Jörg Janssen

Der Autor, Jahrgang 1966, ist Chemiker und lebt seit einigen Jahren glücklich im inneren Exil.

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Der Weg zur Finanzkrise, Teil 5: Der Zusammenbruch des Politisierten Systems

von Jörg Janssen

Die letzten Rettungsversuche scheitern

04. November 2008

„Heute können selbst die bigottesten Etatisten nicht abstreiten, dass all die unterstellten Übel eines freien Bankenwesens wenig zählen, wenn man sie vergleicht mit den verheerenden Folgen der ungeheuren Inflation, welche die privilegierten und regierungskontrollierten Banken bewirkten.“ (Ludwig von Mises)

Dies ist der fünfte Beitrag einer Artikelserie, das dem Leser beim Verständnis des heutigen Bankenwesens und seiner Krise helfen soll. Im ersten Beitrag wurden die Grundlagen des staatlich geduldeten Systems der Teilreserve beschrieben. Im zweiten Beitrag sollte am Beispiel des Mississippi-Booms erklärt werden, wie dieses System zu Kreditgefüllten Investitionsblasen führt.

Im dritten Artikel wurde erläutert, wie die Politische Klasse das Bankensystem zur schleichenden Enteignung der Guthaber nutzt. Wie dieses System in die gegenwärtige Krise führte, wurde im vorigen Beitrag dargestellt: Die planwirtschaftlich festgelegten Zinskürzungen der Zentralbank lösten eine Inflation aus, die hauptsächlich in den Hypothekenmarkt wucherte.

Dieser Artikel soll den Einbruch der Realität in die Planwirtschaft der amerikanischen Zentralbank nachzeichnen.

Freimarkt-Ökonomen hauptsächlich der Wiener Schule sagten die kommende Krise bereits seit 2002 voraus. 2003 erkannten sie, dass die Blase im Hypothekenmarkt zu Engpässen in der realen Wirtschaft geführt hätten und erklärten, bald sei der Zeitpunkt für den Einbruch der Realität in den verzerrten Eigenheimmarkt gekommen (Shostak 2003). Erste Bücher über die kommende Finanzkrise wurden von Freimarkt-Ökonomen herausgegeben, beispielsweise William Bonners „Financial Reckoning Day“. Auch in Deutschland warnte zum Beispiel der Autor Roland Baader seine Leser in „Geld, Gold und Gottspieler“ vor der herannahenden Krise.

Die Realität behaucht das Kartenhaus

2004 sah sich die amerikanische Zentralbank unter Alan Greenspan gezwungen, ihren Trend umzukehren und die Leitzinsen zu erhöhen. Dies bekamen bald die Baufirmen zu spüren: Ohne billige Darlehen blieben die Eigenheimkäufer aus.

2005 galten die Blase und ihr baldiges Platzen unter Freimarktlern bereits als Gewissheit (Thornton 2005a, 2005b, Baker und Rosnick 2005). Die Aktien der Baufirmen begannen nun aufgrund schlechter Bilanzergebnisse zu fallen. Doch den Regulierern in der amerikanischen Zentralbank dämmerte immer noch nicht, dass sie eine Blase im Eigenheimmarkt provoziert haben könnten. Dann begannen Eigenheimpreise zu fallen. Endlich kamen einigen etaatsfreundlichen Ökonomen, welche diese Blase bislang begrüßt hatten, Bedenken (Krugman 2005). Der größte Teil des Mainstreams erklärte eine Krise aber nach wie vor für unwahrscheinlich (Rajan 2005) oder leugnete sie ganz (Wanniski 2005).

Mitte 2006 war den meisten Beobachtern klar, dass der Boom vorüber war. Der Gegentrend war wie von den Marktverteidigern vorhergesagt eingetreten. Dennoch wollten viele staatsfreundliche „Experten“ die aufkommende Krise nicht wahrhaben. In einem denkwürdigen Austausch bezichtigte der Ökonom und ehemalige Regierungsberater Arthur Laffer den freimarktfreundlichen Fondsmanager Peter Schiff der „Schwarzmalerei“. Die Aufsichtsbehörde OFHEO befreite Fannie Mae und Freddie Mac sogar von ihren Investitionsauflagen.

Dann traf es ab August 2007 die Banken. Durch die Zinserhöhungen der Zentralbank waren die Raten von Darlehen mit variablen Zinssätzen gestiegen. Die ersten Haushalte setzten die Ratenzahlungen aus. Diese Darlehen wurden notleidend, gleichzeitig fiel der Wert der als Sicherheiten verpfändeten, aber mit Blasenpreisen bewerteten, Eigenheime. Die im ersten Teil dieser Serie beschriebene Situation trat ein: Die Banken mussten die Darlehen wertberichtigen und gerieten dadurch bald in die Insolvenz.

Nicht nur das: Fannie Mae, Freddie Mac und andere Hypothekenbanken sind wie im letzten Artikel beschrieben auf stabile, günstige Kreditlinien angewiesen, um das selber kurzfristig geliehene Geld refinanzieren zu können. An der Marge zwischen Kunden- und Refinanzierungszinssatz verdienen sie. Bei steigenden Zinsen verschwand diese Marge und kehrte sich dann um.

Klimax

Nun ging es Schlag auf Schlag: Jedes Quartal brachte düstere Bilanzberichte der Hypotheken- und Investitionsbanken. Deutschlands Landesbanken sowie die IKB hatten – teilweise durch Zweckgesellschaften und damit außerhalb der Bilanz – mitspekuliert. Sie wurden nun durch ihren Leichtsinn eingeholt. Dabei soll nicht vergessen werden, dass bei diesen politisierten Instituten jene Staatsvertreter in den Aufsichtsräten saßen, die heute nach mehr staatlicher Aufsicht rufen.

Besonders aufmerksam wurden die Hiobsbotschaften Fannie Maes und Freddie Macs verfolgt, die Hypotheken im Wert von ca. 5,3 Billionen US-Dollar gekauft oder verbrieft hatten. Das war ca. die Hälfte des amerikanischen Hypothekenmarktes. Noch im Juli dieses Jahres erklärten staatsfreundliche Ökonomen, dass die Krise nichts mit Fannie Mae und Freddie Mac zu tun hätte (Krugman 2008).

An dieser Stelle ist es angebracht, die Dilemmata der Beteiligten zu beschreiben: Was geschieht, sobald das Eigenkapital von Banken durch notleidende Darlehen oder kippenden Carry-Trade verzehrt ist und die Guthaben der Einleger gefährdet sind? In einem solchen Fall könnte ein Fonds die Guthaben garantieren, nachdem die Bank zusammengebrochen ist. Solche Einlagensicherungsfonds gibt es in Deutschland für die jeweiligen Bankenverbände, in den USA ist das die Federal Deposit Insurance Commission (FDIC). Diese Fonds besitzen Rücklagen – meist in staatlichen Schuldscheinen angelegt – mit denen sie die Einleger entschädigen können. Gegen ein solches Vorgehen sprechen aus Sicht der Politischen Klasse zwei Punkte.

Der erste Punkt ist, dass die Rücklagen auch dieser Fonds begrenzt sind. Was, wenn die FDIC ihre Mittel verbraucht hat? Das ergäbe einen Aufstand der Einleger, die zu spät kommen und ihre Einlagen ersatzlos verlieren. Die Panik würde zu einem Kassensturm auch auf andere Banken führen. Weiter würden jene Unternehmen insolvent, die an den Kreditlinien der insolventen Banken hingen.

Auf 6.84 Billionen US-Dollar belaufen sich die Einlagen der Banken. Nur vier Prozent davon sind durch Bargeld gedeckt. Die FDIC hatte zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels nur noch 53 Milliarden US-Dollar an Rücklagen, von denen die geplante Übernahme Wachovias durch Citigroup 42 Milliarden Dollar verschlingen würde.

Der zweite Punkt ist, dass das staatliche Bankenkartell gerade diesen Fall vermeiden soll, dass Banken insolvent würden: Dann würden die Darlehen und Zertifikate in ihrem Portfolio versteigert und zu Preisen eines freien Marktes bewertet werden. Das wiederum würde zur Neubewertung ähnlicher Papiere im Portfolio anderer Institute führen; und diese müssten dann ebenfalls Verluste ausweisen, was bei gefährdeten Instituten wiederum zum Konkurs führen könnte. Genau das widerfuhr der Versicherung AIG, als Lehman Brothers insolvent wurde.

Die Banken können schlecht der Zentralbank ihre notleidenden Darlehen verkaufen. Das wäre Bilanzfälschung.

Dennoch geschieht genau dies in den USA: Die amerikanische Zentralbank unter Bernanke kauft den leichtfertigen Banken deren notleidende Darlehen ab. Das ist es, das hinter der „Term Auction Facility“ der amerikanischen Zentralbank steckt, den diese im Dezember 2007 eingerichtet hatte.

Und dies ist längst nicht die einzige Intervention, mit der die Politische Klasse die Folgen der von ihr selbst geschaffenen Krise aufzuhalten versucht: Als die Verluste Fannie Maes und Freddie Macs deren Kreditwürdigkeit und somit die Refinanzierung ihres Carry-Trades unterminierten, begannen ihre bereits fallenden Kurse geradezu abzustürzen. Die amerikanische Zentralbank versuchte vergebens, den Absturz durch eine Kreditlinie zu jenem niedrigen Zinssatz zu verhindern, mit dem sich sonst Banken Zentralbankgeld leihen.

Bevor weitere Bilanzverluste Fannie Maes und Freddie Macs deren Eigenkapital verzehren und sie somit in Konkurs treiben konnten, griff das Schatzamt auf Druck nicht zuletzt der Chinesischen Zentralbank ein und stellte sie unter staatliche Verwaltung. Fannie Mae und Freddie Mac wurden somit praktisch verstaatlicht, ihre Verpflichtungen vom Steuerzahler übernommen – allerdings ohne dass sie im Staatshaushalt offiziell auftauchten.

Die Politische Klasse bescherte sich eine Welt, in welcher ihr nie das Geld ausgeht. Dafür bezahlen wir mit Wohlstandsverlusten und Instabilität. Im nächsten und letzten Teil dieser Artikelreihe wird ein Ausblick gegeben und die Darstellung dieser Krise als „Marktversagen“ besprochen.

Internet

Vorhersage des Absturzes der Eigenheimpreise: Shostak, Frank (2003): Housing Bubble: Myth or Reality? Mises.org (4.3. 2003)

Thornton, Mark (2005a): Is the Housing Bubble Popping? Lewrockwell.com (8.9.2005)

Thornton, Mark (2005b): The Economics of Housing Bubbles. In: Holcombe, Randall; Powell, Benjamin: America's Housing Crisis: A Case of Government Failure

Baker, Dean; Rosnick, David (2005): Will a Bursting Bubble Trouble Bernanke? Evidence for a Housing Bubble. In: Center for Economic and Policy Research(November 2005)

Krugman kommen endlich Bedenken: Krugman, Paul (2005): Running out of Bubbles. In: New York Times (27.5.2005)

Jude Wanniski, prominenter Vertreter der angebotsorientierten Wirtschaftslehre, leugnet die Blase: Wanniski, Jude (2005): There is No Housing Bubble!! In: The Conservative Voice (13.8.2005)

Krugman leugnet jegliche Mitwirkung Fannies und Freddies an der Blase: Krugman, Paul (2008): Fannie, Freddie and You. In: New York Time (14.6.2008): „Fannie und Freddie hatten mit der Explosion riskanter Darlehensvergabe vor ein paar Jahren nichts zu tun. Tatsächlich verschwanden Fannie und Freddie, nachdem sie in den 1990ern rasch gewachsen waren, während des Höhepunktes des Eigenheim-Booms weitgehend von der Bildfläche.“

Literatur

Bonner, William (2003): Financial Reckoning Day: Surviving the Soft Depression of the 21st Century. New York: John Wiley & Sons, 2003 - ISBN 0471449733

Baader, Roland (2004): Geld, Gold und Gottspieler: Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise. Gräfelfing: Resch Verlag, 2004 - ISBN 3935197306

Rajan, Raghuram G. (2005): Has Financial Development Made the World Riskier?. In: NBER Working Papers, no 11728: „Wir sollten auf einen unwahrscheinlichen aber sehr kostspieligen Abschwung gefasst sein. In solche einem Fall ist es möglich, dass die Verluste die von einer Finanzkatastrophe ausgingen nicht völlig von der gegenwärtigen Generation getragen werden können und am besten mit künftigen geteilt werden.“

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