16. September 2008

Sarah Palin Der Anfang vom Ende der „68er“

Die kulturelle Hegemonie der Linken und der Neokonservativen bröckelt

Bevor wir alle im lang aufgestauten Finanztsunami versinken, hier ein paar Gedanken zu einer kleinen Gegebenheit aus der letzten Woche, die mit der aktuellen Krise nicht im Zusammenhang steht, die aber ein Meilenstein in einer langfristigen Entwicklung zu sein scheint.

In der gesamten westlichen Mainstreampresse ist das Entsetzen groß. Von schein-rechts bis echt-links jammert, faucht und greint es, dass man fast Mitgefühl bekommen könnte. Angesichts des raketenhaften Aufstiegs, den die erzkonservative republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin seit ihrer Nominierung in der Gunst der amerikanischen Bevölkerung erfährt, rennen verängstigte Alt- und Neulinke wie ein Hühnerhaufen umher und fangen sogar an, in ihrer Not ihre Ikonen anzubeten – Bilder jener Frauen, die ihre Vorbilder sind und waren. Ein Artikel von Anjana Shrivastava in „Spiegel Online“ bringt das Gefühl der Progressiven auf den Punkt: „Sarah Palin droht das amerikanische Frauenbild ins Archaische zu verschieben. Und womöglich kommt sie mit ihrer Mischung aus Jagd, Mutterschaft und Gebet weiter als alle anderen Frauen im Weißen Haus vor ihr.“

Shrivastavas Artikel ist überhaupt eine Offenbarung. Besser gesagt: Ein Offenbarungseid. Für die deutsch-englische Harvard-Absolventin hat Palin einfach nicht die richtige Bildung genossen. Frauen in der Politik sollen sich gefälligst an den „intelligenten, progressiven Frauen der amerikanischen Ostküsten-Oberschicht“ orientieren. Der neue Adel rümpft die Nase: Palin spreche Englisch, als ob es für sie eine Fremdsprache wäre, echauffiert sich Judith Warner in der „New York Times“. Michelle Obama und selbst Cindy McCain seien da weitaus besser, findet Shrivastava, denn sie sind „elegante, gebildete Frauen, die sich für ihre Männer einsetzen - und für das Land karitativ, in dem sie für die 'gute Sache' sammeln, reden, werben.“ Man darf verstehen: Wenn eine Frau die richtige elitär-progressive Einstellung an den Tag legt, dann darf sie sogar „ihrem Mann dienen“, selbst wenn er ein Kriegstreiber ist wie John McCain. Wichtiger als die ausgeübte Politik ist die Bildung und das elegante Äußere. Überhaupt Eleganz: Die muss schon sein. Denn wenn eine Frau gut aussieht, ist das natürlich gleich verdächtig. Es sei denn, sie hat „wie First Lady Jackie Bouvier Kennedy (1961-1963), die vom französischen Adel stammte“ eine „Körperlichkeit von eleganter, damenhafter Art.“ Es muss nicht weiter betont werden, dass ein Mann, der einen solchen Artikel geschrieben hätte, an Sexismus-Vorwürfen erstickt wäre.

Dabei ist es aus Sicht der Gesellschaftsklempner gar nicht mal das schlimmste, dass Palin eine politisch völlig missratene Tochter des angeblich aufklärerischen Projekts der „68er“-Generation ist. Nein, viel schlimmer und wirklich bedrohlich für sie ist, dass die üblichen und oft verwendeten Folterwerkzeuge der Intellektuellen, nämlich Falschinformation, Diffamierung, Hohn und Rufmord, am ausgemachten Ziel einfach abprallen. Palin ist, nach Ronald Reagan, der neue „Teflon-Kandidat“. Alles, was ihr bisher vorgeworfen wurde, stellt sich entweder als falsch heraus, oder wurde ihr von großen Teilen der Wahlbevölkerung als Vorteil ausgelegt: Sie ist eben wirklich – noch – nicht Teil des elitären Establishments, sie glaubt offenbar tatsächlich an Gott, sie ist auch im eigenen Leben strikt gegen Abtreibung und so weiter. Anders aber als bei Reagan enden manche Angriffe auf Palin sogar als Rohrkrepierer. So sehen wir in diesen Tagen, dass die vom „68er“-Geist geprägten ewigen Besserwisser und -menschen eine ganz neue Erfahrung machen müssen: Aus Jägern werden Gejagte.

Es ist schwer vorstellbar, dass Barack Obama wirklich nur „Wein in alten Schläuchen“ meinte, als er „Lippenstift auf einem Schwein“ sagte. Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten ist ein Meister der Rhetorik, er kennt die Wirkung von Worten genau. Aber selbst wenn er das Sprichwort ohne Hintergedanken verwendet haben sollte, so bekommt er nun, mit dem Vorwurf „Sexismus“, genau das zu spüren, was vor ihm unzählige Menschen erlitten haben, die in den vergangenen Jahrzehnten von seinen Gesinnungsfreunden beiderlei Geschlechts absichtsvoll als Rassisten, Faschisten oder Sexisten missverstanden wurden, nur weil ihre Opfer eine Meinung vertraten, die dem progressiven „Projekt“ widersprach. So manch eine Kandidatur und berufliche Karriere, so manch ein Leben wurde auf diese Weise vernichtet. Viele Beobachter beschweren sich, dass in Zeiten schwerster Finanzkrise und instabiler außenpolitischer Lage die Vertreter beider Parteien über solche Trivialitäten streiten. Die Kritik ist einerseits berechtigt, andererseits kann man sich schon freuen, wenn Politiker zu beschäftigt sind, um sich um die Dinge zu kümmern, von denen unser Wohlergehen abhängt. Doch auf einer anderen Ebene, auf die der langfristigen ideologischen und kulturellen Hegemonie, ist dieser kleine Vorfall durchaus bedeutsam.

Sind die „68er“ also am Ende? Noch nicht. Zum einen sind ihre mutierten Brüder und Schwestern im Geiste – die ehemals offen und jetzt versteckt trotzkistischen „Neokonservativen“ – weiterhin sehr stark und einflussreich – und sie strecken ihre Tentakel schon nach Palin aus, um sie zu vereinnahmen. Zum anderen sind sie, mehr noch als die Neokonservativen, in den Medien, Schulen und Universitäten nach wie vor sehr präsent und weiterhin dabei, Gehirne leerzuwaschen. Erkennbar ist das an den Massen, die sich von den leeren Worthülsen Obamas hypnotisieren lassen. Dennoch: Ein Wendepunkt ist erreicht.

Es hat Vorboten gegeben. Schon seit einiger Zeit sind die Waffen der gesellschaftlich arrivierten Revoluzzer – sowohl der linken wie der neokonservativen – nicht mehr ganz so wirksam wie ehedem. Vor einem Jahr beispielsweise konnte die frühere Tagesschausprecherin Eva Herman dank des Internets vor dem gesellschaftlichen Tod gerettet werden, nachdem sie ein paar ungeschriebene Tabus der „68er“ verletzt hatte. Hätte Herman zur Wahl gestanden und eine große politische Hausmacht hinter sich gehabt, sie wäre damals die Sarah Palin Deutschlands geworden. In den 18 Monaten vor der Nominierung Palins hat der erzkonservativ-libertäre Minimalstaatler Ron Paul die republikanische Partei mit seiner Präsidentschaftskandidatur und seiner radikalen Friedens- und Freiheitsbotschaft kräftig aufgemischt. McCain soll getobt haben, als Paul kürzlich dazu aufrief, eine von vier kleinen Parteien statt eine der beiden großen zu wählen. Die stärkste Unterstützung erfuhr und erfährt der Republikaner aus Texas weiterhin aus der jungen Generation. Es gibt hier offenbar eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, die gegen die etatistischen Sirenenrufe von links und rechts immun sind. Auch sie, nicht nur die Frauen, soll Palin ins McCain-Lager locken. Obwohl letzteres ein fast ausgeschlossen Unterfangen ist, zeigt die Kandidatur der Gourverneurin Alaskas, dass die kulturelle Hegemonie der Linken und der neokonservativen Trotzkisten am bröckeln ist.

Und was kommt danach als Leitidee? Das ist noch völlig unklar. Ganz sicher aber nicht das, was Palins entsetzte Gegner befürchten: Ungebändigter christlicher Endzeit-Fundamentalismus. Denn höchstwahrscheinlich werden uns einige durchaus positive Errungenschaften der „68er“ erhalten bleiben. Beispielsweise ein Sinn für die Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet der Religion, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung und der Rasse; ein Trend, der sich in einer freien Marktwirtschaft über kurz oder lang auch ohne staatlichen Antidiskriminierungszwang durchgesetzt hätte. Oder auch ihre Musik, die sogar in der derzeitigen „Ron Paul Revolution“ eine Rolle spielt. Das ist nichts ungewöhnliches. Selbst der Nationalsozialismus hat uns durch staatliche Förderung die Autobahn, das Vollkornbrot, die Weltraumrakete und die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs früher zugänglich gemacht, als der freie Markt es getan hätte.

In den nächsten Jahrzehnten könnte es daher eine gemäßigte Rückbesinnung auf Traditionen und konservative Werte geben, ohne dass Frauen aus dem Berufsleben gedrängt werden und Minderheiten in Ghettos verschwinden bezeihungsweise bleiben. Sogar die derzeitige Finanzkrise kann zu diesem Trend beitragen, da sie im großen Maßstab Illusionen zerplatzen lässt und, indem sie Bescheidenheit lehrt, Menschen auf das Normalmaß zurückstutzt.

Internet:

Anjana Shrivastava: „Ur-Weib mit Jagdgewehr“

Soeren Kern: „Forces of Darkness: What Europeans are Saying about Sarah Palin“



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