03. Februar 2009

Die Piusbrüder, Richard Williamson und die politische Korrektheit III. Papst Benedikt hat viele Feinde. Und noch mehr Freunde

Je mehr sie geifern, desto unglaubwürdiger werden sie

Die Medienkampagne explodiert. Zuerst schreibt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, höchstselbst in seiner „Bild“: „Es ist moralisch das Allerletzte, das Allerverachtenswerteste, wenn einer das rassistische Morden relativiert. Der Papst hat einen schweren Fehler gemacht. Dass es ausgerechnet ein deutscher Papst ist, macht die Sache besonders schlimm. Papst Benedikt XVI. fügt Deutschland in der Welt großen Schaden zu. Und er belastet seine gesamte Amtszeit mit diesem fürchterlichen Makel. Deshalb gibt es nur eins: Der Papst muss seinen Fehler korrigieren, die Entscheidung zurücknehmen und sich entschuldigen. Wer dazu nicht die Kraft findet, sollte nicht die Kraft Gottes für sich in Anspruch nehmen.“

Hat jemals ein Mensch diesseits des organisierten Atheismus so mit dem Papst gesprochen? Hat es je eine solche Sprache selbst in der „Bild“ gegeben? In jener „Bild“-Zeitung, die vor nicht allzu langer Zeit nicht weniger peinlich meinte: „Wir sind Papst!“

Spiegel-Online, die quasi amtliche deutsche Nachrichtenseite im Internet, kennt seit Tagen nur noch ein Thema. Hier eine unvollständige Auswahl von sechs „Spiegel“-Artikeln alleine vom heutigen Tage, die Überschriften alleine sprechen für sich: „Holocaust-Debatte: Merkel fordert Papst zur Klarstellung auf“, „Kritik vom Zentralrat: Verhältnis der Juden zum Vatikan vergiftet“, „Katholische Hardliner: Wie die Piusbrüder gegen Juden, Muslime und Schwule hetzen“, „Päpstliches PR-Desaster: Warum der Vatikan die Krise nicht beherrscht“, „Streit über Holocaust-Leugner: Kardinal Lehmann nennt Papst-Entscheidung Katastrophe“, „Hells Bells: Papst erschüttert Katholiken“.

In jeder der vergangenen Medienkampagne (Möllemann, Hohmann, Herman etc.) spielten die gedruckte „Bild“, Spiegel-Online (und Druck) sowie die Staatsfunker von ARD und ZDF die Rolle der drei Einheizer (ef berichtete). Politiker und Promis flankierten jede der Kampagnen.

Seit heute nun auch Angela Merkel. Die evangelische Bundeskanzlerin „verlangt“ von Papst Benedikt eine „Klarstellung“: Es gehe darum, „dass von Seiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es keine Leugnung geben kann.“ Diese Klarstellung sei aus ihrer Sicht „noch nicht ausreichend erfolgt“. Merkel gibt zu, es sei „normalerweise nicht ihre Aufgabe, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten.“ Aber „das darf das nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben“, so Merkel.

Sprache und Prominenz der Wortmelder sind verräterisch. Inzwischen ahnt auch der Letzte, dass hier ein Religionskrieg ohne Erbarmen geführt wird. Medien und Politik als Hohepriester der säkularen Religion der Politischen Korrektheit verlangen nicht weniger als die Unterwerfung ihres letzten Widersachers. Der Papst „muss“, so fordern sie es offen wie von einem angeklagten Verbrecher, ihrer Anweisung Folge leisten und das in Deutschland strafbewährte „Leugnen des Holocausts“ (gemeint ist konkret ein Infragestellen der sakrosankten Millionenziffer) vom Zivilrecht ins Kirchenrecht übertragen. Eine im Grunde absurde Forderung. Aber in Zeiten, in denen selbst der Deutsche Fußballbund politisch korrekte Elemente in seine Verbandsjustiz einwebt ist auch diese Absurdität nur konsequent. Die neue säkulare Religion strebt wie einst ihre Vorläufer NSDAP oder SED heute nicht mehr allzu verdeckt eine totalitäre Herrschaft über „alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens an“. Ausnahmen selbst im Kirchenrecht können nicht mehr geduldet werden.

Der „Spiegel“ hat als Initiator der Kampagne, wenige Tage bevor Papst Benedikts Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruder erfolgen sollte, alarmiert über die bereits im November gedrehten Aussagen von Bischof Williamson im schwedischen Fernsehen berichtet. Offenbar war die päpstliche Absicht durchgesickert und interessierte Kreise glaubten, die Entscheidung durch die „Spiegel“-Geschichte in quasi letzter Minute verhindern zu können.

Man hatte sich in Papst Benedikt verschätzt. Also wurde dann die Kampagne gestartet, um wenigstens nachträglich die richtige Entscheidung herbeizuführen. Immer und immer wieder versuchten die einschlägigen Journalisten bei steter Verschärfung der Anklage, dem Papst eine „letzte Brücke“ zu bauen. Zuckerbrot und Peitsche: So spricht man dann von „Kommunikationsproblemen im Vatikan“ – um den eigenen Erpressungsversuch zu verschleiern.

Interessant ist nebenbei, dass in selber Weise auch die Ernennung des „erzkonservativen“ und (oft gehört, kein Witz) „extrem papsttreuen“ neuen Weihbischofs von Linz, Gerhard Maria Wagner, über eine Medienkampagne in Österreich ebenfalls noch in letzter Minute vor der geplanten Bekanntgabe verhindert werden sollte, wie heute die katholische Nachrichtenseite kath.net enthüllt.

In Deutschland aber gilt: Wir sind jetzt kein Papst mehr! Dürfen es nicht mehr sein. Schlimmer noch: Der Papst habe Deutschland verraten… Was für ein Unterschied zu den Kenianern, die auch in hundert Jahren noch „ihren US-Präsidenden“ feiern werden, selbst wenn der in den Augen mancher Fehler machen sollte. Aber in Kenia gibt es auch keine „Bild“-Zeitung aus dem Springer-Verlag.

Der jüngst verstorbene und spät zum katholischen Glauben konvertierte Publizist Caspar von Schrenck-Notzing antwortete auf die Frage „Was fällt Ihnen eigentlich spontan ein, wenn Sie an Deutschland denken?“ folgendes: „Der Heerwurm der deutschen Denunzianten: nach 1918, nach 1933, nach 1945.“

Jede der jüngsten Medienkampagnen vergrößerte den Graben zwischen der veröffentlichten Meinung und dem Volk. Mit jeder neuen Kampagne verlieren Politik und Medien abermals an letzten Vertrauensresten. Die „Welt“ ließ eine Online-Umfrage zu: „Papst Benedikt XVI. hat mit seinen jüngsten Entscheidungen viel Kritik hervorgerufen. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?“, fragt die „Welt“. Die überwältigende Mehrheit von 64 Prozent der bis heute etwa 25.000 Teilnehmer der Abstimmung antwortet: „Sehr gut, er zieht seine Linie durch und macht alles richtig.“ Kommentatoren in Online-Foren werden wie in den vorangegangenen Medien-Kampagnen in Massen zensiert und gelöscht oder in dieser Frage gar nicht erst zugelassen. Die ob der Medien-Hatz empörten Leserbriefe, so sickert aus den Redaktionen durch, gehen erneut in jedem Zeitungshaus in die Tausende.

Und doch herrscht ein geradezu gespenstisches sowjetisches Medien-Einheitsbild. Wie in den besten Zeiten der DDR werden immer neue „klassenbewusste“ Zeugen der Anklage vorgeführt. Darunter auch papst-kritische deutsche katholische Bischöfe. Kann es irgendwen verwundern, dass die vom deutschen Sonderrecht der Kirchensteuer wohlgenährten Vertreter der Amtskirche Vater Staat und dessen Glaubensdoktrinen im Zweifel eher Gefolgschaft leisten als dem heiligen Vater in Rom?

Was hat der Papst eigentlich getan? Er hat vier Exkommunikationen – für gläubige Katholiken so etwas wie eine seelische Todesstrafe – auf persönliche Bitten zurückgenomme. Der Oberhirte aus Rom interessiert sich dabei schlicht nicht für die Riten, Glaubenssätze und Tabus der konkurrierenden Ersatzreligion. Wer glaubt, dass es quasireligiöse Vorgaben nicht mehr gibt, der überprüfe sich einmal selbst beim Versuch, einen Satz zum Holocaust zu sagen. Oder er lese die eingangs zitierten Worte des einflussreichsten deutschen Verlegers.

Uns wird nun fortlaufend erzählt, dass auch viele Katholiken über den Papst entsetzt seien. Das ist richtig. Es sind aber vornehmlich die Seichten, die der Ersatzreligion der politischen Korrektheit bereits mehr ergeben sind als ihrer katholischen Kirche. Wahr ist aber auch: Für noch mehr Anders- und sogar Ungläubige ist der Papst dieser Tage der letzte Hoffnungsträger der Abwehr einer ins Totalitäre gehenden Politischen Korrektheit, die keinerlei Anstand und Erbarmen mehr kennt. Es sind – vielleicht nicht zur Freude der Piusbrüder – eben auch viele evangelische und orthodoxe (diese ohnehin) Christen sowie nicht zuletzt auch Moslems und Atheisten, die heute nach Rom blicken und sagen: „Sehr gut, er zieht seine Linie durch und macht alles richtig!“

Internet

Teil II.

Teil I.


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