06. Mai 2009

Europapolitik Wie ein wilder Stier

Der kurze Abriss einer kontinentalen Leidensgeschichte

Im Vorfeld zur nächsten Europawahl Anfang Juni 2009 sei es gestattet, den Blick gute zwei Jahre zurück zu richten. Genau am 25. März 2007 jährte sich zum 50. Mal der Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. Sie markierten den Beginn des bis heute fortschreitenden, je nach Sicht der Dinge als Integrations- oder Kollektivierungsprozess bezeichneten, politischen Werdeganges des europäischen Kontinents. Nachdem bereits 1952 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, kurz Montanunion, aus der Taufe gehoben worden war, erfolgte durch vertragliche Unterzeichnung am 25. März 1957 in Rom die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sowie der Europäischen Atomgemeinschaft, kurz EWG und EURATOM, durch Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg.  Die organische Zusammenführung der drei Organisationen ab 1965 mündeten in der Europäische Gemeinschaft, die wiederum 1993 in der bis heute so bezeichneten Europäischen Union aufging.

Bei soviel, im wahrsten Sinn des Wortes, staatstragender Symbolik durfte es an entsprechend pathetischer Rhetorik nicht fehlen – hier waren sich die etablierten Parteien Europas ausnahmsweise einmal einig. Vom gemeinsamen Erbe über die Bedeutung der gemeinsamen Werte bis hin zur Befreiung der Kriegs- und Diktaturgefahr reichte das lobpreisende Spektrum der Laudatoren. So ließen es sich auch der zu diesem Zeitpunkt amtierende EU-Ratspräsident, übrigens in Gestalt der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, sowie EU-Kommissionspräsident nicht nehmen, im Rahmen der Festivitäten eine ebenso feierliche „Erklärung anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge“ zu unterzeichnen. Darin heißt es unter anderem: „Europa war über Jahrhunderte eine Idee, eine Hoffnung auf Frieden und Verständigung. Diese Hoffnung hat sich erfüllt. Die europäische Einigung hat uns Frieden und Wohlstand ermöglicht. […] Wir verwirklichen in der Europäischen Union unsere gemeinsamen Ideale: Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt. […] Wir stehen vor großen Herausforderungen, die nicht an nationalen Grenzen halt machen. Die Europäische Union ist unsere Antwort darauf. Nur gemeinsam können wir unser europäisches Gesellschaftsideal auch in Zukunft bewahren zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union. […] Mit der europäischen Einigung ist ein Traum früherer Generationen Wirklichkeit geworden. Unsere Geschichte mahnt uns, dieses Glück für künftige Generationen zu schützen.“ Wirklich? Vielleicht hätte der bundesdeutsche Altkanzler und promovierte Geschichtswissenschaftler Helmut Kohl dem der Erklärung zugrund liegenden Text etwas mehr historische Authentizität verleihen können als seine ebenfalls, allerdings in Physik, promovierte Amtsnachfolgerin. Bis in die jüngste Vergangenheit verband Europa und seine Völker vor allem ein gemeinsames Erbe: geschätzte 2.500 Jahre ununterbrochenen Krieges. Das den politischen Gruppierungen über die längste Zeit zugrunde liegende Ideal: Politische Macht. Der Mensch im Mittelpunkt? Ja, als tributpflichtiger Untertan. Und an Herausforderungen, die nicht an nationalen Grenzen halt machten mangelte es schon im Römischen Reich nicht, insbesondere in der späten Epoche an den Grenzen zu den Barbarenvölkern. Bereits die Pax Romana, zu einer Zeit, als Europa schon einmal politisch geeint wurde, war nichts weiter als eine beschönigende Wunschvorstellung. Der andauernde Kampf gegen aufmüpfige Barbarenhorden, Skoten und Pikten, Kimbern und Teutonen, Vandalen, Goten, Sueben, Lusitaner, Asturier, Juden, Parther, Perser und Berber sowie immer wieder gegen aufrührerische Sklaven, er verschlang nicht nur enorme Ressourcen sondern bescherte dem Großreich kaum einen Tag, an dem nicht irgendwo gegen irgendwen um die Einheit gekämpft wurde. Die Geschichte Roms erweist sich damit gewissermaßen als Abfolge eines permanenten Bellum Barbaricum. Der britische Altertumsforscher Peter Heather kennt vom Ende her gedacht auch den eigentlichen Grund: „Es ist auch ganz leicht zu erkennen, warum der Zentralstaat schließlich verschwindet: Er verliert seine Steuergrundlagen, hat also kein Geld mehr, um Armeen und anderes zu unterhalten. […] [Z]uvor aber kämpft das Reich wie verrückt darum, die Provinzen zu behalten, die seine Steuereinnahmen sichern.“ Auch alle folgenden europäischen Einigungsversuche erwiesen sich für die daran beteiligten Generationen wohl eher als Nachtmahr denn als der oben zitierte Traum. Dieser setzte sich exemplarisch über das Königreich der Franken, das Heilige römische Reich deutscher Nation und das Weltreich der Habsburger unterschiedslos fort. Und auch der Beginn der Renaissance, der selbsterklärten Wiedergeburt des griechisch-römischen Altertums, erwies dem antiken Vorbild seine militärische Referenz. Quer durch Europa prallten so genannte Gewalthaufen, eng geschlossene und tief gestaffelte Formationen von Stangenwaffenträgern, den Anlaufschwung nutzend, mit brutaler Wucht im Namen ihrer politischen Auftraggeber aufeinander. Wenn keine Formation die andere im wahrsten Sinne des Wortes umzuwalzen in der Lage war und sich die Parteien im Wust ihrer Piken verkeilt hatten, griffen agile Infanteristen mit so genannten Katzbalgern, handlichen und schmalen Kurzschwert, ein, um diese im wüst verharrenden Schlachtengetümmel in jegliche ungeschützte Stelle der fest eingezwängten Gegner zu versenken. Die visuellen Eindrücke eines solch veritablen Schlachtfestes dürften sich kaum von den napoleonischen Massenschlachten und den Stahlgewittern des 31 Jahre währenden Weltkrieges unterschieden haben. Europas Geschichte ist eine Biographie der Gewalt. Im Grunde genommen war das vorhersehbar, hätte doch schon das Schicksal der dem Namen des Kontinents real zugrunde liegende Schönheit seine Bewohner stutzig machen sollen. Die mythologisch vergötterte Europa ritt ja gerade nicht auf dem Rücken des als feuriger Stier getarnten Zeus durch das Mittelmeer gen der Freiheit verheißenden griechischen Inseln. In Wahrheit wurde sie ob Ihrer Schönheit schlicht und einfach aus der phönizischen Heimat entführt, auf Kreta gefangen gehalten und körperlich ausgebeutet.

Angesichts dieser historischen Vergangenheit konnte dann auf der 50-Jahrfeier der Unterzeichnung der Römischen Verträge tatsächlich völlig zu recht darauf hingewiesen werden, dass man, mit Ausnahme des Jugoslawienkrieges in den 90er Jahren, zeitgleich die nunmehr längste Friedensperiode des Kontinents begehen konnte. Es war jedoch mitnichten die europäische Einigung, die „uns Frieden und Wohlstand ermöglicht“ hat. Vielmehr war letzteres die Bedingung für ersteres. Eine von totalen Kriegen total erschöpfte Bevölkerung konnte sich dank einmalig günstiger Rahmenbedingungen erstmals der Konstruktion anstatt der Destruktion widmen. Der rasante, in Höhe und Breite ebenso einmalige Wohlstandszuwachs der westlichen Welt schuf überhaupt erst die Voraussetzung für jeglichen politisch gewaltlosen Einigungsversuch. Wohlstand für alle bedeutete Krieg für keinen. Mal schauen, wie lange die Renaissance des modernen Bullenritts diesmal währt. 

Informationen:

Erklärung der Bundesregierung anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge, Pressemitteilung 116 vom 25.03.2007


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