22. Oktober 2008

Lord Keynes Eine Verteidigungsrede

Der Feind des Feindes muss kein Freund, kann aber dennoch nützlich sein

Arbeiter und Angestellte, die Haus, Hof und Kreditkarte durch Überschuldung verlieren, kaskadenartig wankende Bankinstitute, Börsen im Sturzflug, massive Abschreibungen auf zahllose Formen der Geldanlage, restriktive Kreditvergabe und Konsumzurückhaltung, Auftragseinbrüche bei Investitions- und langlebigen Konsumgütern – wie entwickelt sich der finanziell so stürmischen Herbst 2008 weiter?

Meteorologisch wird ihm der Winter folgen, ökonomisch gemäß der praktischerweise gleichfalls nach Jahreszeiten unterteilenden ökonomischen Zyklentheorie ebenfalls. Die letzte große finanzielle Kältewelle mit ähnlichen Vorzeichen fegte indes in den 30er Jahren in noch nie da gewesener Weise durch die Weltwirtschaft. Als der Funke der damaligen Finanzkrise über die Kontraktion der Geldmenge auf die nichtfinanziellen Sektoren übersprang, ging die Produktion auf gesamtwirtschaftlicher Front um gut ein Drittel zurück. In diesem Zuge folgten Massenentlassungen und die so prägende Phase struktureller Arbeitslosigkeit, in Deutschland verlor jeder Dritte Arbeiter und Angestellte seinen Job. „Suche Arbeit jeder Art!“, der Schriftzug auf einem um den Hals gebundenen Stück Pappe, jener verzweifelt dreinblickende Mann Anfang der 30er Jahren, irgendwo an der Straßenkreuzung einer deutschen Großstadt, spiegelte das dringlichste Bedürfnis jener Tage wider. Existenzielle Probleme bestimmten auf einmal den Alltag. Wer oder was die Weltwirtschaftskrise verursacht hatte, war so ziemlich die unwichtigste aller Fragen. Sie ließ sich verschieben auf die Zeit danach, nach der Grossen Depression, auf eine neue Ära sozioökonomischer Analysten und Chronisten. Praktische Lösungsansätze, nicht theoretische Ursachenforschung waren gefragt.

In schweren Krisenzeiten schlägt die Stunde der Etatisten, die Stunde des starken Staates. Nie lockt die Wärme seines Mantels mehr, egal, wie eng er geschnürt werden mag. Nie sind seine Ideen verführerischer, entfalten seine Heilsversprechen einen mächtigeren Sog, die liberale Perspektiven auf spätere Selbstgesundung bereits im Ansatz verblassen lassen. Der Grund hierfür liegt in der generellen Angst des Menschen vor Verlusten, die sich umso bemerkbarer auswirkt, je mehr tatsächlich am relativen Status quo des Betroffenen genagt wird. Weicht also bei einer kritischen Masse angesichts sich verdunkelnder Perspektiven die Zuversicht, das eigene Leben auch selber bewältigen zu können, schwindet also der Glaube an die Selbsterhaltungsfähigkeit, frisst sich existenzielle Angst in dieses nunmehr vorhandene Vakuum. Diese Angst wiederum, dieses so dominierende Gefühl, trachtet danach, durch jene Sicherheit kompensiert zu werden, die im aktuellen Umfeld am ehesten und schnellsten bei staatlichen Institutionen zu finden sind.  Es kann daher nicht verwundern, wenn nach den Banken bereits die ersten Industriebetriebe nach staatlicher Hilfe schielen. Sollte sich die aktuelle Krise verfestigen, werden alsbald auch private Haushalte die öffentliche Sicherheit der vertraglichen Freiheit vorziehen. Millionen Sparer haben bereits reagiert, die Deutsche Finanzagentur, die Schuldenverwalterin des Bundes, verzeichnet einen Rekord an Mittelzuflüssen. Der externe Effekt struktureller Krisen, der Schattenpreis der Sicherheit, ist dann im Umkehrschluss der Etatismus. Spätestens sobald das Bankenwesen teilweise oder voll verstaatlicht ist, große wie mittlere Unternehmen am Tropf öffentlicher Fonds hängen und die Deutsche Finanzagentur über das Gros des bundesrepublikanischen Geldvermögens wacht, ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger neu justiert. Völlig zu Recht, dieser Chance auf freiwillig angedienten Machtzuwachs zu widerstehen konterkariert nun mal das Wesen der Politik. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn die politischen Strategen derzeit das Verhältnis zwischen Markt und Staat, zwischen Bürger und Untertan neu ausloten, freilich unter Zuhilfenahme eher etatistischer denn freiheitlicher Schablonen. Die Angst um die bürgerliche und unternehmerische Existenz ist es, die letztlich den Boden für sich anbahnende strukturelle Brüche bereitet.

Dies war freilich vor über 70 Jahren nicht anders. Im Gegenteil: Mittendrin in der Weltwirtschaftskrise witterte der Marxismus endlich wieder Morgenluft. Seit 1867, seit Erscheinen des ersten Bandes der Marx’schen Revolutionstheorie, dem „Kapital“, deutete sich endlich der dort so prophetisch angekündigte Untergang der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung an. Diesmal drohten sogar die urkapitalistischen Staaten angelsächsischer Prägung an den ihnen unterstellten inneren Widersprüchen zu zerbersten. Die so lange erwartete, vernichtende Krise, der vom Sozialdemokraten August Bebel als großer „Kladderadatsch“ bezeichnete Zusammenbruch des „Kapitals“, war gekommen. Und Proletarier wie Intellektuelle standen bereit, das „System“ zu überwinden, nachdem zumindest in Deutschland bereits der Gründerkrach wie auch der Erste Weltkrieg diesen Weg nicht zu ebnen vermochten. Die Welt schwankte. Auch diesmal deutlich zugunsten der sozialistischen Revolution denn der liberalen Reaktion.

Inmitten dieser sich anbahnenden Umwälzungen, die vor allem auf wissenschaftlicher, intellektueller Ebene ausgetragen wurden, publizierte im Jahr 1936 einer der bekanntesten Ökonomen seiner Zeit, John Maynard Keynes, seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“. Es war ausdrücklich ein an das Fachpublikum gerichtetes, recht unmathematisch gehaltenes Werk rhetorisch geschliffener ökonomischer Ausführungen. Es erfuhr in der akademischen Welt sofort eine sehr große Resonanz und ebenso zeitnah erste Interpretationen, von denen bis heute eine Vielzahl lose verbundener Denkschulen Zeugnis ablegen. Keynes zentrale Botschaft: In der Regel funktioniere der Markt ganz gut, es gäbe aber Zustände der Unterbeschäftigung, die sich bei Vorlage bestimmter Rahmenbedingungen nicht aus sich selbst heraus auflösen ließen. Hier helfe aber keine Geldpolitik, keine Politik der niedrigen Zinsen, also der preiswerten Geldbereitstellung, sondern nur antizyklisch getriebene Nachfrage. Wenn diese nicht aus dem Privatsektor generiert werde oder generiert werden könne, müsse diese eben über staatliche Konjunkturprogramme, sprich defizitäre Fiskalpolitik, sichergestellt werden. Die dafür nötigen Schulden der öffentlichen Hand, über die diese Mittel zu beschaffen wären, sollten idealerweiser nach Überbrückung der Krise durch entsprechende Steuermehreinnahmen wieder getilgt werden. So weit die Theorie. In der Praxis wurde dieses Konzept in weiten Teilen der westlichen Welt zur neuen Maxime der Wirtschaftspolitik erhoben. Bis in die 70er Jahre dominierte der Keynesianismus Wissenschaft und Politik. Zweitere natürlich mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass einmal getätigte Schulden so gut wie niemals, und wenn, dann nur temporär, wieder getilgt wurden. Dies dürfte dann auch einer der Gründe gewesen sein, warum sich dieses Konzept mit der aufkeimenden Stagflation, also dem gleichzeitigen und eigentlich für ausgeschlossen gehaltenen Auftreten inflationärer und rezessiver Elemente, überlebt hatte und neueren Konzepten weichen musste. Völlig zu Recht ist der Keynesianismus daher aufgrund seines interventionistischen Charakters kaum kompatibel mit liberalen Positionen, Keynes „Allgemeine Theorie“ wurde ja auch im bewussten Gegensatz zur „Klassischen Theorie“ formuliert und vom Verfasser gewollt so positioniert. Umgekehrt war Keynes allerdings auch erklärtermaßen Befürworter privatwirtschaftlichen Unternehmertums und Gegner staatlicher Feinsteuerungsmaßnahmen. Lassen sich daher vielleicht doch Facetten seines Denkens und Wirkens aus freiheitlicher Perspektive würdigen? 

„Im Bereich der Ökonomie ruft eine Handlung, eine Gewohnheit, eine Einrichtung, ein Gesetz nicht nur eine einzige Wirkung hervor sondern eine Reihe von Wirkungen. Von diesen Wirkungen ist nur die erste direkt, sie zeigt sich gleichzeitig mit ihrer Ursache, man sieht sie. Die anderen entwickeln sich erst nach und nach, man sieht sie nicht“. Der französische Wirtschaftsjournalist Claude Frédéric Bastiat verwendete Mitte des 19. Jahrhunderts diese Metapher für die sichtbaren und unsichtbaren Folgen interventionistischer Maßnahmen. Insbesondere Subventionen, so Bastiat, vermögen zwar kurzfristig sichtbar positive Effekte zu produzieren, mittel- bis langfristig überwiegen jedoch deren schädliche Nebenwirkungen. Da jeder Franc, respektive Euro, nur einmal ausgegeben werden kann, sind es insbesondere die alternativ möglichen, allerdings unterbliebenen, Investitionsakte, die den Primärnutzen der Subvention überkompensiert hätten. Diese „Nichtinvestitionen“ sieht man aber nun mal nicht, über ihr Potenzial und ihren Verlauf kann nur spekuliert werden, sie bleiben abstrakt und daher der konkreten Zahlung für etwas Existierendes sowohl bezüglich der Wahrnehmung als auch möglicher Gruppeninteressen unterlegen. Folgt man diesem Gesetz der Aufmerksamkeit, dem was man sieht und dem, was man nicht sieht, so lässt sich diese Argumentation natürlich auch umkehren. Manchmal lassen sich langfristig verhältnismäßig positive Effekte nur durch kurzfristig relativ negative Maßnahmen erkaufen, durch die Entrichtung eines kleinen sichtbaren Preises also lässt sich bisweilen ein hoher unsichtbarer Nutzen erzielen – manchmal, ohne es zu wissen. Denn tatsächlich ist es oft so, dass die Zahlung des Preises in jedem Fall schmerzlich wahrgenommen wird, wohingegen der Nutzen häufig genug kaschiert, diffus oder schlicht unerkannt bleibt. Letzteres ist insbesondere dann der Fall, wenn der Nutzen lediglich darin besteht, einem negativen Effekt erfolgreich entgegen zu wirken, einen möglichen und eventuell sehr hohen Schaden also zu kompensieren. Dadurch, dass dieser Schaden nicht eintritt, bleibt aber diese Gegenleistung für die Entgeltzahlung, analog zum unsichtbaren Nutzen der subventionsbedingten „Nichtinvestition“, hinter dem Schleier der Ungewissheit verborgen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet liegt Keynes besonderer Verdienst keineswegs in der Ausformulierung einer alternativen ökonomischen Theorie, also dem, was man offensichtlich in jeder gut sortierten Buchhandlung sehen kann. Die Wirkungsmächtigkeit seiner Idee und Publikation besteht jedoch weniger in dem, was sie auslöste als vielmehr in dem, was unterblieb, folglich dem, was man nicht sieht. Mit seiner „Allgemeinen Theorie“ lenkte er den Blick der Fachwelt und in deren Gefolge das der politischen Institutionen auf das eigentlich Unwesentliche. Die Fokussierung auf eine wirtschaftspolitische Globalsteuerung mittels öffentlicher Konjunkturspritzen durch so genanntes „deficit spending“, also profane Verschuldung, stellt ordnungspolitisch natürlich einen lupenreinen Sündenfall dar, aber in welchem historischen Kontext? Staatsverschuldung ist schließlich so alt und so präsent wie der Staat selbst. Gleiches gilt für hoheitliche Währungsordnungen, egal ob diese durch antike Münzregale oder moderne Zentralbanken dem Zahlungsmittel gesetzlichen Charakter verschaffen. Keynes theoretischer Überbau kleidete also ein politisches Dauerphänomen in ein elegantes theoretisches Gewand, verpasste dem nackten Kaiser lediglich genauso neue wie durchsichtige Kleider. Damit aber gelang es, ob nun gewollt oder nicht, die politischen Truppen schlagartig am ideologischen Hauptschlachtfeld vorbei zu lotsen und das Gefecht auf einen Nebenkriegsschauplatz zu verlagern. Mit der Etablierung der „Allgemeinen Theorie“ war in weiten Teilen der westlichen Welt die Diskussion um die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln vom Tisch. Die wirklich wesentlichen Pfeiler einer liberalen Ordnung, Eigentum und Vertrag, konnten weiter bestehen bleiben. Dem Bestand dieser beiden Institutionen wiederum verdankt die angloamerikanische Welt ihr dann folgendes, exorbitantes Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum. Dieses, und nur dieses, war die Grundvoraussetzung um in einem 50 Jahre währenden, zunächst hitzig und dann kalt geführten Krieg die eurasischen Varianten radikaler Sozialismen im Alleingang nahezu mühelos niederzuringen. Parallel dazu erfuhren die Bewohner der USA und in deren Sog ebenfalls die der westlichen Hemisphäre ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Wohlstandsexplosion nie gekannten Ausmaßes.

Das Ausbleiben des Negativen entzieht sich dem Auge des Betrachters eben deshalb, weil durch den Nichteintritt ein als „normal“ empfundener Status unhinterfragt erhalten bleibt. Hätten Keynes Ideen in den 30er Jahren nicht diese Verbreitung und Bedeutung erfahren, die Welt heute wäre eine andere, eine mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit etatistischeren Zügen, gerade in Europa und Asien. Hätte er nicht obsiegt – von seinen klassisch liberalen Gegenspielern ganz zu schweigen, sie hatten damals wie heute kaum mehr als eine Außenseiterchance – wären höchstwahrscheinlich tief greifende Einschnitte in die Privatautonomie erfolgt, die sowohl ökonomisch wie auch militärisch nicht zu den Leistungen befähigt hätten, die ab Ende der 30er Jahre dann tatsächlich zu verzeichnen waren. Bekannt ist und bleibt Keynes heute vor allem für das, was man sieht, für die angenehme Hälfte seiner umgesetzten ökonomischen Theorie, die in der politischen Praxis staatliche Schuldenberge als Folge regierungsamtlicher Konjunktur- und Sozialprogramme produziert. Für deren Auftürmung hätte sich jedoch auch problemlos eine beliebige alternative Legitimationsstrategie finden lassen können. Ungesehen und damit ungewürdigt bleibt aber das Ausbleiben dessen, was man, wäre er gescheitert, hätte sehen können. Für den liberalen Dogmatiker ist und bleibt die „Allgemeine Theorie“ freilich ein wirtschaftstheoretischer Sündenfall, für die westliche Welt aus der Rückschau betrachtet erwies sie sich realiter als ein Glücksfall. Angesichts der tatsächlichen Folgen seines Wirkens ist und bleibt es unerheblich – wenngleich doch interessant – ob diese ein zufälliger Nebeneffekt oder aber kalkulierte Absicht des Urhebers waren. Wer weiß? Wenn in einigen Jahren die politische Rechnung der aktuellen Krise fällig wird, werden sich mache von Keynes aktuell schärfsten Gegner vielleicht wünschen, diese mit einer vergleichsweise schmerzlosen „Allgemeinen Theorie“ begleichen zu können.

Literatur

Bastiat, Claude Frédéric: Der Staat - die große Fiktion - Ein Claude-Frédéric-Bastiat-Brevier; Ott Verlag, Thun, 1. Auflage, 2001

Keynes, John Maynhard: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes; Duncker & Humblot, Berlin, 10. Auflage, 2006


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