27. April 2009

TV-Kritik Anne Will und die einheitsgraue DDR

Eine Runde vorschriftsmäßiger Vergangenheitsbewältigung

Immer wieder Sonntags – lässt Anne Will 60 Minuten über einen umgefallenen Sack Reis in China diskutieren. Gestern bestand der Getreidebeutel zu Hälfte aus dem Zank über das Wort „Unrechtsstaat“. Gestritten wurde nicht auf die pubertäre Art im Gefecht um verschiedene Definitionen des Wortes, sondern nach der Methode Kindergarten: „Die DDR war ein Unrechtsstaat.“ – „Nein, die DDR war kein Unrechtsstaat.“ – „Doch, die DDR war ein wenig auch ein Unrechtsstaat.“ – „So richtig war sie aber doch kein Unrechtsstaat.“ Nach einer halben Stunde Kika am Abend dann endlich die zweite Luftnummer: Die Biographie der [Pathos ein:] „Männnnschen“ [Pathos aus] in der DDR sei genau so viel wert wie die Biographie der [ohne Pathos:] Menschen im Westen.

Zwar hatte auch in dieser Sendung niemand etwas anderes behauptet, aber es reichte für die nächste halbe Krabbelgruppenstunde. Geladen waren vier Bengel: Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), der Parlamentarische Geschäftsführer Ulrich Maurer (Die Linke) sowie als Quotendurchblicker – einer ist immer dabei – der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe.

Knabe hatte zu den zwei halben Portionen Süßgras wenig beizutragen, dafür war er zuständig für die Prise Pfeffer des Tages. Er verglich – sicherheitshalber gleich zweimal – die heutige DDR-Verklärung mit dem Umgang mit der Nazi-Vergangenheit Mitte der 60er Jahre. Auch damals habe, so Knabe, 20 Jahre nach dem Ende des Regimes kaum einer die negativen Seiten der vergangenen Diktatur sehen wollen.

Die drei Politroboter reagierten wie zu erwarten: Autobahn! Ein Vergleich der beiden deutschen Diktaturen – auch wenn Knabe ihn überhaupt nicht gewagt hatte, sondern lediglich den Umgang mit ihnen nach zwei Jahrzehnten gegenüberstellte – das geht im deutschen Fernsehen gar nicht. Gestapo und Stasi, Volksgenossen und Parteigenossen, HJ und FDJ, brauner Sozialismus und roter Sozialismus – nein, da gibt es keine Gemeinsamkeiten…

Wolfgang Thierse regte an, nicht nur schwarz-weiß zu malen, sondern auch die Grautöne zu sehen. Dabei wird die DDR per Schule, Politik und Fernsehen längst zum offiziellen – dem Straßenbild sowie ihrer Ideologie auch irgendwie angemessenen – Einheitsgrauton verklärt. Daneben, das wissen wir, gibt es weiß gleich unsere [Pathos ein:] „Demokratie“. Und schwarz-braun gleich die [Abscheu ins Unendliche gesteigert:] „Nazi-Diktatur“. Jedoch: Wenn Thierse recht hat, dass die „Männnnschen“ unter Honecker oft auch ihre kleinen privaten Freuden, ja „sogar ihre gesellschaftlichen Errungenschaften“ gelebt haben, warum soll das nicht auch für die Zeit- und Raumgenossen von Adolf Hitler gelten? Die meisten Überlebenden jedenfalls sehen und sahen immer die positiven Aspekte ihrer Vergangenheit mit allen ihren kleinen schönen Erinnerungen – und wissen dennoch 40 Jahre nach 1968 dauerhaft gut trainiert, dass sie das nicht sagen dürfen.

Ist eine offene Diskussion über das kleine private Glück in der anderen deutschen Diktatur auch nur annähernd vorstellbar? Oder liegt der Umstand, dass sich heute keiner öffentlich an dieses zu erinnern wagt darin begründet, dass die BRD vom Maifeiertag über das Schornsteinfegermonopol bis zum Schulzwang tatsächlich nur die schlechten Seiten der braunen Diktatur übernommen hat? Überhaupt: Gäbe es nicht bezüglich Drittem Reich, BRD und DDR tatsächlich eher über verschieden gesprenkelte Grautöne und mehr über Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten als über Trennendes und Brüche zu berichten oder diskutieren? Sind Diktatur und Demokratie wirklich Gegensätze?

Diese spannenden Fragen wurden nicht gestellt. Die zunehmende Ähnlichkeit des weißen mit dem einheitsgrauen deutschen Staat immerhin wurde von Anne Will kurz durch einen Satirefilm angedeutet. Schäuble lachte laut – und versuchte, von einem tieferen Nachfragen abzulenken. Da war die Sendung aber glücklicherweise ohnehin zuende und die Moderatorin setze mit der Frage nach der immer mehr der DDR ähnelnden neosozialistischen BRD zum Ritual der Schlussrunde an. Die Politiker durften der Reihe nach beteuern, dass der „Finanzkapitalismus“ gebändigt werden müsse durch die „soziale Marktwirtschaft“. Schäuble verging sich dabei unter Berufung auf den großen Liberalen an Ludwig Erhard, als wenn dieser vor dem heutigen Wohlfahrtsstaat, der flächendeckenden Bestrafung von Leistung und Vorausschau sowie der systematischen Belohnung der Nichtsnutzig- und Kurzsichtigkeit nicht bereits vor 50 Jahren gewarnt hätte. Die heutigen Herren Parteivertreter aber waren sich einig darin, dass die Weltwirtschaftskrise den „freien ungebändigten Märkten“ zu verdanken sei und dass nun die Politiker – also sie selbst – regulierend eingreifen und uns retten müssten. Natürlich.

Eine Woche vorher saß als Quotendurchblicker Thomas Selter vom Netzwerk „Die Familienunternehmer – ASU“ zwischen den Apparatschiks. Er erklärte der verdutzten Runde, dass die Krise durch die amerikanische Geld- und Sozialpolitik verursacht wurde. Anne Will musste ihm bei so viel Klarsicht im Satz unterbrechen und etwas ungelenk auf den Sack Reis der Sendung zurückblenden. Diesmal  wurde Hubertus Knabe in besagter Schlussrunde über den Neosozialismus der Bundesrepublik einfach gar nicht mehr gefragt. Er hatte bereits „Autobahn“ gesagt.

Internet

Bundestagsvizepräsident ein Geschichtsrevisionist: Wolfgang Thierse verteidigt Hitlers Autobahnen!


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