13. März 2009

Amoklauf von Winnenden III. Unsere Kinder brauchen uns

Interview mit Dagmar Neubronner

Dagmar Neubronner gilt als „bekannteste Homeschool-Mutter Deutschlands“. Weniger bekannt ist ihre publizistische Tätigkeit in ihrem Genius Verlag und ihre Arbeit als Therapeutin im Zusammenhang mit der Bindungsforschung. Gegenüber ef bezieht Dagmar Neubronner zum Amoklauf von Winnenden Stellung.

ef: Frau Neubronner, Sie und der in Ihrem Verlag publizierende Forscher Gordon Neufeld haben frühere Amokläufe ausgewertet. Zu welchem Ergebnis sind Sie im Zusammenhang mit der von Ihnen betriebenen Bindungsforschung gekommen?

Neubronner: Das Profil der Täter von Winnenden, Erfurt usw. ähnelt sich insofern, als sie erstens keine aktuelle, intensive Beziehung zu einem Erwachsenen in ihrem Umfeld hatten. Auch die Eltern sind in solchen Fällen völlig überrascht und ahnen nicht, welche Explosion sich da vor ihren Augen anbahnt. Zweitens, und das heben die Medien einhellig hervor, wirken die Täter, bis sie Amok laufen, still und unauffällig. Das ist kein Zufall. Die entwicklungspsychologischen Forschungen von Professor Gordon Neufeld  helfen uns hier, die Dynamik zu verstehen.

ef: Inwiefern?

Neubronner: Wir können uns unseren Gefühlshaushalt zum Umgang mit den Frustrationen des Lebens wie eine Art Kreisverkehr veranschaulichen. Die Frustration strömt in den Kreisel hinein. Die erste Möglichkeit, wie die Frustration unser System wieder verlassen kann, ist, dass wir die frustrierenden Umstände ändern, etwa die Bedingungen, die wir in der Schule vorfinden. Ist das nicht möglich, dann ist die nächste Ausfahrt, dass wir die Vergeblichkeit unserer Bemühungen fühlen, in gravierenden Fällen darüber weinen, möglichst an der Schulter einer Bezugsperson, die uns Geborgenheit und Orientierung gibt, und durch diese Trauer einen Weg finden, mit den Umständen, die wir nicht ändern können anders umzugehen. Dieser Weg ist jedoch vielen Jugendlichen heute versperrt, denn sie haben niemanden mehr, der ihnen so nahesteht, dass sie sich bei ihm ausweinen könnten. Und ihre Frustration ist so groß, dass sie, um von ihr nicht überwältigt zu werden, ihre Gefühle betäuben und sie gar nicht mehr wahrnehmen – der Prototyp des „coolen“ Jugendlichen, dem scheinbar alles egal ist. Hierzu passt dann auch die Sucht nach brutalen Killerspielen oder wie bei Tim K. Horrorvideos – die Jugendlichen härten sich systematisch ab, um ihre überwältigende Traurigkeit und Einsamkeit nicht fühlen zu müssen. Eine Vielzahl von Verhaltensstörungen gerade gewalttätiger Jugendlicher wird im angelsächsischen Sprachraum unter „Dry Eyes Syndrome“ zusammengefasst – manche dieser Kinder haben zuletzt im Kindergartenalter geweint. Wenn also eine Änderung der Umstände nicht möglich ist und wirkliche trauernde Verarbeitung von Frustration auch nicht, dann ist der nächste und einzig verbleibende Weg die Aggression. Sie geht nach außen oder nach innen, und im Fall von Amokläufern meist in beide Richtungen gleichzeitig. Wenn auch dieser Weg zunächst versperrt ist, weil natürlich gerade guterzogene, eher gehemmte Jugendliche wissen, dass man nicht aggressiv sein darf, kreist die Frustrationsenergie ohne Ausweg im Gefühlssystem und es gibt einen Stau – nichts geht mehr. Das ist dann die Depression.

ef: Tim K. war den Medienberichten zufolge wegen Depressionen in Behandlung.

Neubronner: Ja, der Amoklauf ist dann der letzte verzweifelte und furchtbare Versuch, die gigantische Masse an gestauter Frustrationsenergie in einem mörderischen Befreiungsschlag loszuwerden.

ef: Welche Ihrer Thesen zur Bindungsforschung werden im jüngsten schrecklichen Fall von Winningen konkret noch bestätigt?

Neubronner: Tim K. passt exakt in das Bild des vereinsamten Jugendlichen, der keinen Zugang mehr zu Gefühlen hat, die verletzlich machen, wie Trauer, Freude, Neugierde, Fürsorglichkeit, Begeisterung, Eifer – alles „uncool“. Das heißt, es ist entscheidend, dass wir unseren Kindern ermöglichen, in Kontakt mit ihren Gefühlen zu bleiben, zu weinen und zu lachen.  Dafür brauchen Kinder und auch Jugendliche – noch viel länger, als wir meist annehmen – mindestens einen anteilnehmenden Erwachsenen, dem sie wirklich Einblick in ihre Gefühlslage geben können und an dem sie sich orientieren können. Wir glauben immer, dass Jugendliche sowieso nur einander brauchen, aber das stimmt nicht. In der gesamten Menschheitsgeschichte bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren Jugendliche nie so viel und lange ohne echten Kontakt zu Erwachsenen wie heute in unserer extrem arbeitsteiligen Gesellschaft und der überhandnehmenden Institutionalisierung der Kindheit in Krippen, Kitas, Schulen und anderen, wie Michael Ende es in „Momo“ nennt, „Kinderdeponien“. Es ist nicht die Aufgabe von Jugendlichen, sich untereinander Vater und Mutter zu ersetzen, auch wenn sie es unter den heutigen Bedingungen in ihren Cliquen immer wieder versuchen.

ef: Aber Tim K. war vereinsamt!

Neubronner: Richtig, er zeigte anderen Menschen nur eine unauffällige Hülle. Die Bindungsforschung zeigt, dass der menschliche Bindungsinstinkt stärker ist als Hunger, Durst und Kälte. Ein Mensch ohne tiefe Bindungen ist letztlich nicht überlebensfähig und eine Gefahr für alle anderen. Nicht umsonst war die Ausstoßung aus Sippe oder Stamm in früheren Zeiten die härteste Strafe außer der unmittelbaren Tötung. Wir müssen Wege finden, unsere moderne Welt so zu gestalten, dass die zentralen Bedürfnisse unserer Kinder nach Geborgenheit und Orientierung zuverlässig erfüllt werden. Das ist kein Luxus und keine „Kuschelpädagogik“, sondern unerlässlich für unser aller Zukunft.

ef: Tim K. stammte aus einem geordneten, sogar wohlhabenden Elternhaus.

Neubronner: Und seine Eltern haben ihn sicherlich sehr geliebt. Es ist wichtig zu erkennen, dass ein Scheitern von Bindungsbeziehungen nichts mit fehlender Elternliebe zu tun hat, sondern mit Unkenntnis über die entwicklungspsychologischen Zusammenhänge. Wir meinen es gut, haben aber keine Ahnung, was Kinder brauchen. Ich vergleiche das gern mit der Entdeckung der großen Seefahrt – plötzlich hatte sich das Leben der Seeleute stark verändert, sie waren monatelang unterwegs. Erst unter diesen vollkommen neuen Lebensumständen wirkte sich aus, dass sie nicht wussten, was Vitamine sind, sie haben nicht das Nötige an Bord genommen, und es gab die entsetzlichsten Mangelkrankheiten wie Skorbut. Daraus entwickelte sich das bewusste Wissen darum, dass der Mensch Frischkost braucht, um zu überleben. So geht es uns heute mit der Bindung. Wir schicken schon die Kleinsten auf hohe See und wissen nicht, wie sehr sie das Vitamin B wie Beziehung brauchen. Eltern heute ahnen nicht, wie unersetzlich wichtig sie für ihre Kinder sind. Unsere Kinder brauchen uns!

Literatur

Gordon Neufeld und Gabor Maté: Unsere Kinder brauchen uns. Die entscheidende Bedeutung der Kind-Eltern-Bindung, Genius-Verlag 2006.


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