25. Oktober 2008

Verwirrung Realwirtschaft und Finanzwirtschaft

Eine überflüssige Unterscheidung

Benutzt man Google, um Treffer für die Begriffe Finanz- und Realwirtschaft zu finden, so bestätigt sich der subjektive Eindruck, dass der Gebrauch beider Begriffe einen Höhenflug erlebt. Fast jeder Treffer steht im Zusammenhang mit der Krise an den Kapitalmärkten entweder in diesem oder dem vergangenen Jahr. Spürt man den einzelnen Treffern nach, so geht es fast immer um das „Durchschlagen“ der Krise der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft, häufig verwendet vor einem dezidiert linken Hintergrund des Verwenders. So eingängig das Bild ist, das die beiden Begriffe vermitteln, so falsch ist es.

Schlägt man „Realwirtschaft“ in der Wikipedia nach, so erfährt man, es handele sich um den Teil einer Volkswirtschaft, der reale Güter produziert und handelt. Die Realwirtschaft sei nach der neoklassischen Theorie streng zu trennen von der Finanzwirtschaft. Letztere definiere sich über ihre Funktion der Bereitstellung von Geldkapital. Folgt man dem Link zur Finanzwirtschaft, so steht am Anfang und im ganzen Artikel im Vordergrund nicht die volkswirtschaftliche Begrifflichkeit der Finanzwirtschaft, sondern was in der Betriebswirtschaftslehre unter ihr verstanden wird, nämlich die betriebliche Finanzwirtschaft. Es geht um das Finanzmanagement der einzelnen Unternehmung, nicht um die volkswirtschaftliche Funktion der Bereitstellung von Geldkapital.

Es mag sein, dass manche Lehrbücher genau jene Begrifflichkeiten von Finanz- und Realwirtschaft verwenden. Die Bücher, die ich zur Hand habe, schweigen sich über die Begriffe allerdings aus. Zu finden ist eine Unterscheidung nach Gütermarkt und Finanzmarkt. Ein auf Englisch, der Wissenschaftssprache der Disziplin, verfasstes Onlinelexikon nennt als vergleichbare Begriffe „financial markets“ und „product markets“. Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Bedeutung von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft sind also angebracht. Der durch Google hervorgerufene Eindruck, dass die Begriffe der linken Szene entstammen, drängt sich auf.

Die Botschaft des Wortes Realwirtschaft passt zu der Vermutung des Wortursprungs in der linken Szene: Wo eine Realwirtschaft existiert, da muss dieser wohl eine Irrealwirtschaft gegenüberstehen. Wer Realwirtschaft als Begriff für die Gütermärkte benutzt, der nimmt unbewusst (oder auch ganz bewusst) eine Bewertung der Finanzmärkte vor. Es handelt sich um keine positive Wertung. Transportiert wird ein Rangverhältnis des Realen vor dem Irrealen, des Greifbaren und Physischen vor dem Virtuellen, Abstrakten und Unverständlichen. Begründet ist diese Wertung nicht.

Das ergibt sich aus einer genaueren Betrachtung dessen, was auf dem Finanzmarkt gehandelt wird. Als Beispiel sollen die auf dem Finanzmarkt gehandelten, angeblich irrealen Güter dienen. Wer ein Haus für einen Kunden baut, der ist dem Risiko ausgesetzt, dass der Kunde nicht zahlen will oder kann. Wer ein Haus in Auftrag gibt, der steht vor dem Risiko, dass es von dem Unternehmer nicht gebaut wird. Die Grundregel eines Vertrags ist, dass zuerst die Leistung erbracht wird und anschließend die Gegenleistung, die typischerweise in Geld besteht. Die Vertragsfreiheit erlaubt den Parteien, die beiden Risiken untereinander zu verteilen. So wird der Bauherr eventuell eine Fertigstellungsbürgschaft verlangen und nur bei deren Erhalt den Unternehmer in Vorkasse bezahlen. Der Unternehmer baut möglicherweise nur abschnittsweise, um dann zeitnah Bezahlung zu verlangen. Hat der Bauherr nicht ausreichend Mittel, so muss er mit dem Fortsetzen seines Projekts warten, bis er neues Einkommen erzielt hat.

Man sieht also, dass die Möglichkeiten von Bauherr und Bauunternehmer begrenzt sind, wenn sich niemand anbietet, der das jeweilige Vertragsrisiko der Parteien übernimmt. Eine Bank wird nur eine Fertigstellungsbürgschaft erteilen, wenn sie davon überzeugt ist, dass der Bauunternehmer seinen Verpflichtungen nachkommen kann. Der Bauherr wiederum kann sich Zeit und Geld für immer neue Vertragsverhandlungen und Stückwerk sparen, wenn sein Baufortschritt nicht von seiner aktuellen Liquidität, sondern seiner zukünftigen Zahlungsfähigkeit abhängig ist. Typischerweise wird sich jemand (eine Bank) darauf spezialisieren, seine zukünftige Zahlungsfähigkeit abzuschätzen und sie seinerseits unternehmerisch zu bewerten. Findet sich niemand, der das Risiko der beiderseitigen Zahlungsfähigkeit übernimmt, so können Bauunternehmer und Bauherr ihren Vertrag nicht oder nicht so wie gewünscht schließen. Aus dem realen Risiko von Bauunternehmer und Bauherr ist bereits an dieser Stelle ein Gegenstand der angeblichen Irrealwirtschaft entstanden. Dabei ist alles, was passiert ist, nur die Übertragung der vertragsinhärenten Risiken auf eine dritte Partei.

Weitere Übertragungen dieses Risikos ändern nichts an seiner Natur und seinem Ursprung in der „Realwirtschaft“. Wenn die Bank etwa hunderte Bauherren und dutzende Unternehmer finanziert, so trägt sie immer deren konkretes Risiko. Es wird nicht geringer, nicht anders. Wenn es sich um eine lokale Bank handelt, so kann es sich für die Bank aber lohnen, sich von den Begebenheiten der lokalen Bauwirtschaft unabhängig zu machen. Die Bank kann sich entscheiden, die Risiken aus dem Kredit an jemanden zu verkaufen, der sie mit anderen Risiken aus anderen geographischen Regionen gemeinsam abdeckt. Es liegt in der Natur eines Vertrages, dass beide Parteien den Vertragsschluss als für sich vorteilhaft ansehen. Die das Risiko übernehmende Bank hat die unternehmerische Entscheidung getroffen, dass Vergütung des Risikos durch die abgebende Bank die Kosten aus der Verwirklichung des Risikos übersteigt. Die abgebende Bank erhält neue, zusätzliche Geldmittel und ist eine Sorge los. Diese neuen Geldmittel kann sie wiederum an ihre Kunden der lokalen Bauwirtschaft vergeben. Wie zuvor ist nichts weiter passiert, als dass das tatsächliche Risiko von Bauherr und Bauunternehmer erst zur Bank und dann weiter auf eine andere Bank gewandert ist.

Wenn jetzt die andere Bank wiederum für die Gefahr der Realisierung der Risiken eine Versicherung abschließt, so verschiebt sich das komplette oder teilweise Risiko weiter. Auch daran ist weder etwas verwerfliches noch etwas irreales. Immer meinen Verkäufer und Käufer ein Geschäft zu machen, von dem sie nach ihrer anfänglichen Einschätzung profitieren werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber immer Folge des ursprünglichen Geschäfts zwischen Bauherr und Bauunternehmer und immer auch Resultat einer unternehmerischen Entscheidung. Mit unternehmerischen Entscheidungen ist die Gefahr des Verlusts verbunden. Denn niemand kann in die Zukunft sehen. Die besten Unternehmer sind die, die angesichts der unsicheren Zukunft die besten Entscheidungen treffen. Wer aber die schlechtesten Entscheidungen trifft, der muss sein Geschäft aufgeben. Jedenfalls dann, wenn nicht die Politik schlechte Entscheider vor dem Untergang rettet und dazu das Geld fremder Leute benutzt.

Internet

Onlinelexikon VWL


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