27. April 2009

Piraterie Selbstschutz ist das beste Gegenmittel

Staaten können im Kampf gegen die Freibeuter unmöglich gewinnen

„Was sagt es über uns aus, wenn die ganze Nation jubelt, weil die US Navy, die mächtigste Marine der Welt, vier somalische Jugendliche besiegt hat?“ kommentiert der amerikanische Militärexperte William S. Lind die gewaltsame Befreiung des US-Frachtschiffkapitäns aus den Händen somalischer Piraten am Osterwochenende. Der Jubel der Amerikaner ging in der Tat an der Realität vorbei. Denn obwohl berechtigterweise Erleichterung darüber herrschte, dass Kapitän Richard Phillips unversehrt befreit werden konnte, war dieser „Sieg“ in Wahrheit eine Niederlage. Wie die Kriege im Irak und in Afghanistan kann die USA auch den Kampf gegen die Piraterie im Indischen Ozean unmöglich gewinnen.

Lind zufolge befindet sich die Welt militärhistorisch in einer neuen Phase, die er „Fourth Generation Warfare“ (4GW) nennt. Das ist jene Form von Krieg, in der einer der Hauptbeteiligten kein Staat ist, sondern wo „ein Kampf zwischen dem Staat und einer Vielfalt nichtstaatlicher primärer Loyalitäten“ stattfindet. Die „Hauptwährung“ in diesem Kampf sei „Legitimität“. In dieser Situation trumpfe die von Martin van Crefeld so bezeichnete „Macht der Schwäche“. Lind erklärt es so: „Der Macht Amerikas fehlt es an Legitimität, weil es auf der physischen Ebene so überwältigend ist. ... Jemand, der sich dem amerikanischen Militär widersetzt, wird zum Held. Im Gegenzug verliert jeder Staat, der das amerikanische Militär unterstützt, seine Legitimität. Je öfter Amerika militärisch interveniert, desto mehr Staaten verlieren ihre Legitimität zugunsten der 4G-nichtstaatlichen Entitäten. Faktisch erleben wir eine Umkehrung des Wunsches von König Midas.“ Jenem legendären Monarchen wurde alles, was er berührte, zu Gold.

Die USA, so Lind, befinde sich militärstrategisch noch immer in der zweiten Generation. Diese baute auf überlegene Feuerkraft. Daher befinde sich die USA militärisch in einer „Abwärtsspirale“. „Nur eine defensive Großstrategie, wo wir uns um unsere Angelegenheiten kümmern und es anderen Staaten überlassen, sich um ihre zu kümmern“, könne die Amerikaner aus diesem Teufelskreis erlösen.

Wie eine solche Großstrategie angesichts derzeitiger Gefahren zum Erfolg führen kann, zeigt sich im konkreten Einzelfall des aktuellen Überfalls auf das italienische Kreuzfahrtschiff „Melody“ am 25. April. An Bord waren Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes, die mit Schusswaffen ausgerüstet waren. Das war der entscheidende Punkt. Ein paar Schüsse in die Luft, und nach fünf Minuten suchten die Piraten das Weite. Soweit zu erfahren war gab es weder Tote noch Verletzte. Jedenfalls kein tagelanges Drama mit mit teurer und aufwendiger Rettungsaktion und drei Toten am Ende wie im Fall der Maersk Alabama.

Der Indische Ozean ist zu groß, das Gebiet nahe des Roten Meeres als eine Hauptverkehrsstraße der Weltmeere zu stark befahren, als dass noch so viele Marineeinheiten alle zivilen Schiffe wirksam vor Piraten schützen könnte. Die Seeräuber arbeiten offenbar nach dem unkoordinierten Schwarmprinzip: Irgendwann wird irgendwer schon durchkommen.

Die Logik gebietet daher den mit Feuerkraft unterstützten Selbstschutz. Doch auch der muss bezahlt werden. Solange manche Regierungen der Welt freiwillig einen vom Steuerzahler finanzierten Schutz anbieten, riskieren die Reedereien lieber den gelegentlichen Verlust der Fracht beziehungsweise die gelegentliche Zahlung von Erpressungsgeldern. Bei Kreuzfahrten sieht die Sache anders aus: Sollte einer Desperado-Truppe die Übernahme eines Urlaubsdampfers gelingen, wäre im wahrsten Sinne die Hölle los. Verwandte und Freunde zu Hause in zig verschiedenen Ländern, und die dortigen Massenmedien, würden die Regierungen zu sofortigem Handeln drängen. Die Erpressungssumme würde ins astronomische steigen. Der eine oder andere Regierungschef könnte sich zu einer hochriskanten Befreiungsaktion genötigt sehen. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb es dem Kreuzfahrtschiff überhaupt erlaubt war, Waffen an Bord zu haben. Normalerweise sind Waffen auf Schiffen in Häfen und Territorialgewässern verboten, wie der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Ron Paul kritisiert, „ironischerweise um Piraterie zu verhindern“.

Wie auch immer die Sache ohne diesen Schutz aber ausgegangen wäre, als blutige Befreiung oder als unblutiger Freikauf, die Reiseveranstalter hätten einpacken können, weil ihnen die Kunden mit einem Schlag weggeblieben wären. Angesichts dieser Risiken ist eine private Bewaffnung nicht nur der strategischen 4GW-Situation angemessener. Auch für die Steuerzahler wäre es billiger, wenn sich die Staaten ganz aus dem Schutzgeschäft im Indischen Ozean zurückzögen, der Bewaffnung der zivilen Schifffahrt nicht mehr im Wege stünden und die Reedereien bei erkennbarem Bedarf den Schutz ihrer eigenen Schiffe übernehmen würden.

Internet:

Wikipedia-Eintrag zum Thema „Fourth Generation Warfare“

William Lind: Retrospective

Ron Paul: Responses to Piracy


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