07. Februar 2009

Die Piusbrüder, Richard Williamson und die politische Korrektheit IV. Warum Papst Benedikt für Freiheit kämpft

Oder: Angewidertes Abwenden von dieser Brave New World

Mit der Papstschelte der Kanzlerin und den Auswürfen Paolo Pinkels hat die Medienhatz gegen Benedikt ihren politischen Tief- wie realsatirischen Höhepunkt erreicht und seither überschritten. Michel Friedman sagte besonnen und zurückhaltend, wie es seine Art ist: „Der Papst ist unglaubwürdig, ein Lügner und ein Heuchler!“

Danach kann nichts mehr kommen. Nicht einmal der Kirchenkämpfer Bismarck hätte sich erlaubt, was Angela Merkel glaubte, sich mit der Schelte des Papstes gönnen zu dürfen. Offenbar wurde sie dabei nicht sehr gut beraten. Eine Entschuldigung der Kanzlerin ist jedenfalls in den Augen vieler gläubiger Katholiken überfällig. 

Alleine, sie wird ausbleiben. Denn Angela Merkel steht höchstselbst an vorderster Front im Glaubenskrieg der Jünger der Politischen Korrektheit gegen die Altgläubigen und Ketzer, die wie der Papst nicht jeden Kotau vor den modernen Heiligtümern mitmachen.

Wie so oft hat auch dieser Glaubenskrieg eine ganz reale politische Dimension. Der Vorgänger Benedikts, Papst Johannes Paul II., war als gebürtiger Pole nicht unerheblich am Zusammenbruch des realen Sozialismus beteiligt. Nun fürchten die Eliten 20 Jahre später, dass ausgerechnet der deutsche Benedikt den europäischen Neusozialismus als kontinentale politische Verkörperung des sekularen Glaubens an die Politische Korrektheit in seinem Lauf noch stören könnte. Heute sind Foren- und Internetkommentare meist origineller als die Einheitsberichterstattung der Klone der Aktuellen Kamera. Vor allem geben sie wahrheitsgetreuer auch die Stimmung im Volk wieder. Zitieren wir einen dieser vielen treffenden und zuweilen heute aus guten Gründen anonym geäußerten Bemerkungen: „Wenn das Erich Honecker noch erlebt hätte! Er selbst wäre nie, ja: nie!, auf die Idee gekommen, den Papst zu kritisieren, zu belehren oder gar zu beleidigen. Dafür war er wahrscheinlich als Saarländer auch zu katholisch. Dass da aber nun eine Funktionärin aus seiner Kaderreserve sich über seine Skrupel hinwegsetzt und den revolutionären Geist der einzig wahren Weltanschauung in den Vatikan hineinträgt, das würde ihn mit Stolz erfüllen.“ Bei der einstig jugendlichen FDJ-Funktioneuse Angela Merkel, so schließt der Kommentar süffisant, führe ihr grenzenloser „Opportunismus sogar dahin, am Ende päpstlicher sein zu wollen als der Papst“.

Der Blogger Le Penseur fasst die Kampagne so zusammen: „Was derzeit gespielt wird, ist ein eiskalter Machtkampf zwischen den Proponenten der säkularen Holocaust-Religion, die ihre mythologische Fundierung der europäischen Nachkriegsordnung – 'Es gibt kein absolut Böses, außer den Nazis' – gefährdet sieht, und den Anhängern einer rational verstandenen Meinungsfreiheit, der eine solche Tabuisierung eines Themas schlichtweg unerträglich ist. Andererseits geht es innerkatholisch um einen Machtkampf zwischen der V2-Fraktion, die ihre Felle durch die Aufnahme von Traditionalisten wegschwimmen sieht, und höchst unangenehm berührt vermerkt, dass der Vatikan nunmehr offensichtlich eher auf eine Einbindung und Rückbesinnung als auf eine Ausgrenzung und Marginalisierung der Tradition setzt, und den Traditionalisten, die endlich die Zeit gekommen sehen, in der sie nicht nur in sektenhafter Organisation vor der Kirchentür verharren, sondern direkt in der Kirche als wie sie hoffen künftige Kern- und Leitungsgruppe tätig sind. Aus dieser Gemengelage erst lassen sich die abstrusen Koalitionen verstehen, die wir staunenden Auges derzeit miterleben müssen.“

Le Penseur erklärt in zwei kurzen Gedanken, warum sich ein Magazin wie eigentümlich frei plötzlich an der Seite der Piusbrüder wiederfindet oder wiederfinden muss. An der Seite einer Bruderschaft also, die, würde sie heute vor der Machtübernahme stehen, womöglich auf der anderen Seite der Meinungsfreiheit sich befände. Doch genau das ist der Punkt: Im Hier und Jetzt stehen die Piusbrüder und vor allem Papst Benedikt nicht vor einer neuen traditionalistisch-katholischen, theokratischen Herrschaft über Europa, dieser Gedanke ist schlicht absurd! Vielmehr sind gerade sie heute die letzten und entschiedensten Widersacher gegen eine tatsächliche neue totalitäre Theokratie der immer unerbittlicher sich gebärenden neosozialistischen Politischen Korrektheit. Einer Herrschaft unter der PC-Fahne mithin, die selbst das Regelwerk des deutschen Fußballbundes oder das römisch-katholische Kirchenrecht noch okkupiert sehen will.

Nun ist es einfach und geradezu billig, die Piusbrüder zu kritisieren. Die unverschämten Aussagen des Distriktoberen Pater Franz Schmidberger über Mohamed sind auch kaum dazu angetan, ein friedliches Zusammenleben mit Andersgläubigen zu ermöglichen. Doch kommt eine wohlfeile Schelte der Piusbrüder in der heutigen Situation einer kleinlichen ideologischen Kritik an Widerstandszirkeln nach der Machtübernahme des Nationalsozialismus gleich.

Diesbezüglich interessanterweise werden „dank“ Bruder Williamson ausgerechnet die Piusbrüder und der Papst als „Rechte“, „Reaktionäre“ und „Erzkonservative“ immer wieder medial in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt. Der stalinistische Trick, das Konservative anstelle des Sozialistischen als Vorläufer Hitlers zu verkaufen, auch diese Geschichtsklitterung gehört gezielt zur politisch korrekten Doktrin unserer Tage. Vertuscht wird dabei nicht nur die historische Rolle von Reaktionären und Erzkonservativen als tatsächlich für Hitlers nationale Sozialisten von Beginn an die gefährlichste Widerstandsgruppe. Verdeckt wird vor allem, dass die Akteure der Kampagne von „Bild“-Zeitung, Tagesschau und Spiegel-Online über Angela Merkel, Claudia Roth und Dirk Niebel bis hin zu Paolo Pinkel dem Nationalsozialismus, seiner Politik und seiner Medienhetze ideologisch wie machttechnisch weit näher stehen als deren reaktionäre Widersacher. Und nebenbei: Keine Wählergruppe hat sich der NSDAP stärker verweigert als ausgerechnet die damals noch geschlossen traditionalistischen deutschen Katholiken.

Schließen wir die Betrachtung dieses Medien- und Politikskandals mit einem Resumé Michael Klonovskys: „Im derzeitigen Getöse erleben wir den ersten theokratischen Großauftritt einer neuen Weltreligion, die die alte katholische gern wegbeißen möchte. Es handelt sich zum einen um die Ablösung Golgathas durch Auschwitz, zum anderen und damit verknüpft wird eine politischen Staatsform peu à peu zum Ziel der Geschichte und zum irdischen Gottesreich erhoben. Barack Obama ist die erste Figur des demokratischen Messianismus; ob er schon der Messias ist, sei dahingestellt. Der Papst vertritt dagegen das finstere Mittelalter, die Reaktion, das Standesdenken, das Anti-Emanzipatorische, die sexuelle Restriktion, das Abtreibungsverbot und was für den demokratischen Priester noch so alles des Teufels ist.“ Wie jahrhundertelang die christliche Lehre als allgemeinverbindliche Maxime des Denkens und Handelns galt, so Klonovsky, so sei dies heute „jene von der Demokratie – bei konstanter Drohung der Exkommunikation und inquisitorischen Bestrafung. Alle Menschen sollen im Namen der Demokratie getauft werden, auch die Taliban, und wessen Seele verstockt ist, dem wird man halt früher oder später die Tür eintreten, vor allem, wenn eine Ölpipeline durch sein Land führen soll; ansonsten genügt einstweilen der Ausschluss aus der Gesellschaft.“ Da aber, so wirft Klonovsky ein, „die demokratische Religion als solche weder spirituell noch im Sinne der emotionalen Aufwallung ihren Anhängern etwas zu bieten hat, eignet sich Auschwitz als negativer Fixpunkt und Totempfahl. Der Leugner ist keineswegs ein geschmackloser Idiot, sondern ein gefährlicher Ketzer, der eine Milliarde Katholiken kompromittiert hat und vor ein Tribunal gehört. Der Papst soll sich entschuldigen (bei wem eigentlich?), und er soll vor allem nicht so katholisch sein.“

Klonovsky endet in einer Abscheu, der wir uns abschließend ohne Zusatz anschließen: „An Priestern herrscht in der neuen Weltkirche schon jetzt kein Mangel. Die Zeloten und Inquisitoren sind in den Medien aufmarschiert. Man muss kein Demokratie-Gegner sein, um sich angewidert von dieser Brave New World abzuwenden.“

Internet

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