06. Oktober 2008

Lebenswerte Kinder

Über Lärm, Stupidität und Nihilismus

Kinder machen bereits Probleme, wenn sie noch gar nicht auf der Welt sind. Zwar werden die Brüste der Frau appetitlich prall, aber man ahnt, dass ein Abschied dahintersteckt. Etwas später findet man sich auf einmal in Möbelgeschäften wieder und kauft Gitterbetten und Wickelkommoden. Die Wohnung wird umgeräumt. Das Arbeitszimmer ist bedroht. Die Frau nimmt eine Form an, die man nicht für möglich hielt. Der Mode folgend will sie, dass man bei der Geburt anwesend ist. Nie wieder wird er sich so hilflos fühlen wie im Kreißsaal. Damit hat ihm die Frau die Erkenntnis aufgezwungen, dass er in der entscheidenden Frage ein nahezu nutzloses Geschöpf ist. Ansonsten mag der Sinn dieser Maßnahme darin bestehen, dass ihm die Lust auf Sex und sogar aufs Fremdgehen für eine beträchtliche Zeit vergällt wird.

Kleine Kinder lärmen unausgesetzt, sofern sie nicht schlafen. Sie schlafen zwar oft, aber nie durch – mitunter jahrelang nicht. Aus ihren Körperöffnungen quillt permanent Unrat. Sie werden schnell krank, dann schlafen sie erst recht nicht durch. Der Windelverbrauch ist enorm. Es kann vorkommen, dass sie einen nachts zwanzigmal wecken, und nie wird man erfahren, warum. Sie brüllen einfach. Monatelang kann man mit ihnen nichts anfangen, dann darf man mit Bauklötzen spielen, was so aussieht, dass man einen Turm baut und das Kind ihn umwirft. Zehnmal. Zwanzigmal. Hundertmal. Kaum können sie laufen, schmeißen sie alles weitere um beziehungsweise runter, oder sie schlagen sich den Schädel auf. Ständig muss man sie bewachen, damit sie keinen Unsinn anstellen. Steckdosen verschließen. Scheren verstecken. Man kann nicht in Lokale gehen, weil sie entweder quengeln oder herumrennen wollen. Man kann nicht verreisen, außer an kinderfreundliche Strände, wo kinderreiche Familien ihre deformierten Körper, Frisuren und Sitten zur Schau stellen. Beim Sex stören sie, sogar wenn sie schlafen – es könnte ja kurz vorm Orgasmus der plötzliche Kindstod eintreten. Überhaupt ist man ständig in Sorge, ihnen könnte etwas zustoßen.

Spielen sie mit anderen Kindern, gibt es Streit und Geheule. Sie machen das Spielzeug kaputt. Man hat auch im Arbeitszimmer keine Ruhe vor ihnen. Sie malen Krikelkrakel in bibliophile Werkausgaben. Dauernd kommen sie angelaufen und wollen irgendetwas. Man hockt in ihrem Zimmer und spielt stumpfsinnige Spiele. Kein Essen schmeckt ihnen. Sie betteln im Supermarkt um Süßigkeiten und schreien, wenn sie keine bekommen. Sie schreien überhaupt gern in der Öffentlichkeit. Sie wollen neues Spielzeug. Sie toben durch die Wohnung und knallen Türen. Wenn sie mal ruhig sind, muss man stattdessen Super-RTL ertragen. Ist das Wetter schön, hat man auf den Spielplatz zu gehen, einen wahren Schreckensort: andere nervende Kinder, ungepflegte Mütter, Gekreisch, Tränen. Bodyguard-Auftritte, quälende Langeweile. Die Zeit dehnt sich. Verzweiflungsgefühle.

Kommen sie in die Pubertät, hat man plötzlich verhaltensauffällige Fremde in der Wohnung, die unangenehm riechende Gleichaltrige anschleppen, sich kleiden wie Geistesgestörte, ihr Dasein mit technischem Schnickschnack verbringen und in ihrem ganzen maulfaulsperrigen Habitus etwas Möbelhaftes haben...

Fassen wir zusammen: Kinder lärmen, Kinder nerven, Kinder machen Dreck, Kinder schränken ein. Kinder kosten jede Menge Geld und noch mehr Zeit. Kinder machen geile Luder zu Muttis. Kinder verhindern, dass man sich den intellektuell bedeutenden Dingen widmet. Kinder sind die Hölle. Aber als sich zum erstenmal diese kleinen Ärmchen um meinen Hals legten, war ich für alle Zeit erlöst vom Nihilismus.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 86.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige