Chris Vigelius

Jahrgang 1975, selbständig in der IT-Branche.

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Angeklickt: Fundstücke

von Chris Vigelius

Aktuelles und Kurioses aus Presse und Internet

Interpretationsfehler: Unter der sehr überschaubaren Zahl der Argumente für Online-Zensursperren nimmt die Behauptung, Kinderpornographie im Internet wäre ein Massenphänomen, eine zentrale Stellung ein. Wie der Heise-Verlag in der ab Dienstag erhältlichen Ausgabe 09 der Computerzeitschrift c't berichtet, hat diese Annahme allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Sie beruht auf einer falschen Interpretation der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Die weist in diesem Bereich nämlich nicht etwa tatsächliche Fälle aus, sondern lediglich die Zahl der Ermittlungsverfahren - ohne dabei zu berücksichtigen, ob sich der anfängliche Verdacht später erhärtet und jemand verurteilt wird. Nun wird aber gerade im Bereich der Kinderpornographie in den letzten Jahren verstärkt aufgrund bloßer Mutmaßungen und vager Verdachtsmomente quasi "ins Blaue hinein" ermittelt. Als beispielhaft für diesen Trend gilt die im Dezember 2007 gestartete "Operation Himmel" (ef berichtete), bei der der größte Teil der ursprünglich über 12.000 Verfahren innerhalb kürzester Zeit mangels tatsächlicher Anhaltspunkte für Straftaten wieder eingestellt wurde. Bis heute ist nicht bekannt, wie viele Verdächtige am Ende überhaupt verurteilt worden sind, was die Verantwortlichen jedoch nicht davon abhält, die Zahl der Ermittlungsverfahren als "Beleg" für die angebliche Dimension der Kinderpornographie im Internet anzuführen.
Im Widerspruch zur künstlich aufgeblähten Rate der Bilder- und Klickverbrechen steht auch die -ebenfalls in der PKS enthaltene- Zahl der Verurteilungen wegen realen Kindesmissbrauchs: Die ist erfreulicherweise seit Jahren rückläufig.

http://www.heise.de/newsticker/c-t-Argumente-fuer-Internet-Sperren-sind-fragwuerdig--/meldung/136007

Hausbesuche: Wo Ursula von der Leyen fleissig an der virtuellen Mauer 2.0 bastelt, will auch Peer Steinbrück den Eindruck vermeiden, zu wenig zur Errichtung des zukünftigen Arbeiter- und Bauernparadieses beizutragen, und nimmt wieder einmal die wenigen noch verbliebenen Leistungsträger ins Visier: Die sollen nämlich in Zukunft nicht nur noch stärker abkassiert werden, sondern auch noch jederzeit unangekündigte Kontrollen über sich ergehen lassen müssen. Getreu dem Motto "Wer Reicher ist, bestimme ich" möchte Steinbrück darüber hinaus die Grenze, ab der die neuen Kontrollmöglichkeiten zulässig sein sollen, neu definieren. Am Ende dürfte eine Zweiklassengesellschaft stehen: Arbeitslose müssen schon seit langem die totale Durchleuchtung der persönlichen Verhältnisse durch die Sozialbehörden erdulden, bei Werktätigen übernimmt das in Zukunft das Finanzamt

http://www.welt.de/politik/article3523481/Steinbrueck-will-Steuerhinterzieher-zur-Kasse-bitten.html

Geiselnahme: Das Quellenportal wikileaks.org, auf dem Journalisten und Interessierte unzensierte Originaldokumente zu allen möglichen Vorgängen in Politik und Wirtschaft einsehen können, ist Politikern aller Couleur seit seiner Gründung ein Dorn im Auge - totale Kontrolle und Überwachung im Namen von Terrorismusbekämpfung und Steuerfahndung soll schließlich nur für den Normalbürger gelten, während man selbst lieber hinter verschlossenen Türen zu Werke geht und sich für die eigenen Belange größtmögliche Diskretion und Geheimhaltung erwartet. Nachdem der Inhaber der Domain wikileaks.de, die auf die internationale Webseite weiterleitet, bereits in der letzten Woche mit einer reichlich zwecklosen Hausdurchsuchung eingeschüchtert werden sollte (ef berichtete), wurde nun die Domain selbst gekapert und auf eine "Informationsseite" umgeleitet. Der zuständige Provider hat für Dienstag eine offizielle Erklärung angekündigt, angeblich soll die Sperrung nichts mit der Hausdurchsuchung zu tun haben und es soll auch nicht das Internet zensiert werden. Da sind wir jetzt aber mal wirklich gespannt.

http://wikileaks.org/wiki/Deutsche_Wikileaks_Domain_ohne_Vorwarnung_gesperrt
http://netzpolitik.org/2009/wikileaksde-gesperrt/

Anschlagsplanung: Wie wichtig die rechtzeitige Veröffentlichung von Originalquellen sein kann, zeigt ein jetzt bekannt gewordener Skandal um das BKA: Dort schreckte man in den 70er Jahren nicht einmal davor zurück, selbst Terroranschläge zu planen, um sie später der RAF in die Schuhe schieben zu können. Wäre das Dokument bereits 1975 bekannt geworden, wären die Verantwortlichen wohl kaum ungestraft davongekommen, mehr als 30 Jahre später scheint eine strafrechtliche Würdigung der Vorgänge dagegen unwahrscheinlich. Ein guter Grund für alle heutzutage an kriminellen Machenschaften Beteiligte, Portale wie wikileaks.org mit allen Mitteln zu bekämpfen.

http://www.welt.de/politik/article3536741/Polizei-plante-Terror-im-Kampf-gegen-die-RAF.html

Fototermin: Eine ganz andere Methode, die Veröffentlichung geheimer Informationen auf Portalen wie wikileaks zu verhindern, hat sich der oberste britische Terrorfahnder, Bob Quick, ausgedacht. Anstatt vertrauliche Informationen unter Verschluß zu halten, kann man sie nämlich auch einfach offen mit sich herumtragen, die hochauflösendenen Digitalkameras der Pressefotografen sorgen schon dafür, dass die Welt rechtzeitig von geplanten Durchsuchungen Terrorverdächtiger erfährt: Mission Accomplished.

http://www.bild.de/BILD/news/2009/04/09/sicherheitspanne-bei-britischen/anti-terror-chef-traegt-geheim-dokumente-offen.html

In eigener Sache: Haben Sie eine interessante oder kuriose Nachricht gefunden, die auch andere ef-Leser interessieren könnte? Dann schreiben Sie ein kurzes Mail an informant@ef-magazin.de - wir freuen uns über jeden Hinweis und verlinken auf Wunsch auch den Überbringer.

12. April 2009

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Kommentare

Reiner Vogels Fördermitglied, am 12. April 2009 um 13:51 ( Link )

Da bisher auf ef überhaupt kein Bezug auf Ostern genommen worden ist, möchte ich als normaler Blogteilnehmer allen Lesern frohe und gesegnete Ostern wünschen.

Mehr dazu in einem kurzen Kommentar zum Thema "Zweilerlei Ostern", den ich auf die Web-Site des

Reiner Vogels Fördermitglied, am 12. April 2009 um 15:18 ( Link )

Sorry, beim Schreiben des Links habe ich die Anführungszeichen vergessen. Der vollständige Link ist
hier.

Bolkonskij, am 12. April 2009 um 16:34 ( Link )

@Reiner Vogels Interessante, wenn nicht ganz neue Betrachtung. Aufmerksam wurde ich aber in der linken Spalte beim kurzen Beitrag zum "Fillioque". Das ist jetzt OT, aber als Ostkirchler war ich bis dato davon ausgegangen, dass die Protestanten das nachträglich wohl zur Abgrenzung gegenüber den Arianern eingefügte Fillioque ebenso verwenden. Hier schimmern jedoch eher kritische Töne durch!? Wie ist der Stand der Dinge? (rein aus Interesse, wenn man schon einmal einen Pfarrer befragen kann)

Reiner Vogels Fördermitglied, am 12. April 2009 um 17:43 ( Link )

@Bolkonskij

Selbstverständlich haben die reformatorischen Kirchen, da sie Teil des westlichen Christentums waren, das "Filioque" übernommen und bis heute verteidigt. Allerdings steht im offiziellen evangelischen Gesangbuch, wo das Nicäno-Konstatinopolitanum in deutscher Übersetzung unter der Nr. 854 als agendarischer Text für den Gottesdienst abgedruckt ist, folgende Anmerkung: "Als Ausdruck des gemeinsamen Glaubens kann in ökumenischen Gottesdiensten, die mit orthodoxen Christen zusammen gefeiert werden, dieser Zusatz wegfallen."

In der evangelischen Kirche gibt es wohl deshalb keinen großen Reform- bzw. Nachdenkensdruck in dieser Sache, weil es (leider) ohnehin keine volle Kirchengemeinschaft mit den Orthodoxen gibt.

Ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Orthodoxen mit ihrer Kritik am "Filioque" recht haben, wenn ich das dahinterstehende trinitätstheologische Anliegen auch teile. Es bleibt, dass das "Filioque" m.E. eine unerlaubte (dazu von einem deutschen Kaiser, also einem weltlichen Herrscher, durchgesetzte) Neuerung gegenüber den altkirchlichen Konzilien ist.

Shuca, am 12. April 2009 um 20:46 ( Link )

Natürlich kann kein vernünftiger Mensch für Kinderpornographie sein.Das ist ihre Taktik.Das Internet mit seinem offenen Visier ist für die Dressurelite natürlich ein Dorn im Auge.Ich als gläubiger Katholik der über die Bischöfe Deutschlands nur lachen tut, weiß ganz genau, das mit der Zensur der Kinderpornographie nur die getroffen werden sollen die eigentlich dagegen sind.
Ein Abtreibungsstaat der gegen die Gewalt von Kindern ist.Über diesen Staat denke ich seit fast 20 Jahren ununterbrochen nach.Herr erbarme sich dieses Volkes.
Per Mariam ad Christum.

Shuca, am 12. April 2009 um 21:05 ( Link )

Natürlich fangen diese Komödianten mit Kinderpornographie an und werden am Ende Eigentümlich frei verbieten.Um es mal ganz extrem auszudrücken.Wenn ich am verhungern wäre und Ursula von der Leyen würde mir eine Scheibe Brot anbieten.Ich würde es ihr ins Gesicht schleudern.
Per Mariam ad Christum.

Anselmo, am 14. April 2009 um 10:24 ( Link )

Insbesondere die "Anschlagsplanung" durch Behörden zeigt auf, mit welchen kriminellen Methoden aus politischen Gründen gearbeitet wird.
Und diese Tradition setzt Schäuble fort. Er ist es, der die Akten zur Aufklärung z.B. des Buback-Mordes unter Verschluss hält. Offensichtlich geht es auch darum, die Mitverantwortung der Behörden für Tötungen zu verschleiern.

Da sollte man auch die Aufmerksamkeit auf Schäubles Absicht lenken, die Bundeswehr im Inland einzusetzen. Denn ein gut ausgebildeter Polizist wird z.B. beim Schusswaffeneinsatz mehr Hemmungen haben, als ein junger gehorsamer Soldat. Pikant ist, dass ohne jede demokratische Legitimation Schäuble und Jung bereits dafür gesorgt haben, dass die Bundeswehr bezogen auf Inlandseinsätze längst reorganisiert wurde. Nur mit der Gesetzeslage hapert es noch derzeit.

Eine Partei, die solche Leute in ihren Reihen duldet, gehört mit ihren Vertretern nicht in die Regierung. Mit solch einer Politik schon gar nicht.


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