11. März 2009

Verbraucherschutz Im Wein liegt nicht nur Wahrheit

Omnia sunt venena, nihil est sine veneno. Sola dosis facit venenum.

Mittlerweile hat man sich ja daran gewöhnt, dass einem jegliches Genussstreben als gepflegter Ausdruck persönlicher Lebensbejahung durch amtlich beeinflusste Begleiterscheinungen vermiest wird. Die allgegenwärtige Thematisierung von Fettgehalten, Zuckeräquivalenten, Alkoholkonzentrationen und Nikotingiften, die Etablierung von Grenzwertnormen, Kennzeichnungspflichten und Konsumentenschutzgesetzen sowie die Erhebung von Abgaben auf den Bier-, Branntwein-, Sekt- und Tabakerwerb sollen nicht nur im Namen der bundesweiten Dogenbeauftragten die Wohlverhaltenspflicht der Verbraucher sicherstellen sondern auch via Steuern „falsches“ Verhalten gezielt sanktionieren. Nicht umsonst fallen derart spezielle Konsumabgaben in den Bereich der Lenkungssteuern, also der rechtssystematisch gewollten und bewussten paternalistischen Beeinflussung individueller Gewohnheiten. Freilich mit Ausnahme der Sektsteuer, die ursprünglich der Finanzierung der Kaiserlichen Kriegsmarine diente, deren Steuerung durch Selbstversenkung sie 1919 in der schottischen Bucht von Scapa Flow schließlich auf den Meeresboden lenkte.

Die hiesigen Beispiele sind natürlich willkürlich und unvollständig. Sie verdeutlichen allerdings höchst plastisch das zugrundegelegte, verbraucherpolitische Leitbild der Volksvertretung, eben das Ideal des Dümmsten anzunehmenden Konsumenten, kurz DAK. Wobei letzterer natürlich ersteres zwangsläufig bedingt, denn ohne DAK wäre ein öffentlich-rechtlicher Verbraucherschutz schlichtweg überflüssig. So ist es kein Wunder, dass über tendenziell wohlwollende Produktangaben der Hersteller wie der ob seiner Fettfreiheit beworbene Gummibär immer auch das Damoklesschwert der Verbraucherirreführung schwebt. Das gilt umgekehrt für amtsschimmelige Warnhinweise natürlich nicht. Soviel Informationsasymmetrie muss sein, schließlich kann vom DAK kein umfängliches Leseverständnis erwartet werden, weswegen demnächst auf Zigarettenpackungen wohl auch auf optische Abschreckung zurückgegriffen werden soll.

Solange aber erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist, bieten Produktverpackungen abzüglich des administrativ vorgeschriebenen Flächenschwunds eigentlich ein viel zu selten genutztes Areal der glaubhaften Selbstbeweihräucherung. Dies muss sich auch Juan Jesús Valdelana, ein spanischer Önologe und Eigentümer einer geschichtsträchtigen, inmitten der Rioja liegenden Bodega, deren Geschichte bis in das 16. Jahrhundert zurück reicht, gedacht haben. Die von seinem Unternehmen vertriebenen Rebensäfte gelten ja alleine schon aufgrund ihrer Alkoholkonzentration als politisch verfemt und müssen zudem EU-konform mit dem obligatorischen Hinweis auf ihren Sulfitgehalt versehen werden, was in etwa genauso hilfreich ist wie der Verweis auf Milchbestandteile im Käse oder Nikotin im Tabak. Auf dem gesamten rückseitigen Etikett des überwiegend aus der klassischen Tempranillotraube gewonnenen Valdelana Reserva, Jahrgang 2003, prangt die eigentliche, jegliche Informationsasymmetrie überwindende Heilsbotschaft: „A la salud por el vino“, zu Deutsch „Zur Gesundheit durch Weinkonsum“. Diese Mitteilung dürfte natürlich nicht nur den Clochard erfreuen, wenn er hernach beherzt zur EG-Resttraubenpressung aus dem Tetrapack greift. Vorausgesetz natürlich, es sind Kenntnisse der spanischen oder englischen Sprache vorhanden. Auf diese beschränkt sich nämlich die etikettierte Lizenz zur förderlichen Variante des Alkoholkonsums. Der viel versprechende Ansatz wird selbstverständlich in seiner möglichen Einzelfallwirkung stichwortartig untermauert. So führt der Hersteller präzisierend aus: „Wein senkt den Blutdruck, beruhigt, wirkt harntreibend, absorbierend Fette, stimuliert das gute Cholesterin“. Na endlich werden mal nicht nur potenzielle Risiken, sondern auch reelle Chancen thematisiert. So erfährt der leidensbesorgte oder heilsuchende Konsument zu guter Letzt auch die konkreten Nebenwirkungen: „Und deswegen verhindert oder reduziert er [der Wein, Anmerkung des Verfassers] das Risiko, an folgenden Leiden zu erkranken: Alzheimer, Krebs, Herzinfarkte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Augenerkrankungen, Hypertonie“. So viel Engagement um die individuelle Gesundheitsprophylaxe verdient natürlich kommerzielle Erwähnung. Bei diesem klassischen Rioja handelt es sich um einen Cuvée aus den Trauben der bodegaeigenen Rebsorten Tempranillo, Graciano und Mazuelo. Der Wein hat einen Alkoholgehalt von 13,5 Prozent und konnte vor Flaschenabfüllung 22 Monate lang in Fässern aus amerikanischer und französischer Eiche seinen Geschmack erfolgreich ausbauen. Wie die meisten roten, kräftigen Spanier sollte er leicht unter Zimmertemperatur serviert werden, wobei sich der Erwerber hiermit ruhig noch einige Jahre Zeit lassen kann. Mit einem Preis von 14,90 Euro je Flasche gehört er seiner Qualität entsprechend zum gehobenen Preissegment, begrenzt damit aber auch etwaige volkspädagogische Einwürfe bezüglich seiner Eignung als Verschnittbestandteil komatöser Saufrituale jugendlicher DAK. Außerdem ist das immer noch günstiger als einmal Praxisgebühr zuzüglich Mindestbetrag für die Zuzahlung zu einem Medikament. Und in der Wirkung sowieso wesentlich angenehmer und wahrscheinlich ebenso effizient wie so manche ärztliche Lehrbuchtherapie.

Der politisch aktive und privat abstinente DAK-Betreuer sei abschließend noch einmal auf Paracelsus seit knapp 500 Jahren unwiderlegte und oben im lateinischen Original zitierte Erkenntnis hingewiesen: „Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist." Der zweite Teil gilt sogar für alles Nichtpolitische. Zum Wohl!

Weitere Informationen:

Bezugsquelle Valdelana Reserva 2003

ef-online: Brecht reloaded - Erst die Moral, dann das Essen

ef-online: Der Große Bruder - Fat in Japan


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