29. Oktober 2008

Der Weg zur Finanzkrise, Teil 3 Schuldenmachen im Namen des Volkes

Ein Währungssystem aus dem Kriege

„Für die fortgeschrittensten Länder werden jedoch die folgenden Maßregeln ziemlich allgemein in Anwendung kommen können: Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ (Karl Marx und Friedrich Engels im Manifest der Kommunistischen Partei, 1847)

Dies ist der dritte Beitrag einer Artikelserie, das dem Leser beim Verständnis des heutigen Bankenwesens und seiner Krise helfen soll. Im ersten Beitrag wurden die Grundlagen des staatlich geduldeten Systems der Teilreserve beschrieben. Im zweiten Beitrag sollte am Beispiel des Mississippi-Booms erklärt werden, wie dieses System zu kreditgefüllten Investitionsblasen führt. Im folgendem wird beschrieben, wie die Politische Klasse das Bankensystem zur schleichenden Enteignung der Guthaber nutzt.

Nach den Erfahrungen der Mississippi-Blase und ähnlicher Krisen hatte das Volk ein gesundes Misstrauen gegen Banknoten entwickelt, die auf Teilreserven aufbauend, sprich: aus dem Nichts gedruckt worden waren. Dieses gesunde Misstrauen ihrer Einleger zwang die Banken zur Disziplin. Ferner legte dieses System der Politischen Klasse als notorischem Schuldner Einschränkungen auf, die Verschwendung mit hohen Zinsen und dem Zwang zu unliebsamer Sparsamkeit beantwortete.

Gegen Ende des Neunzehntes Jahrhunderts brachte eine neue Entwicklung die Machtstellung der freien Einleger ins Wanken: der „progressive“ Staat. Eine neue Generation der Politischen Klasse nahm den Wohlstand für selbstverständlich, den ein Jahrhundert Liberalismus geschaffen hatte. Diesen Wohlstand galt es den Zielen des „Volkes“, der „Nation“, der „Demokratie“ usw. „dienstbar“ zu machen. „Volk“, „Nation“, „Demokratie“ usw. wurden natürlich von der Politischen Klasse vertreten…

Hierfür benötigte die Politische Klasse vor allem eines: Geld. Direkte Steuern waren denen, denen sie abgenötigt wurden, deutlich sichtbar. Solch sichtbare Enteignung ist schwer durchzusetzen. Staatsschulden sind weniger sichtbar; doch in der Vergangenheit hatte ungehemmtes Schuldenmachen der Politischen Klasse stets rasch und sichtbar zum Verfall ihres Kredits geführt.

Eine neue Idee musste her. Doch was war zu tun? Die Politische Klasse kann schließlich nicht ihre Schuldscheine per Dekret in Gold verwandeln. Der bloße Gedanke!

Die Zentralbank, Kreatur der Planer

Genau das war aber die Idee. Die Politische Klasse ersetzte das Gold im Bankenwesen durch ihre Schuldscheine. Das wichtigste Werkzeug hierfür ist die Zentralbank: Wenn die Politische Klasse Geld benötigt, schreiben Politiker die notwendigen Beträge auf Schuldscheine und verkaufen diese den Banken. Die Banken tragen diese Schuldscheine zur Zentralbank, welche das Zauberwort „Lombardfähigkeit“ ausspricht und den staatlichen Schuldscheinen entsprechendes Bargeld druckt. (Diese Darstellung ist der Verständlichkeit halber vereinfacht. Beispielsweise führt der Weg von der Geschäftsbank zur Zentralbank über den Umweg der Verbriefung durch eine andere Geschäftsbank. Die Vereinfachung ändert nicht den Kern des Systems.)

Das neu erschaffene Bargeld erhalten die Banken im Tausch gegen die staatlichen Schuldscheine. Die Bank spricht nun das alte Zauberwort aus: „Teilreserve“. Damit erschafft sie wie zu Zeiten des Goldes zu diesem Bargeld ein Vielfaches an Buchgeld. Das neu geschaffene Buchgeld kann sie nun gegen Zinsen verleihen. Indem sie den Banken mehr oder weniger staatliche Schuldscheine abkauft, erhöht oder vermindert sie das Angebot der für Darlehen zur Verfügung stehenden Geldmenge. Auf diese Weise steuert sie den durch sie planwirtschaftlich festgelegten Zinssatz.

Gold, welches im Gegensatz zu Staatsschulden nicht endlos zu vervielfältigen ist, verschwand völlig aus dem Geldsystem. Die „Realwährungen“ auf der Basis von Gold oder Silber wurden nach und nach durch „Nominalwährungen“ auf der Basis von Nichts ersetzt.

Damit tat die Politische Klasse den ersten Schritt zu Erfüllung einer Forderung des kommunistischen Manifests, nämlich der „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank“. Sie findet im Zentralbanken-System einen garantierten Markt für ihre Schuldscheine; ihre Schulden sind für das Bankensystem die Grundlage der Buchgelderzeugung. Im Gegenzug sollten die Banken von der Disziplinierung durch die Gefahr von Kassenstürmen befreit werden: Die Zentralbank würde als Darlehensgeber der letzten Instanz bei Engpässen stets einspringen.

Dieses System wandten die Politischen Klassen der verschiedenen Nationen während des Ersten Weltkriegs an. Doch schon bald nach der Rückkehr zum Goldstandard nach dem Kriege wurden Stimmen laut (zum Beispiel Keynes 1923) und auch gehört, die forderten, dieses System auch in Friedenszeiten einzuführen.

Wie gewaltig dieser Schritt die Macht der Politischen Klasse ausweitete, und welche Katastrophe dies für friedlich arbeitende Menschen bedeutete, fällt uns heute schwer nachzuvollziehen. Beispielsweise rechnete bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges ganz Europa mit einem kurzen Verlauf; die Kriegsführung ist so teuer, dass die Mittel der sie führenden Politischen Klassen in der Vergangenheit meist rasch erschöpft waren. Durch die Einführung von Nominalwährungen verschaffte sich die Politische Klasse jedoch den Zugriff auf die Vermögen aller.

Ein weiteres Beispiel: Selbst nach dem Ersten Weltkrieg dachte die deutsche Mittelschicht noch in langen Zeiträumen, was in der Priorisierung der Familie, großer Sparsamkeit und der dazugehörenden Moral ausgedrückt wurde. Der Diebstahl ihrer Vermögen über die Hyperinflation von 1923 unter Ebert und Cuno demoralisierte sie zutiefst; passiver Fatalismus, ein auf den Tag ausgerichtetes „Sich-Durchwursteln“ und Kungelgeschäfte machten sich nun breit.

Auch die Weltwirtschaftskrise von 1929 wurde durch die inflatorische Politik der amerikanischen Zentralbank ausgelöst, die eine Investitionsblase provozierte (eine sehr gute Darstellung bietet Rothbard 1963). Freimarkt-Ökonomen sahen dies voraus (zum Beispiel Mises 1928 und Hayek 1928), während Mainstream-Ökonomen wie John Maynard Keynes und Irving Fisher unvorbereitet getroffen und finanziell gebeutelt oder gar ruiniert wurden.

Im vorliegenden Beitrag sollte der Mechanismus erläutert werden, mit dem die Politische Klasse das Bankensystem zur schleichenden Enteignung der Guthaber nutzt. (An diesen Enteignungen war nicht alles schleichend. Als Übungsaufgabe möge sich der Leser fragen, was nach Einführung der Nominalwährung aus dem Gold unserer Familien wurde.) Im nächsten Artikel wird versucht nachzuzeichnen, wie die politischen Akteure auf Grundlage dieses verzerrten Bankensystems den Weg in die gegenwärtige Krise bereiteten.

Literatur

Keynes, John Maynard (1923): A Tract on Monetary Reform. London: Macmillan, 1923

Rothbard, Murray N. (1963): America's Great Depression. Princeton: Van Nostrand, 1963

von Mises, Ludwig (1928): Geldwertstabilisierung und Konjunkturpolitik. Jena: Gustav Fischer verlag, 1928

Hayek, Friedrich A. (1928): Einige Bemerkungen über das Verhältnis der Geldtheorie zur Konjunkturtheorie. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik 173 (1928)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Jörg Janssen

Über Jörg Janssen

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige