19. November 2008

Privathaushalte Quelle der aktuellen Krise?

Von monetären Sprintern und fiskalischen Langläufern

In dieser Kolumne wurde zuletzt der Frage nachgegangen, in wie weit das monetäre Phänomen der Inflation geeignet ist, bestehende Staatsschulden zu entwerten und den Leviathan somit zum Hauptnutznießer der Geldentwertung macht. Der empirische Befund anhand der drei inflationsintensivsten Phasen auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert war eindeutig. Egal ob in Folge von Kaiser, Führer oder Kanzler, Inflation ging stets einher mit absolut wie relativ steigender Staatsverschuldung. Die Entledigung der Altschulden durch Geldmengenausweitung funktionierte zwar, da diese Expansion jedoch stets auf der Emission neuer Schuldtitel der öffentlichen Hand basierte freilich nur um den Preis neuer und mindestens um den Zinsdienst erhöhter Schulden. Dies liegt schlicht darin begründet, dass überall dort, wo nach den Prinzipien ordnungsgemäßer Buchführung bilanziert wird öffentliche Institutionen nicht in der Lage sind, sich via Druckerpresse „direkt“ zu bedienen. Monetäre Phänomene gehören zur Sphäre des Schuld- nicht des Sachenrechts. Um jenseits der Steuermittel an Liquidität, also Aktiva, zu kommen ist immer erst das Eingehen entsprechender Verpflichtungen, also Passiva, erforderlich. Bei politisch relativ unabhängigen monetären Institutionen wie zum Beispiel ehedem der Deutschen Bundesbank ist sogar das direkte „Durchreichen“ von Titeln öffentlicher Emittenten nicht beziehungsweise nur beschränkt zulässig, auch wenn diese Zentralbanken bisweilen aus Gründen der Kurspflege aktiv intervenieren. Dass heißt, der Staat muss sich in diesem Fall wie seine Bürger auch über den Kapitalmarkt finanzieren.

Doch wie sieht es mit letzteren aus? Ist der Privatsektor, die Bürger, sind die Unternehmen und Haushalte analog zum Staat in der Lage, eine Inflation oder gar eine Hyperinflation aus sich selbst heraus zu generieren? Beruhten die der aktuellen Krise vorausgehenden inflationären Blasen an den Kapital- und Immobilienmärkten nicht auf den Verschuldungsexzessen privater Konsumenten? Hierzu ist es zunächst notwendig, die gesetzlich kodifizierte und damit voll transparente Struktur moderner Geldwirtschaften in ihren wesentlichen Zügen zu skizzieren.

Struktur konventioneller Geldwirtschaften
Jede staatliche Geldordnung ist gesetzlich reglementierte. Jede Industrienation und fast jedes Schwellenlandes, ja sogar die überwiegende Zahl der Dritte-Welt-Staates hat in ihrem jeweiligen Währungsreglement zwei universelle Konventionen verankert: Ein zweistufiges Bankensystem mit einer Zentralbank sowie ein stoffwertloses, gesetzliches Zahlungsmittel, auf dessen Emission einzig die Zentralbank das Monopol besitzt. Stoffwertlos heißt, dass die Währung nicht physisch gedeckt werden muss. Ein Währungsgebiet respektive Staat, welches dem Internationalen Währungsfond beitreten möchte, muss übrigens genau diese beiden Kriterien erfüllen, eine vorgeschriebene dingliche Teildeckungsquote ist sogar ausdrücklich untersagt. In einem solchen System wird Geld fast ausschließlich dadurch geschaffen, dass eine natürliche oder juristische Person, ein Haushalt oder Unternehmen, einen Schuldtitel, also einen Wechsel, eine Obligation oder eine Schuldverschreibung, über den Umweg der Geschäftsbanken bei der Zentralbank gegen Ausgabe von gesetzlichen Zahlungsmitteln, vulgo Geld, diskontieren lässt. Tatsächlich erfüllen Geschäftsbanken in so einem System lediglich eine vermittelnde Funktion, die der effizienteren Abwicklung dient, da nur sie zu direkten Geschäften mit der Zentralbank befugt sind. Diskontieren bedeutet, dass der Schuldner im Gegenzug für die Einreichung des Titels weniger als dessen Nennwert erhält, wobei der Titel bestimmten qualitativen Anforderungen entsprechend der Satzung der jeweiligen Zentralbank genügen muss. Der Betrag, um den diskontiert wird, entspricht dem jeweiligen (Leit-) Zins der Zentralbank, der nur dem Begriff nach einem Zins, seinem Charakter nach jedoch einer Monopolprämie entspricht. Nach Ablauf einer vertraglich bestimmten Zeit muss der Titel durch den Einreicher zum vollen Nennwert ausgelöst werden, dass heißt, es muss mehr Geld an die Zentralbank zurückgeführt werden, als diese selbst seinerzeit über den Einreicher in den Verkehr gebracht hat. Dieses „mehr Geld“ kann natürlich nur dann beschafft werden, wenn sich in der Zwischenzeit ein weiteres geldgenerierendes Zentralbankgeschäft, sprich ein Verschuldungsakt, ereignet und sich die so gewonnene Liquidität ihren Weg zum ersten Schuldner bahnen konnte. Das geschieht im Privatsektor auf legale Art und Weise ausschließlich über Verträge. Auf Märkten werden also nicht nur einfach Güter gehandelt, sondern vor allem Nachfolgeschuldner beziehungsweise deren Liquidität gesucht. Ein Blick in die Bilanzen der meisten Unternehmen und zahlreicher Haushalte macht diesen Umstand unmissverständlich deutlich. Sie alle sind liquiditätsgesteuert. Unternehmen müssen Abnehmer für ihre Produkte finden um an jene Mittel zu kommen die sie ihren Stakeholdern schulden, Konsumenten müssen Haushaltseinkommen generieren, um ihren vertraglichen und insbesondere kreditären Verpflichtungen – Auto, Miete, Möbel, Telefon – nachkommen zu können. Ein jeder kann lange, sogar sehr lange, ohne Gewinn auskommen, aber niemals ohne Liquidität. Es ist also ein allgemeines Systemmerkmal der konventionellen Geldwirtschaft, dass einmal eingegangene Verpflichtungen nur durch neue, mindestens um den Betrag der Monopolprämie erhöhte Schulden abgelöst werden können. Dem Schuldner selbst stehen also immer nur zwei Optionen zur Verfügung: Wachstum oder Insolvenz. Lediglich der Ankauf sachlicher Aktiva, zum Beispiel von Edelmetallen, seitens einer Zentralbank stellt einen sachenrechtlichen und keinen schuldrechtlichen Vorgang als Gegenbuchung zur Geldemission dar. Allerdings haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Zentralbanken von genau diesen Sachbeständen sukzessive getrennt. Wie aus den Bilanzen der Zentralbanken leicht ersichtlich, dominieren auf der Aktivseite die Schuldtitel, Sachwerte repräsentieren lediglich einen niedrigen einstelligen Prozentsatz der jeweiligen Bilanzsumme.

Es ist damit nicht nur offensichtlich sondern sogar institutionell verankert, dass gesetzliche Zahlungsmittel als stoffwertlosen Währung in Kombination mit einem zweistufigen Zentralbanksystem einen legalisierten Kettenbriefcharakter aufweisen, der sich aber, im Gegensatz zu den in kürzester Zeit Verdopplungen in Aussicht stellenden Ponzi-Schemata, auf relativ niedrigem Niveau, eben dem der Monopolprämie, des Leitzinses, entfaltet. Die Vereinnahmung dieser Prämie, der Gewinn aus der Geldschöpfung oder kurz Seignorage erzwingt beziehungsweise fördert das Geldmengenwachstum der einmal verschuldeten Wirtschaftsteilnehmer also tatsächlich aus sich selbst heraus. Ist damit nicht auch automatisch die Grundlage für inflationäre Prozesse gelegt?

Fiat money versus Collateral money
Modernes Papiergeld, das kodifizierte Produkt der konventionellen Geldwirtschaft, haftet je nach Anschauung der Ruf eines so genannten „Fiat Money“, zu deutsch „Es werde Geld“, an. In Anspielung auf die biblische Schöpfungsgeschichte erscheint der Geldentstehungsprozess in diesem Kontext scheinbar als Akt aus dem Nichts auf Weisung einer allmächtigen Zentralbank durch Betätigung der Druckerpresse oder Computertastatur. Doch wenn dem so ist, warum gibt es dann überhaupt monetäre Krisen, die als Liquiditätskrisen immer durch ein zuwenig an Geld gekennzeichnet sind? Wo sind die Helikopter der Zentralbanken, die per monetären Lastenabwurf den Geldkreislauf wieder in Schwung bringen? War es nicht der jüngst nobelpreisgekürte Professor Paul Krugmann, der, zumindest bis zum Ausbruch der aktuellen Krise in diesem Jahr, nicht müde wurde, dem von Deflation so gezeichneten Japan den Hinweis zu geben, diesen Zustand einfach durch Drucken von Geld zu überwinden? War oder ist die Bank of Japan einfach unfähiger als ihr US-amerikanisches Pendant, die Federal Reserve Bank of New York?
Wohl kaum. Denn das Eingehen von Schulden im Rahmen privatrechtlicher Verträge, die Akzeptanz des Privatiers als Schuldner, hängt immer und überall von dessen Fähigkeit ab, Sicherheiten zu stellen. Und von deren Quantitäten und Qualitäten hängt wiederum die Risikokomponente des Zinssatzes ab. Sicherheiten können sowohl in dinglicher – Haus, Auto, Aktie – als auch vertraglicher Form – Arbeitsverhältnis, Bürgschaft, Schuldtitel gegen Dritte – erbracht werden. Ohne Sicherheit kein Kredit, dieser Grundsatz gilt bereits seit der Antike. Jeder Banklehrling lernt dies im 1. Lehrjahr, jeder Konsument beim Kreditantrag, jeder ertrinkende Schuldner bei der Bitte um Zahlungsaufschub, nur bis zu amtierenden Nobelpreisträgern in Ökonomie hat sich dieser schmerzhafte Aspekt des Schuldrechts noch nicht herumgesprochen. Dabei ist die Stellung von Sicherheiten deswegen ein so zentrales Element der Kreditgewährung, weil in weitgehend anonymisierten Wirtschaftsbeziehungen nur so eine reelle Chance an tatsächlicher und zügiger Wiedererlangung der geschuldeten Mittel bei Zahlungsausfall besteht. Jeder, der nicht besicherte Außenstände säumiger Zahlern einzutreiben versucht weiß um diesen Umstand. Die potenzielle Verwertungsmöglichkeit von Sicherheiten ist vor allem deswegen wichtig, da ja nicht nur die Schuldner, sondern auch deren Gläubiger, ja selbst die Zentralbank einem Konkursrisiko durch mögliche Zahlungsausfälle unterliegen. Aus genau diesem Grund bevorzugten relativ starke und unabhängige Zentralbanken jahrzehntelang so genannte Pensionsgeschäfte, also die Bereitstellung frischer Liquidität gegen die tatsächliche Verpfändung qualitativ hochwertiger Schuldtitel. Plastischer als die vom US-Hypothekenmarkt ausstrahlende Finanzmarktkrise, die ja im Kern einer Fehlbewertung von Sicherheiten geschuldet ist, kann dieser Aspekt wohl kaum demonstriert werden. Die nun fallenden Preise und vor allem Preiserwartungen bezüglich der Häuser, Grundstücke, Aktien und Autos, möglicher Sicherheiten für neue Kredite und damit „Fresh Money“ also, können nun deren Qualität und damit Eignung als Pfänder so weit aufweichen, dass niemand oder nur wenige sie zu akzeptieren bereit sind. Und genau das war in den 90er Jahren in Japan, nach dem breiten und tiefen Sinkflug aller nationalen Vermögenswerte der Fall. Sicherheiten haben übrigens noch einen weiteren Vorteil. Sie machen derart sensible Wirtschaftsakte wie das Eingehen von Gläubiger-Schuldner-Verhältnissen möglich, ohne erst notwendigerweise Vertrauen aufbauen zu müssen. Die Verfügungsgewalt über Sicherheiten macht jedes Vertrauen, das, wenn überhaupt, nur im engsten sozialen Umfeld zu finden ist, obsolet. Die Wirtschaftskrisen der Moderne sind mitnichten Vertrauenskrisen, das Wirtschaftsleben der Moderne gäbe es gar nicht, wäre Vertrauen erst dessen Voraussetzung.

Geld, Papiergeld, entsteht also keineswegs aus dem ominösen Nichts. Die Fähigkeit des Privatsektors, in einer Volkswirtschaft mit konventioneller Geldordnung tatsächlich Geld zu schaffen hängt in höchstem Maße von der Verfügbarkeit und Bewertung von Sicherheiten durch potenzielle Kreditgeber ab. Genau diese Fähigkeit, die Schaffung allgemein akzeptierter Sicherheiten, übersteigt die eben nicht vorhandene Allmacht einer jeden Zentralbank der Welt. Sie können zwar Professor Krugmann folgend Geld drucken und im Keller stapeln, ihnen fehlen aber im Krisenfall die qualitativ akzeptablen Schuldtitel als Gegenbuchung zur Emission der druckfrischen Noten. Und genau deshalb gehen so viele von Ihnen aktuell den umgekehrten Weg: Sie weichen die Kriterien für die Akzeptanz der Schuldtitel, gegen die dann Zentralbankgeld geschöpft wird, auf. So landen minderwertige Titel teilweise direkt in deren Bilanzen, die sich früher oder später negativ auf die Qualität der jeweiligen Währung niederschlagen müssen. So ist die US-amerikanische Zentralbank mittlerweile dazu übergegangen, auch qualitativ schlechte Titel direkt aufzukaufen, also gar nicht erst zu beleihen, und hat so ihre Bilanzsumme innerhalb kürzester Zeit verdoppelt.
Einer möglichen, durch den Privatsektor getragenen inflationären Entwicklung ist durch die Verfügbarkeit und Bewertung von Sicherheiten also schon einmal eine Grenze gesetzt. Dennoch kann zunächst jede Geldschöpfung des Privatsektors potenziell inflationär wirken. Sie muss es letzten Endes sogar, da kaum eine Person oder Organisation um ihrer selbst willen ein Schuldverhältnis eingeht. Das durch Kreditvertrag erzeugte Geld wird im Gegenteil durch den Schuldner unmittelbar für konsumtive oder investive Zwecke verausgabt, denn genau dafür ist dieser ja die Verpflichtung schließlich eingegangen. Das neu geschaffene Geld trifft also als zusätzliche Nachfrage auf ein als kurzfristig unverändert angenommenes Angebot, was der klassischen Lehre folgend eine tendenziell preissteigernde Wirkung nach sich zieht. Dies ist jedoch nur der eine Aspekt eines beidseitigen Geschäftes. Eine Leistung, eine Kreditgewährung, erfordert eine Gegenleistung, Tilgung und Zins. Dies umso zwingender, je weniger der Schuldner an der Verwertung der von ihm gestellten Sicherheiten Interesse hat. Dass heißt aber, dass Unternehmen die vorfinanzierten Investitionen durch Steigerung ihres Umsatzes, zum Beispiel im Rahmen der Ausweitung ihres Angebotes, wieder hereinholen müssen. Umgekehrt müssen Haushalte die Gläubiger ihrer vorfinanzierten Konsumgüter durch Einschränkung der Ausgaben in anderen Bereichen befriedigen. Kurz, die mittelbare Folge der kreditären Expansion ist eine quantitative oder qualitative Ausweitung des Angebots beziehungsweise eine Einschränkung der Nachfrage, was aber wiederum als preisdämpfende Kontraktion wirkt. Was aber, wenn das zusätzliche Angebot des Unternehmens nicht angenommen wird, wenn die Haushalte munter weiter konsumieren? Auch dann dürften deflationäre Tendenzen den inflationären Trend sehr schnell brechen. Wenn keine Sicherheiten für eine weitere Kreditierung zur Verfügung stehen und die bereits gestellten Sicherheiten verwertet oder aber uneinbringliche Forderungen abgeschrieben werden müssen, wird über den Umweg der Insolvenz beziehungsweise des Konkurses unter dem Strich das gleiche, wenn auch aus Gläubigersicht unerfreulichere, Ergebnis erzielt wie im Fall der Rückzahlung. Im Kontext privatrechtlicher Leistung und Gegenleistung sind Inflation, also Geldmengenausweitung, und Teuerung, also Preissteigerungen, sowie deren Umkehrung die zwei Seiten ein und derselben Münze. Sowohl im Fall der ordnungsgemäßen Tilgung als auch im Fall der weniger ordnungsgemäßen Abschreibung erlischt gesamtwirtschaftlich gesehen mit dem Kredit die entsprechende Gegenbuchung, das Geld. Ganz deutlich wird dies, wenn Geschäftsbanken ihre Pfänder bei der Zentralbank herauslösen. Aus dem Bestand letzterer verschwindet das Pfand, der hinterlegte Schuldtitel, im Gegenzug erhält sie ihr (Zentralbank-) Geld zurück, welches nunmehr seine eigentliche Geldfunktion verliert. Beide Buchungen heben sich, mit Ausnahme der den Zentralbankgewinn mehrenden Monopolprämie, auf, die Bilanz verkürzt sich, das Geld wird vernichtet. 

Es ist somit tatsächlich nur ein Fall denkbar, in dem der hier skizzierte Mechanismus des laufenden Wechsels zwischen monetärer Expansion und Kontraktion nicht greift. Er betrifft konsequenterweise nicht die so genannte Realwirtschaft, sondern jenen Sektor, der wie kein anderer für Masseneffekte anfällig ist. Es handelt sich um die Spekulation an Finanzmärkten. 

Inflation als Greater-Fool-Phänomen
Haushalte und Unternehmen halten in hohem Maße Vermögenswerte. Diese stiften ihnen einerseits durch ihren Gebrauch unmittelbaren Nutzen, können jedoch auch in Abhängigkeit ihrer Qualität und Bewertung als Sicherheit zur Erlangung liquider Mittel im Rahmen eines Kreditvertrages genutzt werden. Die US-amerikanischen Hausbesitzer haben bekanntlich die Nutzung der eigenen Immobilie als Geldautomat über Jahre hinweg lupenrein vorexerziert. Die sukzessive Ausweitung der Beleihung von Grund und Boden funktionierte freilich nur bei anhaltend steigenden Preisen. Dies eröffnet eine dritte Möglichkeit der Verwendung von Vermögenswerten: Die Nutzung als Spekulationsobjekt. Gerade Phasen steigender Preise auf den Vermögensmärkten tendieren ab einem bestimmten Punkt dazu, dass Investoren diese Vermögensgegenstände, seien es Aktien, Immobilien oder wie weiland in Amsterdam eben Tulpen, nur zum Zweck des raschen Weiterverkaufs mit Preisaufschlag erwerben. Es geht also einzig und allein darum einen „größeren Trottel“, einen „greater fool“, zu finden, jemanden also, der bereit ist, einen im Zweifel noch absurderen Preis zu bezahlen als man es selbst getan hat. Diese Strategie ist durchaus rational und bereichernd – sofern man nicht das letzte Glied der Kette ist, derjenige also, der keinen Abnehmer mehr findet. Ab diesem Punkt kippt dann notwendigerweise das System, der hochgepeitschte Preis bricht in sich zusammen da es keine weiteren „fools“ mehr gibt, der nächste potenzielle Käufer nur noch weniger zu zahlen bereit ist. Problematisch wird das ganze, wenn Fremdkapital im Spiel ist, die Käufe also gehebelt wurden. Je höher der Hebel, je mehr Fremdkapital zum Einsatz kam, desto größer ist das Problempotenzial. Da nämlich im Zweifelsfall das Spekulationsobjekt selber als Sicherheit zur Kreditierung weiterer Käufe diente, nagt jeder Preisrückgang an seiner Qualität als Pfand. Können keine alternativen Sicherheiten gestellt werden, drohen Notverkäufe, die diesen Prozess mittels negativer Rückkopplungen wiederum beschleunigen. Auch hier sei wieder an der US-amerikanischen Hausbesitzer und das leidige Ende des Booms erinnert. Doch in wie weit kann das spekulative Fieber privater Akteure aus sich selbst heraus einen finanziellen Flächenbrand entfachen? 

Nun, ohne externe Einflüsse fallen solche Preisblasen systemnotwendig relativ schnell in sich zusammen. Angenommen, es existiere nur ein einziges, kurzfristig nicht vermehrbares Spekulationsobjekt mit einer gegebenen Nachfrage und einem entsprechenden Referenzpreis. Ferner soll dieses Objekt beziehungsweise sein Erwerb immer dem aktuellen Marktpreis entsprechend zu 100 Prozent beliehen werden können. Spekulanten könnten nun in Hoffnung einer entsprechenden Preistrenderwartung die in ihrem Besitz befindlichen Spekulationsobjekte voll, also zu 100 Prozent, beleihen und mit diesem neu geschöpften Geld wiederum die maximal mögliche Anzahl an Spekulationsobjekten nachfragen. Deren Preis würde sich im Zuge der so spekulativ getriebenen, zusätzlichen Nachfrage verdoppeln. Diese Wertsteigerung verschafft nun aber wieder einen neuen Beleihungsspielraum, diesmal aber nur noch in Höhe von 50 Prozent des nunmehr aktuellen Gegenwertes der Spekulationsobjekte. Wird dieser wiederum voll ausgeschöpft und in Nachfrage umgesetzt, so kann der Preis ebenfalls nur noch um maximal 50 Prozent getrieben werden. Die neue Beleihungsdifferenz und das damit einhergehende Preissteigerungspotenzial betragen nun lediglich noch gute 33 Prozent, in der folgenden Runde sind es 25 Prozent und danach 20 Prozent. Der springende Punkt ist der: Trotz nominal absolut gleichmäßig steigender, zusätzlicher Verschuldung und Nachfrage nimmt der prozentuale Preiszuwachs des Spekulationsobjektes und damit auch die Steigerung seines Beleihungswertes kontinuierlich ab. Die Objektpreisentwicklung und damit auch die Beleihungsbasis nimmt ohne Zuführung zusätzlicher Mittel von außen selbst unter so vorteilhaften Rahmenbedingungen wie den hier angenommenen mathematisch zwingend eine degressive Verlaufsform an. Selbst wenn also immer wieder der spekulativ gesteigerte Wert des Objektes bis zur Grenze beliehen wird, muss der relative Zuwachs stetig abnehmen. In dem Moment, in dem der potenzielle Zuwachs die bisher ja noch gar nicht in die Kalkulation eingeflossenen, jedoch höchst unbarmherzig zu erbringenden Zinsen auf das Fremdkapital unterschreitet, muss das spekulative Fieber enden, da nun nicht mehr eine 100prozentige Deckung durch das als Sicherheit dienende Objekt gewährleistet werden kann. Der Kettenbrief reißt. Ohne äußere Einflussfaktoren, die den hier skizzierten Mechanismus außer Kraft zu setzen vermögen sind spekulative Exzesse, zumindest in der historisch tatsächlich zu beobachtenden Häufigkeit und Heftigkeit, also eher unwahrscheinlich.  

Fazit
Die Eingangs aufgeworfene Frage, in wie weit krisenhafte Erschütterungen als Folge vorhergehender, inflationäre Blasen durch die Verschuldungsfreudigkeit des privaten Sektors einer Volkswirtschaft aus sich selbst heraus generiert werden können, lässt sich relativ eindeutig beantworten. Sie sind unter den Rahmenbedingungen der weltweit vorherrschenden, konventionellen Geldwirtschaften in den zuletzt erlebbaren Dimensionen faktisch unmöglich. Kurze, inflationäre Phasen und ebenso kurze, deflationäre Korrekturen sind natürliche Begleiterscheinungen des wirtschaftlichen Prozesses, sie sind im ganz kleinen Maßstab sogar nichts anderes als der Ausdruck des Prinzips Leistung und Gegenleistung, Abbild des ständigen auf und ab der Gesamtnachfrage und des Gesamtangebots. Der private Sektor ist in dieser Hinsicht ein guter Sprinter, aber ein lausiger Langläufer. Dreh- und Angelpunkt der durch ihn initiierten monetären Phänomene ist die Stellung von Sicherheiten, deren Mangel oder Fehlen er ohne fremde Hilfe institutionell schlichtweg nicht überwinden kann. Zu einem langfristigen, inflationären oder gar hyperinflationären Marathon fehlt hier schlicht die Kondition. Und selbst in dem durch Schnelligkeit geprägten spekulativen Bereich erschöpfen sich die privatwirtschaftlichen Kräfte aus selbigem Grund sehr schnell. Es bedarf also eines weiteren Akteurs, der aufgrund der ihm innewohnenden Eigenschaften eben jene Ermüdungserscheinungen, zur Not auch durch gezieltes Doping, das dem Privatsektor nicht zur Verfügung steht, zu überwinden vermag. Es kann sich bei diesem Langstreckenläufer mithin nur um den nichtprivaten, den staatlichen Sektor handeln. Es ist dessen unvergleichliches monetäres Profil, seine einmaligen Eigenschaften als Schuldner, die jene Überwindung vollbringen kann.

Informationen

  • ef-online: Staatshaushalt – Sanierung nach der Münchhausenmethode
  • EZB: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet - Allgemeine Regelungen für die geldpolitischen Instrumente und Verfahren des Eurosystems, Frankfurt am Main, Februar 2004
  • Heinsohn, Gunnar; Steiger, Otto: Eigentumstheorie des Wirtschaftens; Marburg, 2002
  • Internetauftritte der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Bundesbank
  • Martin, Paul: Cash - Strategien gegen den Crash; Frankfurt/Main, 1992
  • Niquet, Bernd: Der Crash der Theorien – Eine neue Sichtweise von Wirtschaft und Börse; Kulmbach, 1997

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