03. November 2008

Umverteilung und Freiheit Lehrstunde für Linke

Lew Rockwell im Gespräch mit Naomi Wolf

Die amerikanische Bürgerrechtlerin und Feministin Naomi Wolf – nicht zu verwechseln mit der antimarktwirtschaftlichen Globalisierungsgegnerin Naomi Klein – hat vor wenigen Tagen eine Lehrstunde erhalten. Lew Rockwell, der Präsident des Ludwig von Mises Institutes, hatte Wolf eigentlich über ihre neuen Bücher und über den „faschistischen Putsch im Zeitlupentempo“ in Amerika interviewen wollen. Die Buchtitel lauten „The End of America: A Letter of Warning to a Young Patriot“ – die deutsche Ausgabe: „Wie zerstört man eine Demokratie: Das 10-Punkte-Programm“ – und „Give Me Liberty: A Handbook for American Revolutionaries“. Schon diese Überschriften versprechen eine große Schnittmenge der Aktivistin mit den Anhängern Rockwells, zu dessen engerem Umfeld auch der republikanische Ex-Präsidentschaftskandidat Ron Paul gehört. Doch das Interview entwickelte sich bald zu einem Gespräch mit Seminarcharakter, in dem Wolf die Fragen stellte und Rockwell die Antworten gab. Das Ergebnis ist ein 50-minütiges faszinierendes Dokument, dessen Zuhörer Zeugen mehrerer Aha-Erlebnisse einer prominenten „progressiven Linken“ sind.

So hörte Wolf, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben, aus sehr berufenem Munde, welche Rolle Zentralbanken im allgemeinen und die amerikanische Federal Reserve im besonderen bei der Umverteilung von Geld und Macht von unten nach oben haben. Sie meinte im Verlauf des Gespräches, dass Linke wie sie „die Kritik an der Federal Reserve noch nie wahrgenommen haben – weil wir sie nicht verstehen“. Etwas später fügte sie hinzu: „Wir sind in finanziellen Dingen sehr unerfahren, wahrscheinlich aus ideologischen Gründen.“ Rockwell erläuterte dann kurz und bündig die Geldtheorie der Österreichischen Schule der Ökonomie: „Geld ist eine Institution des Marktes, das liquideste Gut. Die Menschen haben sich für Gold und Silber als Geld entschieden. Die Regierungen haben es verstaatlicht, damit herumgetrickst und es inflationiert. Sie haben die gegenwärtige Krise nicht gewollt, aber mit den Zentralbanken stehen ihnen riesige Geldfälschungsmaschinen zur Verfügung, was eine riesige Versuchung darstellt.“

Wolf, die sich im Verlauf des Gesprächs dafür aussprach, dass die „Fronten neu abgesteckt werden müssen“, und aus der Medienwelt berichtete, wo Leute mit Absicht aufeinander gehetzt werden, statt sie zu ermuntern, gemeinsam eine Lösung zu finden, gab dann zu erkennen, dass sie nun anfängt zu verstehen, weshalb die Regierung über die schlecht laufenden Kriege so gelassen bleibt: „Die Kriege sind im Hinblick auf Staatsführung und den Aufbau der Demokratie eine Katastrophe. Aber im Hinblick auf Geldwäsche und Diebstahl in großem Stil sind sie ein Erfolg.“

In der Tat braucht sich die Regierung keine großen Sorgen über den Zustand in den Krisengebieten zu machen, denn das Geld für das Militär und den Wiederaufbau kommt nicht direkt vom Steuerzahler, sondern von der Geldvermehrungsinstitution Federal Reserve. Die Steuerzahler dürfen dann später irgendwann für die Schulden des Staates bei der Fed aufkommen, und leiden darüber hinaus an der inzwischen von ihr erzeugten Inflation. Aber bis dahin ist der Zusammenhang zwischen Krieg und Zahlung so verschwommen, dass ihn kaum jemand versteht. So das Kalkül der Regierung.

Wolf fragte Rockwell außerdem, weshalb die Libertären angesichts dieser Situation nicht mehr Einfluss auf „prominente Konservative“ haben. Seine Antwort lautete, dass die amerikanische konservative Bewegung schon lange ein „Motor für den Faschismus und das Regierungswachstum gewesen" sei und fügte hinzu, dass auch andere Wirkungsbereiche der Regierung, so schlimm sie jedem vernünftig denkenden Menschen erscheinen mögen, aus deren Sicht keine Katastrophen sind, „zum Beispiel die öffentlichen Schulen“. Seit die US-Bundesregierung die Finanzierung der Schulen übernahm, seien Fächer wie Logik abgeschafft und allgemein das kritische Denken nicht mehr beigebracht worden. Auf diese Ausführungen reagierend erklärte Wolf, dass „Progressive bislang nie die Intensität der Anfeindungen gegen das Bildungsministerium verstanden“ hatten. Hier, so scheint es, ist ein Anfang gemacht.

Die ideologischen Fronten werden in der Tat neu abgesteckt. Morgen wird der Vertreter entweder des linken oder des rechten Flügels der amerikanischen Kriegs- und Wohlfahrststaatspartei ins Amt des Präsidenten gewählt werden. In den USA begreifen jedoch zunehmend mehr Menschen, sowohl auf der linken wie auf der rechten Seite des des politischen Spektrums, dass der offizielle politische Flügelkampf eine Ablenkung von den wahren Machtverhältnissen ist, und dass ihr wirklicher Gegner nicht der Terrorismus oder der Kapitalismus, sondern der Staat ist. Sicherlich gibt es unter den Progressiven ebenso wie unter den Konservativen weiterhin nicht wenige Leute, die genau wissen, weshalb der Staat für sie persönlich gut ist und die ihn deswegen, wenn auch mit unehrlichen, verschleiernden Argumenten, unterstützen. Es ist jedoch ermutigend, dass eine einflussreiche Persönlichkeit der Linken wie Naomi Wolf anfängt, über die zentrale Rolle der Geldpolitik und der Federal Reserve nachzudenken, die sie bei der Umverteilung von Macht und Geld von unten nach oben spielen; wie auch über die Rolle dieser Institution in der schleichenden – aber sich beschleunigenden – Erosion der Freiheit und Zivilisation Amerikas. Und über so manche Dinge, die unter Linken bislang tabu sind. Nachdem Ron Paul in den vergangenen knapp zwei Jahren den erstarrten politischen Diskurs Amerikas wieder aufgebrochen hat, ist die Zeit offenbar reif für neue Allianzen für die Freiheit. Nötig sind sie angesichts der Stärke des Gegners und des Ernstes der Lage allemal. „Freedom brings us together“, war eine der einprägsamsten Losungsworte Pauls. Das Gespräch zwischen Rockwell und Wolf nährt die Hoffnung, dass die von Paul losgetretene Revolution eine Fortsetzung erleben wird.

Internet

Das Rockwell-Wolf-Gespräch (50m 54s)

www.lewrockwell.com

www.mises.org

www.campaignforliberty.com

Bücher von Naomi Wolf

„Der Mythos Schönheit“

„Wie zerstört man eine Demokratie: Das 10-Punkte-Programm“

„Give Me Liberty: A Handbook for American Revolutionaries“


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