28. April 2009

Make love not law Gute Zonen, schlechte Zonen

Mit Auswirkungen stets auch auf die Randgebiete

Mit dem Untergang der DDR schien das Thema „Zone“ beendet. Der Einigungsvertrag machte unmöglich, weiterhin von Trizonesien in die Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) zu reisen. Der Gürtel – griechisch: Zone – war gelöst, die vormaligen Grenzübergänge wurden durchlässig. Doch die politische Versuchung, Menschen Areale vorzugeben, in denen sie nur dieses oder jenes tun dürfen, war augenscheinlich zu allmächtig. Die Zone lebte wieder auf. Mehr noch, sie breitete sich nun sogar in den verschiedenartigsten Erscheinungsformen aus.

Mit der Tempo-30-Zone und der Fußgängerzone entstand eine Art Zone, in die der Ein- und Ausgang zwar nicht an sich verwehrt wird, innerhalb derer aber gewisse Spielregeln zu beachten sind, andernfalls man sich regelwidrig verhält. Eine verschärfte Variante hierzu bildet die sogenannte Umweltzone, die altmotorisierten Personenkreisen den Zugang völlig verbietet. Insoweit ist die Umweltzone eine Art kleine Reziprok-DDR, in die man aus Gründen des überragenden Allgemeininteresses nicht hineindarf, wohingegen man aus ihrem SBZ-Muster bekanntlich aus Gründen des überragenden Allgemeininteresses nicht heraus durfte. Hier wie dort gebiert die Undurchdringbarkeit des Grenzverlaufs zugleich systemisch parallele Phänomene: Ebenso wie dort die Zonenrandgebietsförderung das „dead end“ blühen ließ, rauscht hier an den Rändern der plakettenlose Ausweichverkehr besonders geballt durch die Welt.

Nicht an Menschen, sondern an Sachen orientiert ist eine weitere Zonenvariante, die sich schon vor dem Mauerfall der Beliebtheit erfreute: Die atomwaffenfreie Zone war ein räumlicher Bereich, den Menschen jederzeit frei betreten und verlassen durften. Atomwaffen hingegen sollten nicht in diese Gegend hinein. Wie zu vermuten steht, war dieses Verbot gleichermaßen auf die Raumqualität als Abschuss- wie auch als Zielgebiet bezogen.

Ähnlich beruhigend wie ein atomwaffenfreies Zielgebiet wirkt – jenseits der eigenen Zeitzone – die Grüne Zone in Bagdad. Innerhalb ihrer Grenzen gibt es so viele offizielle Waffenträger, dass die Gefahr, inoffiziellen Waffenträgern zu begegnen, praktisch gebannt ist. Damit unterscheidet sich die Grüne Zone von der Roten Zone, in der das Verhältnis von gegnerischem zu freundlichem Feuer genau umgekehrt ausfällt, sagt man.

Was alle diese Zonen verbindet ist die Tatsache, dass ihre Einrichtung, ihr Grenzverlauf und ihr Regelungsgehalt für die Betroffenen von Fremden bestimmt werden. Damit unterscheiden sie sich von den privatesten aller Zonen: den Intim- und erogenen Zonen. Jene werden erfreulicherweise noch immer durchweg von demjenigen festgelegt, den sie selbst angehen. Die Hand beispielsweise der Kanzlerin auf meinem Knie lässt mich nicht nur kalt, sie löst sogar eher noch proxemische Fluchtimpulse aus.

Wenn es ein politisches Grundbedürfnis gibt, Flächen in Zonen aufzuteilen, so fragt sich, wie dieser Handlungszwang zum Wohl der Menschen eingesetzt werden kann. Die Differenzierung in unangenehme fremddefinierte Zonen einerseits und schöne, freiwillig umgrenzte Bereiche andererseits weist unter Umständen auch politisch den Weg: Warum teilen wir Deutschland noch in Bundesländer, statt in Freiwillige Weltanschauliche Zonen (FWZ)? Wir könnten dann etwa Bayern der CSU, Berlin der SED, Rheinland-Pfalz der SPD, Baden-Württemberg der CDU, das Saarland der NPD, Hamburg den Grünen, Bremen der DVU und Nordrhein-Westfalen der FDP zuweisen. Jeder Bürger könnte ohne weltanschaulichen Streit freundschaftlich, friedlich und freiwillig mit denjenigen leben, die seine Auffassung vom guten gemeinschaftlichen Leben teilen. Wahlkampfgelder stünden für soziale Projekte bereit und fremde Argumente blieben dem eigenen Territorium fern.

Es wäre ein schöneres Land, nicht?

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 92.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Carlos A. Gebauer

Über Carlos A. Gebauer

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige