06. Oktober 2008

Kulturrevolution Auch in Deutschland verändert sich die Jugend

Über den Papst, Palin, Jessen und die Zusammenhänge

Die linke deutsche „Stern“-Korrespondentin Katja Gloger meldet entsetzt aus Washington: „Eine konservative Welle droht Obama wegzuschwemmen, und diese Welle heißt Sarah Palin.“ Es ist, so Gloger, „als ob man, wie von Zauberhand, die Schleusen geöffnet hätte“. Vor allem die jungen Mütter schwärmen für Sarah Palin, die Vizepräsidentschaftskandidatin, den Shooting-Star der amerikanischen Politik. Sie gilt wirtschaftspolitisch als radikale Marktbefürworterin. Kulturell ist sie als tiefgläubige Christin und als Verfechterin von Werteerziehung und familiärer Autonomie gegenüber der Staatsbürokratie das stramme Gegenbild zur rot-grünen Feministin vergangener Tage. „Sie jagt und fischt und ist trotzdem noch feminin“, meldet Gloger verdutzt. Auf einer der unzähligen Palin-Veranstaltungen, bei denen „Sarah“ von Zehntausenden begeistert gefeiert wird, entdeckt die deutsche Journalistin einen Anstecker: „Palin: Hier wird gerade Geschichte gemacht.“ Es ist die Geschichte eines Rollbacks der amerikanischen Jugend, eine Gegenrevolution pro Markt, pro Familie, pro Glauben, pro Patriotismus, pro Werte, eine fundamentale Entwicklung, die von der amerikanischen Journalistin Kay S. Hymowitz detailliert für Amerika herausgearbeitet wurde [siehe Artikel ab Seite 22 dieser Ausgabe]. Oft ist Amerika deutschen kulturellen Entwicklungen ein paar Jahre voraus. Könnte also, was in den USA bereits zur Welle geworden ist, auch in Deutschland heranwachsen? Oder wächst es bereits – und wir haben es bislang nur übersehen?

Der als Lenin-Fan berüchtigte linke Feuilleton-Chef der „Zeit“, Jens Jessen, ist entsetzt: Sein Alarmartikel „Jugend ohne Charakter“ wurde kürzlich zur Titelgeschichte geadelt. Jessen ist angewidert „über das jugendliche Alter der Börsenspekulanten“ und „angehende Künstler, die keinen Charakter, sondern nur Erfolg auf dem Markt suchen“. Wo, so fragt er, sind all die „Hausbesetzer, Atomkraftgegner und Umweltschützer“ geblieben? Er wirft der Jugend ihr politisches Desinteresse, ja ihre zutiefst unpolitische Haltung vor, die heute „gerade nicht das große Ganze, sondern das Eigene bedroht sieht“. Jessen hat sich auch in der Jugendkultur umgesehen, im „Ensemble von Moden, Büchern, Musik und Filmen, die von Jüngeren für Jüngere gemacht werden.“ Und was hat er gefunden? „Dort ist nicht mehr von Aufbruch und Aufruhr die Rede, es geht ein großes sanftes Klagen durch die jüngere Literatur, ein Auswalzen von Familie und Familiengeschichten.“

Was Jesse eher intuitiv wahrnimmt, wird durch jüngste Zahlen bestätigt. „Deutsche Ehen halten wieder länger“, meldete die „Welt“ am 28. August. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland zwei Prozent weniger Ehen geschieden als im Vorjahr. „Der seit einigen Jahren rückläufige Trend bei Scheidungen“, so die „Welt“ nach einer neuen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, „setzte sich auch 2007 fort“. Eine zweite aktuelle Meldung betrifft eine Studie der Stiftung für Zukunftsfragen. Demnach wird der Wunsch nach Ehe und Familie in der jungen Generation wieder stärker. Für 67 Prozent der Deutschen bis 34 Jahre steht die Familiengründung im Zentrum des Lebens. Vor fünf und vor neun Jahren betrug dieser Anteil 56 beziehungsweise 52 Prozent. Die „Junge Freiheit“ interpretiert die neuen Daten so: „Die Mehrheit der jungen Leute entdeckt den Wert von Verlässlichkeit wieder. Sie erkennen, dass die Sorge um die Familie und die eigenen Kinder auf Dauer mehr persönliche Lebenserfüllung gewährt, als wenn man immer nur an sich selbst denkt“. Nach Angaben des wissenschaftlichen Leiters der Stiftung, Horst W. Opaschowski, gewinnen immaterielle Werte immer mehr an Bedeutung: „Wertebotschaften statt Werbebotschaften“ heiße die Forderung der Verbraucher, die sich auch als eine Generation von Sinnsuchern verstehe. Der Studie zufolge ist der Anteil der Hedonisten, die den Sinn des Lebens vor allem im Genuss sehen, „erdrutschartig“ zurückgegangen: von 33 Prozent im Jahre 1992 über 27 Prozent im Jahre 2000 auf 10 Prozent im vergangenen Jahr. „Lust ohne Leistung findet immer weniger Anhänger“, so die Studie, die auch feststellt, dass die heutige Jugend hoffnungsvoll in die eigene Zukunft schaut. Stiftungsleiter Opaschowski: „Die Familien und die junge Generation sind die großen Hoffnungsträger. Sie schauen mutig nach vorne.“

RTL erntete im letzten Jahr Rekordeinschaltquoten mit der familienglorifizierenden Serie „Bauer sucht Frau“. Es folgte „Gräfin gesucht – Adel auf Brautschau“. Und im Mai wurde sogar Linda de Mols kitschiger Fernsehklassiker „Traumhochzeit“ reanimiert.

Auch in Deutschland wandeln sich TV-Kultur und statistische Daten – ein Trend der Jugend hin zu traditionellen Werten ist kaum zu leugnen. Die kulturelle Gegenrevolution, von Vordenkern wie Christa Meves, Roland Baader oder Günter Rohrmoser immer wieder gefordert, hat längst still und heimlich begonnen. Anders als ihr Gegenpart und Vorgänger wird diese Entwicklung von den Medien kaum beachtet. Waren Journalisten wie Gloger, Jesse und Co. bei der Kulturrevolution der Achtundsechziger selbst Hauptakteure in der ersten Reihe, so geben sich die nach wie vor linken Redaktionsstuben heute meist blind und taub ob der neuen Trends. Verständlich, hatte doch eine Repräsentativbefragung von 1.536 Journalisten im Jahr 2005 ergeben, dass die Parteineigung der schreibenden Zunft nur sehr vage mit der in der Bevölkerung übereinstimmt: Grüne 35,5 Prozent, SPD 26,0 Prozent, CDU/CSU 8,7 Prozent, FDP 6,3 Prozent, Andere 4,0 Prozent, keine Partei 19,6 Prozent.

Umgekehrt legen die bürgerlichen Parteien Union und FDP bei Umfragen unter Jugendlichen mit jedem der vergangenen Jahrzehnte deutlich zu, während die linken Parteien – in den 70er Jahren noch Synonym für Jugend und Zukunft – heute bereits eher unterrepräsentiert sind.

Die Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse AWA 2008 sieht die „junge Generation als Vorhut gesellschaftlicher Veränderungen“. Während das Interesse an klassischer Musik bei der Gesamtbevölkerung rückläufig ist, steigt es bei den Unter-30-jährigen erstmals seit neun Jahren wieder an. Bei der Frage „Was im Leben wichtig ist“ ermittelte Allensbach für 2009 im Vergleich zum Wert vor zehn Jahren bei den Unter-30-jährigen eine deutliche Zunahme bei den Antworten „Erfolg im Beruf“ (Anstieg von 63 auf 68 Prozent), „gepflegtes Aussehen“ (Anstieg von 51 auf 62 Prozent) und „Kinder zu haben“ (Anstieg von 39 auf 46 Prozent). Die beliebte Antwort der Vorgängerjugend „soziale Gerechtigkeit“ sank dagegen von 60 auf 53 Prozent. Und auch „politisch aktiv sein“ sank noch einmal von 9 auf 6 Prozent.

Trotz oder gerade wegen aller Gleichheitsgenderpropaganda von Politik und Medien – Jungs und Mädchen unterscheiden sich auch wieder deutlicher in ihrem Rollenverständnis: Mädchen interessieren sich heute wieder stärker für Mode (1998 noch 46 Prozent der Unter-30-jährigen Frauen, 2008 nun 52 Prozent) und Kosmetik (1998 noch 43 Prozent der Unter-30-jährigen Frauen, 2008 nun 50 Prozent). Und junge Männer interessieren sich nun noch stärker für Computer (Anstieg von 38 auf 62 Prozent).

Tatsächlich haben auch hierzulande die Soccer-Mums (Hymowitz) oder Hockey-Mums (Palin), die Hubschrauber-Mütter also, die sich wie kaum je zuvor um die eigenen Kinder kümmern, die von den Achtundsechziger-Babyboomern praktizierte Methode der Verwahrlosung ihrer Schlüssel- und Scheidungskinder längst abgelöst. Jeder Kindergarten- oder Grundschulbesuch in einer deutschen Klein- oder Mittelstadt bestätigt diesen Befund.

Es sind diese Gegenden, wo Traditions-, Heimat- und Schützenvereine bereits ab Ende der 90er Jahre einen vermehrten Zulauf der Jugend zu ihren Veranstaltungen meldeten. Dieser neudeutsche und lebensfrohe Patriotismus hat 2006 bei der Fußball-WM auch die jungen Leute in den Großstädten erreicht. Und erstmals blieben ob der schwarz-rot-goldenen Farbenpracht die Marterwerkzeuge, die sonst von den Medien gegen alles geschwungen werden, was ihrem linken Weltbild zuwiderläuft, der PC-Hammer und die Faschismus-Keule, seltsam stumpf. Man hatte es in den letzten Jahren schlicht übertrieben und jeden und alles noch so Fernliegende unter „Faschoverdacht“ gestellt, nur das Nächstliegende, den eigenen kollektivistisch-sozialistischen Fanatismus, nicht.

Auch im guten Benehmen zeichnet sich eine Rückkehr zu traditionellem Anstand ab. Kein geringerer als Manieren-Koryphäe Prinz Asfa-Wossen Asserate, selbst vom Alter her ein Achtundsechziger, stellte im eigentümlich frei-Interview [ef 85] jüngst das Zeugnis aus: „Die heutige junge Generation ist wesentlich manierlicher als meine Generation.“

Und wer ist – noch vor Sarah Palin – der Megasuperstar unserer Tage? Ausgerechnet der Papst. Kaum eine deutsche Zeitung versäumte es, verwundert zu erwähnen, dass Papst Benedikt XVI. in Sydney beim Weltjugendtag „wie ein Popstar“ und „wie nie zuvor“ gefeiert wurde. Und das wohlgemerkt als der Papst, der sich selbst die kulturelle Gegenrevolution wie kaum ein anderer auf die plötzlich wieder traditionsbewussten katholischen Fahnen geschrieben hat.

Die letzte Kulturrevolution ist lange her. Ihre Protagonisten nennen sich heute gerne „Best Agers“. ef-Autorin Ellen Kositza formulierte es in der Zeitschrift „Sezession“ treffender: „Generation Nichtsnutz“. In einem Artikel unter diesem Titel beschrieb sie „die moralische Verkommenheit“ derer, die wie kaum eine Generation zuvor sich die Taschen mit dem Verzehr der Substanz aus der Vergangenheit und mittels totaler Verschuldung auch noch auf Kosten der Zukunft füllte. Jetzt, mit dem Beginn der Gegenrevolte, ist ihre Zeit, die länger währte als üblich, abgelaufen. Kositza zitiert böse – einmal den Schriftsteller David Wagner: „Sie wollen jetzt lieber in Ruhe ihr beschissen kaviarlinkes Milieu pflegen, sich früh pensionieren lassen und Golf spielen“, als Großeltern zu sein, wo sie als Eltern schon versagt haben. „Mir“, so Wagner, „persönlich sind meine Großeltern – die waren nie von einem so selbst- überzeugten, mir ekelerregenden Gutsein durchdrungen – auf verführerische Weise sympathischer als meine Eltern.“ Und dann zitiert Kositza als mögliches Ende der Achtundsechziger den Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch: „Denkbar ist, dass der Appell zum süßen und ehrenvollen Sterben einmal anstatt militärisch an die Jungen gerontologisch an die Alten gerichtet – und sofern genügend sozialer und moralischer Druck vorhanden ist – ähnlich konformistisch befolgt werden könnte wie 1914.“

Jede lineare Fortschreibung von Geschichte ist bisher – glücklicherweise – gescheitert. Insofern kann man auch dem jüngsten Versuch von Thomas Fink heute bereits widersprechen. Der Autor Fink hatte in eigentümlich frei [ef 85] eine pessimistische Chronologie der Zeit beschrieben, welche den kulturellen und wirtschaftlichen Niedergang nach Achtundsechzig fortschreibt. Für die nächsten Jahre sagte Fink voraus: „Viktorianische Zeiten ohne Wohlstand oder den Glauben an Fortschritt. Politisch korrekt, totalitär, selbstmörderisch und erfüllt von der spirituellen Angst derjenigen, die einen Gott brauchen, aber nicht glauben können. Maschinenstürmer mit dem Wunsch zu bestrafen und zu reduzieren. Was bleibt sind kollektivistische, stalinistische Choräle, die das Leben auf der Erde feiern, während die Menschen Sterbehilfe bekommen.“

Fink hat wie viele vor ihm die Rechnung ohne die Jugend gemacht. Die Geschichte verläuft nicht linear. Nach den politbesoffenen, Werte, Kultur und Wirtschaft zerstörenden, kollektivistischen Dreiunddreißigern bauten die jungen Erwachsenen in den 50er Jahren – die „unpolitische Generation“ – das Land in einer aussichtslos scheinenden Situation mit Fleiß und Kraft, viel Selbstbewusstsein und gestützt auf Markt, Familie und Gottvertrauen wieder auf. Ein in Deutschland nie zuvor gekannter breiter Wohlstand war die Folge. Dann kamen die – wie wir nicht erst seit Götz Aly und Josef Schüßlburner wissen – Widergänger der Dreiunddreißiger, die als Achtundsechziger erneut begannen, Werte zu zerstören und den allmächtigen Staat Stück für Stück an die Stelle traditioneller Sozialverbände und Sinnstifter zu setzen.

Und nun, etwa seit der Jahrtausendwende, ändert sich, zunächst weitgehend unbemerkt, wieder der Zeitgeist hin zu einer Antithese zum Achtundsechziger-Mief. Die heute Unter-30-jährigen haben viel mit jungen Menschen in den 50er Jahren gemein. Sie sind zutiefst politikskeptisch, ja antipolitisch und marktfreundlich. Und sie sind geschlechts-, familien-, heimat-, glaubens- und wertebewusst. Sozialismus, Feminismus und Ökologismus werden verlacht oder befinden sich zumindest plötzlich in der Defensive. Der neue Geist der Jugend ist am treffendsten mit den Vokabeln libertär und konservativ beschrieben. Konservativ allerdings in einem für Deutschland neuen, staats- und politikfernen, privatisierenden, beinahe jenseitigen Sinne. Und auch libertär in einem erneuerten, nämlich nicht utopischen oder theoretisierenden Wesen, sondern freiheitlich eher diesseitig, intuitiv, persönlich und praktisch.

Vieles spricht dafür, dass die neue kulturelle Revolution der Jugend wie ihr Vorgänger ein Phänomen in der gesamten westlichen Welt ist. Diesmal findet sie nicht in den besonders progressiven Universitätshochburgen Berkeley, Paris, Frankfurt oder Berlin ihren Ursprung, sondern sie entspringt dort, wo ein kulturkonservativer Kern 40 Jahre lang überwintert hat, in den zutiefst bürgerlichen Milieus der Klein- und Mittelstädte, im „Überflug-Amerika“ und im „Vorgarten-Deutschland“. Und nun schwappt die von dort ausgehende Welle auf die Jugend und den Zeitgeist über. Plötzlich streben immer mehr junge Erwachsene nach Familie, Kindern und wirtschaftlichem Erfolg, sind aufgeschlossen für Marktwirtschaft und kritisch gegenüber der politischen Verführung. Sie wollen wieder schaffen! Was für ein Unterschied zu den nichtsnutzigen, antikapitalistischen, dauerpolitisierenden Wertezerstörern der letzten Kulturrevolution!

Aufgrund der Orientierung an ihrer eigenen Leistungskraft und Eigeninitiative sowie ihrer Abneigung gegen politischen Kollektivismus ist auch mit gutem Grund zu erwarten, dass die neuen Reaktionäre gnädiger mit den Achtundsechzigern umgehen, als diese, die stets gnadenlos zu ihren geistesverwandten Vorläufern waren, es eigentlich verdient haben. Möge ihnen deshalb die Lösung Fink & Schivelbusch erspart bleiben, weil die Jugend anders, nämlich besser ist.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 86.

Internet

Institut für Demoskopie Allensbach: AWA 2008. Die junge Generation als Vorhut gesellschaftlicher Veränderungen: www.awa-online.de/praesentationen/awa08_Junge_Generation.pdf


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