14. Oktober 2008

Jörg Haider Selbst im Tod noch unberührbar

Der deutsche Mainstream bleibt sich treu

Schon zur Nachrichtenmeldung vom tödlichen Unfall des Ministerpräsidenten des österreichischen Bundeslandes Kärnten am vergangenen Samstagmorgen waren sich deutsche Medien (mit der bemerkenswerten Ausnahme der „FAZ“) in ihren Nachrufen seltsam einig. Da war nicht etwa Jörg Haider gestorben, sondern immer und überall nur der „Rechtspopulist Jörg Haider“. Selbst im Tod noch wurde er verteufelt – denn alles was „rechts“ ist oder auch nur sein könnte, ist in Deutschland längst unberührbar. Und einer, der selbst im Tod noch ohne das Kainsmal nicht genannt wird, der muss ein ganz besonders böser Bube gewesen sein.

Dabei war Jörg Haider am Ende ein zutiefst sozialdemokratischer Politiker wie mehr oder weniger jeder andere in Österreich auch. Er hatte etwas mehr Charme als die anderen. Und deshalb auch etwas mehr Erfolg. Gestartet war er als Underdog mit einer damals heruntergekommenen linksliberalen Kleinstpartei, der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), deren Vorsitz er 1986 übernahm. Von da an legte diese Partei bei fast jeder Wahl zu. Haider vergrößerte den bundesweiten Stimmenanteil Schritt für Schritt von 5,0 Prozent 1983 auf 26,9 Prozent im Jahr 1999. Er griff damals den verfilzten Parteienstaat Österreich erfrischend offen an und vertrat dabei zuweilen radikal-liberale, marktwirtschaftliche, konservative und libertäre Positionen. Nachgelesen werden kann diese Erfolgsprogrammatik in seinem politischen Manifest „Die Freiheit, die ich meine“ aus dem Jahr 1993.

Nachdem er selbst spätestens 1999 nach dem Regierungseintritt seiner Partei zu den Etablierten gehörte, wechselte er manche Position und wurde zusehends zum Sozialdemokraten. 2005 verließ er im Streit seine FPÖ und gründete das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ). Auch dies führte er zuletzt am 28. September 2008 zu in ganz Österreich von kaum jemanden für möglich gehaltenen Erfolgen. Haider überflügelte die Grünen und das BZÖ wurde die vierte Kraft im Parlament.

Selbst im heutigen BZÖ-Programm finden sich einige frische Positionen, die an Haiders frühe Jahre erinnern. So tritt die Partei als einzige Österreichs in der Tradition Margaret Thatchers für die Flat Tax ein. Ansonsten herrschte allerdings auch in diesem Programm inzwischen sozialdemokratische Langeweile vor, überdeckt nur durch das unzweifelhafte Charisma des Frontmannes.

Haider erlaubte sich auch außenpolitisch immer wieder unkonventionelle Positionen. Etwa als der scharfe EU-Kritiker für den EU-Beitritt der Türkei plädierte oder wenn er freundschaftliche Beziehungen zum libyschen Staatschef Gaddhafi unterhielt oder den international geächteten Saddam Hussein mehrmals besuchte.

Haider hinterlässt seine Frau Ursula und zwei erwachsene Töchter. Von manchem Insider wurde Haider als manisch-depressiv beschrieben (was möglicherweise auch seinen Tod mit 142 Stundenkilometern bei erlaubten 70 erklärt). 1991 sprach die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vom „Homoerotischen“, das Jörg Haider und „sein politisches Jungmänner-Harem“ schon damals umgeben habe. Im Jahr 2000 outete Rosa von Praunheim in einem niederländischen Magazin Jörg Haider als schwul.

Auch wenn er dies immer vehement bestritt. Vielleicht verband ihn mehr als nur liberale und libertäre Wurzeln mit dem ebenfalls noch im Tod von der deutschen Presse verschmähten holländischen  „Rechtspopulisten Pim Fortuyn“.

Der liberale Publizist Michael Miersch fragte in der vergangenen Woche in der „Welt“ kurz vor dessen plötzlichen Tod: „Wann kommt der deutsche Haider?“ Miersch erklärte: „Wer die Ohren aufmacht, spürt die Unzufriedenheit vieler Menschen, die keine rechten oder linken Extremisten wählen würden und sich doch von den traditionellen Parteien verabschiedet haben. Eine unzufriedene Mitte, die gut für sich selber sorgen könnte, wenn man sie denn in Ruhe ließe. Familienväter und -mütter, die sich durch immer mehr Vorschriften gegängelt und immer höhere Steuern ausgepresst fühlen. Sie haben andere Sorgen als die talkende Klasse mit ihrem nervigen Wir-retten-die-Welt-Gerede. In den Niederlanden gelang es Pim Fortuyn im Jahr 2002, diese Unzufriedenen zu mobilisieren. In Deutschland wurde er als Rechtspopulist hingestellt, doch Fortuyn war eher radikaler Liberaler.“

Auch Haider wurde in Deutschland bereits als Rechtspopulist und Rechtsradikaler hingestellt, als er noch eher ein radikaler Liberaler war. So ist das in Deutschland. Und deshalb, so Miersch, „wird also alles weitergehen wie gehabt“, obwohl es „offensichtlich ist, dass es eine Schnittmenge gibt zwischen Drop-outs wie Wolfgang Clement, Oswald Metzger oder Friedrich Merz. Sie ist nicht klar umrissen, aber sie hat etwas mit Staatsskepsis und Freiheitsliebe zu tun, mit einer Wertschätzung des Fortschritts und des Unternehmertums. Solche Haltungen reklamiert auch die FDP für sich, bringt sie allerdings nicht zur nötigen Strahlkraft, weil ihr Machtopportunismus stets zu forsch über jeden Grundsatz hinweggeht.“

Einmal mehr zeigt sich im Tod Jörg Haiders die Spannung zwischen der Meinung im Volk und jener der schreibenden Zunft. Wurde Haider außer in der „FAZ“ allüberall auch im Tod noch von den Mainstreammedien geschmäht, so wurde um ihn im Internet zehntausendfach in den Kommentarspalten und Diskussionsforen getrauert. Es ist tatsächlich greif- und spürbar: Selbst die deutschen Medien würden einen charismatischen Pim Fortuyn oder einen frühen Haider hierzulande heute nicht mehr aufhalten können.

Zur Beerdigung am nächsten Samstag werden 50.000 Menschen, darunter auch der österreichische Staatspräsident, zur Trauerfeier in Klagenfurt erwartet. Der „Berliner Kurier“ formuliert es heute stellvertretend für die deutsche Presse unter der Überschrift „Nazi-Aufmarsch zu Haiders Beerdigung?“ so: „Schon jetzt wird der tödlich verunglückte Politiker, der durch rechtsextreme Ansichten auch den Ruf seiner Heimat beschädigt hat, verklärt. Er stand auf Du und Du mit vielen Rechtsextremisten Europas. Sie werden es sich nicht ausreden lassen, ihren Gesinnungsbruder zu verabschieden. Erwartet wird der Chef der französischen rechtsextremen Front National Jean-Marie Le Pen. Kontakte pflegte der Österreicher auch zur neofaschistischen Duce-Enkelin Alessandra Mussolini und dem Chef der Lega Nord“, die, das vergisst der „Kurier“ im Nazi-Wahn zu erwähnen, in Italien Regierungspartei ist.

Aber was will man erwarten von einer deutschen Presse, die in Nachrufen anlässlich des Todes des großen Freiheitskämpfers Alexander Solschenizyn im Sommer noch dessem angeblichen „Antisemitismus“ nachspürte. Anstand? Würde? Über die Toten nur Gutes? Das war vor der letzten Kulturrevolution.

Die im selben Berliner Verlag (der auch die offizielle Internetpräsenz des Landes Berlin betreibt) erscheinende „Netzeitung“ jedenfalls meldet in konziliant gesteigerter Erregung „zum Tod des österreichischen Rechtspopulisten“, dass „er zwar oft gefährlich zündelte, aber seinem politischen Egotrip etwas zum Kult fehlte: das Große.“

Das boulevardeskere Schwesterblatt „Berliner Kurier“ fährt fort: „Weil die Friedhöfe in Kärnten zu klein für einen Ansturm von so vielen Menschen sind, hatte sich die Landesregierung für die Trauerfeier am Neuen Platz entschieden. Bundespräsident Heinz Fischer will daran teilnehmen. Berührungen mit der rechtsextremen Szene werden dann kaum zu vermeiden sein.“

Und das, obwohl die mit der Politik so eng verfilzte deutsche Presse, die jeden anderen toten Ministerpräsidenten in ihrer staatstragenden Funktion betroffen trauernd hinterherhuldigt, diesen Haider mit Vornamen Rechtspopulist Jörg doch selbst im Tod noch beharrlich zum Unberührbaren erklärt.


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