David Schah

Jg. 1964, Buchautor, Unternehmer.

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Kampf gegen Rechts: Ungereimtheiten bei Jugendstudie

von David Schah

Die Zahlen des „Kriminologischen Forschungsinstituts“ werfen viele Fragen auf

3,8 Prozent der nicht-ausländischen Neuntklässler sind Mitglieder in rechtsextremen Gruppen oder Kameradschaften, so eine Studie des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens“, die in den letzten Tagen für Furore im Pressewald von "Spiegel" bis "Welt" sorgte, vor allem auch weil andere politische Organisationen nicht einmal zusammen auf einen solchen Prozentsatz kamen. Leider gibt die Studie keine absoluten Zahlen an, aber diese lassen sich schnell ausrechnen: 18,3 Prozent der etwa 82 Millionen Einwohner Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt zwischen 0 und 20 Jahre alt, was bedeutet, dass ungefähr 0,9 Prozent der BRD-Bewohner sich im Jahrgang der Neuntklässler befinden, wenn man die wenigen abzählt, die in diesem Alter nicht zur Schule gehen. Das entspricht etwa 730.000 Neuntklässlern, von denen wir wiederum einen Ausländeranteil von fast 18 Prozent in dieser Altersgruppe abziehen, so dass ca. 600.000 deutsche Neuntklässler übrigbleiben. 3,8 Prozent davon entsprechen also 22.800 Neuntklässlern, die Mitglieder in rechtsextremen Gruppen oder Kameradschaften sein sollen. Da eine solche Mitgliedschaft in den allermeisten Fällen nicht auf ein einziges Jahr beschränkt sein dürfte, können wir diese Zahlen zumindest auf zwei weitere Jahrgänge hochrechnen, so dass wir es dann schon mit 68.400 rechtsextrem organisierten Jugendlichen zu tun haben. Nehmen wir alle acht Jugend-Jahrgänge zwischen 14 und 21, kommen wir schon auf 182.400 Rechtsextremisten.

Laut Verfassungsschutzbericht haben wir es 2007 mit insgesamt 31.000 Menschen in Deutschland zu tun, die in rechtsextremistischen Gruppen organisiert sind, wozu ausdrücklich auch etwa 160 Kameradschaften zählen. Wenn sowohl die Angaben des Kriminologischen Forschungsinstituts als auch des Bundesverfassungsschutzes stimmen sollten, dann bestehen zur Zeit zwei Drittel aller deutschen Rechtsextremisten aus Neuntklässlern. Wenn wir aufgrund des gesunden Menschenverstands davon ausgehen, dass dies nicht realistisch ist, müssen wir entweder die Zahlen des Instituts als grob übertrieben oder die Zahlen des Verfassungsschutzes als grob untertrieben betrachten, oder wir könnten auch mutmaßen, ob vielleicht die Zahlen beider Institutionen nicht stimmen.

Vielleicht liegt die Diskrepanz in einer unterschiedlichen Auffassung davon begründet, was „rechtsextrem“ ist. Leider hat das Kriminologische Forschungsinstitut nicht angegeben, wen es genau zu solchen Gruppen dazuzählt. Da aber in der Studie wahlweise von „rechtsextremen“ und „rechten“ Gruppen die Rede ist – diese beiden Begriffe also synonym verwendet werden – könnte man vermuten, dass das Forschungsinstitut hier sehr viel großzügiger hantiert als der Verfassungsschutz. Die obigen Zahlen von 182.400 Rechtsextremisten lassen sich möglicherweise nur erreichen, wenn zum Beispiel auch die Mitgliedschaft in einer Schülerverbindung oder in einem Schützenverein einen Neuntklässler zu einem „Rechten“ oder „Rechtsextremisten“ macht.

Darüber, inwiefern es bei der Erhebung des Instituts mit „rechten“ Dingen zuging und welche Motivation hinter einem möglicherweise bewusst oder fahrlässigerweise geschönten bzw. geschlechteten Ergebnis steckt, lassen sich nur Vermutungen anstellen. So schreibt die FAZ: „Christian Pfeiffer, der PR-gewandte Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, würde nicht so erfolgreich Drittmittel für sein überschaubares Haus einwerben, fände er in seinen Daten nicht doch einen Skandal: Demnach sollen genauso viele 15 Jahre alte Jungen rechtsextremen Gruppen angehören wie anderen politischen Parteien oder sozialen Organisationen zusammen.“

Im Kampf gegen Rechts hat der sozialdemokratische Institutsleiter Christian Pfeiffer übrigens durchaus einiges an Erfahrung aufzuweisen. So stellte er im Jahre 2000 ein Gutachten aus, in dem er der Mutter eines in einem Sebnitzer Freibad verunglückten Jungen absolute Glaubwürdigkeit attestierte. Demnach hätten Rechtsextremisten den Jungen ertränkt, wobei etwa 200 Freibadbesucher teilnahmslos zugeschaut hätten. Der Fall war ein Meilenstein der staatlichen Fördermittelausschüttungen im Kampf gegen Rechts.

Fehlende Differenzierung weist die Studie auch bei dem sehr dehnbaren Begriff „Ausländerfeindlichkeit“ auf. Mehr als 40 Prozent der Neuntklässler seien ausländerfeindlich, wobei allerdings nicht untersucht wurde, ob diese Feindlichkeit sich pauschal gegen alle Ausländer richtet, oder ob nach bestimmten Ausländergruppen wie Muslimen, Buddhisten, Türken, Russen, Schweizern oder Japanern differenziert wird. Dass diese Differenzierung durchaus da ist, würden die Ergebnisse derselben Studie in Bezug auf Antisemitismus nahe legen: Etwa 15 Prozent der Neuntklässler zeigen antisemitische Muster, was gegenüber den 40 Prozent „Ausländerfeindlichkeit“ schon nicht ganz so alarmierend anmutet und sich auch mit anderen Studien deckt.

Im großen und ganzen wirft die Studie also mehr Fragen auf als sie beantwortet. Auch die Frage, welchen Nutzen der Steuerzahler aus solch unausgegorenen Studien hat.

Internet:

Studie über die Mitgliedschaft rechter Gruppen des Krimonologischen Forschungsinstituts Niedersachsen

Zahlen des Verfassungsschutzes

FAZ über die Motive von Christan Pfeiffer

Spiegel-Artikel zur Studie als Beispiel für die Rezipierung in den Massenmedien

18. März 2009

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Kommentare

Satanas, am 18. März 2009 um 19:19 ( Link )

Mit dem Kampf gegen Rechts wird ja schon seit Jahren Machtpolitik betrieben. Es hat etwas von der permanenten Revolution . Dadurch wird jeder, der unser Gemeinwesen für reformbedürftig hält erst zum Staatsfeind, dann zum Feind der Demokratie und schließlich zum Feind der Menschheit.
Die Schafe die das mitspielen, lassen sich ihr Leben lang geduldig scheren.

Thoringi , am 18. März 2009 um 22:07 ( Link )

..erst scheren und dann schlachten, Herr Satanas. Ganz richtig erkannt. Köstlich und historisch amüsant an dem ganzen Kampf gegen rechts ist ja gerade, daß sich die Konservativen und deren Parteigänger hier de facto selbst bekämpfen, obwohl sie zwei der Regierungsparteien stellen. Aber wer meint denn noch, daß die CDU/CSU eine wertkonservative Parteigruppe ist? Christlich sind sie noch. Gewiß. Die Christlichkeit ist aber eine ganz besondere geworden. Sie hat nämlich mehr mit den Sozialisten gemein (jedes Mitglied der Jungen Gemeinde könnte anstandslos mit 90% seiner Haltung Jungsozialist werden, die restliche 10% sind der Glaube an Gott), als den rheinisch-katholischen Mitgliedern der CDU lieb sein sollte. Aber die haben keine E... mehr in der Hose, um es ganz bodenständig auszudrücken und Rüttgers ist wohl auch eher eine linke Socke, oder gibt es hier Gegenstimmen in dieser Frage?

Die Zukunft für uns Liberale sieht so aus, daß wir, wenn die ehemals rechts sitzenden Abgeordneten des Parlaments sich selbst wegsozialisiert haben, ja, ja, dann sind wir die Rechten, gegen die diese verschwurbelt-peinliche Gesellschaft der Gutmenschen ankämpfen wird. Und dann werden wir beweisen müssen, daß wir gut genug sind, ein neues konservativ-liberales Bollwerk zu sein. Ein Bollwerk gegen staatliche Gängelung, religiöse Machtgelüste und sozialistische Umtriebe.

Neutrino, am 18. März 2009 um 22:37 ( Link )

Einige Fragen an den Autor: Warum ziehen sie pauschal den Ausländeranteil von 18% bei ihren Berechnungen ab? Glauben sie, das es prinzipiell unmöglich ist, dass Migranten rechtsextrem sein können? Wenn ja, worauf stützen sie diese Annahme?
Und wenn sie tatsächlich dieser Meinung sind, müssten sie dann nicht auch denjenigen Anteil von Deutschen mit Migrationshintergrund abziehen, oder gilt für diese Personengruppe eine solche Entlastungsvermutung nicht?

Nebenbei sei bemerkt, dass Christian Pfeiffer jahrzehntelanges SPD Mitglied ist und unter Ministerpräsident Schröder Justizminister Niedersachsens war. Das dürfte nahe legen, dass in dieser Studie vor allem einer seine Meinung gesagt hat: Christian Pfeiffer.

Satanas, am 18. März 2009 um 22:38 ( Link )

@Thoringi

Ich kann ihnen zwar nicht die Quelle nennen, aber ich meine die FDP hat in einer der ersten Parlamentssitzungen der BRD die rechten Plätze des Parlaments für sich beansprucht (seht her, die echten Rechten sind wir). Es wäre ohnehin einmal zu prüfen, was eigentlich früher unter "rechts" verstanden wurde.

Das heutige Verständnis rechts = national deutet ja eher auf sozialistische Flügelkämpfe hin (außerhalb der SU: nationale Sozialisten gegen Stalinisten).

freischwimmer, am 18. März 2009 um 22:39 ( Link )

@ Thoringi

es gibt einen unterschied zwischen "konservativ" und "rechtsextrem". was landläufig als "rechts" bezeichnet wird, meint die politische gruppe, die sich als erben der massenmordenden nazis begreift.
auch ihr traum von einem "konservativ-liberalem bollwerk" finde ich lustig - für mich stehen beide adjektive in einem gegensatz zueinander!

RichardT, am 18. März 2009 um 23:49 ( Link )

@Neutrino:
ich habe die Studie nur überflogen, ich glaub die nehmen auch die Einwanderer aus, so daß es hier auch berechtigt ist.

Carl, am 19. März 2009 um 8:30 ( Link )

18% Ausländeranteil scheinen mir wesentlich zu kurz gegriffen. Der Anteil von Ausländern und Migranten zusammen an der Bevölkerung <25 liegt bei 27%, bei denen <6 bei 35%. Irgendwo dazwischen müssten die tatsächlichen Zahlen für die entsprechende Altersgruppe liegen.

Blutscheich, am 19. März 2009 um 9:03 ( Link )

# Neutrino und Carl,

man muss natürlich von den Daten der Studie ausgehen, um die sich aus der Studie ergebenen absoluten Zahlen zu ermitteln. Was rechtsextreme Organisationen angeht, wurden ausdrückich nur nicht-ausländische Schüler befragt. Zu den "deutschen Schülern" wurden aber ganz offensichtlich auch die eingebürgerten Migranten gezählt, so dass durchaus auch zum Beispiel ein Zoran Nacitic als Kameradschaftsmitglied mitgezählt wurde. Von daher ist der abgezogene Ausländeranteil von 18% nicht verkehrt, weil er sich ja wie gesagt auf den Daten der Studie basiert. Damit ist ja noch gar nichts über die Richtigkeit der Zahlen gesagt - diese sind ja gerade vom Autor zum Hinterfragen freigegeben.

Etwas anderes:
Die Zahl der echten Rechtsextremisten dürfte noch weniger ausfallen als vom gerade bei "Rechtsextremismus" bestens informierten Verfassungsschutz, wenn man noch die vermutlich in die Tausende gehenden V-Leute abzieht.

Blutscheich, am 19. März 2009 um 10:13 ( Link )

Erstaunlicherweise hat sogar die taz hat nun etwas Zweifel an den Zahlen, hat aber offenbar etwas gröber gerechnet und spricht von 20.000 (vgl. mit 22.800 im vorliegenden Artikel) Neuntklässlern, die demnach rechtsextrem sein müssten:

http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/verwirrung-um-rechte-zahlen/

Satanas, am 19. März 2009 um 10:37 ( Link )

@Thoringi

Ich glaube nicht, daß man als Libertärer mit Konservativen unbedingt zusammen arbeiten muß. Zur Zeit sind sie machtlos, daher kommen die Angriffe auf die Freiheit zur Zeit von den Sozialisten. Sobald die gegenseitige Ausplünderung der Bürger gestoppt ist, werden die Weltbilder ohnehin zwangläufig pragmagtisch, und das Ausleben derselben wird freiwillig.

Nichtschwimmer, die sich dann in stürmische Gewässer begeben, sollten sich eben vorher mit dem DLRG gutstellen..

Minarchist, am 19. März 2009 um 14:38 ( Link )

@Thoringi:

"Rüttgers ist wohl auch eher eine linke Socke, oder gibt es hier Gegenstimmen in dieser Frage?"

Natürlich nicht. Weil JEDER Politiker eine linke Socke ist bzw. zwangsläufig sein muß (um wiedergewählt zu werden von den ahnungslosen und verhetzten Massen). Rüttgers ist m.E. im übrigen ein besonders widerwärtiger Vertreter jenes Typus des stromlinienförmigen, angepaßten, dem Zeitgeist stets folgenden Berufspolitikers. Eine Gestalt, so aalglatt wie durchtrieben, so gefährlich wie gleichzeitig belanglos. Ein schlichter, banaler Verwalter der BRDDR auf dem Weg zur Abwicklung in die EUdSSR.


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