05. November 2008

Staatshaushalt Sanierung nach der Münchhausenmethode

Warum Entschuldung durch Inflation nicht funktionieren kann

Die Inflation, insbesondere in ihrer ausufernden Form, zieht einen tiefen Graben zwischen den Eigentümern von Vermögenswerten. Auf der einen Seite stehen die Verlierer, die Halter von Geldvermögen, deren damit real konsumierbarer Gegenwert in dem Maße sinkt, wie die Zinszahlungen nicht die Preissteigerungen zu kompensieren vermögen. Auf der anderen Seite tummeln sich die Gewinner, die Halter von Sachvermögen, deren Wertsteigerungen nicht nur die Preisentwicklung reflektieren sondern auch als Bestandteil derselben eingespeist werden. Versuchen zudem immer mehr Geldvermögenseigner in das Lager der Sachvermögenshalter zu wechseln, erweist sich die Wertsteigerung gar als überproportional zur durchschnittlichen Preissteigerungsrate. Am lukrativsten jedoch ist die Vereinigung aus geldwerten Schuldtitel und materiellen Sachwerten vor Abschluss einer inflationären Phase, lässt sich doch in dieser Konstellation theoretisch eine unendliche Rendite einfahren. Dann nämlich, wenn der Sachwert zu 100 Prozent durch den Schuldtitel, zum Beispiel einen Kredit, finanziert wird. Verdoppelt sich im inflationären Umfeld dann der Preis des Sachwertes, so kann der Investor dessen halben Verkaufspreis abzüglich Zinskosten als Gewinn verbuchen – ohne eigenen Einsatz, sieht man vom Risiko des natürlich auch umgekehrt wirkenden Hebels, dem jüngst so zahlreiche Immobilienbesitzer zum Opfer fielen, ab. Diese Form der Schuldenentwertung durch Geldentwertung ist es wohl auch, die den Ruf des größten inländischen Schuldners, des Staates, als vermeintlich größten Profiteur inflationärer Phasen begründet. Die aktuell allerorten zu vernehmenden Garantiezusagen, Rettungspakete, Stützungskäufe und Konjunkturspritzen seitens öffentlich-rechtlicher Hände würden sich dann in diesem Sinne tatsächlich als einmalige Gelegenheit erweisen, die ohnehin gigantische und unter normalen Umständen kaum mehr zu tilgende Staatsverschuldung im Strudel einer inflationsgetriebenen Geldentwertung elegant und widerstandsarm zu eliminieren. Vorausgesetz, der hier skizzierte Zusammenhang zwischen Inflation und Verschuldung erweist sich tatsächlich als evident. An empirischen Möglichkeiten, diese Hypothese zu testen, herrscht nun aber beileibe kein Mangel. Wagen wir also eine monetäre Zeitreise in die drei letzten hochinflationären Phasen auf deutschem Boden, die uns in die 70er, 40er und 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückführt.

Die Stagflation der 70er Jahre

Zwischen 1970 und 1979 verteuerte sich der standardisierte Warenkorb des Statistischen Bundesamtes um knapp 61 Prozent und markiert damit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bis heute die höchste Steigerung in einer Dekade. Parallel dazu stieg das Volumen an Bargeld sowie Sicht- und Termineinlagen, also Geld und geldnahe Forderungen die von der Bundesbank weitgehend in der Geldmenge M3 zusammengefasst wurden, um fast 107 Prozent. Ebenfalls der historische Spitzenwert. Folglich müsste diese Epoche auch durch eine Reduktion der öffentlich-rechtlichen Schuldenlast, zumindest jedoch durch eine Dämpfung der zusätzlichen Staatsverschuldung gekennzeichnet sein. War sie aber nicht. Im Gegenteil. Gemessen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnete sie einen Zuwachs von über 43 Prozent, was diesmal nur der zweithöchsten Rate eines Jahrzehnts entspricht. Der höchste Zuwachs war mit über 47 Prozent Verschuldungsmehrung in den 90er Jahren zu verzeichnen, bereinigt um die deutsche Wiedervereinigung hätten die 70er jedoch ihren bis dato inne gehaltenen Spitzenplatz locker verteidigen können. Bis heute gelten die 70er Jahre daher völlig zurecht als Periode ausgesprochener öffentlicher Defizite, gepaart mit einer schwächelnden Wirtschaftskraft prägte die bisher unbekannte Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und monetärer Inflation sogar einen neuen Begriff: Stagflation. Heute, im Jahr 2008 beträgt die Verschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden bereits über anderthalb Billionen Euro. Werden die in der Vergangenheit bereits versprochenen, also implizit eingegangenen Verbindlichkeiten der öffentlichen Hand von drei bis viereinhalb Billionen Euro ohne Bankenrettungspaket hinzuaddiert, so entspricht die Gesamtverschuldung der Bundesrepublik Deutschland dem gut zweifachen Bruttoinlandsprodukt – trotz permanenter Inflation. Fazit: Eine steigende Inflationsrate ging einher mit einer steigenden Geldmenge sowie steigender absoluter und relativer Verschuldung der öffentlichen Hand.

Die unterdrückte Inflation der 40er Jahre

Gut 40 Jahre zuvor hatte der Rechtsvorgänger der Bundesrepublik Deutschland herausfordernde Megaprojekte zu stemmen. Auch in finanzieller Hinsicht. Die Führung des Deutschen Reichs wollte sowohl ökonomisch wie auch territorial expandieren. Dazu veranlasste sie sogar die Gründung zweier Gesellschaften, der Metallurgischen Forschungsgesellschaft mbH sowie die Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten. Erstere diente der Durchführung von Rüstungsprojekten, letztere der von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Vorfinanziert wurden beide Gesellschaften durch die Ausgabe von später so bezeichneten Mefo- und Öffa-Wechsel. Ergänzt um die üblichen und kriegsspezifischen Obligationen erfolgte deren Einreichung beziehungsweise Verkauf über Reichsbank beziehungsweise Kapitalmarkt bilanztechnisch absolut einwandfrei. Zwischen 1933 und 1945 stieg die Verschuldung des Reiches um über 3.100 Prozent auf das geschätzte 5fache des Bruttoinlandproduktes. Die Inflation jedoch konnte im Zaum gehalten werden – per Befehl. Sie musste es sogar, da das zunehmend knappe Warenangebot einem umgekehrt proportional überflüssigen Reichsmarkbestand gegenüberstand. Die Inflation bahnte sich jedoch auf umgekehrte Weise ihren Weg in den Wirtschaftskörper. Dort, wo die Preise bis zur Einführung der Deutschen Mark eingefroren blieben, blieben auch die Regale leer. Wenn Preise nicht adäquat angepasst werden können, dann muss eben das Angebot angepasst werden. Oder es wird verlagert. Und so war eben nur auf den Schwarzmärkten ein entsprechendes Angebot erhältlich. Fazit: Nicht die Inflation entwertete die Schulden, die Schulden beförderten das Geldmengenwachstum, das Geldmengenwachstum wiederum die, hier administrativ unterdrückte, Inflation.

Die Hyperinflation der 20er Jahre

Über zwei Jahrzehnte vor diesen unerfreulichen Ereignissen gelang es tatsächlich einer deutschen Regierung, der der Weimarer Republik, staatliche Schulden, vor allem die des letzten Kaisers, durch Inflation zu entwerten. 1923 war sie rein rechnerisch in der Lage, den schuldenfinanzierten Anteil der Kosten des Ersten Weltkrieges von 164 Milliarden Mark nominell und zuzüglich Zinsen zu tilgen. Dank der gerade auslaufenden Hyperinflation betrug deren 1918er Gegenwert real noch nicht einmal mehr 17 Pfennige. Funktionierte die wundersame Schuldenreduktion durch Anheizen der Inflation also doch? Mitnichten. Denn allein die im Jahr 1923 umlaufenden 524 Trillionen Mark Bargeld basierten fast ausschließlich auf von der Reichsbank diskontierten Schatzanweisungen, also Schuldtiteln, des Staates. Die Entledigung alter Schulden durch Inflation funktionierte nur deswegen tadellos, da permanent neue und zinsbedingt auch immer höhere Schulden getätigt wurden. Die Hyperinflation der Weimarer Republik ist ja gerade deshalb zum Mahnmal für die Gefahr der monetären Stabilität geworden, weil diese immer dann besonders bedroht ist, wenn öffentlich-rechtliche Institutionen ihre Schulden direkt bei der Zentralbank liquidieren dürfen beziehungsweise letztere diese per gesetzlichem Annahmezwang sogar liquidieren muss. Fazit: Der Preis der Entschuldung per Inflation war eine noch höhere Verschuldung und in deren Zuge dann eine noch höhere Inflation.

Von der Inflation zur kalten Progression

Alle drei Fälle deutscher Inflationsbestrebungen belegen vor allem zweierlei. Zum einen demonstrieren sie den fundamentalen Unterschied zwischen Teuerung und Inflation. Erstere bezeichnet die eigentliche Steigerung des Preisniveaus, die einer monetären Fieberkurve gleichende, symptomartige Wirkung der eigentlichen Inflation. Diese wiederum weist klar auf die pathologische Ursache jener Teuerung hin, der schuldenbedingten Wucherung der monetären Basis und der dadurch entfachten, exzessiven Geldmengenausweitung. Zum zweiten enden genau aus diesem Grund ihrer Tendenz nach alle drei Fälle absolut identisch und im Übrigen völlig losgelöst von der jeweils vorherrschenden politischen Ordnung: Der Staat war beziehungsweise ist in Höhe des mehrfachen Bruttoinlandproduktes verschuldet und trotz permanenter Inflationsbestrebungen keineswegs schuldenfrei. Dieses Phänomen ist keinesfalls ein urgermanisches, sondern ein universelles. Der Zusammenhang zwischen Inflation und Staatsverschuldung erweist sich als gerade umgekehrt zur Ausgangshypothese, eine staatlich getriebene Inflation vermag die öffentliche Verschuldungsproblematik gerade nicht zu entschärfen, sondern muss vielmehr als deren eigentliche Ursache angesehen werden. Der Staat ist eben kein Sachvermögenshalter, keine Person oder Organisation, die als einzelnes Wirtschaftssubjekt für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung unerheblich ist und daher als Preisnehmer agieren und kalkulieren muss. Der Staat ist allein ob seiner Größe Preissetzer und zwar umso mehr, je höher die Summe seiner absoluten wie relativen Verschuldung steigt. Er kann sich damit niemals wie weiland Baron Münchhausen am inflationären Schopf aus dem Schuldensumpf ziehen. Den einzigen Automatismus zur Steigerung der Staatseinnahmen mittels Inflation bietet ihm in Deutschland das progressiv gestaltete Einkommenssteuerrecht, das sich lediglich an fixen, nominalen Einkommensgrenzen orientiert. Durch die im Zuge inflationärer Phasen in der Regel steigenden Löhne ergeben sich damit notwendigerweise überproportionale Mehreinnahmen. Dieser, auch kalte Progression genannte Effekt bewirkt, dass bei andauernder Inflation ohne Änderung der gesetzlich fixierten Nominalbeträge alle Arbeitnehmer irgendwann den höchsten Steuersatz zahlen würden. Deshalb greift der Spitzensteuersatz heute bei dem knapp dreifachen des durchschnittlichen Arbeitnehmersalärs, 1949 musste die Pein der Höchstprogression noch mit 30 Durchschnittsgehältern kompensiert werden. Freuen kann sich der Fiskus darüber freilich nicht, denn dieselben Gründe, die ihm die Mehreinnahmen bescheren, verlangen ihm im Gegenzug meist ebenso progressive Mehrausgaben ab. So war es konsequenterweise in den 70er Jahren, als die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr erfolgreich eine Hochlohnpolitik zugunsten ihrer Klientel betreiben konnte, die 1974 mit einer Steigerung der Dienstbezüge um 11 Prozent in ihrem bisher nicht wieder erreichten Höhepunkt gipfelte.

Internet

Zeitreihenstatistik der Deutschen Bundesbank


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