wirklich erschüttern kann und die einfach weiterplaudern, wenn neben ihnen jemand aus der Rolle fällt.

Inzwischen habe ich gelernt, mit meinem Konservativsein offensiv umzugehen. Ich traue mich manchmal sogar, Vorurteile direkt anzusprechen. Neulich hatten wir ein Ehepaar zu Gast, das wir seit längerem kennen, aber mit dem der Kontakt zuletzt etwas abgebrochen war. Er ist vor nicht allzu langem Professor für Jura an einer ostdeutschen Uni geworden, sie promotet Golfplätze. Das Gespräch kam zügig auf den letzten Michael-Moore-Film, und unser Freund behauptete plötzlich, im gesamten Mittleren Westen der USA dürfe der Film nicht gezeigt werden. So wie er es sagte, klang es, als ob Moore ein französischer Autorenfilmer sei, der den Amerikanern endlich den Spiegel vorhalte, was die nicht ertragen könnten.

Ich hatte eine ziemlich präzise Vorstellung, wie das Gespräch weitergehen würde, und wusste, dass ich mich nachher wieder über mich ärgern würde, weil ich nicht entschieden genug widersprochen hatte. „Um es kurz zu machen, weil wir ja dann eh auf diesen Punkt kommen“, hörte ich mich selber sagen: „Nein, ich glaube nicht, dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steckt, und ja, wir haben gerne in Amerika gelebt.“ Es war dann sehr still, wir tranken unseren Tee, und die beiden verabschiedeten sich schnell. Ich war erschrocken über mich selbst, aber auch ein klein wenig stolz.

Internet

„Unter Linken“ – Auszug im „Spiegel“

„Unter Linken“ – Homepage zum Buch


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