Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Wettervorhersage: Unser kleiner täglicher Weltuntergang

von Alexander Kissler

Die Apokalypse wird sich vermutlich nicht eines Offenbacher Meteorologen als Sprachrohr bedienen

Es sei ihm gegönnt. Wen drängt es schließlich nicht nach Aufmerksamkeit, Rampenlicht, Anerkennung? Andreas Friedrich aus Offenbach ist da keine Ausnahme. Er suchte und er fand seinen Instant-Ruhm am Mittwoch vergangener Woche. Selbst am Donnerstag war sein Name, war sein Donnerwort in aller Munde. Andreas Friedrich, Diplom-Meteorologe, angestellt beim Deutschen Wetterdienst, prophezeite das „spektakulärste Wetterereignis seit Orkan ‚Kyrill’“. Für die Tage vom 21. zum 23. November 2008 müsse man mit dem Allerschlimmsten rechnen.

Geschehen ist dann: wenig mehr als Nichts. Es schneite, es wurde plötzlich recht kalt, hie und da verspäteten sich Züge, manches Auto soll gescheut haben. Von Massenkarambolagen war nichts zu hören, niemand starb des Wetters wegen, kein Landstrich musste evakuiert werden. Andreas Friedrich hat sich in diesem Fall als denkbar miserabler Prophet erwiesen. Die annoncierten „Pauken und Trompeten“ schlugen kammermusikalische Töne an. „So richtig die Post ab“ ging nur in der Simulation. „Kyrill“ hingegen forderte im Januar 2007 europaweit 47 Menschenleben. Auf mehrere Milliarden Euro addierten sich die Schäden.

Durch das groteske Missverhältnis von Vorhersage und Ereignis wurde uns dreierlei gewahr: Der staatliche Deutsche Wetterdienst, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, bewegt sich auf einem wettbewerbsintensiven Markt. Um gegen die Konkurrenz, namentlich den umtriebigen Schweizer Wetterfrosch und Anzugbeau Kachelmann zu punkten, erscheint der Griff ins Grelle offenbar geboten. Winter war gestern, Weltuntergang ist heute, lautet die Parole.

Zweitens fügt sich der Sensationalismus, der gerne prospektiv aus Brisen Stürme und aus Winden Unheil macht, in unser abgesunkenes Reizempfinden. Wir sind umstellt von Katastrophen, die sekündlich an uns zerren, von schrillen Tönen, bunten Bildern, von medial verdichteten Elends- und Kriegsszenarien. Selbst die alltägliche Sprache der Politiker wird mehr und mehr aufgerüstet, ist ein verbaler Waffengang, kein Diskursfeld mehr. Wenn das Erhitzte zur Betriebstemperatur aufsteigt, das Exaltierte zur Norm, dann muss auch ein Diplom-Meteorologe schreien, um verstanden zu werden.

Und drittens ist es bezeichnend für den Gestaltwandel der öffentlichen Naturwissenschaft, wie leicht und gerne sie miteinstimmt in den Chor der Hysteriker. Zuweilen sieht man sie zwar heute noch, die Letzten ihrer Art, die Damen im blassfarbenen Kostüm, die Herren mit Schlips oder Fliege, die auf Wolkenbilder deuten, auf Pfeile, Kreise, Farbverläufe. Diesen Dinosauriern wird man aber bald ein Ehrenmal spendieren, und dann werden unumschränkt die Selbstvermarkter herrschen, wie sie in vielen Naturwissenschaften längst den Taktstock schwingen.

Der Biologe und Genombastler, der den Kittel trägt, um als Therapeut zu erscheinen; der Physiker, der mit lautem Aplomb allerletzte Gewissheiten verkündet; der Neurologe, der meint, das Wesen des Menschen entschlüsselt und die meisten Normen widerlegt zu haben: Sie alle haben wie der Wetterfrosch im Pech die Lektion verinnerlicht, dass ins Bewusstsein dann sich Botschaften graben, wenn sie Sinn verkünden und Wahrheit versprechen. Hier gilt das alte Komödiantenwort: Dezenz ist Schwäche.

Bisher jedoch wurde der Weltuntergang jedes Mal vertagt. Die Sintflut gab es nur einmal, und die Apokalypse wird sich vermutlich nicht eines Offenbacher Meteorologen als Sprachrohr bedienen. Pauken und Trompeten haben dann und erst dann ihren Platz. Die Erregungsgesellschaft sollte ihr Fieber bis dahin zu zügeln wissen. Abschalten, Abrüsten tut not, ganz unspektakulär.


Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".

24. November 2008

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Kommentare

Blutscheich, am 24. November 2008 um 23:51 ( Link )

Zu den größten Errungenschaften Kachelmanns gehört die meteorologische Entdeckung des extremen Funtensees.

Frank Abel, am 25. November 2008 um 9:11 ( Link )

Ich stimme dem Credo voll und ganz zu. Schade ist, dass inmitten des ganzen Wetterkatastrophen-Journalismus leise Töne untergehen. So hatte ich schon im Vorfeld vor Panikmache gewarnt, siehe:

Schade drum...

Gruß,

Frank.

tewe, am 25. November 2008 um 20:40 ( Link )

tja, so ist das: nur wer schreit wird erhört. amen.

aber er vernunftbegabte mensch ist in der lager aus der masse an wetterfröschen die der markt aufzubieten hat, sich den zu ihm passenden auszusuchen. 'passt scho' sozusagen ;)

Anne, am 27. November 2008 um 10:32 ( Link )

So ganz richtig ist das ja nicht: Es hat einige Unfälle mit tödlichem Ausgang gegeben, in den Nachrichten habe ich gehört, dass zumindest ein Mensch erfroren ist - d.h. Menschen sind sehr wohl wegen des Wetters gestorben. Ich halte es für gefährlich, Wintereinbrüche wie gerade als "lächerlich" und "fast nichts" darzustellen: Beim nächsten Mal meinen die Menschen dann eben, dass wäre alles so ganz locker zu sehen, dann gibt es noch mehr Unfälle - und dann ist das Geschrei gross, warum kein Meteorologe gewarnt hat.

Frank Abel, am 27. November 2008 um 13:17 ( Link )

Es kommt auf die feinen Töne an, Anne,

niemand hat gesagt, dass alles harmlos ist. Aber ein Getöse à la Weltuntergang zu machen führt genau zu dem, was auch auf meinem Wetter-Blog geschrieben wurde:

Ich beobachte an mir, dass jede Übertreibung genau das Gegenteil auslöst:ich glaube davon gar nichts mehr. Völlig egal welches Thema.

Also all die marktschreierischen Titeln lösen bei mir ein ” ah schon wieder auf Leserfang ” aus und nicht mehr.

Selbst wenn der Inhalt stimmte, glaub ich es nicht mehr.

Und klar: Ende November ist Schnee in Alpenländer ein absolutes Novum!

Man erreicht also das absolute Gegenteil.

Quovadis, am 27. November 2008 um 13:29 ( Link )

"Die Apokalypse wird sich vermutlich nicht eines Offenbacher Meteorologen als Sprachrohr bedienen", glaubt Alexander Kissler. Da sage ich warnend, Vorsicht! Die Hessen - für Insider "die Hesse"! - sind ein berühmt-berüchtigter deutscher Volksstamm. Darauf weist schon die Hessen-Hymne hin:
"Erbarme! Zu spät - die Hesse komme!"

1. Strophe (bzw. Katastrophe):
Was kommt denn da für’n wüster Krach
aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach?
Was lärmt in Kassel, Gießen und Wiesbaden bloß
so gnadenlos?
Was tut den Bayern, Schwaben, Friesen
gründlich jeden Spaß vermiesen?
Was tobt seit vielen Wochen schon ?
Ne schaurig-schöne Invasion!
Erbarme! Zu spät - die Hesse komme!
Erbarme! Zu spät - die Hesse komme!

Schlußstrophe (Schlußkatastrophe):
Un de eins und de zwei un de Äppelwoi
un de drei un de vier
der schmeckt besser wie Bier.
Un de Hipp un de Hopp
un de Schoppe in de Kopp
un de fünf un de Sechs
da lacht die Gummihex.
Erbarme! Zu spät - die Hesse komme!

Hessen vorn! Zum Beispiel aktuell Thorsten Schäfer-Gümbel, der in die Fußstapfen des früheren hessischen Kultstars Andrea Ypsilantis getreten ist:
http://www.youtube.com/watch?v=ogRz3VFu72U

Skandalos, am 28. November 2008 um 11:32 ( Link )

Vergessen hat der Autor noch den Hinweis auf die Polemik, die in der öffentlichen Wissenschaft in den Vordergrund getreten ist. Es reicht nicht, seine "Erkenntnisse" trommelnd zu verkündigen, man muß auch den nüchternen Skeptiker und Zweifler skrupellos mundtot machen können.


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