14. September 2008

Erstes Bundestreffen der Libertären Plattform in der FDP Die zweite Generation landet in der Realität

Warum die liberale Parteizentrale marktradikale Unruhe erwarten darf

Der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler hatte im Gespräch mit eigentümlich frei jüngst zwei unerhörte Punkte vorgegeben: Schule entstaatlichen. Geld entstaatlichen. Oder anders gesagt: Schafft den Schulzwang ab und hebt das staatliche Währungsmonopol auf. Diese zwei für die deutsche Politik bislang exotischen Themen waren auch der Gegenstand unzähliger kleinerer und größerer Pausengespräche am Rande des ersten Bundestreffens der Libertären Plattform in der FDP an diesem Wochenende in Bonn.

Im altehrwürdigen Festsaal der Burschenschaft Germania zu Bonn tagten 60 fast ausschließlich junge Männer, teilweise Schüler und meist Studenten – um die bundesdeutsche Politik um eine neue Formation zu bereichern. Quasi als ideologischer Gegenpart der Kommunistischen Plattform der Linken bildet die Libertäre Plattform der FDP nun den radikalkapitalistischen Flügel am Rande des Parteiensystems. Dabei legen die Akteure Wert darauf, dass auch Parteilose mitmachen dürfen. Eine kurze Umfrage zu Beginn des Treffens ergab, dass etwa die Hälfte der Anwesenden FDP-Mitglieder sind, die andere Hälfte parteilos – wie mit ein paar CDU-Mitgliedern weiter umgegangen wird, muss zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden werden. Überhaupt war es nicht Ziel des Treffens, Strukturen zu schaffen oder festzuzurren. Man will sich zunächst sammeln, kennenlernen und erst einmal das neue libertäre Netzwerk ausweiten, um später möglicherweise einen Vereinsstatus anzunehmen.

Bei aller Exzentrik der beiden Schwerpunkte des Bundestagsabgeordneten, man darf sich diese Libertären nicht als eine homogene Gemeinschaft Gleichdenkender vorstellen. Vielmehr versteht man sich hier eher als individualistischer Freigeist – und vom Kulturkonservativen bis zum Linkslibertären, vom klassischen Liberalen bis zum Anarcho-Kapitalisten ist alles vertreten. Auch verschiedene bestehende Vereinigungen sind qua sich bekennender Mitglieder anwesend, etwa die Hayek-Gesellschaft oder das Institut für unternehmerische Freiheit. Nun ist es zwar das erste Bundestreffen der Libertären Plattform – und viele der Teilnehmer, die sich zuvor nur aus Newslettern und Internetforen kannten, treffen erstmals persönlich aufeinander, aber es ist nicht das erste libertäre Stelldichein in Deutschland. Es scheint sich nach einigen Libertären Foren Ende der 90er Jahre – unvergessen auch das Treffen zu Barßel als „Gründung der Bewegung 1999“ – hier eine neue Generation der Libertären zusammengefunden haben. Und vieles ist tatsächlich anders geworden.

Vor zehn Jahren waren libertäre Treffen geprägt von stundenlangen, entrückten Theroriedebatten etwa im Streit zwischen „Objektivisten“ und „Subjektivisten“ oder um die Frage, welche Währung sich denn nun genau am Markt durchsetzen werde. Auch um Sesam- und Mohnbrötchen wurde in geradezu legendären Redeschlachten gerungen. Keiner schien die Absicht zu haben, da draußen die zunehmend etatistische Welt, die man für genauso verrückt hielt wie diese die hier geführten Diskussionen, überhaupt verändern zu wollen. Wichtiger war der Spaß am Erkenntnisgewinn, am oft sehr humorvollen Streit um ein X oder ein U – und vor allem die Selbstironie. Das schönste an diesen Treffen war für manchen explizit, auf Leute zu treffen, „die genauso verrückt sind wie man selbst“.

Nach dieser „guten alten Zeit“ folgten Fraktionierungen und persönliche Streitereien in der virtuellen Welt, die weit weniger schön waren. Manches Projekt löste sich aus einem allzu eng definierten „libertären Rahmen“. Und nun dieses ganz andere Treffen von einer ganz neuen Generation Libertärer, bei dem so vieles anders ist.

Hier wird der kleinste gemeinsame Nenner – man will die Staatsaus- und Staatsaufgaben radikal kürzen – schlicht vorausgesetzt und man sucht nach Wegen, wie Etappenziele umgesetzt werden könnten.

Bildung und Währung – „Freie Bildung“ lautete der Titel des ersten Referates am Samstag von Stefan Sedlaczek. Er gab Einblick in die Praxis von Homeschoolern und alternativen Schulgründern und er antwortete gezielt auf viele aufgeworfene Fragen zum auch hier neuen Thema. Die Währungsproblematik war immer wieder auch ein Teil aller drei anderen Hauptreferate an diesem Wochenende. Frank Schäffler forderte „mehr Mut in der Politik“ – und untermauerte seine Position für viele Anwende als „unser Mann im Bundestag“. Der Autor und Jurist Carlos A. Gebauer stellte am heutigen Sonntag gewohnt eloquent und humorvoll  „Gerechtigkeitskonzepte zwischen Nächstenliebe und Totalitarismus“ vor, wobei er eigens eine „soziale Schere“ mitgebracht hatte, von deren Auseinanderdriften immer so gerne berichtet wird. Er erklärte anschaulich, dass die Schneiden nur deshalb auseinanderdriften, weil auf der anderen Seite jemand die Hebel bewegt. Schließlich sprach Ingo Stolle als Bundesvorstand Liberaler Mittelstand – ebenfalls in einer mitreißenden Rede – kritisch über „Marktwirtschaft und FDP“, wobei er eindrucksvoll und detailliert viele kleine Schikanen vorstellte, mit denen Unternehmer in Deutschland heute traktiert werden.

Bei diesem ersten Kennenlernen hatten ganz offenbar ausgewiesene Praktiker viel jenen zu erzählen, die sich nun bestens motiviert an der stückweisen Umsetzung in und außerhalb der FDP versuchen wollen – vorerst ohne feste Struktur, aber mit viel Enthusiasmus.

Am Ende wurde ohne Gegenstimme eine Bonner Erklärung verabschiedet, die demnächst (zur Information auch auf ef-online) veröffentlicht werden soll. Ein einziger kleiner Disput kurz vor Abschluss der Veranstaltung sollte dann doch an vergangene libertäre Zeiten erinnern: Soll man sich, so ein Einwurf, die Aufhebung des staatlichen Verbots von Inzest auf die Fahnen schreiben? Da geisterte plötzlich wieder mit ein wenig Selbstironie der „libertäre Spinner“ durch die eigenen Reihen. Doch da, wo vor zehn Jahren die Diskussion gerade erst begonnen hätte, schloss man die Frage mit einem „das lassen wir jetzt mal“ gleich wieder nachhaltig ab: „Da ist anderes erst mal wichtiger!“

Internet

Libertäre Plattform in der FDP

Ein Blick zurück: „Die Gründung der Bewegung 1999 zu Barßel“ (hier Seite 217, 218 bzw. Seite 36, 37)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige